{"id":14802,"date":"2022-10-08T00:05:00","date_gmt":"2022-10-07T22:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=14802"},"modified":"2022-10-08T00:05:00","modified_gmt":"2022-10-07T22:05:00","slug":"das-kalifat-als-ausweg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=14802","title":{"rendered":"Das Kalifat als Ausweg?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die islamische Welt zeichnet sich von jeher an ihren Peripherien durch eine Besonderheit aus. Obwohl es Gebiete sind, die historisch zum Kalifat geh\u00f6rten, stellten die dort lebenden Muslime in der Regel eine Minderheit dar. Damit waren sie auch immer der Gefahr ausgesetzt, bei kriegerischen Auseinandersetzungen mit angrenzenden Staaten das erste Angriffsziel zu sein. Aber auch innerhalb des Herrschaftsgebiets bestand zu jeder Zeit das Risiko, seitens der nichtmuslimischen Mehrheitsbev\u00f6lkerung Opfer von Vertreibungen oder sogar T\u00f6tungen zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass es geschichtlich betrachtet dazu eher selten kam, lag schlicht darin begr\u00fcndet, dass die Muslime bis Anfang des 20. Jahrhunderts \u00fcber eine politische Struktur verf\u00fcgten, welche die Scharia vollumf\u00e4nglich umsetzte. Damit besa\u00dfen die Muslime einen Staat, der sich seiner islamrechtlichen Verantwortung bewusst war, die Interessen der Muslime zu vertreten und sie vor Angriffen ihrer Feinde zu sch\u00fctzen. Mit dem Verlust dieser politischen Struktur jedoch, versch\u00e4rfte sich insbesondere die Situation der muslimischen Minderheiten auf dramatische Weise. Denn der Untergang des Kalifats und die darauffolgende Entstehung s\u00e4kularer Nationalstaaten f\u00fchrten endg\u00fcltig dazu, dass die Interessen der Muslime allen voran an den <em>Au\u00dfengrenzen<\/em> der islamischen Welt nicht weiter durch einen Staat gesch\u00fctzt wurden. Infolgedessen fanden gerade auf dem Balkan im Laufe des 20. Jahrhunderts eine Reihe von Massakern und Vertreibungen gegen die dortige muslimische Bev\u00f6lkerung statt. Was also zu dieser Zeit geschah, war nicht einfach nur der Niedergang einer normativen Ordnung, die durch eine neue ersetzt wurde, ohne die globale Einheit der Muslime zu ersch\u00fcttern. Vielmehr sorgte die Etablierung des s\u00e4kularen Systems daf\u00fcr, dass die <em>politische<\/em> Verbundenheit zur Umma gekappt wurde. Mit der k\u00fcnstlichen Schaffung nationaler Identit\u00e4ten begannen Muslime sich entlang ethnischer Linien voneinander abzugrenzen. Damit einhergehend verstellte sich der Blick auf Staat und Gesellschaft, was schlie\u00dflich zu Folge hatte, dass man seitdem auch milit\u00e4rische Konflikte unter nationalstaatlichen Gesichtspunkten betrachtet. So erfahren die zahlreichen Konfliktherde in der islamischen Welt seitens der bestehenden Regierungen keine islamrechtliche Bewertung. Es braucht daher keinen Muslim zu wundern, weshalb w\u00e4hrend des Krieges in Syrien oder der seit Jahrzehnten andauernden Besatzung Pal\u00e4stinas sich keiner der Nachbarstaaten in die Pflicht genommen f\u00fchlt, sein Milit\u00e4r in Gang zu setzen, um den Muslimen zur Hilfe zu eilen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass der Schutz muslimischen Lebens auch zuk\u00fcnftig davon abh\u00e4ngen wird, ob sie einen genuin islamischen Staat hinter sich wissen, der sich ihrer vitalen Interessen annimmt. Dies betrifft vor allem jene Regionen, in denen die Muslime eine Minorit\u00e4t bzw. keine klare Mehrheit darstellen. Exemplarisch hierf\u00fcr ist der Westbalkan und an dieser Stelle vor allem Bosnien-Herzegowina, das zudem eine weitere Besonderheit aufweist: aufgrund seiner heterogenen Struktur sowohl auf ethnischer als auch religi\u00f6ser Ebene, suchten die verschiedenen Volksgruppen stets nach Verb\u00fcndeten, um in dieser Region politisch Handlungsf\u00e4hig zu sein und demzufolge ihre Interessen realisieren zu k\u00f6nnen. Die Basis derartiger B\u00fcndnisse sind in erster Linie ethnisch-kulturelle sowie religi\u00f6se Gemeinsamkeiten, wie am Verh\u00e4ltnis zwischen Russland und Serbien deutlich zu beobachten ist. Dieses Verh\u00e4ltnis ist gepr\u00e4gt durch ein Geflecht an \u00f6konomischer, kultureller, politischer sowie milit\u00e4rischer Kooperation, wobei die politisch-milit\u00e4rische Dimension den gr\u00f6\u00dften Einfluss auf die regionalen Ereignisse aus\u00fcbt. Die Beziehung Moskaus zur sogenannten <em>Republika Srpska<\/em> sticht hierbei besonders hervor, nicht zuletzt mit Blick auf ihre Sezessionsbestrebungen, die seit dem vergangenen Jahr in den ehemals jugoslawischen Teilrepubliken f\u00fcr Unruhe sorgt. Obgleich Moskau diese Pl\u00e4ne \u00f6ffentlich nicht bef\u00fcrwortet, kann sich der Vertreter der bosnischen Serben Milorad Dodik dennoch der Unterst\u00fctzung des Kremls sicher sein. In der Vergangenheit stellte die russische Regierung dies wiederholt unter Beweis. So blockierte sie im Juli 2015 mit ihrem Veto eine Resolution im UN-Sicherheitsrat, die das Massaker von Srebrenica als Genozid eingestuft h\u00e4tte. Ein Jahr zuvor enthielt sich Russland erstmals bei der Verl\u00e4ngerung des EUFOR-Einsatzes in Bosnien und machte damit deutlich, dass eine Unterst\u00fctzung der Mission nicht als selbstverst\u00e4ndlich vorausgesetzt werden kann. Zudem fordert Moskau die Abberufung des Hohen Repr\u00e4sentanten f\u00fcr Bosnien-Herzegowina, der nach wie vor mit weitreichenden Machtbefugnissen ausgestattet ist. Es ist diese Form der R\u00fcckendeckung Moskaus, die Dodik darin best\u00e4rkt, seine separatistische Politik weiter voranzutreiben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An diesem Punkt stellt sich nun die Frage, wie sich die Muslime auf dem Westbalkan in dieser Gemengelage strategisch positionieren sollten, um einen milit\u00e4rischen Konflikt zu verhindern, der erneut in einen Genozid an den bosniakischen Muslimen m\u00fcnden w\u00fcrde. Auf welche politischen Instrumente k\u00f6nnen sie zur\u00fcckgreifen und welche Verb\u00fcndete stehen ihnen zur Seite? Wie bereits dargelegt, ist es notwendig, dass die Muslime zun\u00e4chst einen Paradigmenwechsel vollziehen und sich nicht nur spirituell, sondern auch <em>politisch<\/em> als Teil der Umma begreifen m\u00fcssen, die erst durch die erneute Gr\u00fcndung des Kalifats ihre politische Handlungsf\u00e4higkeit vollst\u00e4ndig wiedererlangen kann. Denn nur die Existenz einer derartigen ordnungspolitischen Struktur wird das globale Potenzial der Umma b\u00fcndeln und die Sicherheit der Muslime letztlich gew\u00e4hrleisten k\u00f6nnen. Voraussetzung daf\u00fcr ist jedoch, dass die Muslime sich politisch nicht l\u00e4nger \u00fcber ihre ethnische, sondern \u00fcber ihre weltanschauliche Zugeh\u00f6rigkeit definieren m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwar wird in diesem Kontext oft der Einwand erhoben, dass es sich bei diesem Prozess um ein l\u00e4ngerfristiges Ziel handle, das auf die gegenw\u00e4rtigen Probleme vor Ort keine Antworten bieten k\u00f6nne. Doch dieser Einwand \u00fcbersieht einen wesentlichen Aspekt. Denn die Idee der Wiedererrichtung einer politischen Struktur in Form des Kalifats bildet gleichzeitig das Fundament, um auch f\u00fcr die akuten Herausforderungen konkrete Handlungsoptionen zu entwickeln. Bezogen auf die Situation in Bosnien m\u00fcssen die politischen Akteure die Gefahr eines Konflikts als ein <em>islamisches<\/em> Problem kommunizieren \u2013 sowohl im eigenen Land als auch in der islamischen Welt. Es darf also nicht darauf fokussiert werden, dass bei einem m\u00f6glichen Kriegsausbruch die Daseinsberechtigung der <em>Bosniaken<\/em> wiederholt in Frage gestellt wird, sondern die der <em>Muslime<\/em>. Solange man aber die Gefahr eines Konflikts in ethnischen Kategorien ausdr\u00fcckt, kann es folgerichtig keine islamische L\u00f6sung geben. Genauso wenig l\u00e4sst sich in der islamischen Welt auf diese Weise ein verl\u00e4sslicher Verb\u00fcndeter finden, der sich bereit erkl\u00e4rt, die Bosniaken milit\u00e4risch zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erforderlich w\u00e4re somit eine zielgerichtete politisch-mediale Kampagne, welche die Gef\u00fchle der Muslime weltweit aktiviert, was allerdings nur gelingen wird, wenn der Konflikt unter islamischen Vorzeichen dargelegt und kommuniziert wird. Angesprochen werden k\u00f6nnen hier verschiedene gesellschaftliche Gruppen. Gerade die muslimischen Politiker in und au\u00dferhalb Bosniens unterhalten nachweislich hervorragende Beziehungen zu diversen Organisationen, Gesch\u00e4ftsleuten sowie politischen Aktivisten insbesondere in der T\u00fcrkei sowie auch in den Golfstaaten. Vor allem in der T\u00fcrkei herrschen aufgrund der osmanischen Geschichte nach wie vor gro\u00dfe Sympathien zu den muslimischen V\u00f6lkern auf dem Balkan. Zudem besteht ein Netzwerk an engen Kontakten zu zahlreichen islamischen Universit\u00e4ten und damit auch zu einflussreichen Pers\u00f6nlichkeiten unter den Gelehrten, die aufgrund ihrer Popularit\u00e4t eine enorme Reichweite besitzen und demzufolge als zus\u00e4tzliches Sprachrohr fungieren k\u00f6nnen. All die genannten Instrumente lassen sich auch unter den gegebenen Voraussetzungen nutzen, um die islamische Welt auf die Gefahr eines Konflikts aufmerksam zu machen und zwar nicht nur in Bosnien-Herzegowina. Auf diese Weise kann die Umma den Druck auf die bestehenden Regierungen in der islamischen Welt erh\u00f6hen und sie so zum Handeln zwingen. Und selbst wenn sich diese weigern zu handeln, w\u00fcrde durch das Umma-Verst\u00e4ndnis jene Solidarit\u00e4t erzeugt, die in bislang jedem Konflikt in der islamischen Welt zu beobachten war. Von politischen Kampagnen, \u00fcber humanit\u00e4re Hilfeleistungen bis hin zur aktiven Unterst\u00fctzung eines Verteidigungs-Dschihads \u2013 all dies resultiert nicht aus einer ethnischen, sondern aus einer islamischen Verortung des Konflikts.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Insofern ist es ein grober Denkfehler, wenn die Muslime f\u00fcr die L\u00f6sung ihrer aktuellen Herausforderungen Strategien entwickeln, die getrennt sind von den langfristigen Zielen und zudem auf einer v\u00f6llig entgegengesetzten Grundlage aufbauen. Denn der Einwand, das Kalifat sei zwar anzustreben, doch die derzeitigen Probleme w\u00fcrden ein pragmatisches Vorgehen erfordern, f\u00fchrt zwangsl\u00e4ufig dazu, dass sich die Akteure der nationalstaatlichen Logik weiterhin unterordnen und demzufolge keinen Ausweg aus diesen konflikttr\u00e4chtigen Strukturen finden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade f\u00fcr die muslimischen Minderheiten in den Peripherien der islamischen Welt gilt: Handlungsf\u00e4hig werden sie nicht nur dann, wenn sie eine externe Gro\u00dfmacht an ihrer Seite wissen. Vielmehr m\u00fcssen sie sich politisch als Teil der Umma begreifen und s\u00e4mtliche politische Handlungen in dieses strategische Gesamtkonzept einbetten. Dabei darf nicht au\u00dfer Acht gelassen werden, dass die politische Verbundenheit zur Umma nur dann zur vollen Entfaltung kommen wird, wenn sich dieses Konzept letztlich in staatlichen Strukturen manifestiert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es besteht kein Zweifel darin, dass die Idee des Nationalstaats die Muslime vor allem in eine politische Selbstblockade gef\u00fchrt hat. Doch es gibt einen Ausweg. Die Umma muss sich aus diesen Strukturen befreien und die Wiedererrichtung des Kalifats anstreben. Darin herrscht zunehmend Einigkeit. Doch dies ist ein langfristiges Ziel. Wie aber k\u00f6nnen Muslime auf die aktuellen Probleme reagieren, die nach schnellen L\u00f6sungen verlangen? Ist hier ein pragmatisches Vorgehen gefragt und sollte das langfristige Ziel der Kalifatsgr\u00fcndung vorerst beiseitegelegt werden?<\/p>\n","protected":false},"author":109,"featured_media":14801,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[1415,2342,2638],"class_list":["post-14802","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-konzeptionen","tag-kalifat","tag-schicksalsfrage","tag-umma"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14802","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/109"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=14802"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14802\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/14801"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=14802"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=14802"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=14802"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}