{"id":10161,"date":"2017-07-07T00:00:00","date_gmt":"2017-07-07T00:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=10161"},"modified":"2017-07-07T00:00:00","modified_gmt":"2017-07-07T00:00:00","slug":"faschismus-keule","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=10161","title":{"rendered":"Faschismus-Keule"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie gilt vielen als primitive Schlagwaffe und wird nicht selten mit dem Etikett eines \u201eTotschlagarguments\u201c versehen. Dennoch kommt sie in politischen Wortgefechten gerne zum Einsatz. Trifft sie dabei den falschen Adressaten, kann sie denjenigen in Ungnade fallen lassen, der sich ihrer bedient. Die Rede ist von der ber\u00fcchtigten \u201eNazi-Keule\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ihr zweifelhafter Ruf ist den Kritikern zufolge auf ihren unsachlichen und herabsetzenden Ton zur\u00fcckzuf\u00fchren, der die kommunikativen Maximen eines Gespr\u00e4chs verletze. Besonders in der politischen Auseinandersetzung sollen vorgebrachte Argumente dadurch widerlegt werden, dass man Ereignisse oder Personen in die N\u00e4he des Nationalsozialismus bringt oder sogar mit Adolf Hitler h\u00f6chstpers\u00f6nlich vergleicht. Letzteres bezeichnete der Philosoph Leo Strauss seinerzeit als \u201ereductio ad Hitlerum\u201c. Doch die ganz gro\u00dfe Gefahr derartiger Vergleiche liege nach wie vor in einer vermeintlichen Relativierung der NS-Verbrechen \u2013 insbesondere des Holocausts. Gerade Politiker k\u00f6nnen durch den unbedachten Einsatz der \u201eNazi-Keule\u201c schnell selbst zur Zielscheibe medialer Berichterstattung werden. Um den anschlie\u00dfenden Medienzirkus unbeschadet zu \u00fcberstehen, sollten die Betroffenen ziemlich abgebr\u00fcht sein und fest im Sattel sitzen. Vor allem die Analogie mit Adolf Hitler gilt als hei\u00dfes Eisen, an dem sich schon so mancher die Finger verbrennen musste. Zu sp\u00fcren bekam dies erst k\u00fcrzlich Sean Spicer, als er w\u00e4hrend einer Pressekonferenz den syrischen Pr\u00e4sidenten Baschar al-Assad wegen des von ihm befohlenen Giftgasangriffs auf die Stadt Chan Schaichun mit folgenden Worten \u201ediffamierte\u201c: <i>\u201eNicht einmal jemand so verabscheuungsw\u00fcrdiges wie Hitler war so weit gesunken, chemische Waffen einzusetzen\u201c<\/i>. Die darauffolgende Emp\u00f6rungswelle setzte den Pressesprecher des Wei\u00dfen Hauses derma\u00dfen unter Druck, dass er nolens volens damit begann, seine Aussage bis ins Groteske zu relativieren. Ganz offensichtlich fehlte ihm das n\u00f6tige ideologische Augenma\u00df, um zu erkennen, dass er mit seinem Statement einen Schutzpatron der laizistischen Ordnung im Nahen Osten auf den Schlips trat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwar bekamen in der Vergangenheit zahlreiche Politiker und Staatschefs die \u201eNazi-Keule\u201c entgegenschleudert, doch nirgendwo sorgen derartige Vergleiche f\u00fcr so viel Fassungslosigkeit wie in Deutschland. Beispielhaft daf\u00fcr waren die Reaktionen mehrerer deutscher Politiker angesichts der Vorw\u00fcrfe des t\u00fcrkischen Pr\u00e4sidenten Recep Tayyip Erdogans, nachdem er mehrmals der Bundesregierung Nazi-Methoden vorwarf. So sprach Unionsfraktionschef Volker Kauder von einem <i>\u201eunglaublichen und nicht akzeptablen Vorgang\u201c<\/i>, der in aller <i>\u201eForm und Sch\u00e4rfe\u201c<\/i> zur\u00fcckgewiesen werden m\u00fcsse. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz kritisierte vor allem Erdogans \u201eGiftpfeile\u201c gegen Angela Merkel, schlie\u00dflich sei es eine <i>\u201eFrechheit\u201c<\/i>, als<i> \u201eStaatsoberhaupt eines befreundeten Landes die Regierungschefin dieses Landes in dieser Form\u201c <\/i>zu beleidigen. Die Linken-Politikerin Dagdelen dagegen schwafelte in gewohnter Antifa-Rhetorik von einer<i> \u201eungeheure[n] Verharmlosung des deutschen Faschismus\u201c<\/i>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die vorgegebene Sorge scheint bei genauerer Betrachtung jedoch \u00e4u\u00dferst selektiv und widerspr\u00fcchlich zu sein. W\u00e4hrend die Hitler-Analogie mit Baschar al-Assad Trumps Pressesprecher beinahe das Amt kostete, konnte die westliche Welt Saddam Hussein mehrmals als \u201eneuen Hitler\u201c bezeichnen, ohne dass jemand wirklich Ansto\u00df daran nahm. Diese Selektivit\u00e4t l\u00e4sst sich aktuell sehr deutlich an einer weiteren \u201eKeule\u201c beobachten, die in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden und mit Leidenschaft gegen den Islam und seine Anh\u00e4nger geschwungen wird \u2013 die \u201eFaschismus-Keule\u201c. Federf\u00fchrend dabei ist der Bestseller-Autor Hamed Abdel-Samad, der sich gleich dazu berufen sah, zu diesem Thema eine \u201eAnalyse\u201c zu verfassen. In seinem Buch \u201eDer islamische Faschismus\u201c versucht der deutsch-\u00e4gyptische Politologe anhand einer h\u00f6chst fragw\u00fcrdigen Faschismusdefinition nicht nur nachzuweisen, dass der \u201eIslamismus\u201c zeitgleich entstanden sei wie die faschistischen Bewegungen in Europa. Vielmehr sei faschistoides Gedankengut <i>\u201ebereits im Ur-Islam angelegt\u201c<\/i>. Das erstaunliche ist hierbei weniger der Vergleich selbst, als vielmehr der Versuch, ihm einen wissenschaftlichen Anstrich zu verleihen. So schustert sich Abdel-Samad im ersten Kapitel auf sage und schreibe einer Seite (!) eine Definition zusammen, ohne den Leser zun\u00e4chst methodisch in die Faschismusforschung einzuweihen, die verschiedenen theoretischen Ans\u00e4tze darzulegen und ihm auf dieser Grundlage die Problematik zu verdeutlichen, die einer allgemeing\u00fcltigen Definition dieses Ph\u00e4nomens bislang entgegensteht. Und dies ist im Falle des Faschismus zwingend erforderlich, da es sich historisch gesehen um einen politischen Kampfbegriff handelt, den in erster Linie und haupts\u00e4chlich die Marxisten forcierten. Noch im Jahre 1920 wusste n\u00e4mlich kaum jemand in Europa etwas mit diesem Begriff anzufangen. Dies sollte sich nur drei Jahre sp\u00e4ter schlagartig \u00e4ndern, als die Linke in ganz Deutschland den \u201eAntifaschistentag\u201c zelebrierte \u2013 nicht zuletzt um ein Zeichen gegen die siegreichen Schwarzhemden Mussolinis zu setzen. Die wissenschaftliche Schwierigkeit den Faschismusbegriff einzugrenzen und n\u00e4her zu bestimmen, skizzierte der bekannte Faschismustheoretiker Ernst Nolte in seinem Werk <i>\u201eDer Faschismus in seiner Epoche\u201c<\/i> wie folgt: <i>\u201eEr [der Faschismus] hat den Nachteil, da\u00df er zugleich Name und Begriff ist; er hat den Vorzug, da\u00df er keinen konkreten Gehalt aufweist und nicht wie das deutsche Wort Nationalsozialismus mit einem inhaltlichen Anspruch auftritt, der sich rechtfertigen l\u00e4sst\u201c<\/i>. Die Herausforderung f\u00fcr die Wissenschaft bestand folglich darin, einen prim\u00e4r politischen und polemischen Kampfbegriff in einen historischen zu \u00fcberf\u00fchren. F\u00fcr Nolte existierte hingegen <i>\u201ekaum eine Bezeichnung, die in den Jahrzehnten vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs h\u00e4ufiger angef\u00fchrt, leidenschaftlicher umk\u00e4mpft und mit gr\u00f6\u00dferen Folgen definiert worden ist als die des Faschismus\u201c<\/i>. Im Vergleich zu anderen politischen Str\u00f6mungen wie dem Liberalismus oder Kommunismus, \u00fcber deren Inhalt noch eine klare Vorstellung bestand, galt der Faschismus <i>\u201edem einen als reaktion\u00e4r, dem anderen als revolution\u00e4r; dem einen war er ein Sammelbegriff f\u00fcr alle Gegner der eigenen Partei, dem anderen ein winziger Ausschnitt aus einer alt\u00fcberlieferten Position\u201c<\/i>, so Nolte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neben der mehr als zweifelhaften Vorgehensweise Abdel-Samads, einen derart umstrittenen und analytisch unscharfen Begriff in einigen wenigen S\u00e4tzen zu beschreiben, birgt seine Definition selbst eine Vielzahl von Fragen. So seien f\u00fcr ihn die vermeintlichen Schnittpunkte zwischen Islam und Faschismus in erster Linie darin zu finden, dass beide den Anspruch erheben, <i>\u201eim Besitz der absoluten Wahrheit zu sein. Ganz oben in der Hierarchie steht der charismatische F\u00fchrer[\u2026]. Die faschistische Ideologie vergiftet ihre Anh\u00e4nger mit Ressentiments und Hass, teilt die Welt in Freund und Feind ein [\u2026]. Sie richtet sich gegen die Moderne, die Aufkl\u00e4rung, den Marxismus und die Juden und glorifiziert Militarismus und Opferbereitschaft bis in den Tod.\u201c<\/i> Mit dieser recht diffusen Beschreibung zeigt Abdel-Samad seiner Leserschaft lediglich auf, dass es ihm offensichtlich an einer analytischen und differenzierten Denkweise mangelt. Auch wenn die von ihm genannten Merkmale unter Historikern verbreitet und anerkannt sind, h\u00e4tte sich Abdel-Samad der wissenschaftlichen Sorgfalt halber zumindest die Frage stellen m\u00fcssen, ob es sich hierbei tats\u00e4chlich um Kernelemente des Faschismus handelt, bevor er diesen einfach auf eine andere Kulturgemeinschaft \u00fcbertr\u00e4gt. Gem\u00e4\u00df den Ausf\u00fchrungen Noltes in seinem Werk sei <i>\u201eweder der Antiparlamentarismus noch der Antisemitismus [\u2026] geeignet, das Kriterium des Begriffs Faschismus zu bilden. Ganz unpr\u00e4zis w\u00e4re nicht minder eine Kennzeichnung als Antikommunismus, offenkundig irrelevant aber w\u00e4re eine Definition,<b> die dieses fundamentale Merkmal <\/b>nicht gen\u00fcgend betont oder ganz fortlie\u00dfe\u201c<\/i>. In anderen Worten bedarf es f\u00fcr eine genauere Bestimmung des Faschismus mehr als auf die antisemitische oder antidemokratische Haltung hinzuweisen. Zwar waren diese Aspekte f\u00fcr die faschistischen bzw. rechten Bewegungen jener Zeit durchaus charakteristisch \u2013 wenn auch in unterschiedlicher Intensit\u00e4t. \u00dcbersehen wird jedoch, dass einerseits der Antisemitismus wie auch der Rassismus Anfang des 20. Jahrhunderts in nahezu s\u00e4mtlichen L\u00e4ndern Europas zu finden waren. Und dies widerspricht &#8211; entgegen der Behauptung einiger exzentrischer Wissenschaftler &#8211; auch keineswegs dem Geist der Aufkl\u00e4rung, wie an den stellenweise antisemitischen und rassistischen Texten Voltaires und Kants deutlich zu erkennen ist. Andererseits war die parlamentarische Demokratie in Folge des Ersten Weltkriegs europaweit in eine schwere Legitimationskrise gest\u00fcrzt, was in vielen Bev\u00f6lkerungsschichten die Sehnsucht nach einem starken Staat beg\u00fcnstigte. Gelinde gesagt, verf\u00fcgen kapitalistische Staaten damals wie auch heute \u00fcber systemimmanente Faktoren, die faschistische oder antidemokratische Tendenzen vor allem in Krisenzeiten bef\u00f6rdern k\u00f6nnen. Zu diesen Faktoren z\u00e4hlte in der Weimarer Zeit unter anderem die Bef\u00fcrchtung, dass sich die bolschewistische Revolution und mit ihr der Kommunismus auch auf Mittel- und Westeuropa ausbreiten k\u00f6nnte. Dies bewirkte in rechten Kreisen eine verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig \u00fcberspitze Reaktion auf die aus ihrer Sicht subversiven Bestrebungen marxistischer Gruppierungen. Dabei setzten die Faschisten ihren Fokus besonders auf den Schutz des Privateigentums \u2013 ein bekanntlich zentraler Gedanke der Aufkl\u00e4rung. Damit bestand auch keine ideologische Rivalit\u00e4t zu den demokratischen oder liberalen Bewegungen. Erkennbar ist dieser Umstand besonders am Spanischen B\u00fcrgerkrieg und der Rolle Gro\u00dfbritanniens und Frankreichs, die sich durch das \u201eNichteinmischungskomitee\u201c indirekt auf die Seite der von Hitler und Mussolini unterst\u00fctzten rechtsgerichteten Putschisten schlugen. So existierten in weiten Teilen des b\u00fcrgerlichen Lagers und insbesondere unter britischen Gesch\u00e4ftsleuten gro\u00dfe Sympathien zu den spanischen Putschisten, da sie unter anderem die Eigentumsverh\u00e4ltnisse unangetastet lie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ganz gleich jedoch wie man den Faschismusbegriff letztlich definiert, bleibt dieses Ph\u00e4nomen ein untrennbarer Teil der europ\u00e4ischen Kulturgeschichte, das kaum nachvollzogen werden kann, solange es nicht in die geistesgeschichtliche Entwicklung Europas eingebettet wird. Statt also krampfhaft nach irgendwelchen Gemeinsamkeiten zwischen Islam und Faschismus zu suchen, t\u00e4ten gerade hierzulande Historiker und Intellektuelle gut daran, sich die eigentlichen Ursachen des Faschismus bewusst zu machen und beispielsweise der Frage nachzugehen, warum namenhafte Pr\u00e4faschisten vom Idealismus der deutschen Philosophie so begeistert waren und ihn <a href=\"https:\/\/kalifat1.com\/?p=9993\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/kalifat1.com\/?p=9993\">zur metaphysischen Basis des eigenen Denkens machten<\/a>. Dass Abdel-Samad diese relevanten Punkte in seinem Buch unber\u00fccksichtigt l\u00e4sst, sagt im Grunde genommen alles \u00fcber seine ideologische Sto\u00dfrichtung aus und sollte ihn als \u201ePolitologen\u201c l\u00e4ngst diskreditiert haben. Nichtsdestotrotz wird er mit seinen literarischen Entgleisungen und kruden Thesen im gesamten deutschsprachigen Raum weiterhin kritiklos hofiert und als \u201egro\u00dfer Denker\u201c verkl\u00e4rt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Angesichts der gegenw\u00e4rtigen gesellschaftlichen Stimmungslage, die sich inzwischen in einer zunehmenden Islamfeindlichkeit niederschl\u00e4gt, bed\u00fcrfen derartige Thesen scheinbar keiner weiteren \u00dcberpr\u00fcfung mehr. Denn Politik und Medien haben sich hierzulande l\u00e4ngst der Kampfrhetorik verschrieben, von der allerdings nur sie Gebrauch machen d\u00fcrfen. Denn gerade den Muslimen wird untersagt, in der derzeitigen ideologischen Auseinandersetzung \u00e4hnliche \u201eReizw\u00f6rter\u201c ins Spiel zu bringen. So folgt dem kleinsten Vergleich mit dem Nationalsozialismus unverz\u00fcglich der Vorwurf, lediglich mit abgedroschenen \u201eTotschlagargumenten\u201c um sich zu werfen, um die eigene argumentative Unzul\u00e4nglichkeit kompensieren zu wollen. Und dies obwohl es sich beim Nationalsozialismus \u2013 im Gegensatz zum Faschismus \u2013 um keinen blo\u00dfen Kampfbegriff handelt, sondern um eine politische Idee mit einem konkreten Inhalt. Ob ein vorgebrachter Nazi-Vergleich im Einzelfall zutrifft oder nicht, lie\u00dfe sich somit recht genau feststellen. Die Faschismus-Keule hingegen ist und bleibt die primitive Schlagwaffe jener, denen es am Ende tats\u00e4chlich an sachlich \u00fcberzeugenden Argumenten fehlt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie gilt vielen als primitive Schlagwaffe und wird nicht selten mit dem Etikett eines \u201eTotschlagarguments\u201c versehen. Dennoch kommt sie in politischen Wortgefechten gerne zum Einsatz. 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