{"id":10376,"date":"2019-04-28T00:00:00","date_gmt":"2019-04-27T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=10376"},"modified":"2019-04-28T00:00:00","modified_gmt":"2019-04-27T22:00:00","slug":"die-weltwirtschaft-im-wandel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=10376","title":{"rendered":"Die Weltwirtschaft im Wandel"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem <em>Strategic Estimate 2019<\/em>. Bei dem <em>Strategic Estimate<\/em> handelt es sich um die j\u00e4hrliche Einsch\u00e4tzung der politischen Weltlage von Adnan Khan. Kurzgefasst geht es in dem Bericht um den Status globaler Kraftverh\u00e4ltnisse, ihn beeinflussende Schl\u00fcsselthemen und sich abzeichnende Tendenzen. Der gesamte Bericht wurde im Januar 2019 in englischer Sprache ver\u00f6ffentlicht. Die Weltwirtschaft ver\u00e4ndert sich, da sich auch das Wirtschaftsgef\u00fcge, welches sich nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte, im Wandel befindet. Abweichende Interessen zwischen L\u00e4ndern und Bl\u00f6cken, die das System der Nachkriegszeit bewahrten, r\u00fctteln den internationalen Handel auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Infolge des Zweiten Weltkriegs versammelten die Vereinigten Staaten die kapitalistischen Nationen in Bretton Woods im Bundesstaat New Hampshire und legten die Grundsteine der \u00f6konomischen Welt der Nachkriegszeit. In den folgenden Jahrzehnten richteten die USA ein System ein, in dem liberale Marktwirtschaften, allen voran die USA, vom freien Handel profitierten. Europa schloss sich diesem System an und Japan schlie\u00dflich ebenfalls. Grenzen und Z\u00f6lle entfielen stufenweise mit dem <em>General Agreement on Taxes and Tariffs<\/em> (GATT), das zur Gr\u00fcndung der Welthandelsorganisation (WHO) f\u00fchrte. Die Globalisierung resultierte aus dem Fall der Sowjetunion 1991, womit auch der Kommunismus von der internationalen Weltb\u00fchne verschwand. Die Globalisierung bot L\u00e4ndern wie China die Fundamente f\u00fcr ein schnelles, durch Herstellung und Fertigung getriebenes Wirtschaftswachstum. Letztlich trat China jenen von den Vereinigten Staaten angef\u00fchrten Institutionen bei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit steigender Mitgliederzahl und Diversit\u00e4t kam die WHO ins stocken und verlor die F\u00e4higkeit, einen Konsens in Hinblick auf die Zukunft des globalen Handels zu erzielen. Die Handelsliberalisierung konnte mit der Entwicklung der modernen Wirtschaft nicht Schritt halten. &nbsp;Die westlichen Wirtschaften entwickelten sich im Dienstleistungssektor und im Bereich des digitalen Handels stark weiter. Damit lie\u00dfen sie die Regeln der WTO, die einen Fokus auf G\u00fcter und Waren statt auf Dienstleistungen vorgaben, hinter sich. Unf\u00e4hig auf multiliteraler Ebene voranzuschreiten, begannen gleichgesinnte L\u00e4nder Handelsvertr\u00e4ge in kleineren Gruppen auszuhandeln, wie etwa der <em>Trans Pacific Partnership<\/em> (TPP), welches als Modell f\u00fcr ein umfassendes modernes Freihandelsabkommen dienen sollte und dem jungen <em>Trade in Services Agreement<\/em> (TISA), das darauf abzielte, diesen Sektor unter Mitgliedsl\u00e4ndern zu liberalisieren. Die WHO bleibt lediglich ein Vollstrecker von Regelungen bzgl. des Warenhandels.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die erste Herausforderung des Handelssystems kam von seinem Gr\u00fcnder selbst \u2013 den USA. Die gr\u00f6\u00dfte Volkswirtschaft der Welt wehrt sich gegen die sie bindenden Fesseln, indem sie das System direkt in Frage stellt. Sie fordert die WHO selbst heraus, indem sie ablehnt die Richter des Berufungsgremiums, das Handelsstreitigkeiten regelt, anzuerkennen. W\u00e4hrenddessen versuchen sie uniliterale Streitbeilegungsverfahren bzgl. des Handels geltend zu machen, welche seit den 80er-Jahren nicht mehr angewandt wurden. 2017 trat die USA aus dem TTP zur\u00fcck und begann seine Handelsabkommen mit Kanada und Mexiko durch die NAFTA (<em>North American Free Trade Agreement<\/em>) und mit S\u00fcdkorea (<em>US-Korea Free Trade Agreement<\/em>) neu zu verhandeln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die US-Administration unter Donald Trump m\u00f6chte zu einer Welt des Bilateralismus zur\u00fcckkehren, in der Vertr\u00e4ge zwischen zwei, statt vieler L\u00e4nder ausgehandelt werden. Dies ist eine Welt, die gro\u00dfen Wettbewerbern n\u00fctzt und kleineren Nationen schadet. Amerikas Rolle im globalen System ist heute die Quelle der Unzufriedenheit vieler in den USA. Die Gr\u00fcndung dieses Systems, der Status des US-Dollar als Leitw\u00e4hrung und die Tatsache, dass die Welt heute ohne Grenzen funktioniert, wurden die USA mit Investitionen \u00fcberflutet, was zu einem Handelsdefizit f\u00fchrte. Heute \u00fcbersteigen ausl\u00e4ndische Investitionen in die USA die US-Investitionen in \u00dcbersee.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Hauptquelle der Unzufriedenheit Amerikas lag direkt hinter dem Pazifik &#8211; China. Die zweitgr\u00f6\u00dfte Volkswirtschaft der Welt sch\u00f6pfte die von den USA entwickelte Handelsinfrastruktur vollends aus und nutzte sie als Plattform f\u00fcr ihr astronomisches Wachstum in den letzten drei Jahrzehnten. Die WHO-Mitgliedschaft erm\u00f6glichte es China, als globale Fabrik aufzutreten, die Material aus aller Welt nutzt und dieses in Form von Produkten auf entwickelten M\u00e4rkten verkauft. Ohne Zollbarrieren, hinter denen sich diese M\u00e4rkte verstecken k\u00f6nnten, haben sie M\u00fche diesem Zustrom etwas entgegenzusetzen. Fehlende globale Regelungen in Hinblick auf den Dienstleistungssektor kommen China ebenso gelegen wie nichttarif\u00e4re Handelshemmnisse. Aufgrund seines historischen Leidens unter ausl\u00e4ndischen Kr\u00e4ften, sch\u00e4tzt das Mittelreich Kontrolle und Souver\u00e4nit\u00e4t \u00fcber alles und ist besonders wachsam gegen\u00fcber Einmischungen in seine Gesetze und seine F\u00fchrung. Eine Handelsliberalisierung f\u00fcr G\u00fcter beinhaltet die Reduktion von Z\u00f6llen an der Grenze, w\u00e4hrend eine Liberalisierung f\u00fcr Dienstleistungen mit Problemen innerhalb der Grenze einhergeht. Eine Welt, in der der G\u00fcterhandel liberal ist (und China somit erlaubt seine Produkte zu exportieren), in der der Handel mit Dienstleistungen es aber nicht ist (wodurch China maximale Kontrolle hat), ist deshalb perfekt f\u00fcr die Chinesen. Als Resultat ist China hochmotiviert den Status quo beizubehalten und die WHO zu verteidigen, jedoch wachsam gegen\u00fcber Entwicklungen und \u201emodernen umfassenden Handelsvertr\u00e4gen\u201c, wie etwa dem TPP.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die EU verfolgt weiterhin den Status quo. Mit einer modernen und entwickelten Wirtschaft m\u00f6chte sie Vereinbarungen mit seinen Haupthandelspartnern, welche Dienstleistungen und digitale Wirtschaft umfassen. Die EU sieht sich als Vorbild f\u00fcr andere L\u00e4nder und m\u00f6chte dementsprechend globale Standards setzen, die in der Welt adaptiert werden. W\u00e4hrend sie also den Status quo beibehalten m\u00f6chte, dr\u00e4ngt es sie nach Fortschritt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg war Japan der widerwillige Liberalisierer. Es zog den Export von G\u00fctern vor und wehrte sich gegen Versuche zur Reform japanischer Gesetze, um seinen schwachen Dienstleistungssektor zu sch\u00fctzen. Nun ist es jedoch von S\u00fcdkorea in Schl\u00fcsselstellen des Handelsmarktes ersetzt worden und mit dem rapiden Wachstums Chinas, entschied Japan, sich den globalen Gespr\u00e4chen anzuschlie\u00dfen. Japan und Europa versuchten den Traum vom Freihandel am Leben zu erhalten, indem sie den Abschluss so vieler gro\u00dfer und umfassender Handelsvertr\u00e4ge wie m\u00f6glich anstrebten, einschlie\u00dflich eines gro\u00dfen Handelsvertrags zwischen ihnen im Jahr 2017. Die EU unterzeichnete weiterhin einen Vertrag mit Vietnam und trieb Verhandlungen mit Australien, Mexiko und einem der s\u00fcdamerikanischen Handelsbl\u00f6cken Mercosur (\u201eCommon Market of the South\u201c) voran. Japan war ma\u00dfgeblich daran beteiligt das TPP (nun CPTPP, oder \u201eComprehensive and Progressive Agreement for TPP\u201c) nach dem Austritt der USA am Leben zu erhalten, und erhofft sich ihren Wiedereintritt herbeizuf\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gro\u00dfbritannien ist dabei, den relativen Komfort der EU zu verlassen, welche 43% seiner Exporte und 54% seiner Importe ausmacht.&nbsp; Der f\u00fcnftgr\u00f6\u00dften Volkswirtschaft der Welt wird es wahrscheinlich nicht schwerfallen, Vertr\u00e4ge mit Produktionsexporteuren zu schlie\u00dfen, dies jedoch mit Fokus auf auf Dienstleistungen, da es in diesem Sektor am st\u00e4rksten ist. Seine heimischen Unternehmen werden im Ausland aufgrund der Gesetze der WHO wenig Schutz vorfinden. Das Post-Brexit Gro\u00dfbritannien, wird sich einer Gruppe von L\u00e4ndern anschlie\u00dfen m\u00fcssen, wie im Fall von Japan und der EU, welche energisch umfassende Handelsvertr\u00e4ge unterzeichnen und versuchen, die globalen Handelsstandards zu modernisieren, um ihren \u00f6konomischen Interessen gerecht zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Indien steht vor einer anderen Herausforderung. J\u00e4hrlich treten dem indischen Arbeitsmarkt eine Million Arbeitnehmer bei, weshalb Indien Arbeitspl\u00e4tze schaffen muss. Zur Verwirklichung dessen strebt es die Schaffung einer Fertigungsindustrie wie einst China und Japan an. Diesen Hoffnungen stehen jedoch viele infrastrukturelle, politische und geografische Probleme gegen\u00fcber. Indiens St\u00e4rke liegt im Dienstleistungssektor. Gleichzeitig schw\u00e4chelt es in Hinblick auf seine Landwirtschaft und den Fertigungssektor. Folglich ist es, zumindest was das derzeit vorherrschende weltweite Handelssystem anlangt, schlecht aufgestellt, da der G\u00fcterhandel liberalisiert ist und Dienstleistungen Hindernisse im Wege stehen. Zudem war es lange Zeit ein schwerer und protektionistischer Gespr\u00e4chspartner in multiliteralen Verhandlungen. Indien wird demzufolge danach streben, Wege zu finden, um die Hindernisse seiner Exporte von Dienstleistungen zu reduzieren, oft durch Verhandlungen bilateraler Vertr\u00e4ge. Da die Liberalisierung von Handelsg\u00fctern jedoch oft den Beginn jeglicher Verhandlungen ausmacht, wird es Indien durch seinen typischen Protektionismus schwer haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der globale Handel befindet sich im Wandel. Die USA streben ein anderes Welthandelssystem an, als jenes, welches sie einst schufen, da es nicht l\u00e4nger ihren Interessen dient. Sowohl China als auch die EU k\u00f6nnten die Vereinigten Staaten in ihrer Funktion als Gestalter des Welthandelssystems ersetzen. Jedoch haben sie in dieser Hinsicht voneinander abweichende Vorstellungen, was es unwahrscheinlich macht, dass zwei der drei f\u00fchrenden Wirtschaftsmetropolen zu einer \u00dcbereinkunft kommen \u2013 wie es die Europ\u00e4ische Union und die Vereinigten Staaten zuvor lange taten. Dem einen regionalen Pakt, der Dynamik besitzt &#8211; das <em>Comprehensive and Progressive Agreement for Trans-Pacific Partnership<\/em> (CPTPP) &#8211; geh\u00f6ren weder die EU noch China an. Chinas \u00e4quivalentes Lieblingsprojekt, das <em>Regional Comprehensive Economic Partnership<\/em> (RCEP), scheint durch die abweichenden Interessen seiner Mitglieder wie gel\u00e4hmt. Sie beinhaltet China, welches der Liberalisierung von Dienstleistungen abgeneigt ist, Indien, welches ausschlie\u00dflich \u00fcber Liberalisierung von Dienstleistungen sprechen will, sowie Japan und Australien, die \u00fcber umfassende G\u00fcter- und Dienstleistungsliberalisierung nach dem Vorbild des CPTPP diskutieren m\u00f6chten.&nbsp; Mit dem Unwillen der USA das derzeitige Welthandelssystem anzuf\u00fchren, entstand ein uneinheitliches Feld mit vielen unterschiedlichen L\u00e4ndern, welche jeweils ihre eigenen Interessen und Priorit\u00e4ten verfolgen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus wirtschaftlicher Perspektive betrachtet steht China nun an der Spitze. Es hat die gr\u00f6\u00dfte Volkswirtschaft der Welt (gemessen auf Kaufkraftbasis), ist der gr\u00f6\u00dfte Exporteur und gleichzeitig der gr\u00f6\u00dfte Geldgeber mit Blick auf ausl\u00e4ndische Direktinvestitionen. China ist in einer starken Position, um daraus Profit zu schlagen, insbesondere jetzt, da die USA begonnen haben die \u00f6konomische Ordnung aufzugeben, welche sie einst erschufen, um Chinas Wachstum entgegenzutreten. Es bleibt abzuwarten, welche Architektur China hervorzubringen plant und womit die USA ihre Ordnung, welche ihr sieben Jahrzehnte diente, austauschen wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem Strategic Estimate 2019. 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