{"id":10396,"date":"2019-07-06T00:00:00","date_gmt":"2019-07-05T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=10396"},"modified":"2019-07-06T00:00:00","modified_gmt":"2019-07-05T22:00:00","slug":"existenzfrage-integration","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=10396","title":{"rendered":"Existenzfrage Integration"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kein Brennpunkt nach der Tagesschau, keine Talksendungen von Frank Plasberg, Anne Will oder Maybrit Illner. Dabei warfen die Terroranschl\u00e4ge von Christchurch auf zwei Moscheen w\u00e4hrend des Freitagsgebets eine Vielzahl grunds\u00e4tzlicher Fragen auf, die in diesen sonst gerne genutzten Formaten h\u00e4tten diskutiert werden m\u00fcssen, wie zum Beispiel nach den Motiven der Attent\u00e4ter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwar haben sich Experten hierzulande durchaus dieser Fragestellung gewidmet und den Versuch unternommen, die Hintergr\u00fcnde dieser Tat entsprechend einzuordnen. So spricht der Soziologe und Extremismusforscher Matthias Quent unter Bezugnahme des von dem Attent\u00e4ter im Internet ver\u00f6ffentlichten Manifests von einer <em>neofaschistischen Ideologie [\u2026], die sich in einem Kulturkampf sieht [\u2026] gegen den angeblichen Untergang durch \u00dcberfremdung<\/em>. Die darin enthaltenen Thesen seien sowohl in der rechtsradikalen als auch rechtspopulistischen Szene Neuseelands genauso wie in Australien verbreitet. Die intellektuelle Unterf\u00fctterung dieser Theorien dagegen lie\u00dfen sich Quent zufolge deutlich in Deutschland und Frankreich verorten. Schlie\u00dflich skandiere die Identit\u00e4re Bewegung in ihren Kampagnen dieselben Schlagw\u00f6rter, wie sie im Titel des Manifests zu finden sind: \u201eDer gro\u00dfe Austausch\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ungeachtet dieser Konstatierung bleibt ein bestimmter und angesichts einer zunehmenden gesellschaftlichen Polarisierung ganz wesentlicher Aspekt in der \u00d6ffentlichkeit nahezu unbeachtet. Die Brutalit\u00e4t, mit der der Attent\u00e4ter in Christchurch vorgegangen ist, sowie seine Motive spiegeln bei genauerer Betrachtung das enorme Konfliktpotenzial wider, welches die inzwischen v\u00f6llig ausufernde Integrations- und Minderheitenpolitik in sich birgt. Ein Blick in die sozialen Netzwerke verr\u00e4t, wie explosiv doch der Islam-Diskurs geworden ist und welche Aggressionen \u2013 wenn auch zumeist noch in verbaler Form \u2013 Diskussionen um Kopftuch und Burka lostreten k\u00f6nnen, die bei anderen politischen Themen so nicht zu finden sind. Kann es also sein, dass die Integration im Hinblick auf den Islam an sich bereits soziale Sprengkraft besitzt, die vor dem Hintergrund der weltanschaulichen Differenzen zwischen Mehrheitsgesellschaft auf der einen und der muslimischen Community auf der anderen Seite unvermeidbar ist? Oder liegt es vielmehr an den Integrationszielen und der Art und Weise wie die Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft diese umzusetzen versuchen? Spielen vielleicht auch soziopolitische Transformationsprozesse im Nahen Osten und ihr Einfluss auf die Weltpolitik hierbei eine Rolle?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beantworten lassen sich diese fundamentalen Fragen, indem die historische Genese des Islam-Diskurses in Deutschland einer genaueren Betrachtung unterzogen wird. Bekannterma\u00dfen begann die Einwanderung von Muslimen hierzulande im Zuge des Anwerbeabkommens in den 1960er Jahren insbesondere aus der T\u00fcrkei. In dieser Zeit, aber auch kurz nach dem Anwerbestopp 1973, stand die \u00f6konomische Funktion der <em>Gastarbeiter <\/em>im Zentrum der Wahrnehmung. Auch wenn dieses Label im weiteren Verlauf durch <em>T\u00fcrken<\/em> oder <em>Ausl\u00e4nder<\/em> ersetzt wurde, spielte die religi\u00f6se \u00dcberzeugung der <em>Gastarbeiter<\/em> zu jenem Zeitpunkt keine gro\u00dfe Rolle. Einzelne Debatten wie die Einf\u00fchrung islamischen Religionsunterrichts wurde Experten und Fachpolitikern \u00fcberlassen und stie\u00dfen bei der breiten \u00d6ffentlichkeit kaum auf Interesse. Probleme, die aufgrund der gesellschaftlichen Interaktion mit der ersten Generation der Muslime dann doch auftraten, wurden hingegen auf nationale Spezifika zur\u00fcckgef\u00fchrt, die sich wiederum anhand der Herkunft aus zumeist l\u00e4ndlichen und r\u00fcckst\u00e4ndigen Regionen ihrer Heimatl\u00e4nder erkl\u00e4ren lie\u00dfen. Die Migrationsforscherin Kirsten Hoesch identifiziert an dieser Stelle bereits eine grundlegende Verschiebung in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung. Spezifische Probleme mit Migranten aus muslimischen Herkunftsl\u00e4ndern w\u00fcrden heute pauschal mit dem Islam in Verbindung gebracht, ohne dabei sozio\u00f6konomische Merkmale und Schichtzugeh\u00f6rigkeiten als alternative Erkl\u00e4rungen einzubeziehen. Hoesch zufolge verschob sich die nach nationalen Merkmalen differenzierende Sicht zugunsten der Religion in jenem Augenblick, als die Bedeutung des Islam in der Innenpolitik sowie im Kontext internationaler Konflikte eine immer gr\u00f6\u00dfere Aufmerksamkeit gewann. Auch wenn nach Ansicht vieler Experten diese au\u00dfenpolitische Dimension schon im Jahre 1979 mit der iranischen Revolution und der sowjetischen Invasion in Afghanistan ihren Anfang nahm, gelten allen voran die Ereignisse vom 11. September 2001 als Z\u00e4sur, die den Islam-Diskurs bis heute nachhaltig pr\u00e4gt. Eingebettet in die aktuelle Integrationspolitik wurde dieser Aspekt laut Hoesch nach den Anschl\u00e4gen in London 2005. Erstmals handelte es sich n\u00e4mlich um T\u00e4ter, die in Europa aufwuchsen, sozialisiert wurden und sich daraufhin <em>radikalisierten<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ungeachtet jedoch des exakten Zeitpunktes brachten eben diese Ereignisse eine Debatte in Gang, die sich nicht nur um das Versagen der Integrationspolitik drehte, sondern um eine Verweigerung von Integration. Damit wurde eine Verbindungslinie gezogen zwischen sicherheitspolitischen Fragen einerseits und der Lebenswelt der Muslime im Westen andererseits. Die hochexplosive Mischung dieser beiden Politikfelder fand ihren Ausdruck vor allen Dingen in einer immer aggressiver werdenden Integrationspolitik. Pl\u00f6tzlich wurde die Frage aufgeworfen ob und inwieweit der Islam mit demokratischen Werten zu vereinen sei und wie Muslime zu den westlichen Werten st\u00fcnden. Ist eine friedliche Koexistenz mit ihnen \u00fcberhaupt m\u00f6glich, wenn sie ein \u00fcber ein kontr\u00e4res Werteverst\u00e4ndnis verf\u00fcgen? Der Koran und die Biografie des Propheten wurden nun in verschiedenen Formaten genauer unter die Lupe genommen. Und zwar nicht mehr aus rein wissenschaftlichem Interesse mit einem vornehmlich akademischen Publikum, sondern explizit vor dem Hintergrund der Integrationsdebatte. Die Tatsache, dass sich insbesondere junge Muslime immer st\u00e4rker mit dem Islam identifizieren und gleichzeitig die hiesigen Wertvorstellungen ablehnen, sahen die politisch Verantwortlichen immer weniger als Ausdruck kultureller und weltanschaulicher Vielfalt, sondern zunehmend als sicherheitspolitische Bedrohung. Infolgedessen wurde im Rahmen der Integrationspolitik ein Bekenntnis zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung immer mehr als zwingende Voraussetzung einer gelungenen Integration betrachtet. Politische Standpunkte, die Muslime aus ihrer weltanschaulichen Position heraus formulierten, attackierte man aufs sch\u00e4rfste und r\u00fcckte diese sukzessive in die N\u00e4he extremistischen Gedankenguts. Dadurch entstand eine neue Grundperspektive in der Integrationsdebatte, die das Zusammenleben mit den Muslimen unter den gegebenen Voraussetzungen als existenzbedrohend f\u00fcr die eigene Gesellschaftsordnung verstand. Dass durch diese Grundperspektive die Mehrheitsgesellschaft nicht nur aufgestachelt wurde, sondern sich eine f\u00fcr das islamische Leben bedrohliche Militanz entwickelte, wird unter anderem an der Zahl islamfeindlicher Angriffe deutlich. So gab das Bundesinnenministerium in einer Brosch\u00fcre zum Thema politisch motivierter Kriminalit\u00e4t bekannt, dass allein im Jahr 2017 insgesamt 1.075 Straftaten mit einem islamfeindlichen Hintergrund erfasst wurden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist zwar nachvollziehbar, dass insbesondere in Folge der Ereignisse vom 11. September auch in Deutschland sicherheitspolitische Fragen diskutiert wurden. Wie zum Beispiel, ob hierzulande ein solcher Anschlag zu bef\u00fcrchten sei und welche Ma\u00dfnahmen erforderlich w\u00e4ren, um diese Gefahr abzuwenden. Was die Bundesregierung allerdings daraufhin tat, war nicht nur einen Generalverdacht auszusprechen. Sie definierte das Zusammenleben mit der muslimischen Community auf Grundlage sicherheitspolitscher \u00dcberlegungen neu. Statt die Gefahr m\u00f6glicher Anschl\u00e4ge vor dem Hintergrund der Konflikte in der islamischen Welt und der milit\u00e4rischen Interventionen seitens des Westens zu beurteilen, ist man zu einer folgenschweren Einsch\u00e4tzung gekommen: die Sicherheit der deutschen Gesellschaft und folglich auch eine friedliche Koexistenz unterschiedlicher Lebensentw\u00fcrfe lie\u00dfen sich nur dann gew\u00e4hrleisten, wenn die kulturellen und weltanschaulichen Unterschiede zwischen Muslimen und der Mehrheitsgesellschaft beseitig w\u00fcrden. Somit stellt nicht nur die militante Haltung eines Muslims ein Problem dar, sondern das Bekenntnis zum Islam selbst ger\u00e4t immer st\u00e4rker ins Visier des Verfassungsschutzes. Im Kontext der Integrationsdebatte ist es also nicht mehr allein die Ablehnung des Grundgesetzes zugunsten der Scharia, die als integrationshindernd gesehen wird und gleichzeitig an sicherheitspolitischer Relevanz gewinnt. Bereits die Weigerung, das Kopftuch am Arbeitsplatz abzulegen oder das Gebet an einer Universit\u00e4t verrichten zu d\u00fcrfen, betrachtet man zunehmend unter diesem Aspekt. Derzeit scheinen jedoch Politik und Medien noch immer nicht die zerst\u00f6rerische Wirkung dieser Entwicklung auf das soziale Zusammenleben erkennen zu wollen. Vielmehr wird die aggressive Integrationspolitik r\u00fccksichtlos fortgesetzt. J\u00fcngstes Beispiel ist das Kopftuchverbot an \u00d6sterreichs Grundschulen, welches \u2013 der oben beschriebenen Logik folgend \u2013 aus sicherheitspolitischen \u00dcberlegungen heraus beschlossen wurde. So sagte der bildungspolitische Sprecher der FP\u00d6, Wendelin M\u00f6lz, dass mit dem Verbot ein Signal gegen den <em>politischen Islam<\/em> gesetzt werden solle und kn\u00fcpfte damit an die martialische Rhetorik der ehemaligen Regierungsmitglieder Herbert Kickl und Heinz-Christian Strache an. Diese attestierten dem politischen Islam eine <em>wesensimmanente Feindseligkeit<\/em> und schworen die \u00d6ffentlichkeit bereits im vergangenen Jahr in den <em>Kampf<\/em> gegen den <em>fundamentalistischen Islam<\/em> ein. &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es braucht nicht viel Fantasie, um zu erkennen, dass ein derartiger Umgang mit einer Minderheit und ihrer Weltanschauung den N\u00e4hrboden bereitet, auf dem bestimmte Narrative entstehen, die schlie\u00dflich eine brandgef\u00e4hrliche Stimmung innerhalb der Mehrheitsgesellschaft generieren k\u00f6nnen. Die Folgen werden sich dabei nicht lediglich auf Verbalattacken in sozialen Netzwerken beschr\u00e4nken. Das ganze Ausma\u00df einer solchen Integrations- bzw. Minderheitenpolitik wird erst sichtbar, wenn sie zur Existenzfrage hochstilisiert wird und sich in physischer Gewalt oder wie am Beispiel von Christchurch erneut in einem Terroranschlag entl\u00e4dt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kein Brennpunkt nach der Tagesschau, keine Talksendungen von Frank Plasberg, Anne Will oder Maybrit Illner. 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