{"id":10555,"date":"2021-01-04T00:00:00","date_gmt":"2021-01-03T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=10555"},"modified":"2021-01-04T00:00:00","modified_gmt":"2021-01-03T23:00:00","slug":"die-impfstrategie-des-kalifats","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=10555","title":{"rendered":"Die Impfstrategie des Kalifats"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Menschen hatten schon immer mit Seuchen zu k\u00e4mpfen. Besonders gef\u00fcrchtet waren die Pocken, die durch das Pocken bzw. Variolavirus ausgel\u00f6st werden. \u00dcber Jahrtausende wurden die Menschen von dieser Krankheit heimgesucht, die bis in die Neuzeit die h\u00e4ufigste Todesursache war. Als die Europ\u00e4er Amerika eroberten, brachten sie auch das Pockenvirus mit und l\u00f6schten teilweise ganze V\u00f6lker damit aus, die im Gegensatz zu den Europ\u00e4ern mit dieser Krankheit noch nicht in Ber\u00fchrung gekommen waren und deshalb niemand immun dagegen war. Wer sich infizierte und die Pocken \u00fcberlebte, war oftmals f\u00fcr sein Leben gezeichnet, denn der K\u00f6rper war mit Narben \u00fcbers\u00e4t. H\u00e4tten sich die Menschen damals ihre Seuche aussuchen k\u00f6nnen, h\u00e4tten sie wahrscheinlich Corona den Pocken vorgezogen. Denn die Pocken waren f\u00fcr Menschen aller Altersstufen gef\u00e4hrlich, vor allem aber f\u00fcr Kinder, die h\u00e4ufig an Pocken starben. Mit einer internationalen Impfstrategie konnten die Pocken schlie\u00dflich ausgerottet werden, nachdem auch der letzte Mensch, der sich mit dem Pockenvirus infiziert hatte, geheilt war. Im Jahr 1979 verk\u00fcndete die WHO daher die Ausrottung dieser Seuche, die nur von Mensch zu Mensch \u00fcbertragbar ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu Beginn des 18. Jahrhunderts f\u00fchrte das Kalifat, in welchem die Pocken &#8211; wie in anderen Teilen der Welt auch &#8211; regelm\u00e4\u00dfig ausbrachen, den seinerzeit fortschrittlichsten Feldzug gegen diese Seuche und legte den Grundstein f\u00fcr das Impfen in Europa. Impfpraktiken gab es schon, aber die Muslime haben erstmals Massenimpfungen gegen die Pocken durchgef\u00fchrt. Die Pockenimpfung sollte sich dadurch in der ganze Welt verbreiten. Anlass war der Ausbruch einer Pockenepidemie in Konstantinopel, durch die jedes zehnte Kind starb. Als der Kalif Ahmad III., der zwischen 1703 und 1730 regierte, von einer in Europa noch unbekannten Methode h\u00f6rte, bei der \u00c4rzte gesunde Menschen mit dem Pockenvirus infizierten, um sie immun zu machen, lie\u00df er sie im Kalifat in gro\u00dfem Rahmen durchf\u00fchren. Dies geschah in Form der Inokulation, sp\u00e4ter auch Variolation genannt, bei der die Haut des Gesunden angeritzt wird, um \u00fcber kleine Wunden die Krankheitserreger zu \u00fcbertragen, die man zuvor den Wunden Pockenkranker entnommen hatte. Das Virenmaterial stammte von nur leicht Erkrankten, so dass die Geimpften ebenfalls nur leichte Krankheitssymptome zeigten, ohne dass die Krankheit t\u00f6dlich verlief, da das Immunsystem aktiviert wurde. Dadurch wurden sie dauerhaft immun gegen die Pocken. Ahmad III. lie\u00df tausende Kinder erfolgreich impfen. Das Vorpreschen des Kalifen gibt die islamische Einstellung wieder, die auf dem folgenden Hadith basiert:<\/p>\n\n\n\n<section class=\"wp-block-kommy-hadith-block\"><p class=\"hadith-block-arabic\"><span class=\"hadith-block-arabic-content\">\u00ab\u0625\u0646 \u0627\u0644\u0644\u0647 \u0639\u0632 \u0648\u062c\u0644 \u0644\u0645 \u064a\u0646\u0632\u0644 \u062f\u0627\u0621 \u0625\u0644\u0627 \u0623\u0646\u0632\u0644 \u0644\u0647 \u0634\u0641\u0627\u0621\u00bb<\/span><\/p><p class=\"hadith-block-trans-ref\"><span class=\"hadith-block-translation\">Allah hat keine Krankheit herabkommen lassen, ohne dass Er f\u00fcr sie zugleich ein Heilmittel herabkommen lie\u00df.<\/span><span class=\"hadith-block-reference\"><span>[<\/span><span class=\"hadith-block-reference-content\">Bu\u1e2b\u0101r\u012b<\/span><span>]<\/span><\/span><\/p><\/section>\n\n\n\n<p class=\"zentriert arabicfont wp-block-paragraph\">Auf diese Weise setzte es sich durch, dass selbst M\u00fctter ihre Kinder gegen Pocken impften. F\u00fcr diese Methode war nicht einmal ein Mediziner n\u00f6tig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Emanuel Timonius, ein italienischer Arzt, der im Osmanischen Reich lebte, berichtete 1713 in einem Brief an die Royal Society von der Methode der Inokulation im Kampf gegen die Pocken. Er zeigte sich begeistert von ihrer Anwendung im Kalifat, denn die behandelten Menschen erkrankten nur leicht und zeigten nach ihrer Genesung keine Entstellungen, wie es bei der Pockenkrankheit \u00fcblich war. Die Europ\u00e4er waren f\u00fcr diese Methode jedoch nicht offen, denn sie vertraten die Einstellung, dass es t\u00f6dlich sei, jemanden mit dem Pockenvirus zu infizieren. Sie hielten es f\u00fcr eine v\u00f6llig abwegige Idee, Gesunde mit einer so gef\u00e4hrlichen Krankheit anzustecken und sie der Gefahr auszusetzen, an Pocken zu sterben. Hierbei bedachten sie nicht, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder sich auf nat\u00fcrliche Weise ansteckten und schwer erkrankten und starben im Grunde h\u00f6her lag als die Wahrscheinlichkeit, an der Pockenimpfung zu sterben. Denn die Pockenseuche war immer gegenw\u00e4rtig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trotz allem fand die Pockenimpfung, die Ahmad III. anwenden lie\u00df, ihren Weg vom Kalifat nach Europa. Jedoch gilt in Europa nicht Ahmad III. als Impfpionier, sondern Lady Mary Montagu, die die Impfmethode der \u201eT\u00fcrken\u201c in England propagierte. Sie war die Frau des englischen Botschafters im Osmanischen Reich und sah im Jahr 1717, wie Frauen in Konstantinopel ihre Kinder mit Pocken infizierten. Anfangs hielt sie diese Praxis f\u00fcr barbarisch, bis sie begriff, welcher Sinn dahintersteckt: \u201eDie Pocken sind hier v\u00f6llig harmlos &#8211; dank der Erfindung des &#8218;Aufpfropfens&#8216;, wie man es nennt. Alte Frauen haben es zu ihrem Beruf gemacht, die Operation auszuf\u00fchren. Mit einer Nussschale voll der besten Pustelfl\u00fcssigkeit kommt eine und fragt, wo man denn m\u00f6chte, dass ein Kind geritzt wird. Dann \u00f6ffnet sie ein \u00c4derchen mit einer gro\u00dfen Nadel und gibt so viel Fl\u00fcssigkeit hinein, wie auf der Nadelspitze Platz hat, und die kleine Wunde wird verbunden. Die gepfropften Kinder spielen zusammen, und sieben Tage bleiben sie bei bester Gesundheit. Am achten bekommen sie Fieber und h\u00fcten zwei, drei Tage das Bett. Im Gesicht haben sie kaum mehr als zwanzig oder drei\u00dfig Pusteln, die keine Narben hinterlassen, und nach einer Woche sind sie wieder gesund. Tausende unterziehen sich j\u00e4hrlich dieser Behandlung, und der franz\u00f6sische Gesandte hat gesagt, hier in der T\u00fcrkei erledigt man die Pocken zum Zeitvertreib, so wie man andernorts auf Kur f\u00e4hrt. Es gibt keinen einzigen Todesfall, und Ihr k\u00f6nnt mir glauben, dass ich das Experiment f\u00fcr \u00e4u\u00dferst unbedenklich halte, denn ich will es umgehend an meinem eigenen lieben kleinen Sohn ausprobieren.&#8220; Lady Mary Montagu war fasziniert von der Pockenimpfung, denn sie hatte 1715 eine schwere Pockenkrankheit durchlebt und war von den Narben so gezeichnet, dass sie sich im Spiegel kaum wiedererkannte. Au\u00dferdem war zuvor schon ihr Bruder an Pocken gestorben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zun\u00e4chst stie\u00df die Idee von der Pockenimpfung nach dem Vorbild des Kalifats auf Widerstand in England. Man testete die Methode nach typisch englischer Art anfangs an Waisen und Verbrechern. Erst nachdem diese Versuche erfolgreich waren, konnte Lady Montagu K\u00f6nig George I. \u00fcberreden, seine Enkel impfen zu lassen. Das Pockenimpfen blieb jedoch ein Privileg des Adels und der Oberschicht, denn, anders als im Kalifat, nahmen \u00c4rzte die Inokulation vor und lie\u00dfen sich daf\u00fcr gut bezahlen. Die Pockenimpfung kam in Mode und Lady Montagu wurde schlagartig ber\u00fchmt. Bis heute wird die Inokulation in Europa auf sie zur\u00fcckgef\u00fchrt, statt den Kalifen Ahmad III. damit in Verbindung zu bringen, ohne den im 18. Jahrhundert die Pockenimpfung nie bis nach Europa vorgedrungen w\u00e4re. Darauf aufbauend konnte sp\u00e4ter die eigentliche Schutzimpfung gegen Pocken entwickelt werden, bei der Menschen mit harmlosen Kuhpockenviren infiziert werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Menschen hatten schon immer mit Seuchen zu k\u00e4mpfen. Besonders gef\u00fcrchtet waren die Pocken, die durch das Pocken bzw. Variolavirus ausgel\u00f6st werden.<\/p>\n","protected":false},"author":92,"featured_media":2992,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[1248,1417],"class_list":["post-10555","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-beitraege-zum-kalifat","tag-impfstrategie","tag-kalifats"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10555","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/92"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10555"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10555\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2992"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10555"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10555"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10555"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}