{"id":14597,"date":"2022-07-12T21:10:40","date_gmt":"2022-07-12T19:10:40","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=14597"},"modified":"2022-07-12T21:10:40","modified_gmt":"2022-07-12T19:10:40","slug":"die-ruhe-vor-dem-cyber-sturm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=14597","title":{"rendered":"Die Ruhe vor dem (Cyber)-Sturm\u00a0"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im aktuellen Krieg in der Ukraine kommt es auf beiden Seiten immer wieder zu Hacker-Angriffen, womit l\u00e4ngst klar geworden ist, dass der Krieg auch im Cyberspace stattfindet. Ersten Prognosen entgegen kam es jedoch zu keinem massiven Cyberangriff der Russen. Doch wie w\u00fcrde ein solcher massiver Angriff \u00fcberhaupt aussehen und was w\u00fcrde ihn von den bisherigen Angriffen unterscheiden?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trotz der Tatsache, dass es bisher noch in keinem bewaffneten Konflikt zu Cyberattacken von kriegsentscheidendem Ausma\u00df kam, gibt es Pr\u00e4zedenzf\u00e4lle, die zumindest einen ersten Ausblick darauf erm\u00f6glichen. Bisher verfolgten die meisten Angriffe wirtschaftliche Interessen oder dienten der Informationsgewinnung. Die reine Zerst\u00f6rung zum Ziel hatten bisher nur wenige, vereinzelte Attacken. Ein prominentes Beispiel f\u00fcr einen massiven, fl\u00e4chendeckenden Angriff auf ein Land verk\u00f6rpert der russische Angriff auf die Ukraine aus dem Jahr 2017, der unter dem Namen <em>NotPetya<\/em> in die Cybergeschichte einging. Dabei wurden die Updateserver von M.E.Doc gehackt, einer Steuersoftware, die von 90% aller ukrainischen Unternehmen genutzt wird. Das reichte aus, um fast alle Unternehmen und Beh\u00f6rden des Landes mit dem n\u00e4chsten Update zu infizieren. Sobald der Wurm durch das Update in ein System gelangte, nutzte er ein Programm namens <em>Mimikatz<\/em>, das darin nach Nutzernamen und Passw\u00f6rtern suchte, um damit weitere Ziele anzugreifen. Das ist m\u00f6glich, da in der Regel alle Computer in einem Unternehmen miteinander vernetzt sind. In <em>NotPetya<\/em> wurde sogar eine geleakte Software des US-Nachrichtendienstes NSA namens <em>Eternal Blue<\/em> eingebettet, die eine alte Windows-Sicherheitsl\u00fccke ausnutzt. Die NSA hatte mit <em>Eternal Blue<\/em> \u00fcber f\u00fcnf Jahre lang selbst diese Sicherheitsl\u00fccke f\u00fcr ihre Zwecke genutzt, ohne Microsoft dar\u00fcber zu informieren. Erst als diesbez\u00fcgliche Informationen von der Hackergruppe <em>The Shadow Brokers<\/em> gestohlen wurden, informierte die NSA Microsoft \u00fcber den Vorgang. Die Sicherheitsl\u00fccke wurde danach zwar von Microsoft mit einem Update behoben, doch da bei weitem nicht alle Nutzer regelm\u00e4\u00dfig ihre Systeme aktualisieren, konnte die L\u00fccke noch bei vielen Zielen ausgenutzt werden. Der Angriff durch die Steuersoftware mit der Verbindung aus <em>Mimikatz<\/em> und <em>Eternal Blue<\/em> war au\u00dferordentlich effektiv.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bankautomaten und Kartenleseger\u00e4te funktionierten nicht mehr, Gro\u00dfteile der Daten von Banken, Unternehmen und auch staatlichen Institutionen wurden gesperrt. Sobald ein Ziel infiziert war, wurde eine Meldung angezeigt, in der der Nutzer dazu aufgefordert wurde, ein L\u00f6segeld in Form von Bitcoin zu zahlen. Allerdings diente dies nur zur Tarnung, denn die Systeme wurden selbst bei Zahlung der Betr\u00e4ge nicht wieder freigegeben. Das Ziel lag einzig darin, die angegriffenen Strukturen zu zerst\u00f6ren. Dabei wurden auch kritische Infrastrukturen, wie Strahlen\u00fcberwachungssysteme in Tschernobyl angegriffen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dadurch, dass auch internationale, in der Ukraine t\u00e4tige Unternehmen betroffen waren, breitete sich der Wurm auch \u00fcber die Ukraine hinaus aus. Auch deutsche Unternehmen, wie der Chemie- und Pharmakonzern Merck waren betroffen, dessen gesamte Produktion kollabierte, wodurch ein Schaden von 830 Millionen Euro entstand. Auch andere internationale Unternehmen, wie FedEx, Vodafone oder Maersk hatten mehrere hundert Millionen Euro an Sch\u00e4den zu verkraften. Letzteres hatte sogar Auswirkungen auf den gesamten internationalen Handel, da Maersk als ein in mehr als 130 L\u00e4ndern t\u00e4tiges Logistik- und Transport-Unternehmen nicht mehr nachvollziehen konnte, in welchen ihrer Schiffe sich welche Ladungen befanden und f\u00fcr welche weiteren Transportwege und LKWs diese vorgesehen waren. Die Russen wussten ihren Angriff auch zeitlich geschickt abzustimmen, denn sie w\u00e4hlten einen ukrainischen Feiertag, der eine schnelle Reaktion der Ukrainer verhinderte, da sich die meisten Mitarbeiter naturgem\u00e4\u00df nicht im Dienst befanden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Insgesamt wurde der Schaden auf ca. 9 Milliarden Euro beziffert, doch dies spiegelt nur die wirtschaftlichen Verluste wider. Der Unterschied solcher massiven, koordinierten und fl\u00e4chendecken Angriffe zu gew\u00f6hnlichen und tagt\u00e4glich stattfindenden Attacken ist das Ziel der gezielten Schw\u00e4chung und Sch\u00e4digung eines gesamten Landes und seiner kritischen Infrastruktur. In Kombination mit einem Angriff konventioneller Streitkr\u00e4fte k\u00f6nnte dies einen kriegsentscheidenden Vorteil mit sich bringen. So k\u00f6nnte das gegnerische Strom-, Kommunikationsnetz oder die Internetanbindung lahmgelegt werden, was die Handlungs- und Verteidigungsf\u00e4higkeit des angegriffenen Staates erheblich einschr\u00e4nken w\u00fcrde. Auch gezielte Angriffe auf einzelne Infrastrukturen, wie Krankenh\u00e4user w\u00e4ren denkbar. Im Jahr 2020 kam es beispielsweise zu einem russischen Angriff auf das D\u00fcsseldorfer Universit\u00e4tsklinikum, in dessen Zuge eine Patientin gestorben ist, da sie in ein weiter entferntes Krankenhaus in Wuppertal verlegt werden musste. Der Angriff richtete sich in erster Linie zwar gegen die Heinrich-Heine-Universit\u00e4t, doch bei Cyberangriffen geraten neben dem eigentlichen Ziel oft noch viele weitere ins Fadenkreuz. Ein weiteres Risiko der zunehmenden Vernetzung in immer mehr Lebensbereichen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>NotPetya<\/em> lieferte einen Vorgeschmack darauf, was uns in Zukunft bei gr\u00f6\u00dferen Kriegen erwarten k\u00f6nnte. W\u00fcrde es mit der gleichen Vorgehensweise gelingen, Datev zu hacken, k\u00f6nnte mit dessen Updates auf \u00e4hnliche Weise ein Gro\u00dfteil der in Deutschland t\u00e4tigen Unternehmen infiziert werden, da es sich bei Datev um einen Anbieter f\u00fcr Steuersoftware mit einem gesch\u00e4tzten Markanteil von 75% handelt. Im Vergleich zur Ukraine w\u00e4re der Schaden, der sich in Deutschland mit einer solchen Vielzahl an gehackten Unternehmen und entsprechenden Unternehmens- und Industriegeheimnissen anrichten lie\u00dfe, kaum vorstellbar. Und auch in den USA gibt es mit Turbotax einen \u00e4hnlichen Dienstleister, der sich f\u00fcr solch einen Angriff anbieten w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat\u00fcrlich treffen Regierungen und Unternehmen bereits entsprechende Vorbereitungen, doch eine absolute Sicherheit vor Cyberangriffen gibt es nie. Jedes System hat Sicherheitsl\u00fccken und wenn ganze Staaten enorme Ressourcen aufwenden, um diese zu identifizieren, bleibt nur noch die Frage, wann und in welchem Ausma\u00df sie diese ausnutzen k\u00f6nnen. Hinzu kommt, dass bisher kaum Anreize von Regierungen f\u00fcr Unternehmen geschaffen werden, in IT-Sicherheit zu investieren \u2013 und dies, obwohl die dahingehend kostenintensiven Investitionen f\u00fcr viele kleinere Unternehmen kaum zu schultern sind. Bei den Nachrichtendiensten l\u00e4sst sich sogar eine gewisse Ambivalenz im Verh\u00e4ltnis zur IT-Sicherheit beobachten, denn einerseits stellt fehlende Sicherheit nat\u00fcrlich ein Risiko f\u00fcr Angriffe dar, andererseits k\u00f6nnen sie bestehende L\u00fccken selbst nutzen, um in fremde Systeme einzudringen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor diesem Hintergrund sind die bisher niederschwelligen Cyberaktivit\u00e4ten rund um den Ukraine-Konflikt nur die Ruhe vor dem gro\u00dfen Cybersturm. Sobald bei einem zwischenstaatlichen Konflikt auf schwere virtuelle Waffen zur\u00fcckgegriffen wird, wird dies gro\u00dfe, weltweit sp\u00fcrbare Konsequenzen nach sich ziehen. Da massive Cyberangriffe in einer globalisierten Welt unausweichlich auch auf weitere Staaten \u00fcberschlagen, w\u00e4ren die Folgen und Reaktionen unkontrollierbar. M\u00f6glicherweise verzichtet Russland auch aus diesem Grund (noch) auf einen massive Cyberattacke in der Ukraine. Schlie\u00dflich diskutierte die NATO bereits vor dem Angriff am 24. Februar, ab wann ein Cyberangriff den B\u00fcndnisfall nach Artikel 5 ausl\u00f6sen w\u00fcrde.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Trotz der allgegenw\u00e4rtigen Angst davor hat die Welt bisher noch keinen Cyberkrieg von vernichtendem Ausma\u00df erlebt. 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