{"id":10660,"date":"2021-11-23T00:00:00","date_gmt":"2021-11-22T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=10660"},"modified":"2021-11-23T00:00:00","modified_gmt":"2021-11-22T23:00:00","slug":"wurden-die-vereinigten-staaten-von-amerika-in-afghanistan-besiegt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=10660","title":{"rendered":"Wurden die Vereinigten Staaten von Amerika in Afghanistan besiegt?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Afghanistan ist nun offiziell Amerikas Vietnam des 21. Jahrhunderts. Trotz dessen richten die USA ihre Pr\u00e4senz neu aus, um ihre regionalen strategischen Interessen zu sichern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Etwa zum 20. Jahrestag des 11. Septembers und der anschlie\u00dfenden Invasion in Afghanistan neigte sich die US-Pr\u00e4senz in dem gebirgigen Land ihrem unr\u00fchmlichen Ende zu. Vor wenigen Monaten erst verlie\u00dfen die US-Streitkr\u00e4fte im Schutze der Nacht ihren wichtigsten Luftwaffenst\u00fctzpunkt, die Bagram Air Base im Norden Afghanistans, und mussten diesen aufgeben. Trotz der zwei Jahrzehnte w\u00e4hrenden Besatzung hatten die Amerikaner kein Vertrauen in die von ihnen ausgebildeten Streitkr\u00e4fte und \u00fcbergaben den St\u00fctzpunkt nicht einmal offiziell an diese. Die Taliban kontrollieren inzwischen de facto das Land. Nach dem blamablen Abzug der US-Streitkr\u00e4fte sieht es so aus, als ob die USA nun das j\u00fcngste Opfer auf dem <em>Friedhof der Imperien<\/em> sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es besteht kaum ein Zweifel daran, dass die Invasion und Besetzung durch die USA aus milit\u00e4rischer Sicht ein v\u00f6lliges Desaster waren. In den 1990er Jahren hatten die USA ein Auge auf die zentralasiatische Energieversorgung geworfen, denn alle neuen Pipelines aus der Region w\u00fcrden durch Afghanistan und nach Pakistan und Indien zu den internationalen M\u00e4rkten f\u00fchren. Da die Taliban aber nicht kooperierten, sahen die USA einen Regimewechsel als notwendig an, um sich die Kontrolle \u00fcber die Energieversorgung Zentralasiens zu sichern. Solche Regimewechsel wurden f\u00fcr die Neokonservativen zur Strategie, um das 21. Jahrhundert zum amerikanischen Jahrhundert zu machen. In ihrer Wahnvorstellung von der St\u00e4rke der Vereinigten Staaten glaubten sie arroganter weise, sie k\u00f6nnten Regime f\u00fcr ihre eigene Agenda beseitigen. Obwohl Pakistan Afghanistan verwaltete und mit den USA gegen die sowjetische Invasion in den 1980er Jahren zusammenarbeitete, glaubten die Neokonservativen, dass sie Pakistan nicht br\u00e4uchten um Afghanistan im 21. Jahrhundert zu b\u00e4ndigen. Die Neokonservativen waren so arrogant, dass sie 2003 einen weiteren Krieg im Irak begannen, als das Taliban-Regime innerhalb eines Monats nach der US-Invasion fiel. Die USA errichteten ein neues Regime, das nie dazu in der Lage war, seine Macht \u00fcber die Grenzen der Hauptstadt hinaus durchzusetzen und das gesamte Land zu sichern. Als die Taliban 2005 zur\u00fcckkehrten und ihre Kontrolle \u00fcber das Land ausweiteten, mussten die USA 2009 einsehen, dass es ihnen nicht gelungen war, das Land zu pazifizieren. Niemals w\u00fcrden sie in der Lage sein, die Taliban zu besiegen und die afghanische Armee und das Regime dazu zu bringen, sich den Taliban entgegenzustellen. Ab 2010 begannen die USA, die Taliban miteinzubeziehen und einen facettenreichen Ansatz zu verfolgen, um sie an den Verhandlungstisch zu bringen. Die Verhandlungen begannen indirekt, wurden dann an neutrale Orte verlegt, gingen anschlie\u00dfend in formelle Verhandlungen \u00fcber, die schlie\u00dflich in direkte Verhandlungen \u00fcbergingen und unter Pr\u00e4sident Trump zum innerafghanischen Friedensprozess f\u00fchrten. Die Tatsache, dass die USA sogar mit dem Feind verhandelten, zu dessen Beseitigung sie in das Land einmarschiert waren, zeugte davon, wie sehr die US-Invasion gescheitert war. Doch die Taliban, die sich in einer Siegerposition befanden und nicht verhandeln mussten, da sie auf dem Schlachtfeld siegten, verhandelten mit den USA. Sie erkl\u00e4rten sich schlie\u00dflich sogar dazu bereit, die Angriffe auf die US-Streitkr\u00e4fte einzustellen, unter der Bedingung, dass diese das Land verlassen. Die Amerikaner kamen dieser Forderung nach, solange Afghanistan nicht f\u00fcr Angriffe gegen die USA genutzt werden w\u00fcrde. Die Taliban akzeptierten dies und haben seitdem keine Angriffe auf die US-Streitkr\u00e4fte mehr ver\u00fcbt, wohl aber die afghanische Armee und die Regierung angegriffen. Die Taliban von heute unterscheiden sich stark von den Taliban der Vergangenheit. Heute treffen sich die Taliban regelm\u00e4\u00dfig zu Gespr\u00e4chen mit dem iranischen Regime in Teheran und mit russischen Regierungsvertretern in Moskau, was vor einigen Jahrzehnten noch undenkbar war. Taliban-Sprecher Suhail Shaheen erkl\u00e4rte k\u00fcrzlich: <em>\u201eWir hei\u00dfen sie (China) willkommen. Wenn sie Investitionen t\u00e4tigen, sorgen wir nat\u00fcrlich f\u00fcr ihre Sicherheit. Wir waren schon viele Male in China und haben gute Beziehungen zu ihnen.\u201c <\/em>Der Taliban-Sprecher erkl\u00e4rte zudem, seine Gruppierung werde keiner <em>\u201eseparatistischen Gruppe, einschlie\u00dflich der Islamischen Bewegung Ostturkestans erlauben, in Afghanistan zu operieren.\u201c <\/em>F\u00fcr die Strategie der USA, Afghanistan zu nutzen, um Zentralasien zu sichern, war eine stabile Regierung in Afghanistan erforderlich. Das Regime, das die USA 2001 mit den Kriegsherren und der Nordallianz errichtet haben, war ein v\u00f6lliger Fehlschlag. Wenn es den Taliban also gelingt das Land zu stabilisieren, entspricht dies den Interessen der USA, zumal die Taliban keine regionalen Ambitionen hegen und zudem nicht in der Lage sind, ihre Macht \u00fcber Afghanistan hinaus auszudehnen. Obwohl die Taliban das ganze Land \u00fcbernommen haben, stellen sie keine Bedrohung f\u00fcr die strategischen Interessen der USA dar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die USA h\u00e4tten die Kosten, Verluste und Dem\u00fctigungen vermeiden k\u00f6nnen, wenn sie Pakistan 2001 dazu gedr\u00e4ngt h\u00e4tten, Afghanistan f\u00fcr sie zu sichern. Das pakistanische Milit\u00e4r und der zentrale Geheimdienst Pakistans (\u201eInter-Services Intelligence\u201c, kurz ISI) unterst\u00fctzten in den 1990er Jahren die Mullahs entlang der Durand-Linie, aus denen die Taliban hervorgingen. Diesen verhalfen sie schlie\u00dflich 1996 zur \u00dcbernahme von Kabul und zur \u00dcbernahme der Regierung. Die Neokonservativen, die im Jahr 2000 die Regierung von George W. Bush dominierten, waren jedoch der Ansicht, dass die \u00dcberlegenheit der USA bedeutete, dass es nicht notwendig sei, sich \u00fcber Pakistan in der Region einzubringen, sondern diese schwere Aufgabe selbst bew\u00e4ltigen zu k\u00f6nnen. 2005 sahen sich die USA jedoch dazu gezwungen, Pakistan miteinzubeziehen, als der Widerstand in Afghanistan die USA ausbluten lie\u00df. Sie wandten sich erneut an Pakistan und zwangen das Land, Operationen in den Stammesgebieten einzuleiten und die Unterst\u00fctzung f\u00fcr den Widerstand in Afghanistan einzustellen. Dies destabilisierte Pakistan und kostete zahlreiche Menschenleben, da die Angriffe auf die Opfer der pakistanischen Operationen im Stammesg\u00fcrtel innerhalb Pakistans begannen. Die USA kritisierten Pakistan daf\u00fcr, nicht genug zu tun, w\u00e4hrend der Widerstand in Afghanistan weiter zunahm. Nach zwei Jahrzehnten haben die USA die Verantwortung f\u00fcr Afghanistan an Pakistan zur\u00fcckgegeben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die obersten Milit\u00e4rs Pakistans sind trotz ihrer oft umstrittenen Beziehungen zu den USA der Meinung, dass sie nun den Respekt und die Bedeutung erhalten, die ihnen ihrer Meinung nach zu stehen. Sie glauben, dass sie es waren, die Afghanistan stabilisiert und aufrechterhalten haben und dass die US-Invasion im Jahr 2001 die Ursache f\u00fcr die Instabilit\u00e4t war. Es war Pakistan, welches die Taliban an den Verhandlungstisch gebracht hat, damit sie einem Friedensabkommen mit den USA direkt zustimmen. Es scheint, dass diese neue Rolle Pakistans zur St\u00e4rkung der strategischen Interessen der USA in Afghanistan und der Region der Grund f\u00fcr all das Gerede \u00fcber regionale Verbindungen und das geo\u00f6konomische Potenzial Pakistans ist. Die Rede von General Bajwa im April 2021 \u00fcber die Einbeziehung der wirtschaftlichen Sicherheit als Teil des umfassenden Sicherheitssystems und die Umwandlung Pakistans in ein wirtschaftliches Zentrum stand in diesem Zusammenhang. Diese Konnektivit\u00e4t, die in verschiedenen Reden von Milit\u00e4rs und Politikern Pakistans angesprochen wurde, beinhaltet die Anbindung Zentralasiens an die pakistanischen S\u00fcdh\u00e4fen Gwadar und Karatschi (\u201eNord-S\u00fcd-Konnektivit\u00e4t\u201c) und die Erleichterung des Handels zwischen Indien, dem Iran, Afghanistan und dar\u00fcber hinaus (\u201eOst-West-Konnektivit\u00e4t\u201c). Obwohl dies Pakistans und Chinas CPEC-Initiative untergraben w\u00fcrde, macht es dennoch den Anschein, dass Pakistans wahre Machthaber &#8211; die obersten Milit\u00e4rs &#8211; dies bevorzugen, da es Pakistan ins Zentrum der Region r\u00fcckt. General Bajwas \u00c4u\u00dferungen vom April 2021, die Vergangenheit zu begraben und die Beziehungen zu Indien zu normalisieren, deuten darauf hin. Auch die Erkl\u00e4rung von Premierminister Imran Khan, dass er nach dem Abzug der USA aus Afghanistan keine US-St\u00fctzpunkte in Pakistan zulassen werde, l\u00e4sst darauf schlie\u00dfen, dass die wirklichen Machthaber Pakistans mit der neuen Regionalstrategie einverstanden sind. Denn solche nationalen Sicherheits- und Strategieentscheidungen werden nicht von den Politikern des Landes getroffen, sondern von den wirklichen Machthabern im Milit\u00e4r, welche bisweilen zu den US-St\u00fctzpunkten schweigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als die USA einsahen, dass sie in Afghanistan nicht gewinnen konnten, bezogen sie regionale Nationen mit ein, die im letzten Jahrzehnt damit begannen, die Verantwortung und die schweren B\u00fcrden in Afghanistan zu \u00fcbernehmen. Die Vereinigten Staaten sind der Ansicht, dass sie diese Rolle auch weiterhin \u00fcbernehmen werden. Der Iran stabilisierte den Norden Afghanistans und \u00fcberzeugte die Nordallianz erfolgreich davon, Hamid Karzai als Pr\u00e4sidenten zu unterst\u00fctzen, welcher wiederum von den USA unterst\u00fctzt wurde. Indien hat sich am Wiederaufbau Afghanistans beteiligt, w\u00e4hrend China eine Reihe von Investitionen in die unerschlossenen Mineralvorkommen des Landes get\u00e4tigt hat. Auch Russland hat sich den USA in Afghanistan nicht widersetzt, sondern sie in jeder Hinsicht unterst\u00fctzt, indem sie ihnen logistische Hilfe f\u00fcr den Nachschub und nachrichtendienstliche Informationen zur Verf\u00fcgung stellten. Russland organisierte sogar Friedensgespr\u00e4che zwischen den von den USA aufgebauten Strukturen in Kabul und den Taliban. Die USA arbeiten seit fast einem Jahrzehnt mit diesen L\u00e4ndern zusammen, um Afghanistan zu verwalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Vorg\u00e4nge in Afghanistan und die politischen Ereignisse, die sich dort abspielen werden, sind darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass Afghanistan nun offiziell Amerikas Vietnam des 21. Jahrhunderts ist. Da das gebirgige Land jedoch nur ein Mittel zum Zweck und kein eigenst\u00e4ndiges Ziel war, haben die USA ihre Pr\u00e4senz neu ausgerichtet und die schwere B\u00fcrde an Pakistan und einige regionale Staaten abgegeben. Intern war man sich einig, dass die Taliban zur\u00fcckkehren sollten, denn nach zwei Jahrzehnten k\u00f6nnen nur sie f\u00fcr Stabilit\u00e4t sorgen, effektiv regieren und damit den Interessen der USA dienen. Die Vereinigten Staaten setzen auf Pakistan, f\u00fcr den Fall, dass die Taliban zu weit gehen sollten. Gem\u00e4\u00df ihrer eigenen Aussage sind die Taliban jedoch pragmatisch und haben ihre Forderungen reduziert. In seiner Rede im Wei\u00dfen Haus im April 2021 \u00fcber den Abzug des US-Milit\u00e4rs aus Afghanistan machte Pr\u00e4sident Biden eine interessante Bemerkung, die auf den Punkt bringt, was in Afghanistan vor sich geht: <em>\u201eEs gibt viele, die lautstark darauf pochen, dass Diplomatie ohne eine robuste US-Milit\u00e4rpr\u00e4senz, die als Druckmittel dienen soll, keinen Erfolg haben kann. Wir haben diesem Argument ein Jahrzehnt lang Zeit gegeben. Es hat sich nie als richtig erwiesen&#8230;. Unsere Diplomatie h\u00e4ngt nicht davon ab, dass wir Stiefel in der Schusslinie haben.\u201c<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Afghanistan ist nun offiziell Amerikas Vietnam des 21. Jahrhunderts. 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