{"id":10570,"date":"2021-02-14T00:00:00","date_gmt":"2021-02-14T00:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=10570"},"modified":"2021-02-14T00:00:00","modified_gmt":"2021-02-14T00:00:00","slug":"interview-mit-einem-vertreter-des-medienbueros-von-hizb-ut-tahrir-im-deutschsprachigen-raum-zum-hundertsten-jahrestag-der-zerstoerung-des-kalifats-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=10570","title":{"rendered":"Interview mit einem Vertreter des Medienb\u00fcros von Hizb-ut-Tahrir im deutschsprachigen Raum zum hundertsten Jahrestag der Zerst\u00f6rung des Kalifats \u2013 Teil 1"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Bei dem folgenden Interview handelt es sich um den ersten Teil einer Interviewreihe anl\u00e4sslich des hundertsten Jahrestages der Zerst\u00f6rung des Kalifats. Die Interviews sind Teil der globalen Kampagne von Hizb-ut-Tahrir, die ins Bewusstsein rufen soll, dass es sich bei dem Kalifat um ein vitales Interesse, ja um die Schicksalsfrage der Umma handelt. Die Kampagne soll einen Impuls aussenden und bei den Muslimen das Bestreben wecken, sich nach Kr\u00e4ften f\u00fcr die Wiedererrichtung des rechtgeleiteten Kalifats einzusetzen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Kalifat.com:<\/strong> As-salamu aleykum wa rahmatullahi wa barakatuh. Herzlich willkommen Bruder. Normalerweise w\u00fcrde ich jetzt meine Freude ausdr\u00fccken, dich wieder bei uns begr\u00fc\u00dfen zu k\u00f6nnen, doch ich muss zugeben, dieses Mal sind meine Gef\u00fchle etwas gespalten. Denn der Anlass unseres heutigen Interviews ist der hundertste Jahrestag der Zerst\u00f6rung des Kalifats \u2013 vielleicht das dunkelste Kapitel der islamischen Geschichte. Gleichwohl freue ich mich auf die Perspektiven, die unser Gespr\u00e4ch er\u00f6ffnen wird inscha Allah.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Mediensprecher:<\/strong> Wa aleykum us-salam wa rahmatullahi wa barakatuh. Vielen Dank f\u00fcr die Einladung, lieber Bruder. Nat\u00fcrlich steht dieses Datum f\u00fcr ein schmerzliches Gedenken, daher kann ich deine gemischten Gef\u00fchle sehr gut nachvollziehen. Nichtsdestotrotz ist es von zentraler Bedeutung, sich gerade mit diesem bitteren Ereignis auseinanderzusetzen und dieses zu reflektieren. Ein solcher Reflektionsprozess stellt die Grundvoraussetzung f\u00fcr die Umma dar, die eigene Situation zu begreifen und hierauf danach zu streben, erneut jenen Platz einzunehmen, der dieser Umma geb\u00fchrt. Vergessen wir nicht, dass Allah (swt) sagt:<\/p>\n\n\n\n<section class=\"wp-block-kommy-quran-block\"><p class=\"quran-block-arabic\"><span>\ufd3f<\/span><span class=\"quran-block-arabic-content\">\u0643\u064f\u0646\u0652\u062a\u064f\u0645\u0652 \u062e\u064e\u064a\u0652\u0631\u064e \u0623\u064f\u0645\u064e\u0651\u0629\u064d \u0623\u064f\u062e\u0652\u0631\u0650\u062c\u064e\u062a\u0652 \u0644\u0650\u0644\u0646\u064e\u0651\u0627\u0633\u0650 \u062a\u064e\u0623\u0652\u0645\u064f\u0631\u064f\u0648\u0646\u064e \u0628\u0650\u0627\u0644\u0652\u0645\u064e\u0639\u0652\u0631\u064f\u0648\u0641\u0650 \u0648\u064e\u062a\u064e\u0646\u0652\u0647\u064e\u0648\u0652\u0646\u064e \u0639\u064e\u0646\u0650 \u0627\u0644\u0652\u0645\u064f\u0646\u0652\u0643\u064e\u0631\u0650 \u0648\u064e\u062a\u064f\u0624\u0652\u0645\u0650\u0646\u064f\u0648\u0646\u064e \u0628\u0650\u0627\u0644\u0644\u064e\u0651\u0647\u0650<\/span><span>\ufd3e<\/span><\/p><p class=\"quran-block-trans-ref\"><span class=\"quran-block-translation\">Ihr seid die beste Gemeinschaft, die je den Menschen hervorgebracht wurde. Ihr gebietet das Rechte und verbietet das Unrecht und glaubt an Allah.<\/span><span class=\"quran-block-reference\"><span>[<\/span><span class=\"quran-block-reference-content\">3:110<\/span><span>]<\/span><\/span><\/p><\/section>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist dieser Anspruch, dem wir gerecht werden m\u00fcssen. Der Anspruch die f\u00fchrende Nation zu sein, die der Menschheit den rechten Weg weist und sie vor dem Verderben bewahrt, das heute allgegenw\u00e4rtig ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Kalifat.com: <\/strong>Vielen Dank f\u00fcr diese einleitenden Worte. Ich m\u00f6chte zun\u00e4chst aber noch einen Schritt zur\u00fcckgehen und auf das Ereignis \u2013 also die Zerst\u00f6rung des Kalifats \u2013 etwas st\u00e4rker fokussieren. Wie die meisten wissen, wurde am 28. Ra\u011fab 1342 n.&nbsp;H. das Kalifat durch den Verr\u00e4ter und <em>k\u0101fir<\/em> Mustafa Kemal offiziell abgeschafft und durch einen laizistischen Nationalstaat \u2013 die t\u00fcrkische Republik \u2013 ersetzt. Welche Bedeutung hat dieses Ereignis f\u00fcr uns?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Mediensprecher: <\/strong>In erster Linie ist das islamische Regierungssystem zerst\u00f6rt und damit die gesellschaftspolitische Umsetzung der Scharia au\u00dfer Kraft gesetzt worden. Die Umma befindet sich damit seit 100 Jahren in einem Vers\u00e4umniszustand, denn Allah (swt) hat sie dazu verpflichtet, einen Kalifen aufzustellen, der die Angelegenheiten der Menschen nach Seinen Ge- und Verboten regelt \u2013 also mit dem regiert, was Allah (swt) offenbart hat. Die diesbez\u00fcglichen Texte sind eindeutig und die Gelehrten waren sich \u00fcber den absoluten Pflichtcharakter des Kalifats stets einig. Durch ihre Ausf\u00fchrungen lie\u00dfen sie keinen Zweifel daran, dass jeder Muslim sich dieser Pflicht auch bewusst sein muss. Ibn Taimiya sagte: <em>Jeder muss wissen, dass die Betreuung des Volkes eine der gr\u00f6\u00dften Verpflichtungen darstellt. In der Tat kann der d\u012bn nur durch das Kalifat etabliert werden.<\/em> Ausgehend von dieser Perspektive m\u00fcssen wir uns mit der Zerst\u00f6rung des Kalifats auseinandersetzen und s\u00e4mtliche Implikationen und Dimensionen m\u00fcssen unter dieser Pr\u00e4misse diskutiert werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Kalifat:<\/strong> Ok, du hast jetzt die islamrechtliche Dimension angesprochen. Welche gilt es noch zu beachten?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Mediensprecher: <\/strong>Die Zerst\u00f6rung des Kalifats war nat\u00fcrlich ein hochpolitisches Ereignis, das die Weltordnung nachhaltig ver\u00e4ndert hat. Uns sollte bewusst sein, dass der Islamische Staat seit der <em>hi\u011fra<\/em> des Propheten (s) existierte und in all seinen Ausformungen, also auch im Staat der Omaijaden, Abbasiden und Osmanen, die politische Struktur der Umma verk\u00f6rperte. Im Kalifat manifestierten sich s\u00e4mtliche politische Handlungen, seien sie innen- oder au\u00dfenpolitischer, sozial- oder wirtschaftspolitischer Natur \u2013 im Grunde also alles, was einen Staat ausmacht. Es war ein ideologischer Staat, der die islamische Weltanschauung politisch etabliert, oder, anders ausgedr\u00fcckt, die Scharia praktisch und vollumf\u00e4nglich angewendet hat. Eine solche Struktur stellt die Grundvoraussetzung f\u00fcr die politische Handlungsf\u00e4higkeit der Umma dar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Kalifat:<\/strong> Also keine Politik ohne Staat?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Mediensprecher: <\/strong>Jawohl, wenn es um kollektive Interessen geht, den Einfluss auf die internationale Politik, um zwischenstaatliche Beziehungen und darum, die globale Ordnung zu gestalten oder sogar zu dominieren, dann ist die staatliche Verfasstheit einer Nation die Grundvoraussetzung. Es geht also nicht um Individuen, politische Parteien oder Bewegungen, sondern um die politische Existenz einer ganzen Nation. Alle Akteure, die politische Wirkmechanismen tats\u00e4chlich begreifen, streben stets danach, ihre Ideen in eine ausf\u00fchrende Struktur zu \u00fcberf\u00fchren; in eine Struktur, durch die sie ihre politischen Aktivit\u00e4ten auf die Metaebene heben k\u00f6nnen. Als Hizb-ut-Tahrir sind wir bereits jetzt \u2013 auch ohne Staat \u2013 politisch aktiv. Das stimmt. Aber unsere Arbeit zielt ja gerade darauf, diese zwingende Voraussetzung zu schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Kalifat.com: <\/strong>Das klingt etwas abstrakt und theoretisch. Wie sieht das in der Praxis aus?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Mediensprecher: <\/strong>Im Grunde geht es um das Verh\u00e4ltnis zwischen politischer Philosophie und politischer Handlung, zwischen Theorie und Praxis. Um mal ein konkretes Beispiel zu nennen: Was w\u00e4re Marx ohne Lenin? Der Sozialismus ohne die Sowjetunion? Marx und Engels haben die politische Philosophie entwickelt, sind aber \u00fcber dieses Stadium nie wirklich hinausgekommen. Erst durch die Bolschewiki, die Oktoberrevolution und die politische Machtergreifung konnte diese Ideologie ihre gesamte Wirkkraft entfalten. W\u00e4hrend Marx im politischen Exil dahinvegetierte, betraten seine geistigen Nachkommen als Staatsf\u00fchrer die politische Weltb\u00fchne. Aber auch der sogenannte Westen konnte nur deswegen aufsteigen, weil die Ideen der Aufkl\u00e4rung in staatliche Strukturen \u00fcberf\u00fchrt wurden. Damit Ideen die Welt ver\u00e4ndern, m\u00fcssen sie sich auf gesellschaftspolitischer Ebene widerspiegeln, nicht nur in Einzelpersonen oder Gruppierungen. Das hierf\u00fcr eindrucksvollste und f\u00fcr uns normativ bindende Beispiel ist nat\u00fcrlich der Prophet Mu\u1e25ammad (sas), der den Islam nicht nur Individuen ans Herz legte, sondern ihn vollumf\u00e4nglich zur Anwendung brachte. Die <em>hi\u011fra<\/em> und die Gr\u00fcndung des Islamischen Staates in Medina zeigen in aller Deutlichkeit, dass der Islam nicht nur eine theoretische Anschauung vermittelt, sondern \u00fcber eine konkrete Lebens- und Gesellschaftsordnung verf\u00fcgt. Es war diese vollumf\u00e4ngliche Anwendung des Islam \u2013 im Rahmen staatlicher Strukturen \u2013 durch die sich eine unglaubliche Dynamik entwickelte und der Islamische Staat innerhalb k\u00fcrzester Zeit zu einem Schwergewicht der internationalen Politik wurde und zur unangefochtenen Weltf\u00fchrungsmacht aufstieg. Egal in welcher Epoche, solange die Umma \u00fcber staatliche Strukturen verf\u00fcgte, war sie handlungsf\u00e4hig und konnte ihren Interessen Nachdruck verleihen. Das m\u00fcssen wir begreifen, um tats\u00e4chlich zu verstehen, was f\u00fcr ein massiver Einschnitt die Zerst\u00f6rung des Kalifats darstellte und bis heute darstellt. Die katastrophalen Folgen sind ja nicht zu \u00fcbersehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Kalifat.com: <\/strong>Du sprichst von katastrophalen Folgen. Kannst du das etwas ausf\u00fchren?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Mediensprecher: <\/strong>Zun\u00e4chst muss uns bewusst sein, dass die Abschaffung des Kalifats nicht das Ergebnis eines sterilen politischen Prozesses war \u2013 eine friedliche Reform etwa, die die Menschen von einer Gesellschaftsform in die andere \u00fcberf\u00fchrte. Vielmehr war es ein Gewaltakt und das Ergebnis eines feindlichen, kolonialistischen Komplotts, das vor allem von Gro\u00dfbritannien und Frankreich gesteuert wurde. Denn diese beiden Staaten standen dem Osmanischen Kalifat nicht nur als direkte Kriegsparteien gegen\u00fcber, sondern wendeten auch hybride Strategien an. Sie gr\u00fcndeten und unterst\u00fctzten oppositionelle Gruppen, die im Osmanischen Staat nationalistisches und faschistoides Gedankengut verbreiteten und dadurch einen inneren Zersetzungsprozess forcierten. Gro\u00dfbritannien machte es sich zur Aufgabe, Kurden, Araber und T\u00fcrken gegeneinander auszuspielen, Frankreich setzte vor allem auf christlichen Separatismus in der Levante und dem zaristischen Russland gelang es, christlich-orthodoxe Minderheiten gegen das Kalifat in Stellung zu bringen. In der Konsequenz war es dieses tribale und v\u00f6lkische Denken europ\u00e4ischer Pr\u00e4gung sowie die aktive Anstiftung zur Rebellion, die zu Massakern, Vertreibungen und ethnischen S\u00e4uberungen mit unz\u00e4hligen Toten f\u00fchrte. Menschen, die jahrhundertelang friedlich unter dem Banner des Kalifats zusammenlebten, wurden zu Feinden gemacht und fielen \u00fcbereinander her. Historikern zufolge starb in dieser Phase ein Viertel der Gesamtbev\u00f6lkerung des einstmaligen Weltreiches \u2013 nicht nur durch direkte Gewalteinwirkung, sondern durch die Verwerfungen insgesamt. Wir d\u00fcrfen nicht vergessen, dass die Grundversorgung durch diese zahlreichen Konflikte vollst\u00e4ndig kollabierte und Menschen Hungersn\u00f6ten und Seuchen massenweise zum Opfer fielen. Im Grunde wurde die ganze Gesellschaft gesprengt, um auf diesem Tr\u00fcmmerhaufen den Nahen und Mittleren Osten neu ordnen zu k\u00f6nnen. Der ungl\u00e4ubige Verr\u00e4ter Mustafa Kemal war in diesem Zusammenhang nur ein Vollstreckungsgehilfe westlicher Kolonialpolitik, die bis zum heutigen Tage nachwirkt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Kalifat.com:<\/strong> Da du die Nachwirkung der Kolonialpolitik ansprichst; kann man sagen, dass die heutigen Konflikte in der islamischen Welt auch eine Folge der Zerst\u00f6rung des Kalifats sind?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Mediensprecher:<\/strong> Absolut, die gegenw\u00e4rtige Ordnung in der islamischen Welt ist auf dem kolonialen Rei\u00dfbrett entstanden. Wir sehen \u00fcber 50 Nationalstaaten, die weltpolitisch unbedeutend und in gro\u00dfen Teilen dysfunktional sind. Das Einzige wof\u00fcr diese Staaten gut sind, ist die Unterdr\u00fcckung der eigenen Bev\u00f6lkerung. Es handelt sich also um Unterdr\u00fcckungsinstrumente, die den erneuten Aufstieg der Umma verhindern und die politische Spaltung aufrechterhalten sollen. Auf horizontaler Ebene geschieht dies durch Abgrenzungsmerkmale, die konstruiert und durch nationale Identit\u00e4ten formalisiert wurden. Mir kann doch niemand erz\u00e4hlen, dass es so etwas wie ein jordanisches Volk g\u00e4be, dass sich in nennenswerter Weise von einem vermeintlich irakischen oder pal\u00e4stinensischen Volk unterscheidet. Und auch die Vorstellung, dass die Ethnie oder Sprache wesentliche Abgrenzungsmerkmale darstellen w\u00fcrden, ist eine Entlehnung aus der europ\u00e4ischen Kultur und Weltanschauung. Nat\u00fcrlich versteht der Islam zum Beispiel auch ph\u00e4notypische und andere Merkmale als Teil der Sch\u00f6pfung \u2013 f\u00fcr die Abgrenzung politischer Identit\u00e4ten legt er jedoch v\u00f6llig andere Ma\u00dfst\u00e4be an. Das, was f\u00fcr uns den Menschen ausmacht und Menschen miteinander verbindet, sind ihre Ideen und Vorstellungen \u00fcber das Leben. Ein Araber, ein Kurde oder ein T\u00fcrke sind Teil ein und derselben Volksgemeinschaft bzw. Nation, wenn sie das islamische \u00dcberzeugungsfundament, die <em>\u02bfaq\u012bda<\/em>, verinnerlicht haben; und sie sind Teil einer anderen Nation, wenn sie einer anderen \u00dcberzeugung anh\u00e4ngen. Wir operieren also nicht mit dem europ\u00e4ischen Volksbegriff, der auf kulturhistorische, ethnische und geographische Merkmale abstellt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Kalifat.com:<\/strong> Gut, aber was haben diese Merkmale oder Identit\u00e4ten mit Konflikten zu tun?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Mediensprecher:<\/strong> Das liegt auf der Hand! Schau dir doch mal das sogenannte Kurdenproblem an. Durch die Verschiebung dieser Ma\u00dfst\u00e4be und die \u00dcbernahme des europ\u00e4ischen Volksbegriffs entfremdeten sich Menschen, die sich \u00fcber Jahrhunderte als Br\u00fcder und Teil einer einzigen Gemeinschaft begriffen haben. Wenn Blut und Boden im Zentrum stehen, sind Konflikte dieser Art vorprogrammiert. Und hier m\u00f6chte ich noch einen weiteren Aspekt ansprechen, der ungemein wichtig ist. Das Kalifat bietet als politische Struktur nicht nur einen gemeinsamen Rahmen f\u00fcr Muslime, sondern auch f\u00fcr Menschen mit anderen Bekenntnissen, die als B\u00fcrger im Islamischen Staat leben. Denn der Islam verlangt von ihnen nicht, sich mit einer sogenannten Leitkultur, der Verfassung oder mit den Werten der Mehrheitsgesellschaft zu identifizieren. Entscheidendes Kriterium ist das Verhalten \u2013 solange sie die \u00f6ffentliche Ordnung achten, sind sie Schutzbefohlene, denen in bestimmten Bereichen sogar Sonderrechte und judikative Strukturen gem\u00e4\u00df ihrer eigenen Glaubensordnung zugestanden werden. W\u00e4hrend sich Muslime im Kalifat also ungeachtet ihrer Herkunft oder Sprache als Teil einer Umma begriffen und in Frieden mit Menschen anderen Glaubens zusammenlebten, sehen wir heute \u00fcberwiegend Hass und Gewalt zwischen den sogenannten V\u00f6lkern in der islamischen Welt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Kalifat.com: <\/strong>Du hast von Konflikten auf der horizontalen Ebene gesprochen. Gibt es auch eine vertikale Konfliktline?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Mediensprecher: <\/strong>Ja, die gibt es. Denn die politische Organisation in Form von Nationalstaaten f\u00fchrt nicht nur zu horizontalen Bruchlinien, sie bildet auch eine Struktur zur Unterdr\u00fcckung und Bek\u00e4mpfung religi\u00f6ser Weltanschauungen. Dem modernen Nationalstaat geht ja ein spezifischer und historischer Entstehungskontext voraus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Kalifat.com:<\/strong> Du sprichst von der Aufkl\u00e4rung?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Mediensprecher:<\/strong> Richtig, in Europa ging es ja darum, den gesellschaftspolitischen Einfluss des Christentums zur\u00fcckzudr\u00e4ngen und in eine, wie auch immer geartete, private Sph\u00e4re zu verbannen. Der Nationalstaat ist also eine politische Struktur, der zwangsl\u00e4ufig eine s\u00e4kulare und in diesem Sinne religionsfeindliche Weltanschauung zugrunde liegt. Durch die s\u00e4kulare Neuordnung der islamischen Welt wurde diese vertikale Konfliktlinie \u2013 also das Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen Staat und religi\u00f6ser Bev\u00f6lkerung \u2013 in die islamische Welt exportiert und institutionalisiert. Vor diesem Hintergrund m\u00f6chte ich meine Formulierung verstanden wissen, dass es sich bei den Nationalstaaten in der islamischen Welt um Unterdr\u00fcckungsinstrumente handelt, die den Aufstieg der Umma zu verhindern suchen. Konkret \u00e4u\u00dfert sich das in der Bek\u00e4mpfung des Islam bzw. jener Bev\u00f6lkerungsteile und Gruppierungen, die die s\u00e4kularen Ordnungssysteme ablehnen und nach einer fundamentalen Umgestaltung streben. Proteste, Aufst\u00e4nde und Revolutionen \u2013 wie wir sie zuletzt im arabischen Fr\u00fchling gesehen haben \u2013 sind Entladungen dieses Spannungsverh\u00e4ltnisses und in diesem Sinne nur die logische Konsequenz einer oktroyierten Nachkriegsordnung, die im diametralen Gegensatz zu unserer Kulturhistorie, Identit\u00e4t und Lebensweise steht. Deine eingangs gestellte Frage, ob die gegenw\u00e4rtigen Konflikte in der islamischen Welt auch auf die Zerst\u00f6rung des Kalifats zur\u00fcckzuf\u00fchren sind, m\u00f6chte ich daher noch einmal mit einem klaren \u201eJa\u201c beantworten!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Kalifat.com:<\/strong> Das klingt alles sehr einleuchtend, aber ich vermisse einen Aspekt, der in deiner Analyse bisher kaum vorkommt \u2013 die westliche Interventionspolitik. Gibt es hier auch einen Zusammenhang?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Mediensprecher:<\/strong> Das ist ein guter Punkt. Nat\u00fcrlich steht die westliche Kolonialpolitik im elementaren Zusammenhang mit der Zerst\u00f6rung des Kalifats und der anschlie\u00dfenden Umgestaltung der islamischen Welt \u2013 das hatte ich bereits angesprochen. Dar\u00fcber hinaus m\u00fcssen wir aber sehen, dass die Kolonialstaaten die Region nach Vollendung ihres Komplotts und der Etablierung s\u00e4kularer Nationalstaaten nicht einfach verlassen haben; eine sogenannte Dekolonialisierung hat also nie wirklich stattgefunden. Bis heute pflegen Staaten wie Frankreich, Gro\u00dfbritannien und nat\u00fcrlich auch die USA enge Beziehungen zu unterschiedlichen Bewegungen, Parteien und Herrschern in der islamischen Welt. Und damit das klar ist; ich rede hier nicht von Beziehungen auf Augenh\u00f6he, sondern von ausgepr\u00e4gter Dominanz und Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnissen. Die westlichen Staaten betrachten ihre \u201eVerb\u00fcndeten\u201c, wie es immer so sch\u00f6n hei\u00dft, im Grunde als Proxys, als Handlanger, um ihre eigenen geopolitischen und \u00f6konomischen Interessen zu verwirklichen. \u00dcber die personelle Ebene hinaus verf\u00fcgen diese Staaten \u00fcber Instrumente und Strukturen, durch die sie ihre Dominanz in den jeweiligen Einflusssph\u00e4ren aufrechterhalten. Das reicht von bilateralen Handelsabkommen und wirtschaftlichen Vertragswerken \u00fcber politische Dialogformate bis hin zu strukturellen Verflechtungen auf sicherheitspolitischer Ebene, also durch nachrichtendienstliche Verkoppelungen, milit\u00e4rische R\u00fcstungs- und Verteidigungsabkommen sowie durch direkte Milit\u00e4rpr\u00e4senz in den zahlreichen St\u00fctzpunkten und H\u00e4fen in der islamischen Welt. Auch auf kultur- und bildungspolitischer Ebene sehen wir in Form von Universit\u00e4ten, NGOs, Think Tanks und parteinahen Stiftungen eine extreme Pr\u00e4senz westlicher Institutionen; die das Ausma\u00df der kulturellen Hegemonie klar vor Augen f\u00fchren. Und um noch etwas deutlicher auf deine Frage einzugehen, will ich erneut die Unterscheidung von horizontalen und vertikalen Konfliktlinien bem\u00fchen. Denn hinter zwischenstaatlichen Konflikten oder Auseinandersetzungen der verschiedenen Ethnien stehen in der Regel Machtk\u00e4mpfe westlicher Staaten, die zuweilen direkt intervenieren oder ihre jeweiligen Handlanger mit strategischer Beratung, Finanzmitteln und Waffenlieferungen unterst\u00fctzen. Beispiele hierf\u00fcr sind der erste Golfkrieg, die sogenannte Kurdenfrage oder die Abspaltung des S\u00fcdsudan. Aber auch in vertikalen Konflikten, also bei der Niederschlagung islamisch motivierter Aufst\u00e4nde oder Revolutionen, erhalten die s\u00e4kularen Unterdr\u00fcckungsregime umfassende Unterst\u00fctzung. W\u00e4hrend der Westen zu Anfang des arabischen Fr\u00fchlings noch bem\u00fcht war, einen demokratischen Umbruch herbeizureden, unterst\u00fctzte er schlie\u00dflich die brutale Niederschlagung der Revolutionen \u2013 insbesondere in \u00c4gypten und Syrien -, da sich dort ein islamisches Potenzial bildete, das die s\u00e4kulare Ordnung umzuwerfen drohte. Zusammenfassend muss also konstatiert werden, dass auch die westliche Interventionspolitik eine Folge der Zerst\u00f6rung des Kalifats und der darauffolgenden Neuordnung der islamischen Welt ist. S\u00e4mtlichen Konflikten, Verwerfungen und aggressiven Fremdeinwirkungen k\u00f6nnen wir effektiv nur etwas entgegensetzen, wenn wir unsere politische Handlungsf\u00e4higkeit in Form eines Kalifats wiedererlangen. Ein Kalifat, das sich bedingungslos f\u00fcr die Interessen der Umma einsetzt und sich der Worte des Gesandten (s) w\u00fcrdig erweist:<\/p>\n\n\n\n<section class=\"wp-block-kommy-hadith-block\"><p class=\"hadith-block-arabic\"><span class=\"hadith-block-arabic-content\">\u00ab\u0625\u0650\u0646\u064e\u0651\u0645\u064e\u0627 \u0627\u0644\u0652\u0625\u0650\u0645\u064e\u0627\u0645\u064f \u062c\u064f\u0646\u064e\u0651\u0629\u064c\u060c \u064a\u064f\u0642\u064e\u0627\u062a\u064e\u0644\u064f \u0645\u0650\u0646\u0652 \u0648\u064e\u0631\u064e\u0627\u0626\u0650\u0647\u0650\u060c \u0648\u064e\u064a\u064f\u062a\u064e\u0651\u0642\u064e\u0649 \u0628\u0650\u0647\u0650\u00bb<\/span><\/p><p class=\"hadith-block-trans-ref\"><span class=\"hadith-block-translation\">\u201eDer Imam ist ein Schild. Man k\u00e4mpft hinter ihm und sch\u00fctzt sich durch ihn.\u201c<\/span><span class=\"hadith-block-reference\"><span>[<\/span><span class=\"hadith-block-reference-content\">Muslim<\/span><span>]<\/span><\/span><\/p><\/section>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Kalifat.com: <\/strong>Vielen Dank, lieber Bruder. Ich denke, wir k\u00f6nnen das als Schlusswort f\u00fcr unser heutiges Interview stehen lassen. Die Leser m\u00f6chte ich noch darauf hinweisen, dass wir unser Gespr\u00e4ch zeitnah fortf\u00fchren werden, um weitere Aspekte zu reflektieren, die im Zusammenhang mit der Zerst\u00f6rung des Kalifats stehen. In diesem Sinne verabschiede ich mich und freue mich auf unser n\u00e4chstes Treffen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Wa-s-sal\u0101mu \u02bfaikum wa ra\u1e25matull\u0101hi wa barak\u0101tuh!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weiter zu Teil 2:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"http:\/\/kalifat1.com\/artikel\/4114-interview-mit-einem-vertreter-des-medienbueros-von-hizb-ut-tahrir-im-deutschsprachigen-raum-zum\/\">Interview mit einem Vertreter des Medienb\u00fcros von Hizb-ut-Tahrir im deutschsprachigen Raum zum hundertsten Jahrestag der Zerst\u00f6rung des Kalifats \u2013 Teil 2<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei dem folgenden Interview handelt es sich um den ersten Teil einer Interviewreihe anl\u00e4sslich des hundertsten Jahrestages der Zerst\u00f6rung des Kalifats.<\/p>\n","protected":false},"author":56,"featured_media":11883,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[1288,1718,2768,2939],"class_list":["post-10570","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-interviews","tag-interview","tag-medienbueros","tag-vertreter","tag-zerstoerung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10570","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/56"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10570"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10570\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/11883"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10570"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10570"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10570"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}