{"id":14611,"date":"2022-08-10T08:00:00","date_gmt":"2022-08-10T06:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=14611"},"modified":"2022-08-10T08:00:00","modified_gmt":"2022-08-10T06:00:00","slug":"das-saekulare-dilemma-mit-dem-anbetungsinstinkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=14611","title":{"rendered":"Das s\u00e4kulare Dilemma mit dem Anbetungsinstinkt"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hat der Mensch einen angeborenen Anbetungsinstinkt? Die Aufkl\u00e4rung, die sich den Kampf gegen die Religion auf die Fahne geschrieben hatte, beantwortete diese Frage unfreiwillig mit ja und erbrachte selbst den Beweis, dass der Mensch einen Anbetungsinstinkt hat. Zwar erkl\u00e4rte sie die Religion zum gr\u00f6\u00dften \u00dcbel des Menschen, musste aber gleichzeitig einen Ersatz schaffen, um den Anbetungsinstinkt zu befriedigen, den sie nicht ausschalten, sondern nur umleiten konnte. Deshalb setzte sich die Aufkl\u00e4rung immer nur mit Gewalt durch und zwang sich den Menschen auf, bis sie sich schlie\u00dflich f\u00fcgten. Sie interessiert sich nicht daf\u00fcr, ob die Menschen sie wollen oder nicht. Auch die Muslime sollen dazu gezwungen werden, die Ideen der Aufkl\u00e4rung zu \u00fcbernehmen, selbst wenn diese unvereinbar mit dem Islam sind. Mit Zwang hatten die Verfechter der Aufkl\u00e4rung n\u00e4mlich noch nie ein Problem.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist eine historische Tatsache, dass die Aufkl\u00e4rung den Menschen aufgezwungen wurde. Sie ist untrennbar an die Franz\u00f6sische Revolution gekn\u00fcpft und an den Terror, der mit ihrer Durchsetzung einherging. Denn die Entstehung der Ideen der Aufkl\u00e4rung in den K\u00f6pfen von Philosophen ist eine Seite, ihre Umsetzung in der Realit\u00e4t eine andere. Die Terrorherrschaft der Jakobiner in den Jahren 1793 und 1794 w\u00e4hrend der Franz\u00f6sischen Revolution lie\u00df Theorie und Praxis weit auseinanderklaffen. Die Jakobiner unter der F\u00fchrung von Maximilien de Robespierre nahmen in Frankreich die politischen Z\u00fcgel in die Hand, richteten den K\u00f6nig hin und ver\u00fcbten die schlimmsten Massaker an der Bev\u00f6lkerung, um die Ideen der Aufkl\u00e4rung gewaltsam durchzusetzen. Die Guillotine war pausenlos im Einsatz. Selbst der Begriff Terror geht auf diese Zeit zur\u00fcck und wurde von den Jakobinern in einem positiven Sinne gebraucht. Robespierre definierte Terror als \u201eunmittelbare, strenge, unbeugsame Gerechtigkeit\u201c und bezeichnete ihn als \u201eKonsequenz des allgemeinen Prinzips der Demokratie\u201c. Die Ablehnung der Ideen der Aufkl\u00e4rung war praktisch ein Todesurteil f\u00fcr einen Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So schlimm wie die Zwangschristianisierung, die man aus der Geschichte kennt, war die Entchristianisierung w\u00e4hrend der Terrorherrschaft der Jakobiner. Die Religion wurde aus dem Leben der Menschen mit Brachialgewalt herausgerissen. Christliche Symbole wurden radikal entfernt, Kirchen entweiht, Priester get\u00f6tet und das L\u00e4uten der Glocken sowie kirchliche Prozessionen verboten. Alles geschah im Namen der Vernunft, doch wie wenig das Vorgehen mit Vernunft zu tun hatte, zeigen die Ma\u00dfnahmen im Einzelnen, die von purem Hass gegen das Christentum geleitet waren. Die Fanatiker der Aufkl\u00e4rung versuchten alle Spuren des Christentums vollst\u00e4ndig auszuradieren. Stra\u00dfen, die Namen von Heiligen trugen, wurden umbenannt. Selbst christliche Bestattungen waren untersagt und Friedh\u00f6fe wurden s\u00e4kularisiert, indem man an den Toren der Friedh\u00f6fe die Inschrift \u201eDer Tod ist ein ewiger Schlaf\u201c anbrachte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Anbetung Gottes wurde zur Anbetung dessen, was als Vernunft verstanden wurde. Kirchen wurden in \u201eTempel der Wahrheit\u201c oder \u201eTempel der Vernunft\u201c umgewandelt. In der Kathedrale Notre Dame wurde am 10. November 1793 das erste \u201eFest der Vernunft\u201c abgehalten. Hierzu weihte man der Philosophie einen Tempel, den man mit B\u00fcsten von Personen aus der Antike schm\u00fcckte. Am Altar loderte eine Flamme der Vernunft. Der Konvent verk\u00fcndete feierlich, dass die Hauptkirche von Paris \u201eder Vernunft und der Freiheit\u201c geweiht werde. Dem Anbetungsinstinkt wurde ein Kult der Vernunft vorgesetzt, um ihn zu bedienen. Da die Aufkl\u00e4rungsfanatiker den Anbetungsinstinkt nicht ausschalten konnten, kam Robespierre auf die Idee, einen Kult des \u201eH\u00f6chsten Wesens\u201c einzuf\u00fchren. Deshalb beschloss die Nationalversammlung Folgendes: \u201eWenn man die Menschen zur reinen Verehrung des H\u00f6chsten Wesens aufruft, versetzt man damit dem Fanatismus einen t\u00f6dlichen Schlag.\u201c Den Priestern aller Religionen wurde vorgeworfen, aus Macht- und Habgier das \u201eH\u00f6chste Wesen\u201c geleugnet zu haben. Dieser Kult wurde am 8. Juni 1794 mit einem \u201eFest des H\u00f6chsten Wesens\u201c eingeweiht. Diese Prozession wurde von Robespierre angef\u00fchrt. Der Kult konnte sich zwar nicht durchsetzen, aber er zeigt, dass wegen des Anbetungsinstinkts eine Ersatzreligion notwendig war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber die Menschen auf Dauer zu verfolgen und zu t\u00f6ten, weil sie ihre Religion aus\u00fcben und die Ersatzreligion nicht annehmen wollten, w\u00e4re zu anstrengend gewesen. Und so kam es zur Trennung zwischen Staat und Religion. Diese L\u00f6sung hat nichts mit der Frage nach der Wahrheit zu tun, sondern war ein fauler Kompromiss. Damit war das Problem mit dem Anbetungsinstinkt aber nicht gel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Religion l\u00e4sst sich im Grunde nur durch Manipulation der \u00f6ffentlichen Meinung, durch staatlichen Druck und im Extremfall durch Gewalt aus dem Leben der Menschen verbannen, weil der Anbetungsinstinkt zur Natur des Menschen geh\u00f6rt. Der Soziologe J\u00fcrgen Habermas beispielsweise meinte zur Trennung von Staat und Religion, dass der s\u00e4kulare Staat seine B\u00fcrger dazu n\u00f6tige, ihre Identit\u00e4t in einen privaten und einen \u00f6ffentlichen Anteil aufzuspalten. Habermas schlug vor, die Kirche solle ihre religi\u00f6sen Ansichten einfach in einer s\u00e4kularen Sprache verfassen, um sich Geh\u00f6r in der \u00d6ffentlichkeit zu verschaffen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Selbst eingefleischte Atheisten m\u00fcssen sich ihrem Anbetungsinstinkt f\u00fcgen, auch wenn sie ihn verleugnen. Er \u00e4u\u00dfert sich in ihren Handlungen, auch wenn es nicht um die Anbetung eines Gottes geht. Inzwischen gibt es sogenannte Atheistenkirchen, wo sich Menschen nur deshalb regelm\u00e4\u00dfig treffen, weil sie an etwas glauben, das sie mit anderen verbindet, n\u00e4mlich dass Gott nicht existiere. Was treibt denn Menschen dazu, die nicht an Gott glauben, sich nach dem Vorbild der Kirche regelm\u00e4\u00dfig an einem \u201eheiligen\u201c Ort zu treffen, wenn nicht der Anbetungsinstinkt? F\u00fcr Atheisten ist die Idee, dass kein Gott existiere, anbetungsw\u00fcrdig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zivilreligion ist ein weiterer Begriff, der zeigt, dass sich der Mensch, ob er will oder nicht, dem Anbetungsinstinkt in irgendeiner Form f\u00fcgen muss. Das Konzept geht auf Jean-Jaques Rousseau zur\u00fcck. Dahinter steckt die Auffassung, dass es ohne Religion nicht geht, man aber eine kirchliche Religion ablehnt. Die Zivilreligion soll den B\u00fcrger haupts\u00e4chlich gef\u00fcgig machen, die Gesetze der Vernunft zu akzeptieren. Dem Staat ist es hierbei v\u00f6llig egal, ob die Religion wahr ist. Sie dient nur als Instrument. Die Zivilreligion soll den Menschen dauerhaft an den Staat und seine Gesetze binden. Der Anbetungsinstinkt wird sozusagen auf den Staat gerichtet. Der US-amerikanische Soziologe Robert N. Bellah griff das Konzept der Zivilreligion wieder auf und ver\u00f6ffentlichte 1967 den Aufsatz \u201eZivilreligion in Amerika\u201c. Bellah zufolge sei trotz der Trennung von Religion und Staat ein religi\u00f6ser identit\u00e4tsstiftender Anteil notwendig, damit eine demokratische Gesellschaft funktioniere. Dieser religi\u00f6se Anteil gebe dem US-amerikanischen Volk das Selbstverst\u00e4ndnis, dass es g\u00f6ttlichen Ursprungs sei und die USA den g\u00f6ttlichen Schutz genie\u00dfen w\u00fcrden. Das Konzept der Zivilreligion ist ebenfalls Ausdruck des Anbetungsinstinkts.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt keine M\u00f6glichkeit, den Anbetungsinstinkt zu umgehen, zu ignorieren oder auszuschalten. Er sucht sich immer einen Weg. Man darf sich jedoch nicht auf ihn allein verlassen. Denn der Instinkt m\u00f6chte nur befriedigt werden und unterscheidet nicht zwischen richtig und falsch. Deshalb muss der Verstand die Glaubens\u00fcberzeugung auf ihre Richtigkeit hin pr\u00fcfen. Dies hat man in Europa nicht getan, sondern die auf Europa beschr\u00e4nkte Unterdr\u00fcckung durch die christliche Religion verallgemeinert und auf alle Religionen \u00fcbertragen, ohne zu ber\u00fccksichtigen, dass andere diese Erfahrung der Unterdr\u00fcckung durch die Religion nicht gemacht haben. Dennoch sollen beispielsweise die Muslime auf der Grundlage der historischen Erfahrung Europas die Idee der Trennung von Staat und Religion \u00fcbernehmen und ihre islamische Identit\u00e4t auf das Private beschr\u00e4nken. Die L\u00f6sung darf jedoch nicht darin bestehen, dass man den Anbetungsinstinkt im \u00f6ffentlichen Leben auf stumm schaltet, sondern wie man ihn richtig befriedigt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hat der Mensch einen angeborenen Anbetungsinstinkt? 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