{"id":13901,"date":"2022-03-16T09:24:00","date_gmt":"2022-03-16T08:24:00","guid":{"rendered":"https:\/\/test2021.kalifat.com\/?p=13901"},"modified":"2022-03-16T09:24:00","modified_gmt":"2022-03-16T08:24:00","slug":"nationalstaat-als-konfliktgarant","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=13901","title":{"rendered":"Nationalstaat als Konfliktgarant"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Inzwischen jedoch mutierte die nationalstaatliche Idee zur einzig akzeptierten Staatsauffassung. Die Vereinten Nationen formulierten aus diesem Gedanken heraus sogar ein <em>universelles<\/em> Grundrecht und verankerten es in ihrer Charta: das Recht aller V\u00f6lker auf Selbstbestimmung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieses Prinzip ist nicht zuletzt aufgrund seiner politischen Implikationen bedeutsam. Denn es soll jedem Volk das Recht verleihen, \u00fcber seinen politischen Status frei entscheiden zu k\u00f6nnen und sich von jeglicher Fremdherrschaft zu l\u00f6sen. Das Selbstbestimmungsrecht solle auf diese Weise jedem Volk erm\u00f6glichen, eine Nation bzw. einen Nationalstaat zu bilden. Dieser Logik zufolge k\u00f6nne sich ein Volk sogar einem anderen Staat, dem es sich zugeh\u00f6rig f\u00fchlt, anschlie\u00dfen. Doch ist ein friedvolles Zusammenleben verschiedener V\u00f6lker, Ethnien und Kulturen unter nationalstaatlichen Rahmenbedingungen leichter herzustellen? M\u00fcsste also jedes Volk auf dieser Erde in einem eigenen Staat leben, um Kriege und Konflikte vermeiden zu k\u00f6nnen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zumindest in der Theorie soll der Nationalstaat seinen Bef\u00fcrwortern zufolge genau das gew\u00e4hrleisten. Historisch betrachtet sollte er vor allem aber das blutige Gemetzel unter den christlichen Konfessionen in Europa beenden und dem Staat eine neue Legitimationsquelle verleihen. Unter dem Eindruck der Aufkl\u00e4rung d\u00fcrfe sich staatliche Herrschaft nicht mehr \u00fcber das Gottesgnadentum legitimieren, sondern \u00fcber das Prinzip der Volkssouver\u00e4nit\u00e4t. Dies warf die Frage auf, wer zu den Tr\u00e4gern dieser neuen Legitimationsquelle geh\u00f6ren sollte. Im Zuge dessen etablierte sich schlie\u00dflich die Nation als neue politische Willensgemeinschaft. Gleichzeitig sei es dadurch m\u00f6glich geworden, die unterschiedlichen religi\u00f6sen \u00dcberzeugungen und den religi\u00f6sen Aktivismus in Mitteleuropa kontrollierbar zu machen. F\u00fcr den Soziologen Armando Salvatore war die Schaffung des Nationalstaats \u2013 die mit kultureller und sprachlicher Homogenisierung einherging \u2013 eine zwingende Voraussetzung, um die religi\u00f6sen Str\u00f6mungen zu neutralisieren und so den innerchristlichen Konflikt zu beenden. Andererseits musste sich die neue politische Gemeinschaft gegen restaurative Kr\u00e4fte durchsetzen. Daher war es notwendig, dass sich die Gemeinsamkeit von Sprache, Kultur und Abstammung im <em>Volk<\/em> festigt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Obgleich Europa als Geburtsort der Nationalstaatsidee gilt, zeigt seine Geschichte doch eindrucksvoll, dass es unterm Strich viel Gewalt bedurfte und letztlich ein blutiger Weg war, um diese Vorstellungen zu formen und das Konzept vom Nationalstaat in der Realit\u00e4t umzusetzen. Der Erste und Zweite Weltkrieg gelten hierbei als H\u00f6hepunkte einer Reihe von Kriegen und Konflikten sowie der Verschiebung von Grenzen zwischen den Nationen Europas, die vor allem Eines unter Beweis stellten: der Nationalstaat konnte sich nicht nur durch S\u00e4kularit\u00e4t konstituieren, sondern erst durch die gewaltsame Vertreibung ethnischer bzw. nationaler Minderheiten. Die Balkanregion und im speziellen die Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens k\u00f6nnen hierbei ebenso als Paradebeispiel herangezogen werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Historisch gesehen galt insbesondere der Westbalkan seit jeher als religi\u00f6s-ethnischer Flickenteppich. So ist seine religi\u00f6se Zusammensetzung f\u00fcr europ\u00e4ische Verh\u00e4ltnisse recht erstaunlich; neben Muslimen, Katholiken und orthodoxen Christen existiert ebenso seit Jahrhunderten eine j\u00fcdische Minderheit. Noch komplexer sind die ethnischen Zugeh\u00f6rigkeiten, die vor dem Zerfall Jugoslawiens 1991 etwa zwanzig verschiedene Volksgruppen z\u00e4hlten. Gerade in der Epoche des Osmanischen Kalifats wurde ein soziopolitischer Rahmen geschaffen, der trotz aller Turbulenzen die Koexistenz dieser Volksgruppen bis ins 20. Jahrhundert hinein garantieren konnte. Dies war nur m\u00f6glich, weil das Zusammenleben unter religi\u00f6s-weltanschaulichen Gesichtspunkten geordnet wurde und die jeweilige Ethnie keinerlei Rolle bei der gesellschaftlichen Betrachtung spielte. Dies hatte zur Folge, dass die meisten Siedlungsgebiete ethnisch heterogen blieben. Wie auch in vielen Teilen der islamischen Welt, kam es dar\u00fcber hinaus auch auf dem Westbalkan unter den Ethnien immer wieder zu Durchmischungen. Exemplarisch hierf\u00fcr kann die muslimische Bev\u00f6lkerung an der Grenzregion zu Serbien, Montenegro und Kosovo herangezogen werden, die sich nicht lediglich aus Bosniaken und Albanern zusammensetzt. Vielmehr sind die dortigen Muslime in weiten Teilen von einem slawischen als auch albanischen Hintergrund gepr\u00e4gt. Dieser Aspekt f\u00fchrte allerdings nie zu einer gegenseitigen Abgrenzung auf <em>nationaler<\/em> Ebene, manifestiert sich darin doch die integrative Kraft des Islams, muslimische V\u00f6lker unabh\u00e4ngig von ihrer Ethnie zusammenschmelzen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nachdem jedoch der Nationalstaat auf dem Balkan Einzug hielt und die verschiedenen Volksgruppen damit begannen, ihre politische Identit\u00e4t \u00fcber die ethnische Zugeh\u00f6rigkeit zu definieren, brach jener Konflikt aus, der seinen H\u00f6hepunkt in den Kriegen der 1990er Jahre fand. Zwar konnte das sozialistische Jugoslawien zwischen 1945 und 1991 die nationalen Bruchlinien vorr\u00fcbergehend \u00fcberdecken, indem eine jugoslawische Identit\u00e4t unter dem Motto <em>Br\u00fcderlichkeit, Einigkeit<\/em> propagiert wurde. Doch sp\u00e4testens mit dem Fall des Eisernen Vorhangs flammten die ungel\u00f6sten nationalen Konflikte auf dem Westbalkan erneut auf. Besonders hart getroffen hat es den Staat Bosnien-Herzegowina, der aufgrund seiner ethnisch-religi\u00f6sen Vielfalt lange Zeit als Mustersch\u00fcler des <em>Multikulturalismus<\/em> galt. In den Jahren von 1992 bis 1995 kostete allein der Bosnienkrieg sch\u00e4tzungsweise 100.000 Menschen das Leben. Gepr\u00e4gt war dieser Konflikt von nationalen Dominanzanspr\u00fcchen allen voran seitens der in Bosnien lebenden Serben und Kroaten. Getragen vom Gedanken des Selbstbestimmungsrechts der V\u00f6lker sollten beispielsweise alle Serben das Recht beanspruchen, sich dem serbischen Staat anschlie\u00dfen zu d\u00fcrfen. Da sich die serbischen Siedlungsgebiete nicht nur auf den Staat Serbien beschr\u00e4nkten, sondern zu einem betr\u00e4chtlichen Teil Kroatien und insbesondere Bosnien umfassten, setzte sich nach nationalstaatlicher Logik eine Dynamik der Sezession und gewaltsamen Grenzverschiebungen in Gang. Dies hatte in Bosnien zur Folge, dass ganze Landstriche \u2013 die von Muslimen seit Jahrhunderten bewohnt waren \u2013 <em>ethnisch und kulturell ges\u00e4ubert<\/em> wurden, um einen homogenen serbischen Nationalstaat realisieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Prozess der Grenz- und Bev\u00f6lkerungsverschiebung wurde mit der <em>Beendigung<\/em> des Krieges 1995 auch institutionell verankert: der Vertrag von Dayton besiegelte so die Zweiteilung des Landes in die sogenannte Republika Srpska und die muslimisch-kroatische F\u00f6deration. An der Spitze steht seither ein Dreier-Pr\u00e4sidium aus einem kroatischen, einem muslimischen und einem serbischen Vertreter. Vor allem die muslimischen Bosniaken empfanden den <em>Friedensvertrag<\/em> faktisch als Legitimierung der ethnischen S\u00e4uberungen, bildeten sie doch die Voraussetzung, um eine serbische Teilrepublik mitten in Bosnien entstehen zu lassen. Dass das Dayton-Abkommen lediglich als Waffenstillstand gewertet werden muss und keinerlei Stabilit\u00e4t schaffen konnte, l\u00e4sst sich angesichts aktueller Sezessionsforderungen in Bosnien deutlich erkennen. So strebt der bosnische Serbenf\u00fchrer Milorad Dodik danach, die Republika Srpska endg\u00fcltig aus dem bosnischen Zentralstaat zu l\u00f6sen. Seiner Ansicht zufolge habe die Zentralregierung seiner Republik in 140 Bereichen unrechtm\u00e4\u00dfig Vollmachten entzogen. Anfang Dezember 2021 beschloss dann das Parlament der serbischen Teilrepublik die Abspaltung, die innerhalb von sechs Monaten vollzogen werden solle. Dazu geh\u00f6re der R\u00fcckzug aus der Armee, dem Justiz- und dem Steuersystem der Zentralregierung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das hier ein ungel\u00f6ster Konflikt abermals aufflammen und einen Fl\u00e4chenbrand erzeugen k\u00f6nnte, bereitet gerade den Menschen in Bosnien gro\u00dfe Sorgen. Doch die Ursache derartiger Sezessionspl\u00e4ne liegt weniger in einer <em>ungerechten<\/em> Verteilung der Vollmachten auf Regierungsebene. Es sind vielmehr die nationalistischen Impulse, die sich in diesem Fall in der Bestrebung niederschlagen, die serbische Teilrepublik an Serbien anzuschlie\u00dfen. Das Interesse, die Grenzen nach ethnischen Kriterien ein weiteres Mal zu verschieben, l\u00e4sst sich indes genauso unter kroatischen, albanischen sowie bosniakischen Nationalisten beobachten. So versetzten im vergangenen Jahr zwei inoffizielle diplomatische Diskussionspapiere \u2013 deren Urheberschaft nicht abschlie\u00dfend gekl\u00e4rt werden konnte \u2013 die \u00d6ffentlichkeit in Aufruhr. Der in diesen <em>Non-Papers<\/em> enthaltene Teilungsplan schlug die Schaffung eines Gro\u00dfserbiens, eines Gro\u00dfalbaniens und eines Gro\u00dfkroatiens vor, um die nationalen Spannungen auf diese Weise l\u00f6sen zu k\u00f6nnen, die nach wie vor ein ma\u00dfgebliches Hindernis f\u00fcr die EU-Erweiterung im Westbalkan darstellen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ob das von Bluntschli formulierte Nationalit\u00e4tenprinzip tats\u00e4chlich eine friedliche Koexistenz souver\u00e4ner Staaten sichern k\u00f6nne, muss angesichts der derzeitigen Lage auf dem Westbalkan erneut in Frage gestellt werden. Doch man braucht nicht bis nach S\u00fcdosteuropa zu blicken, um die zersetzende Kraft des Nationalstaats zu erkennen. Selbst die Europ\u00e4ische Union ist ein indirekter Beleg daf\u00fcr, dass dem eigenen Staatsmodell keine dauerhafte Stabilit\u00e4t mehr zugetraut wird. Schlie\u00dflich konnte der europ\u00e4ische Kontinent nach zwei Weltkriegen nur durch die EU als <em>supranationales<\/em> Konzept befriedet werden, indem nationalstaatliche Ambitionen in den Hintergrund ger\u00fcckt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Anbetracht dieser Tatsachen muss sich insbesondere unter Muslimen die Erkenntnis durchsetzen, dass die Idee des Nationalstaats eine wesentliche Ursache f\u00fcr die ethnisch-religi\u00f6sen Konflikte sowohl auf dem Balkan als auch in den \u00fcbrigen Teilen der islamischen Welt bildet. Es ist dieses Staatsverst\u00e4ndnis, das vom europ\u00e4ischen Volksbegriff ausgehend postuliert, dass <em>T\u00fcrken, Araber, Kurden, Albaner <\/em>und<em> Bosniaken<\/em> eigenst\u00e4ndige V\u00f6lker seien, die das Recht auf einen eigenen Nationalstaat h\u00e4tten. Das vergangene Jahrhundert hat den Muslimen deutlich vor Augen gef\u00fchrt, welch tragischen Konsequenzen dieses ordnungspolitische Konzept mit sich bringt; wenn nicht der Islam die Menschen zu einer politischen Gemeinschaft verbindet, sondern eine aus dem Boden gestampfte nationale Identit\u00e4t.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><i>Jede Nation hat das Recht einen Staat zu bilden, das hei\u00dft: Volk zu werden.<\/i><br \/> Dieses vom Staatsrechtler Johann Caspar Bluntschli formulierte Prinzip fasst das Konzept des Nationalstaats in einer einfachen Formel zusammen. Damit verbunden hofften die europ\u00e4ischen Denker, ein politisches Ordnungsmodell zu entwickeln, das vor allem ihren Kontinent zu einem friedlicheren Ort machen sollte.<\/p>\n","protected":false},"author":109,"featured_media":13902,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[25],"tags":[470,471,1408,1558,1703,1813,1884,2388],"class_list":["post-13901","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ausland","tag-bosniaken","tag-bosnien","tag-jugoslawien","tag-kosovo","tag-mazedonien","tag-montenegro","tag-nationalstaat","tag-serbien"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13901","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/109"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13901"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13901\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/13902"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13901"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13901"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13901"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}