{"id":10277,"date":"2018-05-27T00:00:00","date_gmt":"2018-05-26T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=10277"},"modified":"2018-05-27T00:00:00","modified_gmt":"2018-05-26T22:00:00","slug":"konservative-aufklaerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=10277","title":{"rendered":"Konservative Aufkl\u00e4rung"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Freiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit \u2013 gegen die Grundwerte der Aufkl\u00e4rung richtet sich die Rebellion der Neuen Rechten. In ihrer nostalgischen Verkl\u00e4rung des Nationalstaats vertritt sie das politische Gegenst\u00fcck zur liberalen Demokratie. Statt einer pluralistischen Gesellschaft zieht sie Homogenit\u00e4t und Identit\u00e4t vor. Eine nationale Internationale holt zum gro\u00dfen Schlag aus, um all das zu zerst\u00f6ren, was die westliche Wertegemeinschaft in den vergangenen Jahrzehnten m\u00fchevoll aufgebaut hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine etwas \u00fcberspitzte Beschreibung der rechtspopulistischen Ph\u00e4nomene Pegida, AfD und Co.? Keineswegs. Es ist eher der \u00fcbliche Versuch, das Denken und die politischen Zielsetzungen der rechten Bewegungen nicht nur f\u00fcr die Allgemeinheit verst\u00e4ndlich abzubilden, sondern auch eine Trennlinie zur eigenen demokratischen Grundhaltung zu ziehen. Die unterschiedlichen Organisationsformen geb\u00fcndelt in einem intellektuellen Netzwerk alter und neuer Rechter veranlasste nicht zuletzt die akademischen Kreise hierzulande sich dem <em>Ruck nach rechts<\/em> eingehender zu widmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den zahlreichen Publikationen zu diesem Themenkomplex nimmt vor allem die ideengeschichtliche Entwicklung eine zentrale Rolle ein. Beispielhaft hierf\u00fcr ist das aktuelle und vieldiskutierte Buch <em>Die autorit\u00e4re Revolte<\/em> des Historikers Volker Wei\u00df. Neben dem vielf\u00e4ltigen Spektrum der neurechten Bewegungen geht er im speziellen auf ihre ideologischen Grundlagen sowie ihre prominentesten Vordenker und Stichwortgeber ein. Ausgangspunkt dabei bildet die <em>konservative Revolution<\/em>; als Schl\u00fcsselbegriff beschreibt sie s\u00e4mtliche antiliberale und antidemokratische Str\u00f6mungen in der Weimarer Republik und stellt somit jenen Kanon rechtsnationalistischer Intellektueller der Zwischenkriegszeit in Deutschland dar, auf den sich die Neue Rechte bezieht. Ihr Ziel sei es, unter Bezugnahme auf die konservative Revolution die<em> deutsche Rechte wiederzubeleben, unter Umgehung [\u2026] des Nationalsozialismus<\/em>, so Wei\u00df. Obgleich die konservative Revolution eher einem nachtr\u00e4glich konstruierten Begriff gleicht als einer homogenen Denkstr\u00f6mung, lasse sich ungeachtet der inhaltlichen Unterschiede, welche unter der intellektuellen Rechte der 1920er Jahre existierten, dennoch ein gemeinsamer Kern erkennen. Dieser bestehe aus einer grunds\u00e4tzlichen Ablehnung gegen die Epoche der Aufkl\u00e4rung, die sich in einer <em>strikten Antidemokratischen, Antirepublikanischen [und] Antiliberalen<\/em> Einstellung \u00e4u\u00dfere. Besonders im Verh\u00e4ltnis zur Freiheit und Autonomie des Menschen sei ihr Standpunkt Wei\u00df zufolge unmissverst\u00e4ndlich gewesen: <em>Die Aufkl\u00e4rung war immer verbunden mit dem Freiheitsgedanken und einer Emanzipation von Zw\u00e4ngen. Sie war deswegen seit jeher ein Gegenmodell. Man bezieht sich in der Neuen Rechten zudem auf gegenrevolution\u00e4re Denker des fr\u00fchen 19. Jahrhunderts. Es waren Denker, die sich sehr stark gegen die Aufkl\u00e4rung und gegen die Franz\u00f6sische Revolution gestellt haben. Das ist der ewige Kampf, der gef\u00fchrt wird gegen das Denken nicht nur von 1789, sondern gegen das gesamte Projekt der Aufkl\u00e4rung, weil man letztlich in eine voraufgekl\u00e4rte Welt zur\u00fcck m\u00f6chte.<\/em> Mit anderen Worten h\u00e4tten die konservativen und deutschnationalen Denker jener Zeit mit der kulturphilosophischen Konstante Europas gebrochen und st\u00fcnden in Opposition zum Westen und den Werten von 1789, woraus sich letztlich das rechte Gedankengut speise, auf dem sich nun auch die Neue Rechte st\u00fctze.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie fahrl\u00e4ssig jedoch diese verzerrte und undifferenzierte Darstellung ist, zeigt sich vor allem in dem Versuch, Parallelen zwischen der autorit\u00e4ren Revolte in Form der Neuen Rechten und anderen wenn auch andersartigen Ph\u00e4nomenen zu ziehen, die sich als Gegenentwurf zur westlichen Wertegemeinschaft verstehen. So bestehe f\u00fcr Wei\u00df eine nicht zu \u00fcbersehende Schnittmenge zwischen den rechten bzw. rechtspopulistischen Bewegungen auf der einen und dem <em>politischen Islam<\/em> auf der anderen Seite. Aus seiner Sicht richten sich beide n\u00e4mlich <em>sehr stark gegen eine Befreiung des Subjekts, gegen eine Emanzipation der Frau, gegen eine Emanzipation von Minderheiten, gegen eine Gleichstellung auch von Homosexuellen. Und beide wollen vorgeblich ewige Werte, Tradition und alte Normen wieder in ihr angebliches Recht setzen<\/em>. Ungeachtet der Tatsache, dass hier aufgrund einer Verabsolutierung des eurozentrischen Menschenbildes zwei von Grund auf verschiedene Weltanschauungen gleichgestellt werden, offenbart sich an diesem Vergleich ein grober Denkfehler. Denn Wei\u00df geht in seiner Argumentation von der Pr\u00e4misse aus, dass die autorit\u00e4re Revolte, welche als Reaktion auf die Moderne zu verstehen sei, ein internationales bzw. kultur\u00fcbergreifendes Ph\u00e4nomen ist. Und der <em>[fundamentalistische] Islam ist Teil jener \u201aKonservativen Revolution\u2018 gegen den \u201awestlichen Universalismus\u2018<\/em>, da er im Grunde genommen <em>das Produkt eines umfassenden Kollapses der islamischen Kulturen im Konflikt mit der globalen Moderne <\/em>sei. Gleichzusetzen sei dies mit den Versuchen <em>der v\u00f6lkischen Bewegungen im wilhelminischen Reich, die Kultur der Goten oder Wikinger wiederzubeleben<\/em>, so Wei\u00df. Auf diese Weise wird einerseits suggeriert, dass rechte und v\u00f6lkisch-nationalistische Ideen zwar ihren Ursprung in Europa h\u00e4tten, aber keinesfalls auf die Kerngedanken der Aufkl\u00e4rung zur\u00fcckzuf\u00fchren seien. Und da auch dem Islam positive Ber\u00fchrungspunkte mit der Epoche der Aufkl\u00e4rung fehlen, bestehe hier eine Artverwandtschaft, die sich unter anderem in einer gemeinsamen Liberalismus- und Demokratiefeindlichkeit \u00e4u\u00dfere.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch ein genauerer Blick in die Gedankenwelt der rechten Intellektuellen der Weimarer Republik r\u00fcckt Wei\u00df\u2018 Pr\u00e4misse in ein v\u00f6llig anderes Licht. Nicht die <em>Kultur der Wikinger und Goten<\/em>, sondern die philosophischen Ideen der deutschen Aufkl\u00e4rung bildeten ihren weltanschaulichen Bezugspunkt und pr\u00e4gten ihr politisches Denken wesentlich. Der rechtskonservative Publizist Arthur Moeller van den Bruck verwies in seinem Hauptwerk <em>Das Dritte Reich<\/em> auf die Leistungen der deutschen Philosophen folgenderma\u00dfen: <em>Und auf der H\u00f6he der idealistischen Kultur, in die wir uns aus der rationalistischen Epoche hin\u00fcberretteten, fiel dann das Wort, nun nicht von den Menschenrechten, aber von der <strong>Menschenw\u00fcrde<\/strong>, das noch auf der H\u00f6he jeder Kultur ausgesprochen worden ist. Es fiel vor hundert Jahren in Deutschland, als Kant sagte: \u201aDer Mensch kann nicht gro\u00df genug vom Menschen denken\u2018.<\/em> Nachdem er im weiteren Verlauf den franz\u00f6sischen Rationalismus und den englischen Empirismus einer schonungslosen Kritik unterzieht, macht er dem Leser deutlich, wie die deutsche Philosophie im europ\u00e4ischen Denken einiges wieder gerader\u00fcckte: <em>Doch der Humanismus brachte auch das Missverst\u00e4ndnis, das in der [franz\u00f6sischen] Revolution schlie\u00dflich verh\u00e4ngnisvoll wurde: aus der <strong>Menschenw\u00fcrde<\/strong> wurden die Menschenrechte! Die deutsche, die preu\u00dfische Aufkl\u00e4rung hat hinterher manche M\u00fche gehabt, die Linie wieder aufzunehmen, die von Luther zu Kant f\u00fchrt, und im Bewusstsein der Menschen wenigstens die Pflichten wiederherzustellen<\/em>. Auch f\u00fcr den einflussreichen Staatsrechtler und politischen Philosophen Carl Schmitt setzte die deutsche Aufkl\u00e4rung einen Meilenstein im europ\u00e4ischen Denken: <em>Den Wendepunkt bezeichnet die Philosophie des deutschen Idealismus; sie hat die wesentlichen Ideen der Identit\u00e4t von Natur und Geist, Politik und Moral und die Individualit\u00e4t der Staaten und V\u00f6lker gefunden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Angesichts dieser klaren Bekundungen zweier bedeutender Intellektueller der konservativen Revolution, t\u00e4te Wei\u00df sicherlich gut daran, seine These \u00fcber eine vermeintliche Aversion rechten Gedankenguts gegen\u00fcber den Ideen der Aufkl\u00e4rung zu revidieren. Denn das gro\u00dfe Missverst\u00e4ndnis, welches in diesem Kontext immer wieder zu beobachten ist, begreift die philosophischen Str\u00f6mungen der Aufkl\u00e4rung als einen monolithischen Block, der sich ausschlie\u00dflich auf die Ideen von 1789 konzentrieren w\u00fcrde. Zwar bildete sich im Zuge dieser kulturhistorischen Epoche ein gemeinsamer Kerngedanke heraus, der von s\u00e4mtlichen geistig-politischen Denkrichtungen dieser Zeit auch verinnerlicht und transportiert wurde: das anthropozentrische Menschenbild. Doch dieses neue Menschenbild wurde bedingt durch die kulturellen Spezifika der verschiedenen V\u00f6lker Westeuropas unterschiedlich rezipiert. Gerade bei der Frage, wie das Konzept der menschlichen Selbstbestimmung auf gesellschaftspolitischer Ebene \u00fcbertragen werden sollte, herrschte keineswegs Konsens. Dieses Problem wurde durch die Folgen der napoleonischen Kriege, den sozio\u00f6konomischen Verwerfungen w\u00e4hrend der Industrialisierung sowie einem \u00fcbersteigerten Nationalismus, der schlie\u00dflich in den Ersten Weltkrieg m\u00fcndete, zus\u00e4tzlich beg\u00fcnstigt. Diese Faktoren f\u00fchrten letztlich dazu, dass der eurozentrische Kerngedanke bis heute stets eine den historisch-politischen Umst\u00e4nden entsprechende Deutung erfuhr und im Faschismus und Nationalsozialismus seine bislang exzessivste Variante erlebte. Insofern stand f\u00fcr Kant, Hegel ebenso wie f\u00fcr Fichte und Heidegger der Mensch als autonomes Wesen im Zentrum ihrer Betrachtung. Ob und inwiefern die Denker der konservativen Revolution die Gedanken dieser Philosophen korrekt begriffen, ist an dieser Stelle unerheblich und kann kaum als Begr\u00fcndung herangezogen werden, ihnen eine aufkl\u00e4rungsfeindliche Gesinnung zu unterstellen. Dennoch hat Wei\u00df in einem Punkt seiner historischen Einsch\u00e4tzung recht: die konservative Revolution begriff sich durchaus als Gegenentwurf zur franz\u00f6sischen und angels\u00e4chsischen <strong>Lesart<\/strong> der Aufkl\u00e4rung. Diesen Anspruch jedoch erhob auch der deutsche Idealismus in gleicher Weise, womit sich die rechtskonservativen Intellektuellen damals wie heute im selben <strong>kulturphilosophischen<\/strong> <strong>Rahmen<\/strong> befinden wie ihre geistigen Ziehv\u00e4ter in der Traditionslinie eines Kant, Hegel oder Fichte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor diesem Hintergrund lassen sich derartige Vergleiche, die eine Artverwandtschaft zwischen dem Islam und der Neuen Rechten herzustellen meinen, nicht anders deuten als der perfide Versuch, die gedanklichen Abgr\u00fcnde der menschlichen Selbst\u00fcberh\u00f6hung von sich zu weisen und einem anderen Kulturkreis unterzujubeln. Auch das immer wieder vorgebrachte Argument, der Islam vertrete ein konservatives Gesellschaftsmodell, welches insbesondere am traditionellen Familienbild und der Rolle der Frau zu erkennen sei, verliert bei genauerer Betrachtung jegliche Substanz. Denn der Konservatismus ist aus Sicht der politischen Philosophie im Grunde genommen genau wie der Liberalismus eine m\u00f6gliche Spielart innerhalb des westlichen Ideologiespektrums. Dass er dabei auf intakte Familienstrukturen Wert legt und ein positives Verh\u00e4ltnis zur Religion bzw. zum Christentum unterh\u00e4lt, macht ihn noch lange nicht vergleichbar mit dem Islam. Denn diese Teilaspekte lassen sich in vielen Kulturgemeinschaften dieser Welt wiederfinden. Um allerdings die \u00c4quivalenz zweier Systeme beweisen zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen vielmehr die ihnen zugrunde liegenden Kernideen untersucht werden. W\u00e4hrend die menschliche Selbstbestimmung und die damit in Verbindung stehende Trennung von Staat und Religion als ontologische Basis sowohl f\u00fcr die Franz\u00f6sische Revolution als auch f\u00fcr den deutschen Idealismus und die daraus resultierenden politischen Anschauungen wie die konservative Revolution und den Nationalsozialismus dienen, steht der Islam diesen weltanschaulichen Grundannahmen diametral entgegen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die von Wei\u00df beschriebene autorit\u00e4re Revolte ist demzufolge weder ein kultur\u00fcbergreifendes Ph\u00e4nomen noch umschlie\u00dft sie den <em>politischen Islam<\/em>. Denn letztgenannter befindet sich tats\u00e4chlich in einer ideologischen Auseinandersetzung mit der westlichen Wertegemeinschaft, in der sich zwei unterschiedliche Weltbilder gegen\u00fcberstehen. Die Rebellion der Neuen Rechten hingegen ist unter dem Strich gesehen lediglich der alte Richtungsstreit, der \u00fcber die korrekte Interpretation des eurozentrischen Kerngedankens auf ordnungspolitischer Ebene entscheiden soll.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Freiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit \u2013 gegen die Grundwerte der Aufkl\u00e4rung richtet sich die Rebellion der Neuen Rechten. In ihrer nostalgischen Verkl\u00e4rung des Nationalstaats vertritt sie das politische Gegenst\u00fcck zur liberalen Demokratie. Statt einer pluralistischen Gesellschaft zieht sie Homogenit\u00e4t und Identit\u00e4t vor. 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