{"id":10641,"date":"2021-09-10T00:00:00","date_gmt":"2021-09-09T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=10641"},"modified":"2021-09-10T00:00:00","modified_gmt":"2021-09-09T22:00:00","slug":"welche-schluesse-lassen-sich-aus-dem-abzug-der-us-truppen-aus-afghanistan-ziehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=10641","title":{"rendered":"Welche Schl\u00fcsse lassen sich aus dem Abzug der US-Truppen aus Afghanistan ziehen?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist kein Geheimnis, dass die USA Jahre vor dem Abzug ihrer Truppen aus Afghanistan Gespr\u00e4che mit den Taliban f\u00fchrten, mit ihnen verhandelten und am Ende ein Abkommen mit ihnen schlossen. Oberfl\u00e4chlich betrachtet, haben die Taliban die US-amerikanischen Truppen und ihre internationalen Anh\u00e4ngsel nicht vertrieben, sondern konnten erst aufgrund des 2020 geschlossenen Abkommens mit den USA die Macht in Afghanistan auf die erfolgte Weise \u00fcbernehmen. Aus diesem Blickwinkel wirkt der Abzug der US-Truppen als selbstbestimmte Entscheidung der USA und die Macht\u00fcbernahme der Taliban als lange gehegter US-amerikanischer Plan, um Marionetten auszutauschen, wie man es sonst von der Kolonialpolitik der USA kennt. Zwischen den Taliban und den USA existiert zwar ein Abkommen, das diesen Eindruck erweckt, aber in diesem Fall muss die Frage gestellt werden, welche Umst\u00e4nde dazu gef\u00fchrt haben, ein solches Abkommen nach zwanzig Jahren abzuschlie\u00dfen. Die Antwort auf die Frage, was die USA gezwungen hat, mit den Taliban zu verhandeln und als offensichtlich gescheiterte Weltmacht Afghanistan nach so langer Zeit bis auf den letzten US-Soldaten zu verlassen, wirft ein anderes Licht auf die Taliban, die nicht einfach nur gegen den korrupten afghanischen Pr\u00e4sidenten Ashraf Ghani ausgetauscht wurden, um seine Vasallenrolle einzunehmen. Man findet die Antwort weniger in der Selbstdarstellung der Taliban als vielmehr in den \u00c4u\u00dferungen, die von westlicher Seite kommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Krieg der USA gegen Afghanistan war von Anfang an ein ungleicher Kampf. Denn die internationalen Truppen waren mit den modernsten Waffen ausgestattet und hatten alle finanziellen M\u00f6glichkeiten. Die Summe von zwei Billionen Dollar, die allein die USA in den Krieg investiert hatten, liegt jenseits jeder Vorstellungskraft. Beurteilt man den Widerstandskampf der Taliban gegen die Invasoren allein auf der Grundlage ihrer Ausr\u00fcstung, h\u00e4tte dieser scheitern m\u00fcssen. Deutsche Soldaten, die in Afghanistan im Einsatz waren, beschreiben die Ausr\u00fcstung der Taliban sogar als primitiv. Dennoch zwangen die Taliban die Weltmacht USA zum R\u00fcckzug. Der deutsche Elitesoldat Robert Sedlatzek-M\u00fcller, der ein Buch \u00fcber seine Afghanistanerfahrungen und sein Trauma geschrieben hatte, beschrieb in einem DW-Interview, wie Soldaten mit einer Topausbildung und sehr gutem Equipment auf Taliban-K\u00e4mpfer stie\u00dfen, \u201edie oft nur Badelatschen anhatten, leicht bekleidet, keine Winter- oder Sommerausr\u00fcstung\u201c hatten, aber \u201emit einer Ideologie besetzt waren und die \u00dcberzeugung hatten, das Richtige zu tun\u201c. F\u00fcr Sedlatzek-M\u00fcller war abzusehen, dass man diesen Kampf nicht werde durchhalten k\u00f6nnen. Es ist die Erkenntnis, dass die St\u00e4rke der Taliban bei diesem Krieg in ihrer Glaubens\u00fcberzeugung lag, gegen die modernste Waffen und bestausgebildete Soldaten nicht ankamen. Der SPIEGEL-Journalist und Afghanistan-Korrespondent Christoph Reuter sagte im SPIEGEL-Talk \u201eSpitzengespr\u00e4ch\u201c \u00c4hnliches: \u201eDie Taliban sind die St\u00e4rkeren, nicht, weil sie die besseren Waffen haben, sondern weil sie an etwas glauben, ob wir das m\u00f6gen oder nicht, aber die glauben an etwas. Die sind bereit, daf\u00fcr zu sterben.\u201c W\u00e4hrend er die Soldaten der afghanischen Armee als \u201eResterampe der Werkt\u00e4tigen\u201c bezeichnete, \u201edie keinen anderen Job gefunden hatten\u201c und nicht an die Sache glaubten, f\u00fcr die sie k\u00e4mpfen sollten, charakterisierte er die Taliban-K\u00e4mpfer als \u201ehochmotiviert\u201c, die im Zuge ihres Trainings auch ohne professionelle Armee \u201ezu durchaus komplizierten Operationen\u201c in der Lage waren. Ohne Hightech-Waffen konnten sich die Taliban gegen die USA durchsetzen. Der Politik- und Islamwissenschaftler Michael L\u00fcders sagte in einer Stellungnahme zur Machtergreifung der Taliban: \u201eDie Taliban haben sich gegen die st\u00e4rkste Milit\u00e4rmacht der Welt behauptet. Das ist ja zun\u00e4chst einmal eine gewisse Ungeheuerlichkeit, dass diese schlichten Gem\u00fcter der Taliban, und sie sind schlichte Menschen mehrheitlich, sie haben es geschafft, eine Weltmacht vorzuf\u00fchren.\u201c Die westlichen Invasoren haben ganze zwei Jahrzehnte gebraucht, um zu erkennen, dass ihre Waffen gegen die islamische \u00dcberzeugung der Menschen in Afghanistan machtlos sind. Solche \u00c4u\u00dferungen sind keine Sympathiebekundungen f\u00fcr die Taliban, sondern Bekenntnisse, dass die islamische Einstellung die wesentliche Rolle gespielt hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die USA sind nicht die erste in Afghanistan gescheiterte Gro\u00dfmacht. Afghanistan haftet das Image des Friedhofs der Invasoren an. Zuvor waren schon Gro\u00dfbritannien und die ehemalige Sowjetunion aus den gleichen niederen Beweggr\u00fcnden wie die USA in Afghanistan einmarschiert und mussten es \u00e4hnlich erniedrigt wieder verlassen. In Afghanistan, das zum gr\u00f6\u00dften Teil aus gebirgiger Landschaft besteht, sind viele Regionen schwer zug\u00e4nglich. Die Menschen leben dort ohne Infrastruktur zum Teil ohne Strom und flie\u00dfendes Wasser. Man kann sogar sagen, dass in einigen Regionen die Lebensverh\u00e4ltnisse heute die gleichen sind wie zur Zeit der britischen Invasion im 19. Jahrhundert. Und obwohl die Invasoren wechselten und mit immer moderneren Waffen kamen und sogar einen Drohnenkrieg f\u00fchrten, waren sie nicht imstande, Afghanistan einzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was immer die Invasoren f\u00fcr Argumente vorbrachten, um ihren Krieg gegen Afghanistan moralisch zu rechtfertigen, ging es immer nur um Unterwerfung, Ausbeutung und um geopolitische Ziele. So hatten die USA in eine korrupte afghanische Regierung und Armee investiert, um das afghanische Volk zu unterdr\u00fccken, statt das Geld der Bev\u00f6lkerung zukommen zu lassen, etwa durch den Ausbau der Infrastruktur, womit sie die Sympathie der Afghanen vielleicht h\u00e4tten gewinnen k\u00f6nnen. Regierung und Armee nahmen nicht nur das Geld, das f\u00fcr ihren Verrat am afghanischen Volk bestimmt war, sondern auch jenes Geld, das dem Volk h\u00e4tte zugef\u00fchrt werden sollen. Das passiert, wenn man korrupte Menschen einsetzt, deren Loyalit\u00e4t nur dem Geld gilt. Anders verh\u00e4lt es sich mit den Muslimen, die schon zur Regierungszeit von \u02bfU\u1e6fm\u0101n ibn \u02bfAff\u0101n nach Afghanistan kamen. Als sie 650\/51 n. Chr. dorthin vorstie\u00dfen, um das Gebiet f\u00fcr den Islam zu er\u00f6ffnen, hie\u00df es noch Chorasan. Der Unterschied ist aber nicht allein auf den Namen beschr\u00e4nkt. W\u00e4hrend der Name Afghanistan mit Invasion, Krieg und Unterdr\u00fcckung assoziiert wird, steht der Name Chorasan f\u00fcr die islamische Bl\u00fctezeit. Der wesentliche Unterschied zu den Kolonialm\u00e4chten ist der, dass die Muslime nicht als Invasoren kamen und die Menschen nicht ausbeuten wollten, sondern die Botschaft des Islam an sie herantrugen. Dass sie damit Erfolg hatten, zeigt sich daran, dass die islamische Herrschaft nicht als Fremdherrschaft betrachtet wurde und die Menschen zu B\u00fcrgern des Kalifats und einem Teil der Umma wurden, zu der sie bis heute geh\u00f6ren. Die Briten, Russen und Amerikaner sind in Afghanistan gescheitert, weil sie kein Interesse an dem Wohl der Menschen hatten, sondern ausschlie\u00dflich an den Bodensch\u00e4tzen und der strategischen Lage des Landes interessiert waren. Auch nachdem die Kolonialm\u00e4chte das Kalifat zerst\u00f6rt hatten, blieb der Islam in Afghanistan bestehen. Die Pr\u00e4senz der Taliban zeugt davon, wie stark die Menschen noch heute am Islam festhalten, der ihre Identit\u00e4t gepr\u00e4gt hat. Die Taliban sind ebenfalls ein Teil der muslimischen Bev\u00f6lkerung Afghanistans und keine Eindringlinge, die das Land okkupieren wollen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die USA haben zwar ihre Truppen abgezogen, aber sie werden mit Argusaugen auf Afghanistan blicken und ihren Einfluss auf anderem als dem milit\u00e4rischen Weg aufrechterhalten wollen. Sie werden vor allem dar\u00fcber wachen, dass es in Afghanistan nicht zur Anwendung des islamischen Systems und zur Entstehung eines Kalifats kommt. Das w\u00e4re f\u00fcr sie schlimmer als ihr schm\u00e4hlicher Abzug aus Afghanistan. Hierbei geht es ihnen weniger um die \u201eFreiheit\u201c der Afghanen als vielmehr um die Sorge, mit der Einf\u00fchrung einer islamischen Herrschaft in allen Bereichen des Lebens keinen Zugriff mehr auf das Gebiet zu haben. Mehr noch, es w\u00e4re f\u00fcr die Kolonialm\u00e4chte das Ende ihres Einflusses in der islamischen Welt. Die Macht\u00fcbernahme der Taliban bedeutet n\u00e4mlich noch nicht, dass Afghanistan islamisch regiert wird. Das ist erst dann der Fall, wenn in allen Bereichen die islamischen Gesetze angewendet werden und nicht nur in Teilbereichen. Darin besteht die wahre Herausforderung f\u00fcr die Muslime. Der Abzug der Invasoren ist ein Erfolg, aber es ist nur der erste Schritt zum Ziel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist kein Geheimnis, dass die USA Jahre vor dem Abzug ihrer Truppen aus Afghanistan Gespr\u00e4che mit den Taliban f\u00fchrten, mit ihnen verhandelten und am Ende ein Abkommen mit ihnen schlossen. <\/p>\n","protected":false},"author":92,"featured_media":2351,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[25],"tags":[104,2688],"class_list":["post-10641","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ausland","tag-afghanistan","tag-us-truppen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10641","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/92"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10641"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10641\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2351"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10641"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10641"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10641"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}