{"id":14936,"date":"2022-12-20T00:05:00","date_gmt":"2022-12-19T23:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=14936"},"modified":"2022-12-20T00:05:00","modified_gmt":"2022-12-19T23:05:00","slug":"getuerkte-osmanen-wie-sich-nationalisten-mit-fremden-federn-schmuecken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=14936","title":{"rendered":"Get\u00fcrkte Osmanen &#8211; Wie sich Nationalisten mit fremden Federn schm\u00fccken"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ausgerechnet die Deutschen. Als 1895 der Nord-Ostsee-Kanal unter Kaiser Wilhelm II. er\u00f6ffnet wurde, scheute das Kaiserreich weder Kosten noch M\u00fchen, um dieses Ereignis zu zelebrieren. Dabei spielte die deutsche Kapelle die Nationalhymnen aller befreundeter Staaten \u2013 auch das Osmanische Reich z\u00e4hlte zu ihnen. Die Kapellenmusiker standen pl\u00f6tzlich vor einer gro\u00dfen Herausforderung, als ihnen bewusstwurde, dass ihnen keine Nationalhymne des osmanischen Staates bekannt war. So improvisierten sie und musizierten das Lied <em>\u201eDer Mond ist aufgegangen\u201c<\/em>. Freudig brachten sie das St\u00fcck zu Ende und klopften sich selbst auf die Schultern. Schlie\u00dflich h\u00e4tten sie die Situation gut <em>\u201eget\u00fcrkt\u201c<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieses Ereignis zeigt unterdessen eindr\u00fccklich, vor welcher Herausforderung die frisch gebackenen Deutschen standen: Welche nationale Identit\u00e4t besitzt das Vielv\u00f6lker-Sultanat der Osmanen? Auf welche Nation berufen sich die t\u00fcrkischen Kalifen, unter denen Araber, Kurden und andere V\u00f6lker Schutz fanden? Waren sie eher Araber, weil der Islam \u201earabisch\u201c ist? Oder eher T\u00fcrken, da sie anders sprachen als die Araber? \u00dcber Jahrhunderte identifizierte sich das Osmanische Reich losgel\u00f6st von einer v\u00f6lkerabgrenzenden und nationalistischen Gesinnung mit dem Islam, der auch die ordnungspolitische Basis f\u00fcr das multi-ethnische Gemeinwesen bildete. Die identit\u00e4tsstiftende Definition der <em>Umma<\/em> und die darauf aufbauende Gesellschaftsstruktur waren den europ\u00e4ischen Nationalisten fremd.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war ein langj\u00e4hriger und blutiger Prozess nationalistischer Umerziehung und islamfeindlicher Repressionspolitik, der dazu f\u00fchrte, dass selbst vielen T\u00fcrken ihre eigentliche Identit\u00e4t fremd wurde. Dabei ist aus der knapp sechshundertj\u00e4hrigen Historie des osmanischen Staates bis zur Endzeit nicht ersichtlich, dass sich die osmanischen Kalifen mit einem wie auch immer gearteten T\u00fcrkentum identifizierten. Viel eher verstanden sich alle Sultane als Nachfolger des Propheten (s), die sich der islamischen Rechtsprechung gem\u00e4\u00df <em>Qur\u2019an<\/em> und <em>Sunna<\/em> verpflichteten und bereit waren, Leib und Seele f\u00fcr die Verteidigung des Islam zu geben. Weder die milit\u00e4rische und ideologische Schw\u00e4che des osmanischen Kalifats zu seiner Endzeit, noch die konstruierten Narrative t\u00fcrkischer Geschichtsrevisionisten sind ein Beleg daf\u00fcr, dass sich die geistige Verbundenheit der Sultane von einer islamischen zu einer t\u00fcrkischen wandelte. Selbst der schw\u00e4chste osmanische Kalif sah sich als Schutzherr der Muslime und seiner B\u00fcrger \u2013 und nicht als Vater oder Besch\u00fctzer der T\u00fcrken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war die Entstehung der jungt\u00fcrkischen Bewegung, die im europ\u00e4ischen Nationalismus wurzelte und einen radikalen Bruch mit dem Osmanischen Reich vollzog. F\u00fchrt man sich vor Augen, dass laut dem britischen Soziologen Anthony Giddens Radikalismus nichts weiter bedeute als <em>\u201edas Brechen mit der Vergangenheit\u201c<\/em>, so k\u00f6nnte diese Definition im Kontext der nationalt\u00fcrkischen Entstehungsgeschichte nicht treffender sein. Schlie\u00dflich ist die europ\u00e4isch beseelte Entstehung des T\u00fcrkentums keine Weiterf\u00fchrung des osmanischen Staates, oder gar ein Kompromiss, um zumindest Restteile des osmanischen Kalifats zu retten. Sie ist ein glatter und scharfer Bruch mit der Geschichte des Islamischen Staates, deren Ursprung auf die Offenbarungsepoche des Propheten Muhammad (s) zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Sie ist ein glatter Bruch mit dem Islam selbst, da die Ideen und Konzeptionen des t\u00fcrkischen Nationalismus \u2013 angef\u00fchrt durch den <em>Taghut<\/em> Mustafa Kemal \u2013 im diametralen Widerspruch zu der islamischen <em>Aqida <\/em>und<em> Schari\u2018a<\/em> stehen. Und sie ist ein Bruch mit allen islamischen Br\u00fcderv\u00f6lkern, der durch die k\u00fcnstliche und fremdbestimmte Schaffung einer nationalen Identit\u00e4t dazu f\u00fchrte, dass sie sich gegenseitig zu Waisen und Witwern machten, wo sie noch einige Jahre zuvor Seite an Seite k\u00e4mpften, um das Erbe des Islam gemeinsam aufrechtzuerhalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Daher m\u00fcssen den t\u00fcrkischen Nationalisten die historischen Tatsachen schonungslos vor Augen gef\u00fchrt werden. Ihre m\u00e4rchenhaften Erz\u00e4hlungen, dass sie die T\u00fcrkei heldenhaft vor den europ\u00e4ischen Siegerm\u00e4chten gerettet h\u00e4tten, fanden nur im Wunschdenken Mustafa Kemals statt. Der weltanschauliche Ursprung und die ordnungspolitische Struktur des modernen t\u00fcrkischen Staates \u2013 der laizistischen Republik T\u00fcrkei \u2013zeigen hingegen, dass die t\u00fcrkischen Nationalisten den Sieg der europ\u00e4ischen Kolonialm\u00e4chte tats\u00e4chlich erst vollendeten, indem sie das eigene Land im Ebenbild ihrer vorgeblichen Feinde erschufen! Zudem entfachten sie durch ihren brachialen Versuch, die islamische Identit\u00e4t auszul\u00f6schen und durch eine europ\u00e4ische zu ersetzen, einen wahren Brandherd, unter dem die T\u00fcrkei immer noch leidet. Schlie\u00dflich hatten die Grundpfeiler des t\u00fcrkischen Staates (die sogenannten sechs Pfeile Mustafa Kemals \u201e<em>alt<\/em><em>\u0131<\/em><em> ok<\/em>\u201c) zur Folge, dass der t\u00fcrkische Staat zum Konfliktgarant mit schier un\u00fcberwindbaren Bruchlinien wurde. W\u00e4hrend das Prinzip des Laizismus (<em>laiklik<\/em>) den Islam und die dem Kalifat treugebliebenen Muslime systematisch verfolgte und auszul\u00f6schen versuchte, wurden alle in der T\u00fcrkei lebenden Minderheiten, die zuvor hunderte Jahre unter dem Schutz des osmanischen Kalifats lebten, durch das Prinzip des t\u00fcrkischen Nationalismus (<em>milliyet\u00e7ilik<\/em>) zwangsassimiliert oder ebenfalls verfolgt und ermordet. Besonders die <em>milliyet\u00e7ilik<\/em> f\u00fchrte zur Erstarkung des kurdischen Nationalismus, der die Gr\u00fcndung der PKK zur Folge hatte und einen bis heute w\u00e4hrenden Dauerkonflikt seit den sp\u00e4ten 1970er Jahre ausl\u00f6ste. Der m\u00f6rderische Plan Mustafa Kemals, mit brachialer Gewalt ein ethnokulturell und ideell gleichgeschaltetes t\u00fcrkisches Volk hervorzubringen, kostete derweil nicht nur Muslimen und Kurden das Leben. &nbsp;Linksgerichtete T\u00fcrken litten unter dem sogenannten \u201ePopulismus\u201c (<em>halk\u00e7\u0131l\u0131k<\/em>), da sie das von Mustafa Kemal geschaffene klassenlose Prinzip nicht anerkannten. Demokraten lehnten sich unterdessen gegen den Republikanismus (<em>cumhuriyet\u00e7ilik<\/em>) auf, der das Ein-Parteien-System und damit das Fehlen der Demokratie zur Folge hatte. Wirtschaftsliberale Kr\u00e4fte in der neu entstandenen T\u00fcrkei widersprachen wiederum dem Prinzip der staatlichen Steuerung der Wirtschaft (<em>devlet\u00e7ilik<\/em>). All diese Bruchlinien und Konflikte wurden durch die t\u00fcrkische Staatsgr\u00fcndung verursacht und sind bis heute nicht \u00fcberwunden. Insbesondere das sogenannte Kurdenproblem und die Spannungen zwischen islamischen und laizistischen Kr\u00e4ften entladen sich immer wieder und veranschaulichen das Scheitern der knapp hundertj\u00e4hrigen Republik.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Grunds\u00e4tzlich zeigt die Entstehungsgeschichte der T\u00fcrkei und die damit einhergehende Konstruktion einer t\u00fcrkischen Identit\u00e4t, dass sie keineswegs eine Weiterf\u00fchrung des osmanischen Staates ist. Den Kalifen kam nie in den Sinn, sich als T\u00fcrken zu identifizieren und sich f\u00fcr ein wie auch immer geartetes T\u00fcrkentum einzusetzen. Die Osmanen fassten den Begriff <em>T\u00fcrke<\/em> aufgrund der ethnischen Emphase und soziopolitischen Implikationen gar als abwertenden Begriff auf: <em>Ein osmanischer Herr h\u00e4tte sich bis weit in das 19. Jahrhundert immer als Muslim oder Osmane identifiziert, niemals als T\u00fcrke \u2013 ein Begriff, der entweder zur Unterscheidung zwischen T\u00fcrken und Nicht-T\u00fcrken oder als abwertende Bezeichnung f\u00fcr den unwissenden Bauern oder Nomaden Anatoliens verwendet wurde<\/em>, so der renommierte Historiker David Kushner. Weiterhin sei <em>die t\u00fcrkische Geschichte im Wesentlichen zu einer islamischen oder osmanischen Geschichte<\/em> geworden und <em>das vielleicht beste Beispiel f\u00fcr die t\u00fcrkische Assimilation in die islamische Zivilisation<\/em> ist die <em>t\u00fcrkische Sprache, in der so viele persische und arabische W\u00f6rter integriert wurden, dass sie ihren urspr\u00fcnglichen Charakter fast vollst\u00e4ndig verloren hat<\/em>. Insgesamt f\u00fchrt der Versuch, das Osmanische Reich auf Basis moderner Nationalismen begreifen zu wollen, zwangsl\u00e4ufig in eine Geschichtsverzerrung. Ein Ph\u00e4nomen, das von der Politikwissenschaftlerin Feride Asli Erg\u00fcl folgenderma\u00dfen beschrieben wird: <em>Die Bewertung der osmanischen Identit\u00e4t aus der Perspektive gegenw\u00e4rtiger nationalstaatlicher Identit\u00e4ten kann die historische Analyse in Richtung eines Chronofetischismus f\u00fchren, einer Form des Ahistorizismus, der die Vergangenheit mit gegenw\u00e4rtigen Ideen bewertet. Zeitgen\u00f6ssische Glaubenssysteme, die mit modernen nationalstaatlichen Konstrukten aufgeladen sind, bieten nicht die geeignete Grundlage f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis vergangener Praktiken alter Gesellschaften. Mit anderen Worten: Die historische Analyse des Osmanischen Reiches sollte von der zeitgen\u00f6ssischen nationalistischen Rhetorik losgel\u00f6st werden, um die Vergangenheit zu verstehen, anstatt die Gegenwart zu legitimieren. Eine umfassende Analyse des Osmanischen Reiches muss sich daher unvoreingenommen gegen jeden modernen nationalistischen Diskurs, ob t\u00fcrkisch, griechisch oder arabisch, stellen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dessen ungeachtet, gerieren sich t\u00fcrkische Nationalisten immer \u00f6fter als Nachfolger des osmanischen Staates und verweisen voller Stolz auf dessen Erfolge wie die Eroberung Istanbuls oder des Balkans. Die Geschichte der sechshundertj\u00e4hrigen Weltmacht ist schlie\u00dflich tiefgreifend in dem Bewusstsein der Muslime verankert, sodass Bez\u00fcge dieser Art eine entsprechende Anschlussf\u00e4higkeit erzeugen. Die Wiedererstarkung der islamischen Ideen und Gef\u00fchle innerhalb der t\u00fcrkischen Bev\u00f6lkerung zwang die anatolischen Geschichtsrevisionisten zur Schaffung einer Schim\u00e4re, die besagt, dass sich die osmanischen Sultane selbst dem T\u00fcrkentum zuschrieben. Ihnen ist in aller Klarheit zu entgegnen, dass dies nicht nur der historischen Wahrheit widerspricht, sondern ihrer kompletten Verdrehung gleichkommt, da die Konstruktion einer nationalistischen t\u00fcrkischen Identit\u00e4t einen radikalen Bruch mit dem islamischen Selbstbild der Osmanen zur Folge hatte. F\u00fcr Muslime folgt hieraus der politische Imperativ, zu verhindern, dass nationalistische Opportunisten auf die heldenhaften Erfolge des Islamischen Staates referenzieren, um sich mit fremden Federn zu schm\u00fccken. Ferner m\u00fcssen sie ihre geballte Kraft daf\u00fcr aufwenden, s\u00e4mtliche Nationalismen zu \u00fcberwinden und f\u00fcr die Wiederrichtung des Kalifats zu arbeiten. Auf diese Weise tragen sie auch dazu bei, die eingangs erw\u00e4hnte r\u00f6mische Fabel wahr werden zu lassen: Das Ende der h\u00e4sslichen Kr\u00e4he, die sich mit fremden Pfauenfedern schm\u00fcckte, bestand schlie\u00dflich darin, dass sich die Pfauen auf die Kr\u00e4he st\u00fcrzten und sich ihr Gefieder wiederholten \u2013 letztlich stand die Kr\u00e4he h\u00e4sslicher da als zuvor.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einer r\u00f6mischen Fabel zufolge bediente sich eine Kr\u00e4he an herumliegenden Pfauenfedern, um ihr eigenes, h\u00e4ssliches Gefieder zu besch\u00f6nigen. So tat sie ihr \u00dcbriges, um sich als etwas darzustellen, was sie nicht ist. Unterdessen schm\u00fcckt sich auch der t\u00fcrkische Nationalismus zuweilen mit fremden Federn, indem er sich als Nachfolger des Osmanischen Reiches geriert. Ein Blick in die Historie zeigt jedoch, dass die Entstehung des T\u00fcrkentums einen radikalen Bruch mit den Osmanen darstellt. Dass sich die osmanischen Herrscher mit einem nationalistisch gepr\u00e4gten T\u00fcrkentum identifizierten, erweist sich als M\u00e4r der t\u00fcrkischen Geschichtsschreibung.<\/p>\n","protected":false},"author":70,"featured_media":14935,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[29],"tags":[1231,1880,1974,1976,2556,2558],"class_list":["post-14936","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichte","tag-identitaet","tag-nationalisten","tag-osmanen","tag-osmanisches-reich","tag-tuerkei","tag-tuerken"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14936","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/70"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=14936"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14936\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/14935"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=14936"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=14936"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=14936"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}