{"id":15209,"date":"2023-04-09T14:59:27","date_gmt":"2023-04-09T12:59:27","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=15209"},"modified":"2023-04-09T14:59:27","modified_gmt":"2023-04-09T12:59:27","slug":"die-grosse-fitna-saekulare-macht-und-muslimische-zukunften-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=15209","title":{"rendered":"Die gro\u00dfe Fitna: S\u00e4kulare Macht und muslimische Zukunft(en) &#8211; Teil 2"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die s\u00e4kulare Macht und die Herstellung von Realit\u00e4t<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Menschen befinden wir uns immer in einer \u201eSituation\u201c, sei es in der Familie, in der Politik, in der Wirtschaft und so weiter. Die Situation kann vorteilhaft oder ung\u00fcnstig sein. Um die jeweiligen Situationen zu bew\u00e4ltigen, versuchen wir uns zu orientieren, um entsprechend handeln zu k\u00f6nnen. Unsere Orientierung beruht dabei auf einem Verst\u00e4ndnis der Situation und einer brauchbaren Vorgehensweise, was anhand einiger normativer oder technischer Kriterien beurteilt wird. Prinzipiell wird eine Situation als kontingent und \u00fcberwindbar wahrgenommen, weil wir wissen, dass die Situation auch anders sein k\u00f6nnte. Daher besteht in jeder Situation die M\u00f6glichkeit der Wahl.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unsere Reaktion auf die Realit\u00e4t unterscheidet sich jedoch gravierend von unserer Reaktion auf eine Situation. Denn die Realit\u00e4t wird nicht als Situation wahrgenommen, sondern lediglich als die \u201eArt und Weise, wie die Dinge sind\u201c. Eine Realit\u00e4t ist daher un\u00fcberwindbar, und man empfindet keine M\u00f6glichkeit der Wahl. Doch wann wird eigentlich eine Situation als <em>die Realit\u00e4t<\/em> wahrgenommen? Eine Situation wird dann zu einer \u201eRealit\u00e4t\u201c, wenn wir ein Bild von uns selbst und der Welt als normal und alternativlos verinnerlichen. An diesem Beispiel erkennen wir, wie Macht funktioniert. <em>W\u00e4hrend die Anwendung von Gewalt eine Situation schafft, wird durch die Aus\u00fcbung von Gestaltungsmacht eine Realit\u00e4t geschaffen.<\/em> Die s\u00e4kulare Ordnung pr\u00e4sentiert sich nicht als <em>eine<\/em> Ordnung unter anderen. Sie sieht sich nicht als <em>eine<\/em> historische oder kontingente M\u00f6glichkeit unter anderen M\u00f6glichkeiten. Stattdessen begreift sie sich als unvermeidliche und nat\u00fcrliche Entwicklung der Vernunft. Die s\u00e4kulare Ordnung versteht sich als (einzige) Realit\u00e4t. Indem wir ihre Behauptungen verinnerlichen, verwandeln wir eine koloniale <strong>Situation<\/strong> in eine dauerhafte und gelebte <strong>Realit\u00e4t<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unsere Rekrutierung in das Projekt der Moderne und die \u00dcbernahme von dessen Konzepte stellt ein offensichtliches Problem dar. Es versch\u00e4rft die Krise in der muslimischen Welt, indem es den islamischen Diskurs dazu benutzt, die Mythen der s\u00e4kularen Ordnung zu legitimieren. Wie Sabet feststellt, liegt der Unterschied zwischen Nicht-Krise und Krise in der Unterscheidung zwischen dem, was selbstreferenziell ist, und dem, was fremdreferenziell ist. Die Selbstreferenz bezieht sich auf einen Zustand, in dem sich unsere Ideale in der Realit\u00e4t widerspiegeln. Daher rechtfertigen unsere Konzeptionen eine Realit\u00e4t, die sich aus diesen Konzeptionen ergibt. Im Gegensatz dazu bezieht sich die Fremdreferenz auf einen Zustand, in dem islamische Konzeptionen nur benutzt werden, um vorhandene Realit\u00e4ten einer Welt zu rechtfertigen, die nicht von uns selbst geschaffen wurde (Sabet, 2008, 1). In der muslimischen Welt ist dies heutzutage g\u00e4ngige Praxis. So finden wir zum Beispiel die Vorstellung, dass der so genannte \u201eneutrale\u201c politische Raum eigentlich der <em>Schura<\/em> entspricht. Obwohl es sich beim <em>neutralen Raum<\/em> um ein Instrument des s\u00e4kularen Staates handelt, der im Gegensatz zur <em>\u0161\u016br\u0101<\/em> eindeutig nicht dem Islam entspringt, wird diese Vorstellung immer beliebter. Auch herrscht die Vorstellung, dass die angeblich universellen Werte des modernen Staates mit den <em>maq\u0101\u1e63id a\u0161-\u0161ar\u012b\u02bfa<\/em> (die generellen Absichten, die die Scharia durch ihre Gesetzgebung erf\u00fcllen m\u00f6chte) \u00fcbereinstimmen, oder dass das vom s\u00e4kularen Staat willk\u00fcrlich festgelegte \u201e\u00f6ffentliche Wohl\u201c eigentlich das Konzept der <em>ma\u1e63la\u1e25a<\/em> (Interessen) verk\u00f6rpern w\u00fcrde. In allen drei F\u00e4llen werden islamische Konzepte benutzt, d.\u00a0h. missbraucht, um die vermeintlich \u201egott\u00e4hnliche\u201c Souver\u00e4nit\u00e4t des modernen Staates zu legitimieren. Am besten wird dieser Zustand vom Koran beschrieben, der ihn als <em>fitna<\/em> charakterisiert. So hei\u00dft es im Koran dazu:<\/p>\n\n\n\n<section class=\"wp-block-kommy-quran-block\"><p class=\"quran-block-arabic\"><span>\ufd3f<\/span><span class=\"quran-block-arabic-content\">\u0648\u064e\u0627\u0644\u0652\u0641\u0650\u062a\u0652\u0646\u064e\u0629\u064f \u0623\u064e\u0634\u064e\u062f\u064f\u0651 \u0645\u0650\u0646\u064e \u0627\u0644\u0652\u0642\u064e\u062a\u0652\u0644\u0650<\/span><span>\ufd3e<\/span><\/p><p class=\"quran-block-trans-ref\"><span class=\"quran-block-translation\">denn die Fitna ist schlimmer als T\u00f6ten<\/span><span class=\"quran-block-reference\"><span>[<\/span><span class=\"quran-block-reference-content\">2:191<\/span><span>]<\/span><\/span><\/p><\/section>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie Sherman B. Jackson treffend formuliert, ist <em>fitna<\/em> <em>eindeutig eine kognitive Institution eines bewusst aufrechterhaltenen Systems normalisierter Herrschaft<\/em> (Jackson 180, 2005). Dieses Bild &#8211; diese verinnerlichte Vorstellung von sich selbst und der Welt &#8211; l\u00e4hmt daher den Muslim. Dies f\u00fchrt wiederum dazu, dass er sowohl auf der Erkenntnis- bzw. Bewusstseinsebene als auch in der Praxis und in seinem Handeln unbeweglich wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das s\u00e4kulare Zeitalter vermittelt einen falschen Optimismus, indem es sich einer scheinbar universellen Sprache bedient. Hinter wohlklingenden Begriffen wie \u201eFreiheit\u201c und \u201eWahl\u201c verbirgt der S\u00e4kularismus die ihm innewohnenden Mechanismen des totalen Gegenteils: Zersetzung und Zwang. Die Bandbreite der Wahlm\u00f6glichkeiten ist vorgegeben, wodurch das M\u00f6gliche vom Unm\u00f6glichen und das Legitime vom Illegitimen abgegrenzt wird. Die im s\u00e4kularen Zeitalter geschmiedeten und verinnerlichten Vorstellungen schaffen einen \u201egrausamen Optimismus\u201c, eine optimistische Bindung, deren Ziel selbst ein Hindernis f\u00fcr die Erf\u00fcllung der W\u00fcnsche ist, die die Menschen zu diesem Optimismus gef\u00fchrt haben (Berlant 2011, 227). Das hei\u00dft, wir setzen falsche Hoffnungen in die vermeintlich \u201eneutralen\u201c Apparate des s\u00e4kularen Staates, nur um dann festzustellen, dass wir unsere normativen Verpflichtungen aufgeben mussten und gewaltsamer Unterdr\u00fcckung ausgesetzt waren. Anhand des Arabischen Fr\u00fchlings konnte man gut beobachten, wie sich diese Illusion in der Praxis entpuppte. Obwohl sich an den Lebensumst\u00e4nden und der allgemeinen Situation nichts Nennenswertes ge\u00e4ndert hat, wurde zumindest das Ausma\u00df, in dem die s\u00e4kulare Macht allgegenw\u00e4rtig ist, sichtbar. Der Arabische Fr\u00fchling offenbarte demonstrativ die F\u00e4higkeit der s\u00e4kularen Macht, unsere Gef\u00fchle, Hoffnungen und Bestrebungen zu formen. In der heutigen Zeit nimmt dieser grausame Optimismus, d.\u00a0h. diese illusorische Hoffnung zwei Formen an: eine politische und eine unpolitische. Die erste Form setzt die Hoffnung in den bestehenden s\u00e4kularen Staat, w\u00e4hrend die zweite Form die Hoffnung in eine unpolitische Strategie kanalisiert, bei der wir \u201eau\u00dferhalb der Politik\u201c arbeiten und uns auf das muslimische Individuum und die Gemeinschaft konzentrieren sollen. In beiden F\u00e4llen wird die Hoffnung zu einer illusorischen Alternative zum konkreten Handeln. Sie bleibt dabei eine passive, ohnm\u00e4chtige Hoffnung, die neben der herrschenden hegemonialen Ordnung existiert, anstatt eine Alternative zu ihr zu bilden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>S\u00e4kulare Macht, ihre metaphysischen Horizonte und Unterdr\u00fcckung<\/strong><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Normalisierte Herrschaft kann nicht ausschlie\u00dflich auf der politischen Ebene verstanden werden. Das S\u00e4kulare begrenzt nicht nur unsere politischen Horizonte, sondern geht dar\u00fcber hinaus: Es begrenzt auch unsere metaphysischen Horizonte. Das \u201eMetaphysische\u201c bezieht sich an dieser Stelle nicht auf abstrakte intellektuelle Spekulationen. Vielmehr bezeichnet das Metaphysische hier eine existenzielle Orientierung, die den Menschen, Gott und die Beziehung des Menschen zu Gott definiert. Die Metaphysik ist der \u201eunvorstellbare\u201c Hintergrund, vor dem wir \u00fcber die Welt nachdenken und uns in ihr bewegen. Die zentrale metaphysische Aufgabe der Moderne besteht darin, die Souver\u00e4nit\u00e4t Gottes zu negieren und sie mit der Souver\u00e4nit\u00e4t der Welt neu zu besetzen. Diese Souver\u00e4nit\u00e4t bezieht sich auf die Gesamtheit der M\u00f6glichkeiten. In ihren moderatesten Auspr\u00e4gungen beruht die Souver\u00e4nit\u00e4t der Welt auf einer Theologie des providentiellen Deismus. Darin ist Gott der Welt fremd und \u00fcberl\u00e4sst es dem Menschen, seiner Fantasie freien Lauf zu lassen und politische Ordnungen selbst zu kreieren, wodurch er zum \u201ezweiten Sch\u00f6pfer\u201c wird. Die Idee eines autonomen und \u201eneutralen\u201c politischen Raums entspringt jenen metaphysischen Annahmen, die der Souver\u00e4nit\u00e4t der Welt verpflichtet sind. Das hei\u00dft, diese Ideen resultieren aus der Annahme, dass die Souver\u00e4nit\u00e4t bei der Welt und nicht bei Gott liegt. Die M\u00f6glichkeit einer im Gottesbewusstsein begr\u00fcndeten Politik wird daher zunehmend unm\u00f6glich. Indem wir uns jenen politischen Horizonten unterwerfen, die uns vom s\u00e4kularen Staat diktiert werden, lassen wir uns gleichzeitig auch in dessen metaphysische Horizonte hineinziehen und verschlie\u00dfen uns radikaleren M\u00f6glichkeiten. Folglich werden wir entsprechend der Vorstellung dieser \u201eZweitsch\u00f6pfer\u201c neu erschaffen &#8211; was einen Akt der Ausl\u00f6schung darstellt. Dar\u00fcber hinaus verinnerlichen wir aber auch eine Vorstellung von der Welt und von Gott, die aus diesem Zustand der Zersetzung entspringt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Verinnerlichung dieser Vorstellungen von der \u201eRealit\u00e4t\u201c ist der Inbegriff der Unterdr\u00fcckung schlechthin. Wie Marilyn Frye betont, liegt der Wortstamm f\u00fcr \u201eUnterdr\u00fcckung\u201c im Element \u201ePresse\u201c. Es ist kein Geheimnis, dass <em>Pressen dazu benutzt werden, Dinge zu formen, zu gl\u00e4tten oder in ihrer Masse zu reduzieren<\/em> (1983, 2). Wie wir bereits festgestellt haben, wirkt die Macht jedoch nicht ausschlie\u00dflich durch Gewalt. Vielmehr entfaltet sie sich durch den Unterdr\u00fcckten selbst &#8211; in diesem Fall durch den Muslim. Die Machtentfaltung der s\u00e4kularen Ordnung vollzieht sich dabei auf eine Weise, die den Muslim glauben l\u00e4sst, dass diese aufgezwungenen Bilder seine eigenen Vorstellungen w\u00e4ren. Frye argumentiert, dass Unterdr\u00fcckung <em>ein System von miteinander verflochtenen Barrieren und Kr\u00e4ften ist, die Menschen aus einer bestimmten Gruppe einschr\u00e4nken, bewegungsunf\u00e4hig machen und formen, um ihre Unterordnung unter eine andere Gruppe zu bewirken<\/em> (33). Unterdr\u00fcckung bedeutet, eine vorherrschende Situation als un\u00fcberwindbare Realit\u00e4t zu akzeptieren. Das hei\u00dft, zu akzeptieren, dass die Dinge sind, \u201eso, wie sie eben sind\u201c. Als w\u00e4re dies nicht ausreichend schlimm, kann Unterdr\u00fcckung aber auch zu einer noch fataleren Einstellung f\u00fchren, n\u00e4mlich dazu, die Situation als vorteilhaft zu akzeptieren. Wie Frye (1983, 4) weiter ausf\u00fchrt:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unterdr\u00fcckte Menschen machen die Erfahrung, dass ihr Leben von Kr\u00e4ften und Hindernissen eingeschr\u00e4nkt und gepr\u00e4gt ist, wobei diese nicht zuf\u00e4llig oder gelegentlich auftreten und daher vermeidbar w\u00e4ren. Stattdessen haben sie das Gef\u00fchl, dass dies systematisch geschieht und so aufeinander abgestimmt ist, als w\u00fcrden diese Kr\u00e4fte sie gefangen halten &#8211; und zwar innerhalb der Kr\u00e4fte und zwischen diesen &#8211; und ihre Bewegungsm\u00f6glichkeit in jede Richtung einschr\u00e4nken oder bestrafen. Es handelt sich somit um eine Erfahrung des Eingesperrtseins. Daher hat man das Gef\u00fchl, dass jeglicher Ausweg versperrt oder mit Fallen versehen ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Gef\u00fchl, unbeweglich zu sein, ist jedoch nicht immer offenkundig. Zumeist ist es unbewusst. Doch was genau bedeutet es, <em>unbeweglich<\/em> zu sein? Diese Frage f\u00fchrt uns zu einem entscheidenden Punkt: Indem die repressive s\u00e4kulare Ordnung unser Denken und Handeln in der Gegenwart bestimmt, gibt sie dadurch auch unseren zuk\u00fcnftigen Weg vor. Um jedoch zu verstehen, warum wir unbeweglich sind, m\u00fcssen wir unsere derzeitige Situation aus einer gewissen Distanz beobachten. Auf diese Weise k\u00f6nnen wir die Gesamtheit der Kr\u00e4fte, die im Spiel sind, erkennen. W\u00fcrden wir die Untersuchung unserer Unterdr\u00fcckung auf eine Dimension, n\u00e4mlich die Trennung von Kirche und Staat, reduzieren, k\u00f6nnten wir die vorherrschende Situation als g\u00fcnstig oder zumindest als nicht so schlimm empfinden. <em>Wenn wir allerdings erkennen, dass diese institutionelle Trennung ein integraler Bestandteil eines umfassenderen metaphysischen Horizonts ist, k<\/em><em>\u00f6<\/em><em>nnen wir auch erkennen, dass die Unterdr\u00fcckung durch viel gewaltigere und \u00fcberw\u00e4ltigendere Kr\u00e4fte verst\u00e4rkt wird, die auf der Bewusstseinsebene wirken.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir m\u00fcssen uns daher fragen: Was sind die Urspr\u00fcnge der s\u00e4kularen Macht und wo liegen ihre metaphysischen Wurzeln? Welche \u00fcberw\u00e4ltigenden Machtstrukturen sind tats\u00e4chlich im Spiel? K\u00f6nnen wir sie \u00fcberhaupt benennen? Die Antwort auf die dritte Frage lautet ja! Doch um diese Machtstrukturen benennen zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir zun\u00e4chst die s\u00e4kulare Macht und ihre metaphysischen Horizonte historisch verorten. Dabei d\u00fcrfen wir jedoch nicht in die Falle tappen und die s\u00e4kulare Macht als eine Art nat\u00fcrliche oder geoffenbarte Ordnung auffassen. Stattdessen m\u00fcssen wir sie als das betrachten, was sie tats\u00e4chlich ist, n\u00e4mlich das Ergebnis eines eindeutig historisch bedingten Projekts. Aber wodurch wird die s\u00e4kulare Macht bedingt? Sie wird durch ein bestimmtes historisches eurozentrisches Weltbild bedingt. Das hei\u00dft, wir m\u00fcssen erkennen, dass die von der s\u00e4kularen Macht auferlegte Vorstellung von sich selbst und von der Welt keine absolute Wahrheit oder \u201eRealit\u00e4t\u201c ist, sondern eher <em>ein<\/em> Bild unter mehreren. Es entspringt lediglich der Fantasie dieser \u201eZweitsch\u00f6pfer\u201c. Aber wie sollen wir erkl\u00e4ren, dass es diesen Zweitsch\u00f6pfern gelungen ist, zu bestimmen, welche Bilder die Realit\u00e4t ausmachen? Und wie sollen wir erkl\u00e4ren, dass auch wir diese Bilder verinnerlicht haben?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir konnten darlegen, dass es sich beim S\u00e4kularismus eindeutig um ein eurozentrisches Projekt handelt, wobei dieses mittlerweile den Status der Universalit\u00e4t und der nicht zu ver\u00e4ndernden \u201eRealit\u00e4t\u201c erlangt hat. Ramon Grosfoguel weist drauf hin, dass es die \u201eEgo-Politik des Wissens\u201c sein k\u00f6nnte, die den Sprecher verbirgt, wodurch er eine gott\u00e4hnliche Position einnimmt (2012). Dieses imperiale Wesen spricht daher nicht nur im Namen der lateinischen Christenheit, sondern im Namen der gesamten Menschheit. Dies ist ein wichtiger Punkt, weil er darauf hinweist, dass dieses selbsterkl\u00e4rte universelle Projekt nicht nur auf politischen und milit\u00e4rischen Hierarchien begr\u00fcndet ist. Stattdessen beruht es in heimt\u00fcckischerer Weise auf epistemischen Hierarchien, die das westliche Wissen privilegieren. Kurz gesagt: Da der Westen sich selbst als <em>den Wissenden<\/em> sieht, m\u00fcsste er in der globalen Hierarchie h\u00f6her stehen als die <em>unwissenden Regionen<\/em> der Welt. Diese privilegierte Position begr\u00fcndet der Westen dadurch, dass Europa die Aufkl\u00e4rung durchlaufen hat. Daher geht der Westen auch davon aus, dass er nun den <em>Gral des Wissens<\/em> gefunden h\u00e4tte und somit wissender als der Rest der Welt sei, weshalb alle anderen seine Ideologie verinnerlichen m\u00fcssten. Was ich damit sagen will, ist, dass diese Bilder weder objektiv noch unpers\u00f6nlich sind. Vielmehr repr\u00e4sentieren sie den Willen und die globalen Entw\u00fcrfe des Zweitsch\u00f6pfers, den wir als den anglo-europ\u00e4ischen Menschen identifiziert haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Jenseits der Fitna: Die Autonomie des muslimischen Denkens und Handelns<\/strong><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie sollen wir nun vorgehen? Zun\u00e4chst m\u00f6chten wir das bisher Gesagte zusammenfassen. Die aufkommenden Strategien der Anpassung, die den Anspruch des s\u00e4kularen Staates auf Neutralit\u00e4t unkritisch akzeptieren, m\u00fcssen thematisiert und behandelt werden. Wir haben aufgezeigt, dass diejenigen (von uns), die solche Strategien umsetzen, unweigerlich zu Rekruten der westlichen Kultur werden. Die s\u00e4kulare Macht und ihr illusorischer Anspruch auf Neutralit\u00e4t und Universalit\u00e4t werden dadurch unkritisch von uns akzeptiert. Au\u00dferdem bedeutet dieser Ansatz, dass wir dem Willen und den metaphysischen Horizonten dieser Zweitsch\u00f6pfer unterworfen werden. Somit zielen diese Strategien der Anpassung keineswegs darauf ab, die s\u00e4kulare Macht in Frage zu stellen. Stattdessen wird dadurch eine (ungeheure) Ausdehnung der Macht erreicht, die in ihrem s\u00e4kularen Charakter bestehen bleibt und sogar gefestigt wird. Der Selbstbetrug solcher Strategien gipfelt dann noch im Umstand, dass sie islamische Begriffe und Konzepte benutzen, was ausschlie\u00dflich dazu dient, die s\u00e4kulare Macht zu legitimieren. Wie wir aufgezeigt haben, wird dadurch ein Zustand der Unterdr\u00fcckung geschaffen. Als Unterdr\u00fcckung verstehen wir dabei einen Vorgang, bei dem jemand in ein bestimmtes Bild gepresst wird. Und diese Unterdr\u00fcckung schafft einen Zustand der <em>fitna<\/em>: unsere Unterwerfung unter einen normalisierten und scheinbar un\u00fcberwindbaren Zustand der kognitiven Beherrschung. Dies wirft die Frage auf: Was bleibt eigentlich von unserem Bild als Umma, wenn wir unter solchen Bedingungen der Beherrschung leben?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie kann es uns gelingen, diesem Zustand der <em>fitna<\/em> zu entkommen? Wie k\u00f6nnen wir aus dem kognitiven Zustand der Beherrschung, der die Position des Muslims in einem s\u00e4kularen Zeitalter kennzeichnet, ausbrechen? Wie k\u00f6nnen wir uns aus unserem Zustand der L\u00e4hmung befreien, um in Richtung muslimischer Autonomie und Selbstbestimmung zu denken und zu handeln? Wie k\u00f6nnen wir unsere Identit\u00e4t als Umma zur\u00fcckgewinnen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als erstes Gebot m\u00fcssen wir uns der negierenden Kraft des Bewusstseins bedienen. Das hei\u00dft, wir m\u00fcssen uns wieder unserer F\u00e4higkeit bewusstwerden, die vorgegebene Bedeutung der Dinge in Frage zu stellen, sie gegebenenfalls zu negieren und ihnen eine neue Bedeutung zu verleihen. Der R\u00fcckgriff auf die negierende Kraft des Bewusstseins ist an sich schon eine Form der Macht. Bislang haben wir von Macht in eher d\u00fcsterer Form gesprochen. Macht wurde in erster Linie als ein Mittel der Beherrschung angesehen &#8211; im Sinne von Macht <em>\u00fcber<\/em> etwas bzw. <em>\u00fcber <\/em>jemanden auszu\u00fcben. Es gibt jedoch noch eine andere Form von Macht. Macht kann auch als Erm\u00e4chtigung betrachtet werden &#8211; als die Macht etwas <em>zu tun<\/em>. Diese Form der Macht wird durch das Bewusstsein erm\u00f6glicht. Wie wir bereits erw\u00e4hnt haben, handelt es sich dabei um die Macht, im Einklang mit einer Vorstellung zu handeln, die nicht durch Beherrschung verinnerlicht wurde, sondern von einem selbst ausgeht. Um allerdings Macht als Erm\u00e4chtigung zu erkennen, wird ein kritisches Bewusstsein vorausgesetzt. Dieses kritische Bewusstsein setzt sich aus zwei Aspekte zusammen: aus der Autonomie im Denken und der Autonomie im Handeln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die erste Autonomie bezieht sich also auf das Denken. Damit meinen wir, ein negierendes Bewusstsein wieder zu erlangen. Diese F\u00e4higkeit bringt ein tiefes Verst\u00e4ndnis der Welt und der s\u00e4kularen Ordnung hervor, w\u00e4hrend sie zugleich ihre Widerspr\u00fcche und die darin enthaltenen unterdr\u00fcckerischen Elemente aufdeckt. In unserem s\u00e4kularen Zeitalter bedeutet dies, aufzudecken, dass die s\u00e4kulare Ordnung weit davon entfernt ist, neutral und universell zu sein. Zugleich bedeutet es aber auch, darzulegen, wie die s\u00e4kulare Ordnung die Machtstrukturen dazu benutzt, dem Islam und dem muslimischen Subjekt einen engen politischen und metaphysischen Horizont zu setzen und sie dadurch zu unterwerfen. Allm\u00e4hlich werden wir uns der tats\u00e4chlichen Urspr\u00fcnge und Grenzen dieser Machtstrukturen bewusst (somit erkennen wir, dass sie nicht nur politischer, sondern auch kognitiver, d.&nbsp;h. metaphysischer und epistemischer Natur sind). Dies bildet den ersten Schritt, um eine Autonomie im Denken zu entwickeln &#8211; und dieser Schritt ist notwendig, um eine Autonomie im Handeln und in den Visionen zu erlangen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der zweite Schritt betrifft \u2013 wie gesagt &#8211; die Autonomie im Handeln. Dieser Schritt setzt allerdings voraus, dass die <em>Umma<\/em> ihre eigene Vorstellung von sich selbst und der Welt zur\u00fcckgewinnt, jedoch nicht im Sinne des s\u00e4kularen Zeitalters. Stattdessen soll sie sich wieder auf ihre ontologische Berufung besinnen, die im Koran belegt ist. Sie muss zum Konzept des <em>isti\u1e2bl\u0101f<\/em>, der Statthalterschaft des Menschen als Vertreter Gottes auf Erden, zur\u00fcckfinden. Einem Konzept, das in der Metaphysik des <em>tau\u1e25\u012bd<\/em> verwurzelt ist und die Souver\u00e4nit\u00e4t Gottes verk\u00fcndet, und nicht etwa die einer s\u00e4kularen Welt. <em>Isti\u1e2bl\u0101f<\/em> als Autonomie im Handeln verlangt von uns, dass wir uns auf die Idee des Kalifats besinnen. Eine solche Idee darf jedoch keineswegs nur eine nicht greifbare Vorstellung sein, die in ferner Zukunft liegt. Sie muss zu einer gelebten Vision werden, die unser Bild von uns selbst und der Welt widerspiegelt. Sie muss sich in Handlungen manifestieren, die dieses Bild reflektieren. Die Autonomie im Handeln stellt keineswegs eine Strategie der Anpassung dar. Sie ist auch nicht ein neuer <em>Modus Operandi<\/em> gegen\u00fcber dem angeblich \u201eneutralen\u201c s\u00e4kularen Staat. Vielmehr ist die Autonomie im Handeln eine Strategie der Erm\u00e4chtigung und Erneuerung. Dies erfordert jedoch einen Wandel, und zwar nicht nur auf der Ebene unseres Denkens, sondern auch auf der Ebene unserer Hoffnungen und Bestrebungen. Anstatt unsere Hoffnungen in die s\u00e4kulare Ordnung zu setzen, sollten wir Ma\u00dfnahmen ergreifen, die neue Sph\u00e4ren erm\u00f6glichen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><em>Ali Harfouch<\/em><\/strong><em> hat einen Master-Abschluss in Politikwissenschaften von der Amerikanischen Universit\u00e4t Beirut. Er forscht und schreibt \u00fcber islamische politische Theologie und moderne politische Theorie.<\/em><em><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Quellen:<\/strong><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Berlant, Lauren. Cruel Optimism. Durham and London: Duke University Press, 2011.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Frye, Marilyn. <em>The Politics of Reality: Essays in Feminist Theory<\/em>. Freedom, California; The Crossing Press, 1983.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Grosfoguel, Ram\u00f3n. \u201cDecolonizing post-colonial studies and paradigms of political-economy: Transmodernity, decolonial thinking, and global coloniality.\u201d <em>Transmodernity: Journal of Peripheral cultural production of the Luso-Hispanic World <\/em>1.1 (2011).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jackson, Sherman A. <em>Islam and the Blackamerican: Towards the Third Resurrection<\/em>. Oxford: Oxford UP, 2005. Print. Sabet, Amr G.E. <em>Islam and the Political: Theory, Governance, and International Relations. <\/em>London: Pluto Press, 2008.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich m\u00f6chte daran erinnern, dass ich im ersten Teil dieses Aufsatzes argumentiert habe, dass die s\u00e4kulare Macht allgegenw\u00e4rtig ist, weil sie das Denken beeinflusst. Sie schafft ein Gef\u00fchl der L\u00e4hmung, indem sie die s\u00e4kulare Ordnung mit der nat\u00fcrlichen Ordnung der Dinge gleichsetzt. Somit erscheint die herrschende Ordnung als die Realit\u00e4t &#8211; quasi als ein Naturgesetz, das nicht \u00fcberwunden werden kann. Dies wiederum macht es dem Bewusstsein unm\u00f6glich, zwischen der [s\u00e4kularen] Welt, wie sie ist, und einer [alternativen] Welt, wie sie sein sollte, zu unterscheiden. Im ersten Teil dieses Aufsatzes wurde auf das Konzept, welches besagt, dass wir uns der Realit\u00e4t anpassen m\u00fcssten, kurz eingegangen. An dieser Stelle sollte eine andere, vielleicht die m\u00e4chtigste Manifestation von Macht in den Vordergrund r\u00fccken: die Herstellung von Realit\u00e4t. Daher m\u00f6chten wir nun dieses Konzept der Realit\u00e4t n\u00e4her erl\u00e4utern.<\/p>\n","protected":false},"author":22,"featured_media":15208,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[881,2303],"class_list":["post-15209","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-konzeptionen","tag-fitna","tag-saekulare-macht"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15209","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/22"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=15209"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15209\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/15208"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=15209"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=15209"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=15209"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}