{"id":14426,"date":"2022-04-16T23:15:39","date_gmt":"2022-04-16T21:15:39","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=14426"},"modified":"2022-04-16T23:15:39","modified_gmt":"2022-04-16T21:15:39","slug":"der-moegliche-staat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=14426","title":{"rendered":"Der m\u00f6gliche Staat"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als in den 1990er der Zerfallsprozess auf dem Westbalkan begann und neue Nationalstaaten entstehen sollten, war f\u00fcr die meisten Beobachter klar, dass dies ethnische Konflikte zur Folge haben wird. Nachdem im Juni 1991 Slowenien als erste jugoslawische Teilrepublik ihre Unabh\u00e4ngigkeit per Volksabstimmung erkl\u00e4rte und verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig glimpflich davonkam, m\u00fcndete die kroatische Unabh\u00e4ngigkeit bereits in einen schweren milit\u00e4rischen Konflikt mit den ersten ethnischen S\u00e4uberungsaktionen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weitaus verheerender sollte es die Teilrepublik Bosnien-Herzegowina treffen. Aufgrund seiner ethnisch sowie religi\u00f6s heterogenen Struktur konnte der Weg Bosniens zu einem unabh\u00e4ngigen Nationalstaat nur unter einem hohen Blutzoll und der gewaltsamen Vertreibung der ans\u00e4ssigen muslimischen Bev\u00f6lkerung aus den mehrheitlich von Serben bewohnten Gebieten erfolgen. Denn keine Ethnie in diesem Land verf\u00fcgte \u00fcber eine signifikante Mehrheit \u2013 die nach nationalstaatlicher Logik jedoch ein konstituierendes und daher notwendiges Element bildet. F\u00fcr die Schaffung eines souver\u00e4nen Nationalstaates waren es also denkbar schlechte Voraussetzungen. Auch zwei Jahrzehnte nachdem die Kriegsparteien das Dayton-Abkommen unterzeichneten und Bosnien-Herzegowina sich derweil zu einem dysfunktionalen Staat entwickelte, verf\u00fcgen die Regierungen auf dem Westbalkan nach wie vor \u00fcber kein tragf\u00e4higes Konzept, um eine friedliche Koexistenz zwischen den verschiedenen Ethnien und Religionsgruppen zu gew\u00e4hrleisten. Bis heute wird die Region immer wieder von ethnisch-religi\u00f6sen Spannungen heimgesucht. Ein Blick in die Geschichte zeigt jedoch, dass das friedliche Zusammenleben \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum sehr wohl m\u00f6glich war; der Balkan also nicht als <em>ewiger Konfliktherd<\/em> gesehen werden d\u00fcrfte. So kamen die verschiedenen V\u00f6lker beispielsweise unter dem Osmanischen Kalifat f\u00fcnf Jahrhunderte lang weitestgehend friedlich miteinander aus, ohne, dass die ethnischen oder religi\u00f6sen Gruppen sich gegenseitig ihre Existenzberechtigung absprachen. Erst im Zuge des 19. Jahrhunderts, als die Idee des Nationalstaats sich schrittweise auf dem Balkan ausbreitete und sich die V\u00f6lker zunehmend \u00fcber ihre neugeschaffene nationale Identit\u00e4t zu definieren begannen, l\u00f6ste dieser Prozess jene ethnischen Spannungen aus, mit denen die Menschen auch heute noch zu k\u00e4mpfen haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass es unter der islamischen Herrschaft derartige Konflikte entlang ethnokultureller Grenzen auf dem Balkan nicht gab, darf keineswegs auf eine <em>pragmatische Politik<\/em> des Osmanischen Staates zur\u00fcckgef\u00fchrt werden, die unter anderen Umst\u00e4nden h\u00e4tte anders aussehen k\u00f6nnen. Vielmehr wurde das gesellschaftliche Zusammenleben nach feststehenden islamischen Prinzipien geregelt. Dabei spielt die ethnische Komponente bekannterma\u00dfen keine Rolle, womit sich der islamische Ansatz vom nationalstaatlichen fundamental unterscheidet. Der Islam bewertet den Menschen n\u00e4mlich nicht hinsichtlich seiner Geschichte, Abstammung oder Sprache. Demnach haben diese Kategorien auch in der gesellschaftspolitischen Betrachtung keinerlei Relevanz. Denn diese Merkmale bilden im Grunde genommen jenes soziale Gef\u00fcge, in das jeder Mensch hineingeboren wird, ohne darauf Einfluss genommen zu haben. Was der Mensch dagegen sehr wohl beeinflussen kann und sich demzufolge auch bewusst aneignet ist seine Sichtweise auf die Welt, das Leben und die Suche nach seinem Platz in der Gesellschaft. Es ist also der weltanschauliche Standpunkt, der den Menschen ausmacht und ihn von anderen unterscheidet. Folglich kann ein Mensch die islamische Botschaft annehmen oder zur\u00fcckweisen unabh\u00e4ngig davon, welchen ethnischen, sprachlich-kulturellen oder historischen Hintergrund er besitzt. Auf diese Weise konnten die Nichtmuslime wesentliche Aspekte ihrer ethno-kulturellen Identit\u00e4t wie die Sprache beibehalten und wurden keiner Assimilationspolitik unterzogen. Diese Tatsache l\u00e4sst sich nicht leugnen, trotz der zahlreichen Schauergeschichten \u00fcber die <em>blutr\u00fcnstigen T\u00fcrken<\/em>, die vor allem serbische und griechische Nationalisten bis in die heutige Zeit unter ihren Landsleuten verbreiten. Denn obwohl der gr\u00f6\u00dfte Teil des Westbalkans f\u00fcnf Jahrhunderte unter islamischer Herrschaft stand, waren die Muslime dort stets eine Minderheit (!).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun wird an dieser Stelle gerne der Einwand erhoben, dass dieser ordnungspolitische Ansatz innere Spannungen auf ethno-kultureller Ebene zwar unterbinden k\u00f6nne. Wirklich \u00fcberwinden lie\u00dfe sich das Problem aber dennoch nicht, denn die Gefahr best\u00fcnde, dass Menschen statt auf ethnischer auf religi\u00f6s-weltanschaulicher Ebene diskriminiert oder ungerecht behandelt werden k\u00f6nnten. Dieser Einwand w\u00e4re jedoch nur angebracht, wenn man diese Problematik unter nationalstaatlichen Rahmenbedingungen untersucht. So legitimiert sich der Nationalstaat durch ein genau definiertes Volk, dessen Zugeh\u00f6rigkeit anhand gemeinsamer Merkmale wie Sprache, Geschichte oder Ethnie konstruiert wird. Dieses bildet schlie\u00dflich das politische Subjekt, dem die Souver\u00e4nit\u00e4t \u00fcbertragen wird. Somit setzt die Schaffung und Funktionsf\u00e4higkeit des Nationalstaates eine ethnokulturelle Homogenit\u00e4t voraus. Einmal entstanden f\u00fchrt die Leitvorstellung von der homogenen Nation zu einer harten Exklusionspraxis gegen\u00fcber nationalen Minderheiten, stehen diese doch dem nationalen Einheitsprozess im Weg. In diesem Sinne war es nur konsequent, dass im Bosnienkrieg die muslimische Bev\u00f6lkerung gewaltsam vertrieben wurde, um den Traum von <em>eine Nation, ein Staat<\/em> wahr werden zu lassen. Die Tatsache, dass in einem Land verschiedene Nationen bzw. Ethnien leben, ist nach nationalstaatlicher Logik ein St\u00f6rfaktor, der in letzter Konsequenz beseitigt werden muss, wenn s\u00e4mtliche Assimilationsversuche fehlschlagen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Gegensatz dazu verfolgt der Islam einen v\u00f6llig anderen Ansatz. Der Staat konstituiert sich nach islamischer Auffassung durch zwei Prinzipien. Zum einen liegt die Souver\u00e4nit\u00e4t nicht beim Menschen respektive einem Staatsvolk, sondern bei der Scharia. Zum anderen liegt die Autorit\u00e4t origin\u00e4r nicht beim Staat, sondern bei der Umma, die das Staatsoberhaupt einsetzt und zur Rechenschaft zieht. Durch diesen feinen, aber entscheidenden Unterscheid, ergibt sich f\u00fcr den Aufbau einer politischen Gemeinschaft ein im Verh\u00e4ltnis zur westlichen Staatsphilosophie ganz anderer Ausgangspunkt. Ob die Muslime in einem geographischen Gebiet die Mehrheit stellen oder nicht, ist aus diesem Staatsverst\u00e4ndnis heraus keine Bedingung. Wie in der islamischen Geschichte h\u00e4ufig der Fall, bildeten Muslime in vielen Regionen des Kalifats eine Minderheit und zwar \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum hinweg. Der Islam betrachtet die Existenz nichtmuslimischer V\u00f6lker somit nicht als einen St\u00f6rfaktor; weder f\u00fcr die Konstituierung des Staates noch f\u00fcr ein gelungenes Zusammenleben. Selbst westliche Historiker m\u00fcssen eingestehen, dass Juden und Christen w\u00e4hrend der verschiedenen Epochen in der Regel keiner Assimilierung ausgesetzt waren oder als <em>Parallel-<\/em> oder <em>Gegengesellschaft<\/em> stigmatisiert wurden. Mehr noch, stellten sie \u00fcber Jahrhunderte hinweg die Bev\u00f6lkerungsmehrheit in zahlreichen er\u00f6ffneten Gebieten. Vor diesem Hintergrund ist die R\u00fcckkehr zum islamischen Staatskonzept insbesondere f\u00fcr die auf dem Balkan lebenden Muslime die einzige Alternative, um ein geordnetes und friedliches Zusammenleben erneut erm\u00f6glichen zu k\u00f6nnen. Unter keinen Umst\u00e4nden d\u00fcrfen sich die Muslime einreden lassen, es handele sich hierbei um ein l\u00e4ngst \u00fcberholtes Staatsverst\u00e4ndnis, dessen Anwendung unter derzeitigen Rahmenbedingungen nahezu <em>unm\u00f6glich<\/em> erscheint. Vielmehr hat sich der Islam als ordnungspolitisches Konzept in der Geschichte bew\u00e4hrt \u2013 nur der Islam war und ist auch heute in der Lage, den heterogenen Charakter als eine gesellschaftliche Realit\u00e4t zu ber\u00fccksichtigen und entsprechend seiner Normen zu gestalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Schaffung und Funktionsf\u00e4higkeit eines Nationalstaates setzen die ethnokulturelle Homogenit\u00e4t des Volkes als konstituierendes Element voraus. Einmal entstanden f\u00fchrt die Leitvorstellung von der homogenen Nation zu einer harten Exklusionspraxis gegen\u00fcber nationalen Minderheiten, stehen diese doch dem nationalen Einheitsprozess im Weg. Der Islamische Staat verfolgt hingegen keine ethnozidalen Assimilations- oder Vernichtungspolitiken gegen\u00fcber Minderheiten und gew\u00e4hrleistet auf struktureller Ebene das friedliche Zusammensein unterschiedlicher Gruppen \u2013 eine Tatsache, die sich unter anderem an der Historie des Westbalkan ablesen l\u00e4sst und eine ordnungspolitische M\u00f6glichkeit f\u00fcr die L\u00f6sung gegenw\u00e4rtiger Spannungen der krisengebeutelten Region bietet.<\/p>\n","protected":false},"author":109,"featured_media":14427,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[29],"tags":[356,471,1033,1341,2461],"class_list":["post-14426","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichte","tag-balkan","tag-bosnien","tag-geschichte","tag-islamischer-staat","tag-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14426","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/109"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=14426"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14426\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/14427"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=14426"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=14426"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=14426"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}