{"id":10289,"date":"2018-08-30T00:00:00","date_gmt":"2018-08-29T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=10289"},"modified":"2018-08-30T00:00:00","modified_gmt":"2018-08-29T22:00:00","slug":"von-ethnozid-bis-genozid-eine-genese-europaeischer-integrationspolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=10289","title":{"rendered":"Von Ethnozid bis Genozid \u2013 eine Genese europ\u00e4ischer Integrationspolitik"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein denkw\u00fcrdiges Ereignis f\u00fcr die in Europa lebenden Juden spielte sich am 26. Juli 1806 in Paris ab. An jenem Tag fand eine Zusammenkunft <em>aufgekl\u00e4rter<\/em> j\u00fcdischer W\u00fcrdentr\u00e4ger statt, die ihrer in Frankreich lebenden Community ein neues Format zur Verf\u00fcgung stellen sollte, um ihre gemeinsamen Interessen zu definieren, effektiver zu b\u00fcndeln und nach au\u00dfen hin kommunizierbar zu machen. Als Initiator dieser Versammlung galt Napoleon, der sich auf diese Weise einen kontrollierten Kulturwandel innerhalb der j\u00fcdischen Community versprach. Den Ablauf dieser Zusammenkunft bestimmten franz\u00f6sische Regierungsbeamte, die Verdachtsmomente gegen die Integrationsf\u00e4higkeit der Juden an die anwesenden W\u00fcrdentr\u00e4ger herantrugen. Unter anderem wurde die Frage aufgeworfen, ob ihre religi\u00f6sen Vorschriften sie vom br\u00fcderlichen Umgang, und insbesondere der Ehe mit Franzosen abhalten w\u00fcrden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwar gaben sie die von ihnen erwarteten patriotischen Erkl\u00e4rungen ab, dennoch gelang es den offiziellen Vertretern der Juden \u2013 wenn auch auf diplomatische Weise \u2013 sich dem kaiserlichen Wunsch der Mischehen als Weg zur Integration, und demzufolge einem Loyalit\u00e4tszwang zu widersetzen. Dieses Ereignis enth\u00e4lt angesichts der vielzitierten <em>j\u00fcdisch-christlichen Tradition<\/em> eine besonders makabre Note. Auch wenn es im konkreten Fall um das Judentum geht, veranschaulicht es trotz dessen, wie die Integration von Minderheiten in Europa gehandhabt wurde, die eine fremde religi\u00f6se oder weltanschauliche \u00dcberzeugung besa\u00dfen. Und das zu einem Zeitpunkt, als Europa bereits unter dem Einfluss der Aufkl\u00e4rung damit begann, Politik und Gesellschaft auf Grundlage von Freiheit und Toleranz gegen\u00fcber Andersdenkenden neu zu konstituieren. Die europ\u00e4ischen Juden erhofften sich durch diesen aus ihrer Sicht kulturhistorischen Quantensprung, die langersehene Befreiung aus der sozialen Randposition, die sie bis dahin unter christlicher Herrschaft hatten. Durch die S\u00e4kularisierung aller Lebensbereiche st\u00fcnde einer rechtlichen Gleichstellung aller gesellschaftlichen Gruppen nichts mehr im Wege. Doch nach wie vor war die talmudische Weltanschauung den Europ\u00e4ern ein Dorn im Auge, wie es Napoleons Minister Jean-\u00c9tienne-Marie Portalis formulierte, nachdem Frankreich durch das Konkordat eine dem Laizismus entsprechende Kirchenpolitik einl\u00e4utete. Mit dem Judentum war aus seiner Sicht ein derartiger Staatsvertrag nicht m\u00f6glich, da die Juden keine Kirche seien, sondern ein Volk, das es <em>als eines seiner gr\u00f6\u00dften Vorz\u00fcge erachtet, nur Gott zu seinem Gesetzgeber zu haben.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor diesem Hintergrund sollte es nicht verwundern, dass das Narrativ einer j\u00fcdisch-christlichen Symbiose, die Europa kulturphilosophisch gepr\u00e4gt h\u00e4tte, allen voran in Deutschland regelm\u00e4\u00dfig unter Beschuss ger\u00e4t. Die j\u00fcdisch-christliche Geschichte bestehe <em>vor allem in der Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung der Juden und in der Verketzerung des Talmuds. Und wo es gemeinsame Wurzeln gab, hat die Mehrheitsgesellschaft sie ausgerissen<\/em>, so der Journalist Heribert Prantl. Trotz dieser historisch belegbaren und bekannten Einw\u00e4nde ersch\u00f6pft sich die Kritik haupts\u00e4chlich an den Resultaten der Judenfeindschaft in Europa. Zu selten wird der Frage nachgegangen, auf welcher Grundlage das Zusammenleben zwischen der christlich bzw. hellenistisch gepr\u00e4gten Mehrheitsgesellschaft und der j\u00fcdischen Minderheit in den unterschiedlichen Epochen geregelt wurde und ob diese Form der Koexistenz m\u00f6glicherweise die Weichen f\u00fcr die zahlreichen Verbrechen gegen die Juden stellte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein bezeichnendes Merkmal dieser Koexistenz waren beispielsweise die zahlreichen Konversionen in Spanien infolge der Reconquista. Im Vergleich zu den Konversionen im Kontext der Kreuzz\u00fcge hatten jene in Spanien ganz zentrale Folgewirkungen f\u00fcr die Juden. Denn die Mehrheit der j\u00fcdischen Konvertiten waren zu jenem Zeitpunkt keineswegs mit Waffengewalt in das Christentum gezwungen worden. Ursache f\u00fcr die wachsende Zahl von Konversionen, insbesondere von wohlhabenden und ambitionierten Juden, war vielmehr eine kulturelle Assimilationspolitik der Zentralregierung<em>.<\/em> Dass in diesem Zusammenhang nicht wenige Juden bereit waren, das Christentum sogar freiwillig anzunehmen, konnte hingegen nicht verhindern, dass viele Christen ihre Distanz zu den geb\u00fcrtigen Juden nach wie vor beibehielten. Diese Haltung, welche in letzter Konsequenz stets in einer gesellschaftlichen Ausgrenzung des Judentums m\u00fcndete, \u00fcberlebte auch den \u00dcbergang in das Zeitalter der Aufkl\u00e4rung. Zwar hat sich aufgrund der neuen soziopolitischen Rahmenbedingungen die Situation f\u00fcr die Juden zun\u00e4chst positiv entwickelt, dennoch war man nicht bereit, sie g\u00e4nzlich als Teil der Gesellschaft mit ihrer eigenen Weltanschauung anzuerkennen, ohne im Gegenzug von ihnen eine Loyalit\u00e4tsbekundung zum Staat abzuverlangen. Nichtsdestotrotz suchte das B\u00fcrgertum unter dem Schlagwort der <em>Judenfrage<\/em> nach M\u00f6glichkeiten, eine gleichberechtige Einbeziehung der Juden in die neu entstehende Gesellschaft zu erm\u00f6glichen. Der Historiker Reinhard R\u00fcrup beschreibt die damals praktizierte Integrationspolitik folgenderma\u00dfen: \u201e<em>Das Ziel der Bestrebungen war die volle Integration der j\u00fcdischen Minderheit, war die Umwandlung des Judentums zur Konfession, die in einem s\u00e4kularisierten Staat ohne \u00f6ffentliche Relevanz sein w\u00fcrde. [\u2026] In Mitteleuropa vertraten nahezu alle Theoretiker und Praktiker der Judenemanzipation das Konzept einer stufenweisen, allm\u00e4hlichen Emanzipation, einer m\u00f6glichst engen Koppelung von Emanzipation und Assimilation. Nach einer ersten Teilemanzipation, die den Juden den Weg in die b\u00fcrgerliche Gesellschaft \u00f6ffnete, sollte jede weitere Rechtsgew\u00e4hrung vom jeweils erreichten Grad der Assimilation bzw. Normalisierung der Juden abh\u00e4ngig sein<\/em>.\u201c Eine etwas pr\u00e4zisere Vorstellung dieser Assimilationspolitik besa\u00df Mitte des 19. Jahrhunderts das deutsche B\u00fcrger- und Beamtentum. R\u00fcrup merkt hierzu an: \u201e<em>Diese Integration aber war den aufgekl\u00e4rten Beamten ebenso wie den liberalen Politikern nur als Assimilation vorstellbar. Man erwartete [\u2026] von der Emanzipation die Aufl\u00f6sung der sozialen Identit\u00e4t der Juden. Man verlangte von ihnen nicht gerade, dass sie Christen w\u00fcrden, aber man rechnete doch darauf, dass sie aufh\u00f6ren w\u00fcrden, Juden zu sein.\u201c<\/em> Unter diesem gesellschaftlichen Druck sahen auch einige reformorientierte Bewegungen unter den Juden, wie die <em>Haskala<\/em>, genau darin die L\u00f6sung; in der Entwicklung einer s\u00e4kularen Form j\u00fcdischer Identit\u00e4t. Sie waren der Auffassung, dass die konsequente Einhaltung religi\u00f6ser Gebote und die fehlende Bereitschaft sich f\u00fcr das eurozentrische Weltbild zu begeistern, den Juden den Weg zu einer erfolgreichen Integration in die Mehrheitsgesellschaft und somit einer rechtlichen Gleichstellung versperren w\u00fcrde. Doch trotz ihrer weltanschaulichen Offenheit und ihrer zum Teil gelungenen Assimilation, insbesondere in der deutschen Gesellschaft, blieb ihnen der Holocaust am Ende dennoch nicht erspart.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer jedoch an dieser Stelle glaubt, dass Europa inzwischen seine Grundperspektive im Umgang mit Andersdenkenden fundamental ge\u00e4ndert h\u00e4tte, sollte angesichts der aktuellen islamfeindlichen Stimmung hierzulande eines Besseren belehrt werden. Denn die grunds\u00e4tzliche Problematik, vor der die europ\u00e4ischen Gesellschaften in Fragen der Integration stehen, hat sich bis heute nicht nennenswert ge\u00e4ndert. Zwar hat die Forschung mittlerweile eine F\u00fclle von unterschiedlichen Integrationsans\u00e4tzen entworfen, sie alle drehen sich jedoch um die Frage, auf welche Weise die Mehrheitsgesellschaft ein Wertebekenntnis von einer Minderheit verlangen kann. Selbst der von Bundeskanzlerin Angela Merkel f\u00fcr gescheitert erkl\u00e4rte Multikulti-Ansatz nach kanadischem Vorbild sieht auf lange Sicht nicht nur vor, dass sich Minderheiten mit dem herrschenden Wertesystem zu identifizieren haben, sondern erhebt dies sogar zur Bedingung f\u00fcr ein auf religi\u00f6s-kulturelle Vielfalt gegr\u00fcndetes Zusammenleben. F\u00fcr den Soziologen Martin Ohlert gew\u00e4hrleiste das Konzept des Multikulturalismus zun\u00e4chst \u201e<em>gesamtgesellschaftliche Stabilit\u00e4t<\/em>, womit die <em>ethno-kulturelle Verschiedenheit im Sinne einer \u201aPolitik der Anerkennung\u2018 bejaht und als \u201aKraftquelle und Bereicherung\u2018 [\u2026] beurteilt\u201c <\/em>wird. Ohlert zufolge sei eine zwingende Voraussetzung daf\u00fcr allerdings, \u201e<em>dass die Identifikation mit der Gesamtgesellschaft der Identifikation mit der Herkunftsgruppe vorausgeht. [\u2026] Das Einheitliche bzw. Verbindende ist demnach die notwendige Basis der Verschiedenheit.<\/em>\u201c Diese bestehe aus \u201eeinem <em>Kern von gemeinsamen Grundwerten und -regeln<\/em>, die den Zusammenhalt des Ganzen garantiere und zugleich <em>der Verschiedenheit und dem Recht auf kulturelle Differenz<\/em> <em>sowie<\/em> <em>dem Prinzip der kulturellen Gleichwertigkeit Grenzen\u201c<\/em> setzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Grundperspektive und der daraus resultierende Drang eine kulturell homogene Gesellschaft zu etablieren, was de facto nur durch Assimilation m\u00f6glich ist, zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte europ\u00e4ische Geschichte bis in die heutige Zeit hindurch. Aktuell \u00e4u\u00dfert sich dieser Homogenisierungsanspruch in dem Versuch seitens der Mehrheitsgesellschaft, die hierlebenden Muslime einem Integrationszwang zu unterziehen. Das Ziel, sich mit dem hiesigen Wertesystem zu identifizieren, ist keineswegs mehr als Empfehlung an die muslimische Community zu begreifen, sondern schlichtweg eine unverhandelbare Aufforderung, die inzwischen von einem breiten gesellschaftlichen Konsens getragen wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die j\u00fcdisch-christliche Geschichte ist angesichts der historischen Faktenlage nicht nur eine Geschichte der Vertreibung und Vernichtung der europ\u00e4ischen Juden, sondern vor allen Dingen eine des Integrations- und Bekenntniszwanges. Die derzeit von der Bundesregierung verfolgte Assimilationspolitik gegen\u00fcber der muslimischen Community setzt somit die bisherige Traditionslinie nahtlos fort und birgt die Gefahr, in einem Ethnozid zu enden. Neben Kopftuch und dem Gebet wird bereits die islamische \u00dcberzeugung als un\u00fcberwindbares Integrationshindernis stigmatisiert. Doch w\u00e4hrend unter Napoleons Herrschaft die Mischehe zwischen Franzosen und Juden noch als Indikator einer gelungenen oder gescheiterten Integration angesehen wurde, kann schon der verweigerte Handschlag den Muslim heute vor die Wahl stellen: entweder Integration oder Emigration!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">16.07.2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein denkw\u00fcrdiges Ereignis f\u00fcr die in Europa lebenden Juden spielte sich am 26. Juli 1806 in Paris ab. 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