{"id":10197,"date":"2017-10-10T00:00:00","date_gmt":"2017-10-10T00:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=10197"},"modified":"2017-10-10T00:00:00","modified_gmt":"2017-10-10T00:00:00","slug":"die-revolution-ist-tot-es-lebe-die-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=10197","title":{"rendered":"Die Revolution ist tot. Es lebe die Revolution!"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der arabische Fr\u00fchling ist gescheitert, die Revolution ist tot. Tunis \u2013 wieder von alten Eliten beherrscht. Kairo \u2013 unter dem Joch der Milit\u00e4rdiktatur. Aleppo \u2013 in Tr\u00fcmmern. Mossul \u2013&nbsp; Friedhofsstille. Rakka \u2013 eingeh\u00fcllt im brennenden Nebel wei\u00dfen Phosphors. Der arabische Fr\u00fchling ist gescheitert, die Revolution der Islamisten besiegt. Die Muslimbr\u00fcder hinter Gittern, der IS auf der Flucht und die syrischen Rebellen im Nordwesten des Landes isoliert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So oder so \u00e4hnlich muss es in den K\u00f6pfen vieler Beobachter des Nahen Ostens aussehen. F\u00fcr den Muslim ein schmerzliches Bild, f\u00fcr den S\u00e4kularen eine wahre Freude. Doch beide verbindet die Vorstellung, dass die Revolution und damit der transformatorische Impuls zum Erliegen kommt und sich das soziopolitische Gef\u00fcge wieder festigt. Die Dynamik weicht der Statik, die Polarisierung der Stabilit\u00e4t. Doch diese Vorstellung, ganz gleich in wessen Gedankenwelt, verkennt die tats\u00e4chlichen Verh\u00e4ltnisse der Region und \u00fcbersieht die endogen wirkenden Triebkr\u00e4fte der betroffenen Gesellschaften.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um die im Nahen und Mittleren Osten wirkenden Kr\u00e4fte n\u00e4her zu begreifen, lohnt ein Blick auf die sozial- und politikwissenschaftliche Theorie der sogenannten <em>cleavages<\/em>. Letztere beschreibt gesellschaftspolitische Spannungsverh\u00e4ltnisse, die sich auf drei Ebenen \u00e4u\u00dfern. Auf der strukturellen Ebene beinhaltet ein <em>cleavage<\/em> eine soziale Spaltung, welche eine Bev\u00f6lkerungsgruppe aufgrund eines sozialen Merkmals definiert und von einer anderen abgrenzt. Ein <em>cleavage<\/em> separiert zum Beispiel Arbeiter von Arbeitgebern, Katholiken von Protestanten oder Franz\u00f6sischsprachige von Deutschsprachigen. Auf der n\u00e4chsth\u00f6heren Ebene kommt es zur Bewusstwerdung dieser Unterschiedlichkeit. Hierdurch bilden sich kollektive Identit\u00e4ten auf Basis derer die Gruppen Gemeinschaftsgef\u00fchl, gemeinsame Interessen und Handlungsmuster entwickeln. Dies formalisiert sich schlie\u00dflich auf der dritten Ebene \u2013 der Ebene der Organisation. Besagte Organisationen k\u00f6nnen unterschiedlicher Natur sein; so k\u00f6nnen <em>cleavages<\/em> in Form von Gewerkschaften, kulturellen Vereinen, politischen Parteien und religi\u00f6sen Institutionen bzw. Bewegungen Gestalt annehmen. Gesellschaftspolitische Spannungsverh\u00e4ltnisse basieren demnach auf strukturellen Differenzen, die unterschiedlich stark ausgepr\u00e4gt sein k\u00f6nnen. Besonders nachhaltig sind <em>cleavages<\/em>, die aus einer mehrschichtigen Unterschiedlichkeit resultieren. Laut der \u201e<em>International Encyclopedia of Political Science\u201c<\/em> des franz\u00f6sischen Politikwissenschaftlers Bertrand Badie dr\u00fccken sich <em>\u201epolitische Spaltung[en] idealtypisch durch eine Kombination kulturell-ideologischer Denkmuster\u201c <\/em>in organisatorischer Dimension aus. <em>Cleavages<\/em>, die auf solch normativen Grundlagen fu\u00dfen, k\u00f6nnen aufgrund ihrer Grunds\u00e4tzlichkeit und nachhaltigen Wirkkraft zu enormen Spannungen und sogar b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnlichen Zust\u00e4nden f\u00fchren. Entscheidend ist die Erkenntnis, dass Revolutionen oder gesellschaftliche Konflikte in der Regel nicht auf \u00e4u\u00dferen Einfl\u00fcssen, sondern auf tiefgreifender soziopolitischer Segmentation und Fragmentierung fu\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Nahen und Mittleren Osten sticht insbesondere ein kulturell-ideologisches <em>cleavage<\/em> hervor: S\u00e4kularismus gegen Islamismus. W\u00e4hrend die Region in ihrer 1400-j\u00e4hrigen Geschichte trotz aller Turbulenzen ordnungspolitisch und kulturell durch den Islam gepr\u00e4gt war, kam es im Zuge des Untergangs des Osmanischen Reiches Anfang des 20. Jahrhunderts zu einer radikalen gesellschaftlichen Umgestaltung. Die von Frankreich und Gro\u00dfbritannien oktroyierte Nachkriegsordnung brach mit der kulturhistorischen Konstante und diffamierte&nbsp; normative Ordnungselemente wie das Kalifat und die <em>Schari\u2018a<\/em> als Relikte vergangener Zeiten. Stattdessen sollte die westf\u00e4lische Logik des Nationalstaates Einkehr in die islamische Welt finden, in der fortan s\u00e4kulare Staatsgebilde synthetisch generierte Kollektividentit\u00e4ten wie die des libanesisch-, jordanisch- oder syrisch-Seins abbildeten. Die staatliche Ordnung der Region basierte nun auf einem anthropozentrischen Weltbild, formalisiert durch die Trennung von Staat und Religion. Anhand der kolonial organisierten Einbeziehung lokaler Eliten, ist ein Teil der indigenen Bev\u00f6lkerung durch die eurozentrische Weltanschauung kulturell-ideologisch markiert und von religi\u00f6sen Schichten abgegrenzt worden. Das hieraus entstehende Spannungsfeld hat sich durch einen Prozess der Bewusstwerdung (<em>sahwa islamiyya<\/em>), der damit einhergehenden Entfremdung von s\u00e4kularen Gesellschaftsstrukturen zu einer definierenden Triebkraft und durch die Entstehung reformatorischer, militanter sowie revolution\u00e4rer Organisationen in ein mehrschichtiges <em>cleavage<\/em> entwickelt. Der seit Jahrzehnten ausgetragene Konflikt zwischen S\u00e4kularen und Islamisten muss daher als Entladung soziopolitischer Polarisierung begriffen werden, anstatt Revolutionen und Widerstandsmomente auf blo\u00dfe Verschw\u00f6rungstheorien ausl\u00e4ndischer <em>regime-change<\/em> Unternehmungen zu reduzieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass die weltanschaulichen Grundlagen der islamischen Bewegung unabh\u00e4ngig des tempor\u00e4ren Ausgangs der tunesischen, \u00e4gyptischen oder syrischen Revolution massiven R\u00fcckhalt genie\u00dfen, zeigt ebenso eine Studie des <em>Pew Research Centers<\/em> aus dem Jahre 2013. Die Meinungsforscher kamen zu dem Ergebnis, dass vielerorts \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheiten die umfassende Einf\u00fchrung der islamischen Gesetzgebung unterst\u00fctzen. So sprachen sich in Jordanien 71%, in \u00c4gypten 74%, in Marokko 83%, in den Pal\u00e4stinensergebieten 89% und im Irak 91% der Befragten f\u00fcr die Einf\u00fchrung der <em>Schari\u2019a<\/em> aus. Auch in gro\u00dfen Teilen Zentralafrikas (Kongo 74%, Djibouti 82%, Niger 86%), S\u00fcdostasiens (Indonesien 72%, Thailand 77%, Malaysia 86%) und des indischen Subkontinents (Bangladesch 82%, Pakistan 84%, Afghanistan 99%) sprechen die Zahlen eine \u00fcberaus deutliche Sprache.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neben Soziologen, Politikwissenschaftlern und Meinungsforschern haben ebenso geopolitische Analysten den unverkennbaren Trend in der islamischen Welt registriert und in die historische Regionalentwicklung eingebettet. Die Politberater der US-amerikanischen Denkfabrik <em>Geopolitical Futures <\/em>(GPF) konstatieren in ihrem Forecast <em>\u201eThe Road to 2040\u201c<\/em> folgendes: <em>\u201eDas Osmanische Reich umfasste das Kerngebiet des Nahen Ostens und hatte sein politisches Zentrum in den Grenzen der heutigen T\u00fcrkei. Es vereinte diese Region und expandierte seine Einflussgebiete nach Nordafrika, Zentralasien und S\u00fcdosteuropa. Das Osmanische Reich zerfiel im Zuge des Ersten Weltkrieges genauso wie die Dynastien der Habsburger, Hohenzollern und die der Romanovs. [\u2026] Mit dem Fall des Osmanischen Reiches entstand die T\u00fcrkei als eine eigene Republik. Die osmanische Provinz Syrien wurde in [die Gebilde] Libanon, Pal\u00e4stina, Jordanien sowie den Rumpfstaat Syrien zerteilt. Der Irak entstand in dem Gebiet Babyloniens und dem unteren Tigris- und Euphrat-Becken, mit zeitlich variierenden Grenzen. Doch die von Frankreich und Gro\u00dfbritannien gezogenen Grenzen waren im Kern unnat\u00fcrlich. Es gab niemals einen Staat namens Jordanien. Die Briten unterst\u00fctzten zwei arabische St\u00e4mme, die im ersten Weltkrieg gegen das Osmanische Reich k\u00e4mpften \u2013 die Haschemiten und die Saudis. Sie gaben den Saudis die Herrschaft \u00fcber Mekka und den Haschemiten das Gebiet \u00f6stlich von Jordanien, Transjordanien, welches sp\u00e4ter [in seiner Bezeichnung] zu Jordanien verk\u00fcrzt wurde. Sie gaben den Haschemiten ebenfalls den Irak. Das Gebiet n\u00f6rdlich des Hermonbergmassivs kontrollierten die Franzosen, die am Mittelmeer einen christlichen Staat kreierten. Diesen benannten sie nach dem Berg Libanon, da ihnen schlicht kein besserer Name einfiel. [\u2026] Wenn wir \u00fcber den Nahen Osten sprechen, dann geht es um das Herz der islamischen Welt. Der Nahe Osten ist nat\u00fcrlich nur ein kleiner Teil davon, aber seit dem Aufstieg des Islam befand sich das Gravitationszentrum in Medina, Damaskus, Bagdad, Kairo und Konstantinopel. Wenn diese Kernregion stabil war, hatten die Muslime eine Plattform, von der aus sie Richtung iberische Halbinsel, das ungarische Becken oder ostw\u00e4rts Richtung asiatische Peripherie expandieren konnten. Wenn [diese Kernregion] fragmentiert und bezwungen wird, verliert die islamische Welt ihre geopolitische Dynamik. Obwohl das Kalifat im 10. Jahrhundert durch kleinere Sultanate und Emirate in Frage gestellt wurde, bestand das islamische Ziel im geopolitischen Sinne stets in der Vereinigung der arabischen Halbinsel, der T\u00fcrkei und den Gebieten vom Mittelmeer bis zu Persien sowie dem Niltal unter der Herrschaft eines einzigen Staates. Diese Region ist das Herz des historischen Kalifats und Gravitationszentrum der restlichen Teile der islamischen Welt. Das Ziel diese Region zu vereinen wurde durch das Osmanische Reich wiederbelebt. Zwar war der diesbez\u00fcgliche Erfolg nur tempor\u00e4r, die Zielsetzung eines Kalifats ist es jedoch nicht; und andere Gruppen mit wachsendem Einfluss und Kapazit\u00e4ten haben die Mission in j\u00fcngster Zeit geerbt [und verfolgen diese].\u201c<\/em> Jacob L. Shapiro und Xander Snyder, ebenfalls Politberater von GPF, beschreiben den gegenw\u00e4rtigen Zustand der islamischen Welt in ihrem Podcast vom 19.05.2017 folgenderma\u00dfen: <em>\u201eMan muss bedenken, dass viele der Ideen, die die gegenw\u00e4rtige politische Ideologie ausmachen und den Nationalismus hervorbrachten, der die europ\u00e4ischen Staaten bis zum heutigen Tag als Organisationsprinzip ausmacht, auf das Zeitalter der Aufkl\u00e4rung zur\u00fcckgehen. Wir sprechen also von einem Entstehungsprozess, der auf das 16. und 17. Jahrhundert zur\u00fcckgeht. Im Nahen Osten jedoch konnten diese Ideen erst nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches Fu\u00df fassen. Die Region kam also erst nach dem Ersten Weltkrieg mit den Ideen der Aufkl\u00e4rung, der Moderne und des Nationalismus verst\u00e4rkt in Ber\u00fchrung. Diese Ideen mussten in eine politische Tradition, die durch den Islam dominiert war, integriert werden. Zun\u00e4chst kam es zwar zu einer Welle des Nationalismus, der sich im 20. Jahrhundert in vielen Teilen des Nahen und Mittleren Ostens niederschlug; so gab es den t\u00fcrkischen Nationalismus, den Aufstieg des Iran als nationalstaatlich organisierte Macht, Israel und den Zionismus, was nur ein anderer Begriff f\u00fcr j\u00fcdischen Nationalismus war und es gab den arabischen Nationalismus. Doch der arabische Nationalismus funktionierte nicht wirklich, denn es gab die Vorstellung des Panarabismus und gleichzeitig wurden Subidentit\u00e4ten entwickelt. In \u00c4gypten machte letzteres eventuell noch Sinn, da \u00c4gypten seit l\u00e4ngerer Zeit eigenst\u00e4ndig existierte. Aber der Libanon, Syrien und Irak waren L\u00e4nder, in denen versucht wurde eine nationale Identit\u00e4t aus dem Nichts zu schaffen. Dies funktionierte f\u00fcr eine kurze Zeit und der Nasserismus, Baathismus und \u00e4hnliche Vorstellungen gaben diesen L\u00e4ndern eine gewisse Bedeutung; doch langfristig disqualifizierten sich diese Ideen, da sie als korrupt betrachtet wurden. Sie waren nicht in der Lage \u00f6konomische Prosperit\u00e4t und Repr\u00e4sentativit\u00e4t zu generieren. Dar\u00fcber hinaus marginalisierten [die s\u00e4kularen Kr\u00e4fte] den Islam, da er als eine Bedrohung ihrer Macht wahrgenommen wurde. Ebenso waren sie nicht in der Lage Israel zu besiegen. Israel war eine immens wichtige Angelegenheit f\u00fcr die arabischen Nationalstaaten, doch sie wurden in jedem Krieg dem\u00fctigend geschlagen. All diese Dinge motivierten die Menschen nach alternativen politischen Ideen zu suchen und das einzige Ordnungsprinzip, das [in der Region] jemals funktioniert hat und in der Lage war die Araber zu vereinen, war der Islam. Es handelt sich also um eine R\u00fcckbesinnung auf eine bereits dagewesene [und den Menschen bekannte] Ordnungspolitik.\u201c<\/em> &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Lichte dieser Faktenlage erscheint die s\u00e4kulare Feierlaune als bemerkenswerte Hybris, der in naher Zukunft eine vernichtende Nemesis folgen wird. Es sind die kulturhistorischen Bedingungen, die soziopolitischen Verh\u00e4ltnisse sowie die geopolitischen Triebkr\u00e4fte und Imperative, die eine stabile s\u00e4kulare Staatenordnung im Nahen und Mittleren Osten in das Reich abendl\u00e4ndischer Mythen verbannen. Der politische Islam hingegen ist eine organisch verwurzelte Ideologie, die auf eine \u00fcber tausendj\u00e4hrige Traditionslinie zur\u00fcckgreift und unabh\u00e4ngig von isolierten Misserfolgen nicht aus der Region entfernt werden kann. In diesem Sinne sei den Laizisten gesagt: Die Revolution ist tot. Doch die schwarzen Flaggen werden wiederkehren und die Pal\u00e4ste eurer Herrscher erneut in Flammen aufgehen. Es lebe die Revolution! \u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der arabische Fr\u00fchling ist gescheitert, die Revolution ist tot. Tunis \u2013 wieder von alten Eliten beherrscht. Kairo \u2013 unter dem Joch der Milit\u00e4rdiktatur. Aleppo \u2013 in Tr\u00fcmmern. Mossul \u2013  Friedhofsstille. Rakka \u2013 eingeh\u00fcllt im brennenden Nebel wei\u00dfen Phosphors. Der arabische Fr\u00fchling ist gescheitert, die Revolution der Islamisten besiegt. 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