{"id":10527,"date":"2020-10-05T00:00:00","date_gmt":"2020-10-04T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=10527"},"modified":"2020-10-05T00:00:00","modified_gmt":"2020-10-04T22:00:00","slug":"zersetzende-begriffe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=10527","title":{"rendered":"Zersetzende Begriffe"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bekanntlich geh\u00f6ren Begriffe zu den wichtigsten Werkzeugen im politischen Diskurs. Mit ihnen k\u00f6nnen Ideen und Standpunkte formuliert und politische Gegner verbal attackiert werden. Sie dienen dazu, die Meinungsbildung genauso wie die Meinungs\u00e4nderung der \u00d6ffentlichkeit zu beeinflussen. Nicht umsonst hat sich die plakative Formel vom \u201eBesetzen der Begriffe\u201c in der politischen Kommunikation l\u00e4ngst durchgesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit Begriffen lassen sich aber auch soziopolitische Missst\u00e4nde beschreiben und zusammenfassen. Dann allerdings dr\u00fccken sie h\u00e4ufig nicht nur den erkannten Missstand aus, sondern transportieren gleichzeitig ein bestimmtes Menschen- und Gesellschaftsbild. Exemplarisch hierf\u00fcr k\u00f6nnen die diversen Frauenbewegungen des Feminismus herangezogen werden. Ihre Kritik ersch\u00f6pfte sich nicht allein darin, die vermeintliche oder tats\u00e4chliche Unterdr\u00fcckung der Frau in Europa lediglich zu benennen. Ausgehend von ihrem Menschenbild versuchte man die Problematik tiefgreifender zu beleuchten und warf die Frage auf, ob es denn \u00fcberhaupt gravierende Unterschiede zwischen M\u00e4nnern und Frauen g\u00e4be, die eine bestimmte Rollenverteilung in einem sozialen Gef\u00fcge rechtfertigen k\u00f6nnte. Aus dieser \u00dcberlegung heraus entwickelte sich allm\u00e4hlich die Idee der Emanzipation und Gleichberechtigung der Frau. Ihr Kernargument bestand darin, dass die vorgefundenen Unterschiede zwischen den Geschlechtern Konstrukte seien, die in Wirklichkeit gar nicht existierten und demzufolge sukzessive aufgehoben werden m\u00fcssten. Nur auf diese Weise lie\u00dfe sich das Ideal einer rechtlichen und gesellschaftlichen Gleichstellung der Frau mit dem Mann herstellen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieses Beispiel macht zum einen deutlich, dass sich hinter Begriffen wie Feminismus, Gleichberechtigung oder Emanzipation konkrete Konzepte verbergen. Zum anderen erfolgt jegliche Kritik an soziopolitischen Verh\u00e4ltnissen keinesfalls wertneutral. Vielmehr wird sie auf Grundlage einer bestimmten weltanschaulichen Perspektive, einem Werteverst\u00e4ndnis oder einem angestrebten Gesellschaftsideal ge\u00fcbt. Das eigene Menschen- und Gesellschaftsbild wurde im obigen Fall zum Ausgangspunkt sowohl f\u00fcr die kritische Auseinandersetzung mit der Stellung der Frau als auch f\u00fcr die daraus entstandenen L\u00f6sungsans\u00e4tze. Gerade Muslime, die sich als politische Akteure begreifen, sollten sich diese Erkenntnis stets vor Augen f\u00fchren, wenn es darum geht, Begriffe oder Narrative in das eigene politische Vokabular einflie\u00dfen zu lassen. Denn \u00fcbernehmen Muslime vorbehaltlos bestimmte Begriffe, \u00fcbernehmen sie gleichzeitig die dahinterstehende Kritik und demzufolge auch das zugrunde liegende Menschen- und Gesellschaftsbild. Welche Gefahren das insbesondere f\u00fcr die eigene politische Agenda haben kann, soll an folgendem Beispiel illustriert werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die derzeitige Integrationspolitik, die sich in jahrelanger Hetze, zahlreichen Verbotsdebatten und der Kriminalisierung von Muslimen widerspiegelt, wird auch innerhalb der Mehrheitsgesellschaft von einigen Seiten kritisch aufgegriffen und unterschiedlich bezeichnet. Neben <em>Islamophobie<\/em> oder <em>Islamfeindlichkeit<\/em> kursiert vor allem unter Soziologen seit einiger Zeit der <em>antimuslimische Rassismus<\/em> als alternativer Begriff und Versuch, die stetig wachsende Feindseligkeit gegen\u00fcber Muslimen pr\u00e4ziser zu beschreiben. Neben dem Rechtsau\u00dfenspektrum sei der antimuslimische Rassismus mittlerweile in der b\u00fcrgerlichen Mitte und sogar in linken Argumentationen zu finden. Obwohl die biologische Unterscheidung hier nicht im Vordergrund steht, sei auch diese Form der Diskriminierung als Ph\u00e4nomen zu begreifen, das auf dem Prozess der sogenannten Rassifizierung aufbaut \u2013 also der Konstruktion von Anderen. Der Rassismusbegriff wird hierbei jedoch weiter gefasst, indem Menschen neben ph\u00e4notypischen Merkmalen zudem auf Basis kultureller und religi\u00f6ser Zuschreibungen markiert werden und eine un\u00fcberbr\u00fcckbare Differenz zur jeweiligen Mehrheitsgesellschaft behauptet wird. Daher sei der antimuslimische Rassismus ein Paradebeispiel f\u00fcr einen <em>Rassismus ohne Rasse<\/em>, wie es der franz\u00f6sische Philosoph Etienne Balibar formulierte, <em>dessen vorherrschendes Thema nicht mehr die biologische Vererbung, sondern die Unaufhebbarkeit der kulturellen Differenz ist<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Den Hass und die Hetze als antimuslimischen Rassismus zu bezeichnen, kann f\u00fcr Muslime auf den ersten Blick durchaus sinnvoll erscheinen. Schlie\u00dflich lehnt der Islam rassistische Vorstellungen vehement ab, besitzen doch Rasse, Hautfarbe oder die Herkunft \u2013 also die ph\u00e4notypischen Merkmale eines Menschen \u2013 im Islam keinerlei Relevanz f\u00fcr das soziale Zusammenleben. Doch die Rassismuskritik, wie sie hierzulande ge\u00fcbt wird, setzt an einem ganz bestimmten Punkt an, was sich auf die gesellschaftliche Betrachtung insgesamt auswirkt. Durch den Prozess der Rassifizierung werden zun\u00e4chst Unterschiede konstruiert. Diese sozial hergestellten Unterschiede lassen sich anschlie\u00dfend in entsprechende Deutungsmuster einbetten, womit eine Auf- und Abwertung der jeweiligen Menschenrasse einhergehe. Dem Rassismusforscher Rudolf Leiprecht zufolge werden auf diese Weise Menschen, die einer <em>konstruierten<\/em> Gruppe angeh\u00f6ren, als homogene Gruppe und nicht mehr als individuelle Akteure verstanden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der antimuslimische Rassismus funktioniere in gleicher Weise. So w\u00fcrden die hierlebenden Muslime auf kultur- bzw. religionsspezifische Merkmale reduziert und dadurch homogenisiert, ohne dabei die ganze Bandbreite an verschiedenen Interpretationen und Ansichten \u00fcber den Islam zu ber\u00fccksichtigen, die innerhalb der muslimischen Community existieren. So unterschieden sich Muslime hinsichtlich ihrer Religiosit\u00e4t stark voneinander. Auch spiele der Islam f\u00fcr den Einzelnen Muslim nicht immer eine zentrale Rolle im Leben, vor allem wenn es um die Identit\u00e4tsbildung geht. Entscheidend an dieser Stelle ist jedoch, dass derartige Markierungen auf Basis kultureller- und religi\u00f6ser Aspekte genauso wie im biologischen Rassismus als soziale <em>Konstrukte<\/em> aufgefasst werden, die ihren Ausdruck in der inzwischen fest etablierten Plattit\u00fcde findet, es gebe nicht <em>den<\/em> Islam. Die Gefahr, die sich f\u00fcr die politisch aktiven Muslime daraus ergibt, ist offenkundig; existieren nicht <em>der<\/em> Islam und <em>die<\/em> Muslime, so existiert auch nicht <em>die<\/em> muslimische Gemeinschaft. Die logische Konsequenz w\u00e4re, dass Muslime in so einem Fall ungeachtet ihrer Differenzen und Meinungsverschiedenheiten nicht als Kollektiv wahrgenommen werden w\u00fcrden. Sie k\u00f6nnten nicht als Repr\u00e4sentanten ihrer eigenen Community fungieren und in ihrem Namen sprechen. Ebenso wenig lie\u00dfen sich vitale Interessen definieren, wie zum Beispiel der Schutz der islamischen Identit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist nicht zu \u00fcbersehen, dass hier zwei unterschiedliche gesellschaftliche Betrachtungen aufeinanderprallen. Die tats\u00e4chlich bestehende innerislamische Pluralit\u00e4t stellt aus Sicht des Islam nicht das Problem dar, solange sie nicht den daf\u00fcr vorgesehenen Rahmen sprengt. Denkt man die Gesellschaft jedoch vom Individuum her, wird diese Pluralit\u00e4t \u00fcber die muslimische Community gesetzt \u2013 was zu den oben genannten Folgen f\u00fchren k\u00f6nnte. Der antimuslimische Rassismus ist somit nicht nur ein Konzept, dass die Diskriminierung von Muslimen zu beschreiben versucht, sondern es transportiert das linksliberale bzw. postmoderne Gesellschaftsbild, welches das Individuum ins Zentrum der Betrachtung r\u00fcckt und jegliche Formen kollektiver Identit\u00e4t als <em>Konstrukte<\/em> abwertet und unterdr\u00fcckt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor diesem Hintergrund werden die hiesigen Unzul\u00e4nglichkeiten im Umgang mit weltanschaulichen Minderheiten erneut sichtbar. Im Grunde genommen kann die bundesdeutsche Gesellschaft lediglich mit zwei Ans\u00e4tzen aufwarten, die im Kern allerdings auf dieselbe Problematik zur\u00fcckgehen. Der erste Ansatz geht zun\u00e4chst von der Existenz kultureller und weltanschaulicher Differenzen aus. F\u00fcr ein friedliches Zusammenleben seien diese Differenzen jedoch ein Hindernis und m\u00fcssten zwangsl\u00e4ufig aufgel\u00f6st werden. Je nachdem welche politische Str\u00f6mung das Ruder in der Hand h\u00e4lt, werden die Minderheiten vor die Wahl gestellt, sich entweder zum Wertekanon der Mehrheitsgesellschaft zu bekennen oder die Heimreise anzutreten. Erstere \u00e4u\u00dfert sich in der aktuellen Integrationspolitik und w\u00fcrde bei konsequenter Umsetzung in einen Ethnozid m\u00fcnden. Der linksliberale Ansatz dagegen erkennt die weltanschaulichen Differenzen zwar an. Allerdings als blo\u00dfen Ausdruck individueller Selbstentfaltung, aus der heraus keine Gruppenidentit\u00e4t entstehen darf, die sich \u00fcber dem Primat der individuellen Freiheitsrechte stellen w\u00fcrde. Denn diese bilden das Werteger\u00fcst, dem sich die Menschen mit ihren diversen Lebensentw\u00fcrfen unterzuordnen haben. Die friedliche Koexistenz unterschiedlicher Bekenntnisse sei somit nur unter diesen Voraussetzungen m\u00f6glich, was jedoch eine kulturell-weltanschauliche Gleichmacherei zur Folge h\u00e4tte. Deutlich abzulesen l\u00e4sst sich diese Vorgehensweise an der Multi-Kulti-Idee, die der Soziologe Rainer Gei\u00dfler wie folgt skizziert: <em>Ein Kern von gemeinsamen Grundwerten garantiert den Zusammenhalt des Ganzen und setzt der Verschiedenheit und dem Recht auf kulturelle Differenz und dem Prinzip der kulturellen Gleichwertigkeit Grenzen. Der gemeinsame Rahmen hat klaren Vorrang vor den besonderen Teilkulturen<\/em>. Beiden Ans\u00e4tzen ist demzufolge gemein, dass sie kulturell-weltanschauliche Differenzen als Hindernis f\u00fcr die Funktionsweise und den Zusammenhalt einer Gesellschaft sehen. Ebenso sind sich beide Ans\u00e4tze darin einig, diese Differenzen mittel- oder langfristig beseitigen zu m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um sich den gegenw\u00e4rtigen Assimilierungstendenzen wirksam entgegenzustellen, ist es unverzichtbar, dass sich die muslimische Gemeinschaft als politischer Akteur in den Diskurs aktiv einbringt. Doch genauso unverzichtbar ist die kritische Auseinandersetzung mit Begriffen, die diese Tendenzen in welcher Art auch immer zu beschreiben versuchen. Der antimuslimische Rassismus ist ein hervorragendes Beispiel daf\u00fcr, welche Tragweite eine unreflektierte \u00dcbernahme politischer Begriffe und Narrative f\u00fcr die eigene Agenda haben kann. Denn die Zukunft der Muslime in Deutschland kann sicherlich nicht darin bestehen, unter dem Deckmantel der Idee einer kulturellen Gleichwertigkeit die eigene \u00dcberzeugung den sogenannten Grundwerten unterzuordnen, bis diese sich komplett aufl\u00f6st. Genau dieses linksliberale Gesellschaftskonzept steckt hinter dem <em>antimuslimischen Rassismus<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus diesem Grund muss die muslimische Gemeinschaft damit beginnen, den Islam-Diskurs durch eigene Begriffe zu pr\u00e4gen, die ihre Standpunkte nicht nur pr\u00e4zise wiedergeben, sondern vor allen Dingen im Einklang mit ihren gesellschaftlichen Vorstellungen stehen. Denn im Gegenzug laufen Muslime Gefahr, die islamische Identit\u00e4t mit Hilfe von Begriffen sch\u00fctzen zu wollen, ohne dabei zu bedenken, dass es wom\u00f6glich genau diese Begriffe sind, die ihre Identit\u00e4t zu zersetzen versuchen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bekanntlich geh\u00f6ren Begriffe zu den wichtigsten Werkzeugen im politischen Diskurs.<\/p>\n","protected":false},"author":109,"featured_media":849,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[389,2065],"class_list":["post-10527","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","tag-begriffe","tag-politischen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10527","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/109"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10527"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10527\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/849"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10527"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10527"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10527"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}