{"id":14920,"date":"2022-12-12T00:05:00","date_gmt":"2022-12-11T23:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=14920"},"modified":"2022-12-12T00:05:00","modified_gmt":"2022-12-11T23:05:00","slug":"erfundener-hass-und-realer-tod","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=14920","title":{"rendered":"<strong>Erfundener Hass und realer Tod<\/strong>"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Staat, der B\u00fcrger nach der Autoanzahl einteilt, ist nat\u00fcrlich die fiktive Idee eines Autors. Es gibt dennoch Staaten, die B\u00fcrger nach der Anzahl ihrer K\u00fche klassifizieren, was in der Realit\u00e4t die Idee von erfinderischen Kolonialisten war. Der V\u00f6lkermord an den Tutsi 1994 in Ruanda, das Massaker Hunderttausender Hutu in den 1970ern in Burundi und jahrelanger B\u00fcrgerkrieg in diesen Staaten sind die Konsequenzen dieses erfinderischen kolonialen Geistes, der noch in der heutigen Zeit sein Unwesen treibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von 1884 bis 1885 kamen die europ\u00e4ischen M\u00e4chte zusammen, um auf der Kongo-Konferenz in Berlin Afrika untereinander aufzuteilen. Ruanda und Burundi gingen 1885 an das Deutsche Kaiserreich. Als die deutschen Kolonialisten in den 1890ern in das sogenannte Deutsch-Ostafrika anr\u00fcckten, trafen sie auf drei soziale Gruppen mit komplexem Gef\u00fcge. Tutsi, Hutu und Twa waren die Bezeichnungen dieser sozialen Schichten, die eine gemeinsame Kultur und Sprache verband. Aus den Tutsi gingen K\u00f6nige und Adel hervor, bei denen sich der Reichtum in der Regel in Form von Rindern mehrte. Hutu nannte man die Ackerbauern, die das Land bebauten. Die Twa geh\u00f6rten zu einer kleinen Minderheit, die dem K\u00f6nig J\u00e4ger, Musiker und T\u00e4nzer zur Verf\u00fcgung stellte. Diese soziale Aufteilung war vor der deutschen Kolonialisierung durchl\u00e4ssig. Ein Mensch konnte als Hutu geboren werden und als Tutsi sterben, wenn es ihm im Laufe seines Lebens gelang, seinen Reichtum durch Vieh zu vermehren. Diese Durchl\u00e4ssigkeit zwischen den Gruppen verschwand, als die neuen Kolonialherren Tutsi und Hutu zu zwei verschiedenen Rassen erkl\u00e4rten. Die Kolonialisten interpretierten die Unterschiede innerhalb der Gruppen nicht sozial, sondern entsprechend ihrer unwissenschaftlichen Rassentheorien. Die deutschen Kolonialoffiziere griffen die pseudowissenschaftliche \u201eHamiten\u201c-Theorie aus den 1860er Jahren des englischen Forschungsreisenden John Speke auf. Hirtenv\u00f6lker wie die Tutsi seien demnach den \u201ehamitischen\u201c V\u00f6lkern zuzurechnen, die aus dem christlich gepr\u00e4gten \u00c4thiopien stammten. Deshalb seien sie den Europ\u00e4ern als \u201eRasse\u201c n\u00e4her und den \u201eechten\u201c Afrikanern, wie den Hutu, in Aussehen, Charakter und Intelligenz \u00fcberlegen. Diese Theorie lie\u00df sich durch nichts belegen, aber sie hatte eine gewaltige Spaltkraft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der deutsche Kolonialismus hatte nur wenig Kr\u00e4fte, die er nach Afrika entsenden konnte, sodass das Kaiserreich auf ein System indirekter Herrschaft angewiesen war. Also st\u00fctzten sie eine kleine Schicht von Tutsi, die die Idee von der eigenen \u00dcberlegenheit nur allzu gern \u00fcbernahmen, denn sie war mit sozialen Vorteilen verkn\u00fcpft. Der Tutsi-K\u00f6nig wurde gest\u00e4rkt und bei der Niederwerfung von rebellischen F\u00fcrsten oder Hutu unterst\u00fctzt. Die Begriffe Tutsi und Hutu wurden zu festen rassischen Zuschreibungen, die \u00fcber die sozialen Chancen, wie zum Beispiel \u00fcber den Zugang zu schulischer Bildung, mitentschieden. Kaum ein Tutsi erlangte eine gehobene Stellung der kolonialen Verwaltung oder der Streitkr\u00e4fte. Statistisch lag das Einkommen der Tutsi nur geringf\u00fcgig \u00fcber dem Hutu-Durchschnitt, aber die Unterscheidung zwischen Hutu und Tutsi pr\u00e4gte die gesamte Gesellschaft. Die Tutsi glaubten immer mehr, dass sie einer h\u00f6heren Rasse angeh\u00f6rten. \u201eDie Hutu, von allen Stellen der Macht ausgeschlossen und von Wei\u00dfen wie Tutsi ausgebeutet, begannen alle Tutsi zu hassen. Selbst jene, die so arm wie sie selbst waren\u201c, beschreibt der Historiker und Ostafrikaspezialist G\u00e9rard Prunier den Zustand. Es ist offensichtlich, dass diese gesellschaftliche Spaltung aus europ\u00e4ischer Sicht ein n\u00fctzliches Instrument darstellte, um ihre Herrschaft in den Kolonien zu sichern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach dem Ersten Weltkrieg und der Kapitulation Deutschlands wurden Ruanda und Burundi an Belgien weitergereicht. Die neuen Kolonialherren \u00fcbernahmen das koloniale Prinzip des Teilens und Herrschens. So f\u00fchrten sie in den 1930er Jahren in den Kolonien P\u00e4sse ein, in denen von nun an die Ethnie festgeschrieben wurde. Als Tutsi wurden jene registriert, die zum jeweiligen Stichtag zehn oder mehr K\u00fche besa\u00dfen. Alle anderen waren von nun an Hutu, was ein Erbe war, welches \u00fcber den Vater an die Kinder weitervererbt wurde. Die Kolonialm\u00e4chte spielten Hutu und Tutsi gegeneinander aus, schrieben sie ethnisch fest und verursachten damit Konflikte in Ruanda und Burundi, die bis heute anhalten. Die ethnische Unterscheidung beruht auf reiner Fiktion, aber der V\u00f6lkermord mit all seinen Opfern ist real. All die mit Macheten zerst\u00fcckelten Kinder, Frauen und M\u00e4nner, die Massenvergewaltigungen und Hinrichtungen sind n\u00e4mlich Wahrheit \u2013 auch wenn sie die Folge einer L\u00fcge sind. Denn in der Realit\u00e4t sind Tutsi und Hutu gar nicht zu unterscheiden. Sie lassen sich weder durch Aussehen, Kultur noch Sprache charakterisieren. F\u00fcr viele Tutsi war lediglich der Vermerk in ihrem Pass von 1930 ihr Todesurteil. Ihre Vorv\u00e4ter besa\u00dfen am Stichtag einer willk\u00fcrlich festgesetzten Volksz\u00e4hlung 10 oder mehr K\u00fche. Deshalb mussten sich die M\u00f6rder 64 Jahre sp\u00e4ter bei der Auswahl ihrer Opfer auf Denunzianten oder die von den Kolonialherren eingef\u00fchrten Vermerke in den Ausweisen verlassen. Viele Tutsi besorgten sich gef\u00e4lschte Ausweise und entkamen nur so dem Gemetzel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nur allzu gerne ist man gewillt, den kolonialen Rassismus zu reproduzieren und den blutigen Konflikt von 1994 als B\u00fcrgerkrieg abzuwerten, in dem afrikanische V\u00f6lker im Blutrausch mit Macheten wild aufeinander losgingen. Gerne unterstellt man den B\u00fcrgern Afrikas in Konflikten eine wilde Mordlust, die sich in Konflikten pl\u00f6tzlich entl\u00e4dt. Aber die Konflikte sind nicht das Produkt einer unstillbaren Mordlust von wilden V\u00f6lkern, sondern das Ergebnis eines organisierten Machtkampfes, den die europ\u00e4ischen M\u00e4chte nicht nur verursacht, sondern ma\u00dfgeblich befeuert haben. Dieser erfinderische koloniale Geist trieb sein Unwesen nicht nur auf dem afrikanischen Kontinent, sein Machthunger lie\u00df ihn umtriebig werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Brite Mark Sykes und der Franzose Francois Georges-Picot teilten 1916 im Auftrag ihrer Regierungen das immer mehr zusammenbrechende Osmanische Reich in einem geheimen Besatzungsplan unter sich auf. Das Geheimabkommen von 1916 begann 1915 mit einer Halbierung, bei der die pal\u00e4stinensischen Gebiete ausgeklammert und \u00c4gypten nur angedeutet wurde. Die Teilung endete im Kurdengebiet in Kirkuk. Der Norden ging an die Franzosen und der S\u00fcden an die Briten. Erst danach entwarfen sie die arabischen Staaten, wie wir sie heute kennen, mithilfe von Lineal und Bleistift. Mit kolonialer Willk\u00fcr wurden auf der Weltkarte gerade Linien gezogen. Dadurch entstanden nicht nur neue Grenzen und L\u00e4nder, den Menschen wurde vielmehr ein neues Ged\u00e4chtnis implantiert. Nur ein willk\u00fcrlich gesetzter Linienstrich verwandelte Muslime, die an einem Stichtag zuf\u00e4llig an einem bestimmten Ort lebten, beispielweise in Iraker. Daraufhin f\u00fchlten sich diese Menschen auch, befeuert von Historikern und Anthropologen mit unlauteren Absichten, als Iraker und somit als direkte Nachfahren der alten Babylonier. Dieses Schauspiel setze sich in der gesamten islamischen Welt fort. Die B\u00fcrger der neuen T\u00fcrkei glaubten pl\u00f6tzlich, dass sie im Grunde wei\u00df und arisch seien und sahen Sumerer und Hethiter als ihre Vorfahren. Je mehr die Menschen an die neuen Grenzen glaubten und je mehr Mythen sich um diese Grenzen woben, desto abh\u00e4ngiger wurden sie \u2013 die ehemaligen B\u00fcrger des Islamischen Staates &#8211; von ihren neuen Herren. Und mithilfe von erfundenen Nationalstaaten, erfundenen Ethnien und rassistischen M\u00e4rchen werden Muslime auch noch dazu gebracht, andere Muslime zu hassen, weil sie vermeintlich einer anderen Volksgruppe angeh\u00f6ren. Erst wenn man dies verstanden hat, sollte man sich selbst die Frage stellen, ob die eigenen Vorv\u00e4ter nicht auch an einem Stichtag zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Denn mit Sicherheit ist der Unmut, den man gegen einen anderen Muslim hegen mag, nicht mehr als die Erfindung eines kolonialen Geistes.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Vorstellung, dass innerhalb eines Staates B\u00fcrger auf Grundlage der Anzahl ihrer Autos einer jeweiligen Ethnie zugeordnet werden, erscheint zurecht absurd. Noch absurder erscheint die Vorstellung, dass sich ein solch massiver ethnischer Hass zwischen den erfundenen Ethnien entfalten k\u00f6nnte, der in ein neunzigt\u00e4giges Gemetzel von bet\u00e4ubenden Ausma\u00dfen m\u00fcndet, bei dem 800.000 Menschen sterben w\u00fcrden. Der Kern der Vorstellung kann aber noch so abwegig erscheinen. Sobald er auf fruchtbaren Boden f\u00e4llt, keimt er auf und aus ihm erw\u00e4chst in der Realit\u00e4t ein Baum mit dickem Stamm und tiefen Wurzeln, der zudem Fr\u00fcchte tr\u00e4gt.<\/p>\n","protected":false},"author":95,"featured_media":14919,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[29],"tags":[107,1220,1503,2621,2866],"class_list":["post-14920","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichte","tag-afrika","tag-hutu","tag-kolonialismus","tag-tutsi","tag-westen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14920","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/95"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=14920"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14920\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/14919"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=14920"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=14920"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=14920"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}