{"id":14436,"date":"2022-04-25T00:30:00","date_gmt":"2022-04-24T22:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=14436"},"modified":"2022-04-25T00:30:00","modified_gmt":"2022-04-24T22:30:00","slug":"freibeuter-der-netze","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=14436","title":{"rendered":"Freibeuter der Netze"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einer globalisierten Welt teilen sich Menschen viele Ressourcen und durch die zunehmende Vernetzung wird es immer einfacher, grenz\u00fcbergreifend an unterschiedlichsten Projekten teilzunehmen. Doch vor dem Hintergrund des aktuellen Angriffs Russlands auf die Ukraine wird deutlich, dass sich dies nicht nur auf wirtschaftliche oder soziale Aspekte beschr\u00e4nkt und sich IT-Spezialisten aus aller Welt f\u00fcr ganz andere Ziele zusammenschlie\u00dfen. W\u00e4hrend der ersten zwei Tage des Konflikts liefen Hackerangriffe auf beiden Seiten eher im Hintergrund, doch bereits am dritten Tag verk\u00fcndete der ukrainische Digitalminister Mykhailo Fedorov \u00f6ffentlichkeitswirksam auf Twitter das Aufstellen einer IT-Armee, der sich Hacker aus aller Welt anschlie\u00dfen k\u00f6nnten. Dazu postete er sogar einen Link mit potenziellen russischen Angriffszielen, was nichts anderes als eine Kriegshandlung und Rekrutierung von Guerilla-K\u00e4mpfern auf Social Media darstellte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dem Aufruf von Federov sind weltweit Hacker, wie zum Beispiel Anonymous, gefolgt. Auch wenn sich der Schaden bisher augenscheinlich in Grenzen h\u00e4lt, so ist dieser Vorgang der bisher erste seiner Art. Dass die Angriffe keine verheerenden Folgen mit sich brachten ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass gro\u00dfangelegte Cyberangriffe auf kritische Infrastrukturen langer Vorbereitung und der B\u00fcndelung von Ressourcen bed\u00fcrfen. &nbsp;Cyberkriege spielen sich jedoch nicht nur als Begleiterscheinung physischer Kriege ab. Schon seit vielen Jahren toben sie tagt\u00e4glich. Auch wenn man nur hin und wieder von Hackerangriffen auf Unternehmen oder Regierungen h\u00f6rt, so stellt dies nur die Spitze des Eisbergs dar. Mit zunehmender Vernetzung von immer mehr Menschen in immer mehr Bereichen ihres Lebens mit dem Internet nehmen auch die Angriffsfl\u00e4chen weiter zu. Die Entwicklungen sind so rasant, dass die Sicherheitsma\u00dfnahmen nicht in gleichem Tempo mitwachsen bzw. Schritt halten. Es gibt nach aktuellem Stand ohnehin kein absolut un\u00fcberwindbares System, denn es gibt technisch gesehen immer Sicherheitsl\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was nun die Initiative des ukrainischen Digitalministers anbelangt, so ist diese bei genauer Betrachtung jedoch gar nicht so neu. Bereits im 16. Jahrhundert erhielten einige Seefahrer von der britischen Krone sogenannte Kaperbriefe, die es ihnen erlaubten, spanische Handelsschiffe zu \u00fcberfallen, solange sie einen Teil der Beute abgaben. Dies etablierte sich als beliebte Methode, denn es handelte sich schlie\u00dflich offiziell um Gesetzlose, mit denen die Regierung letztlich nichts zu tun hatte und die sie bedenkenlos opfern k\u00f6nnte, wenn etwas schiefgehen w\u00fcrde. Dieses Vorgehen entwickelte sich \u00fcber die Jahrhunderte weiter bis zum heutigen Tage, wo wir Hacker antreffen, die mit der Duldung ihrer jeweiligen Regierung im Internet auf Beutezug gehen. Dabei ging es damals wie heute weniger um die Beute selbst, sondern eher um Angriffe auf die gegnerische Infrastruktur. Heute m\u00fcssen entsprechende Kaperbriefe auch nicht eigens ausgestellt werden, denn sie sind bereits in einigen Regionen eine Art ungeschriebenes Gesetz oder es wird sogar \u2013 wie jetzt in der Ukraine \u2013 \u00f6ffentlich dazu aufgerufen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf der anderen Seite wurden schon vor Kriegsbeginn die russischen Hacker nicht nur in der Ukraine gef\u00fcrchtet. So gibt es neben entsprechenden Spezialisten in den Reihen der russischen Geheimdienste auch eine Menge Hacker aus der russischen Bev\u00f6lkerung, die wirtschaftliche Interessen mit Ransomware verfolgen. Dabei handelt es sich um eine Erpressersoftware, die die IT-Infrastruktur eines Ziels gezielt lahmlegt und diese erst wieder freigibt, sobald ein L\u00f6segeld gezahlt wurde. Die Opfer finden sich dabei in einer Situation wieder, die einer Entf\u00fchrung gleicht. Man wei\u00df nicht, ob der Erpresser die Beute bei Zahlung wirklich wieder freigibt oder er diese zus\u00e4tzlich noch komplett l\u00f6scht. Dies wird von der russischen Regierung geduldet, solange sich die Aktivit\u00e4ten auf Ziele au\u00dferhalb Russlands beschr\u00e4nken. Dabei werden regelm\u00e4\u00dfig wertvolle Daten gestohlen, um diese zu verkaufen oder anderweitig im Sinne russischer Interessen zu verwerten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Allein in Deutschland wurden laut Statista im vergangenen Jahr 46% aller Unternehmen angegriffen, wodurch ein Schaden von 223 Milliarden Euro entstanden sei. Ein doch immenser Schaden, in Anbetracht dessen, dass es sich bei 40% der Angreifer nur um Freisch\u00e4rler handelt, die in den meisten F\u00e4llen keine konkreten politischen Interessen verfolgen. Diese Entwicklungen f\u00fchrten dazu, dass IT-Risiken mittlerweile zum meistgef\u00fcrchteten Unternehmensrisiko geworden sind, noch vor Betriebsunterbrechungen, Z\u00f6llen und Wirtschaftssanktionen. Dabei stammen nat\u00fcrlich nicht alle Attacken nur aus Russland, vor allem aus China und Nordkorea gibt es auch immer wieder Angriffe. Dabei trifft es von Kleinbetrieben \u00fcber Universit\u00e4ten bis zu gro\u00dfen Konzernen alle m\u00f6glichen Ziele. So wurde beispielsweise am 30. April 2021 die TU Berlin Opfer eines Angriffs der Hackergruppe Conti, von der sie sich noch immer nicht vollst\u00e4ndig erholt hat. In den vergangenen Monaten wurden zudem auff\u00e4llig viele Unternehmen aus der Windenergiebranche attackiert. Zuerst hatten Hacker im November den d\u00e4nischen Weltmarktf\u00fchrer Vestas mit einer Ransomware unter Druck gesetzt und Anfang M\u00e4rz einen Satellitendienstleister angegriffen, weshalb die Daten\u00fcbertragung \u00fcber diesen Satellitendienst zwischen einer gro\u00dfen Anzahl von Windparks in Mitteleuropa und der technischen Anlagen\u00fcberwachung des Windturbinenherstellers Enercon abgebrochen war. &nbsp;Am 31. M\u00e4rz musste dann der Windkraftanlagenhersteller und -betreiber Nordex SE einen Angriff russischer Hacker feststellen und die eigene IT-Infrastruktur vorsorglich abschalten. Selbst Verwaltungsbeh\u00f6rden gerieten in j\u00fcngster Vergangenheit ins Fadenkreuz, so dass in mehreren Kommunen in Mecklenburg-Vorpommern keine F\u00fchrerscheine, Personalausweise oder andere Dokumente mehr beantragt werden konnten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und doch stellen die Angriffe dieser digitalen Freibeuter nicht mehr als einen ersten Vorgeschmack auf gr\u00f6\u00dfere Cyberschl\u00e4ge dar. Sicherlich ist dies ein immer gef\u00e4hrlicher werdender Faktor, doch wirklich bedrohlich w\u00e4ren gezielte und umfassende Angriffe auf kritische Infrastrukturen, wie beispielsweise Stromversorgung, Krankenh\u00e4user, Telekommunikation oder \u00e4hnliches. Denn diese Attacken sind es, die den angegriffenen Staat in ernsthafte Gefahr bringen k\u00f6nnten und im Grunde mit kriegerischen oder terroristischen Handlungen gleichgesetzt werden m\u00fcssten. Die wirtschaftlichen Sch\u00e4den durch einzelne Attacken haben noch keinen Staat existenzbedrohlich verletzt, aber gezielte und geb\u00fcndelte Angriffe k\u00f6nnten die Handlungsf\u00e4higkeit staatlicher Entit\u00e4ten oder ganzer Gesellschaften massiv einschr\u00e4nken. Mit immer weiter steigenden Sch\u00e4den kleinerer Angriffe w\u00e4chst auch die Angst vor solch professionellen und gro\u00df angelegten Cyberoffensiven, die von staatlicher Seite wie ein Milit\u00e4rschlag durchgef\u00fchrt werden k\u00f6nnten. Besonders beim aktuellen Ukrainekrieg wurde ein solches Szenario nicht nur in der Ukraine, sondern in ganz Europa gef\u00fcrchtet. So warnt das Bundesamt f\u00fcr Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) aktuell vor Cyberangriffen auf das deutsche Stromnetz und das Bundesamt f\u00fcr Bev\u00f6lkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) spricht von einer insgesamt erh\u00f6hten Bedrohungslage; bei einem Angriff auf die Stromversorgung drohe schnell ein totaler Kollaps.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die kurzfristige Zusammenstellung einer bunt zusammengew\u00fcrfelten Cybertruppe, wie jetzt in der Ukraine geschehen, w\u00fcrde bei einem umfassenden Cyberkonflikt mit Russland kaum Abhilfe schaffen. Diese hatte bisher eher symbolischen Wert als unterst\u00fctzendes Element der \u00fcbergeordneten psychologischen Kriegsf\u00fchrung. So wurde beispielsweise am 25. Februar der russische Staatssender Russia Today gehackt und vom Netz genommen. Drei Tage sp\u00e4ter wurden weitere Sender und Zeitungen gehackt und auf den jeweiligen Internetpr\u00e4senzen Aufrufe \u201ediesen Wahnsinn zu stoppen und die S\u00f6hne und Ehem\u00e4nner nicht in den sicheren Tod zu schicken\u201c platziert. Tats\u00e4chliche Gro\u00dfangriffe auf kritische Infrastrukturen hingegen ben\u00f6tigen ebenso wie deren Sicherung eine lange und komplexe Vorbereitung \u2013 mehr noch als im physischen, milit\u00e4rischen Bereich. Doch auch Russland greift in dem aktuellen Konflikt \u00fcberraschenderweise gr\u00f6\u00dftenteils auf konventionelle Mittel zur\u00fcck, um beispielsweise das ukrainische Mobilfunknetz zu zerst\u00f6ren. Daf\u00fcr werden verschiedene Gr\u00fcnde vermutet. Zum einen wurden die ukrainischen Sicherheitsbeh\u00f6rden jahrelang von US-Experten geschult, um entsprechende Resilienzen zu entwickeln. Zum anderen hat der Kreml wohl mit einem schnellen Sieg in der Ukraine gerechnet und wollte nicht die ukrainische Infrastruktur zerst\u00f6ren, nur um sie danach m\u00fchsam wieder aufbauen zu m\u00fcssen. So beschr\u00e4nken sich die russischen Bem\u00fchungen derzeit noch auf einzelne kleinere Angriffe und bew\u00e4hrte Desinformationskampagnen \u2013 sowohl im In- als auch im Ausland. Hierf\u00fcr werden ganze Bot-Farmen unterhalten, die \u00fcber hunderttausende Fake-Accounts in sozialen Medien russische Propaganda verbreiten. Zudem wurde in einer spektakul\u00e4ren Aktion der Nachrichtensender Ukraine 24 gehackt und ein Deep Fake \u2013 eine zum Verwechseln \u00e4hnliche Videomontage \u2013 von Selenskyj gezeigt, in dem er seine Truppen zum Niederlegen der Waffen aufruft!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Letztlich l\u00e4sst sich festhalten, dass es wider Erwarten noch zu keinem gro\u00dfen Ausbruch eines Cyberkriegs gekommen ist. Die Angriffe, sowohl von russischer als auch von ukrainischer Seite, stellen noch keine kriegsentscheidenden Faktoren dar. Doch eine Eskalation hin zu einer umfassenden Cyberauseinandersetzung ist zweifelsohne nicht mehr weit entfernt und immer mehr Staaten treffen dahingehend ihre Vorbereitungen. Ob in diesem oder in einem der n\u00e4chsten zwischenstaatlichen Konflikte \u2013 der Ausbruch eines vernichtenden Cyberkrieges ist nur noch eine Frage der Zeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Cyberangriffe nehmen immer massivere Ausma\u00dfe an und doch stellt dies nur einen ersten Ausblick auf die Zukunft dar. Obwohl bisher vor allem Freisch\u00e4rler hinter Hackerangriffen stecken, wird der Schaden, den Unternehmen aber auch ganze Volkswirtschaften und Staaten davontragen, von Jahr zu Jahr gravierender. Gr\u00f6\u00dfere vernichtende Angriffe stehen noch bevor.<\/p>\n","protected":false},"author":16,"featured_media":14437,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[25],"tags":[558,559,1124,2627],"class_list":["post-14436","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ausland","tag-cyberkrieg","tag-cyberkriege","tag-hacker","tag-ukraine"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14436","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/16"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=14436"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14436\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/14437"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=14436"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=14436"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=14436"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}