{"id":15305,"date":"2023-06-08T21:51:05","date_gmt":"2023-06-08T19:51:05","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=15305"},"modified":"2023-06-08T21:51:05","modified_gmt":"2023-06-08T19:51:05","slug":"krieg-der-generaele","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=15305","title":{"rendered":"Krieg der Gener\u00e4le"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Ereignisse im Sudan geraten immer mehr au\u00dfer Kontrolle, w\u00e4hrend sich die Spannungen seit Wochen weiter zuspitzen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) besteht in einem Labor, das in den anhaltenden Konflikt im Sudan verwickelt ist, ein <em>\u201e[&#8230;] hohes Risiko einer biologischen Gef\u00e4hrdung [&#8230;]\u201c.<\/em> Die K\u00e4mpfe zweier rivalisierender Fraktionen um die milit\u00e4rische Vormachtstellung im Land f\u00fchrten bereits zur Evakuierung westlicher Diplomaten. W\u00e4hrend ein Gro\u00dfteil der Welt erst jetzt auf das afrikanische Land aufmerksam geworden ist, befindet sich die dortige Lage schon seit Jahren am Siedepunkt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach jahrzehntelanger Herrschaft hatte Umar al-Baschir den Sudan in den Ruin getrieben. Nach der Abspaltung des S\u00fcdsudan im Jahr 2011 gingen 75% der \u00d6lvorkommen der ehemaligen Nation an den neuen Binnenstaat, was eine Wirtschaftskrise zur Folge hatte, welche die gesamtwirtschaftliche Lage des Sudan noch weiter verschlechterte. Dies f\u00fchrte 2019 schlie\u00dflich zu einer Reihe von Demonstrationen in mehreren sudanesischen St\u00e4dten. Steigende Lebenshaltungskosten und schlechte wirtschaftliche Bedingungen auf allen Ebenen der Gesellschaft f\u00fchrten dazu, dass die Forderung nach wirtschaftlichen Rechten gleichsam mit der Forderung zur Beseitigung des Regimes einherging. Als die Proteste zunahmen und sich verschlimmerten, unterlag das gesamte Land im April 2019 faktisch einer Ausgangssperre. Das Milit\u00e4r griff ein, entmachtete Umar al-Baschir und setzte einen milit\u00e4rischen \u00dcbergangsrat (\u201eTransitional Military Council\u201c, TMC) ein. Nachdem der damalige Verteidigungsminister und kurzfristiges Staatsoberhaupt Awad ibn Auf einige Tage sp\u00e4ter zur\u00fcckgetreten war, \u00fcbernahmen Generalleutnant Abdel-Fattah Burhan und General Mohammed Hamdan Daglo von den paramilit\u00e4rischen Streitkr\u00e4ften &#8211; den Rapid Support Forces (RSF) &#8211; die Herrschaft \u00fcber das Land.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im August 2019 unterzeichneten die Milit\u00e4roffiziere mit einigen Anf\u00fchrern der Protestgruppen, die sich \u201eKr\u00e4fte der Freiheit und des Wandels\u201c (FFC) nannten, ein Verfassungsdokument zur Schaffung eines souver\u00e4nen Rates bestehend aus f\u00fcnf Mitgliedern des Milit\u00e4rs, f\u00fcnf Zivilisten und einer unabh\u00e4ngigen Person. Die \u00dcbergangszeit sollte 39 Monate anhalten, wobei der souver\u00e4ne Rat 21 Monate lang vom Milit\u00e4r und 18 Monate lang von den sog. Kr\u00e4ften der Freiheit und des Wandelns gef\u00fchrt werden sollte. Im Anschluss an die \u00dcbergangszeit sollten Wahlen stattfinden und die Gr\u00fcndung eines gesetzgebenden Rates erfolgen. Allerdings schrieb das Abkommen vor, dass das Milit\u00e4r das Vorrecht zur Ernennung eines Verteidigungs- als auch eines Innenministers erh\u00e4lt. Das Milit\u00e4r hat von Anfang an daf\u00fcr gesorgt, dass sich an der grundlegenden Struktur des Sudans nur sehr wenig \u00e4ndert und hat au\u00dferdem die Opposition dazu bringen k\u00f6nnen, das bestehende politische Ger\u00fcst beizubehalten. Die Tatsache, dass die F\u00fchrer der Kr\u00e4fte der Freiheit und des Wandels dem zustimmten, bedeutete, dass sie jeden echten Wandel aufgegeben hatten. Ein weiterer interessanter Aspekt war zudem die milit\u00e4rische F\u00fchrung rund um Umar al-Baschir, denn diese geh\u00f6rten zu den f\u00fcnf Mitgliedern der milit\u00e4rischen Seite des Souver\u00e4nen Rates.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Beweis daf\u00fcr, dass das Milit\u00e4r die Macht nicht aufgeben wollte, war die Tatsache, dass sie die Macht im Mai 2021 an die zivile Seite des Rates h\u00e4tten \u00fcbergeben sollen. Stattdessen lie\u00df das Milit\u00e4r eine Ab\u00e4nderung vornehmen, in dem sie mit einer Unzahl von Rebellengruppen, die sich gegen die Zentralregierung auflehnten, das Abkommen von Juba unterzeichneten. Das Milit\u00e4r verl\u00e4ngerte seine Herrschaft \u00fcber den Souver\u00e4nen Rat auf insgesamt 53 Monate! Als diese neue \u00dcbergangszeit im Oktober 2021 die Macht\u00fcbergabe an die zivile Seite vorsah, \u00fcbernahm das Milit\u00e4r durch einen Putsch die Kontrolle \u00fcber die Regierung. Der zivile Premierminister Abdalla Hamdok wurde unter Hausarrest gestellt. Infolgedessen nahmen die Proteste wieder zu und breiteten sich erneut \u00fcber das gesamte Land aus. Slogans wie <em>\u201eMilit\u00e4r, zur\u00fcck in die Kasernen\u201c<\/em> fanden immer mehr Anklang.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Dezember 2022 unterzeichnete das Milit\u00e4r ein neues Rahmenabkommen f\u00fcr den \u00dcbergang zu einer zivilen Regierung. Das Abkommen, welches in weiten Teilen bereits in fr\u00fcheren Abkommen enthalten war, verpflichtet das Milit\u00e4r eine neue zivile Regierung &#8211; einschlie\u00dflich eines zivilen Premierministers &#8211; zu ernennen. Nach der Aufstellung einer \u00dcbergangsregierung w\u00fcrde dann ein neuer zweij\u00e4hriger \u00dcbergangsprozess beginnen, der ebenfalls mit Wahlen seinen Abschluss finden w\u00fcrde. Jedoch enthielt das Abkommen kein Datum f\u00fcr die Schlussvereinbarung und das, obwohl viele der umstrittensten Punkte f\u00fcr k\u00fcnftige Verhandlungen zur\u00fcckgestellt worden sind. Die Unterzeichnung eines endg\u00fcltigen Abkommens war letztendlich f\u00fcr den 6. April 2023 vorgesehen. Dabei kam es in der Hauptstadt und der Region Darfur zu Zusammenst\u00f6\u00dfen zwischen rivalisierenden Fraktionen der landeseigenen Milit\u00e4rregierung. Fast 500 Tote und mehr als 3.000 Verletzte sind seit diesen Gewaltausbr\u00fcchen zu beklagen. Die K\u00e4mpfe begannen mit Angriffen von Seiten der Rapid Support Forces (RSF) auf wichtige Einrichtungen der Regierung. Luftangriffe, gro\u00dfkalibrige Kriegsger\u00e4te und schwere Gesch\u00fctzfeuer wurden aus dem ganzen Sudan gemeldet, so auch aus der Hauptstadt Khartum. Sowohl RSF-F\u00fchrer Mohamed Hamdan Dagalo als auch Milit\u00e4rgeneral Abdel Fattah al-Burhan erhoben hierbei den Anspruch auf die Kontrolle wichtiger Regierungsstandorte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als zum wiederholten Male ein Stichtag f\u00fcr den Regierungs\u00fcbergang bevorstand, fand das Milit\u00e4r einen Weg, die Macht\u00fcbergabe an eine zivile Regierung zu verhindern. Das Argument welches sie hierf\u00fcr aufbrachten war, dass es jetzt einen gewaltsamen Konflikt zwischen der Armee und der RSF gibt. In der Folge haben viele diesen scheinbaren Konflikt zwischen Hamden und Burhan in Frage gestellt. Kholood Khair, ein in Khartum ans\u00e4ssiger Analyst, erkl\u00e4rte gegen\u00fcber Middle East Eye: <em>\u201e[&#8230;] dass die Spannungen zwischen Burhan und Hemeti (Mohamed Hamdan Dagalo) echt sind, aber dass die beiden Milit\u00e4rf\u00fchrer diese Spannungen zeitgleich auch als Waffe einzusetzen w\u00fcssten, um Zugest\u00e4ndnisse seitens der Zivilisten zu erhalten [\u2026]. <\/em>Weiterhin hei\u00dft es in seiner Erkl\u00e4rung:<em> \u201eSie lassen die Konflikte eskalieren, stocken ihre Waffen und Truppen auf, um den Druck einer m\u00f6glichen Konfrontation zu nutzen, damit sie darauffolgend Zugest\u00e4ndnisse von pro-demokratischen Akteuren, insbesondere der FFC-CC erhalten. Dann lassen sie die Spannungen abklingen, halten aber weiterhin an den Zugest\u00e4ndnissen fest, und behalten sowohl die Truppen als auch die Waffen.\u201c<\/em> Der Sekret\u00e4r f\u00fcr Au\u00dfenbeziehungen der Kommunistischen Partei Sudans, Saleh Mahmoud, sagte: <em>\u201eBeide Kr\u00e4fte, die Armee und die RSF, haben ein gemeinsames Interesse daran, dass der bewaffnete Konflikt ausufere. Denn dies w\u00e4re ein Grund, die Macht nicht an zivile Kr\u00e4fte \u00fcbergeben zu m\u00fcssen.\u201c<\/em> Marwan Bishara von Al Jazeera sagte: <em>\u201eViele der Putsche in den 1950er und 1960er Jahren &#8211; von Syrien bis zum Sudan, \u00fcber \u00c4gypten, den Irak, den Jemen und Libyen &#8211; wurden von jungen Offizieren mit hochgesteckten Visionen und gro\u00dfen Hoffnungen angef\u00fchrt; um einen furchtbaren Status quo durch eine bessere, wohlhabendere Zukunft zu ersetzen, die frei von Dem\u00fctigung und Niederlage ist. Doch den Putschen der j\u00fcngeren Vergangenheit, wie in Algerien 1992, \u00c4gypten 2013 und Sudan 2021, fehlte es an Visionen und Ambitionen, die \u00fcber die blo\u00dfe Verhinderung eines politischen Wandels und die Wiederherstellung des be\u00e4ngstigenden Status quo ante hinausgingen, der milit\u00e4rische Macht und Privilegien beg\u00fcnstigte.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Obwohl die Differenzen zwischen dem Milit\u00e4r und der RSF unbestreitbar sind, sind sie sich in einem Punkt einig: Sie wollen den Protestgruppen nicht die Macht \u00fcberlassen. Sowohl die Armee, als auch die RSF haben ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen zu wahren. Die Armee besitzt Land und viele Unternehmen in verschiedenen Wirtschaftszweigen, w\u00e4hrend die RSF Minen und Verm\u00f6genswerte zu sch\u00fctzen hat. Es ist unwahrscheinlich, dass die Anf\u00fchrer der Protestgruppen in der Lage sein werden, das Milit\u00e4r zu vertreiben, da sie immer wieder Vereinbarungen mit dem Milit\u00e4r treffen, an die sie sich nachweislich nicht halten. Ergo ist davon auszugehen, dass die Instabilit\u00e4t im Sudan kurz- bis mittelfristig anhalten wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Quelle: <a href=\"https:\/\/thegeopolity.com\/2023\/04\/26\/the-generals-war\/\">https:\/\/thegeopolity.com<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Sudan r\u00fcckt erst jetzt in den Blickpunkt der Welt\u00f6ffentlichkeit, obwohl die (politische) Lage dort bereits vor Jahren anfing zu brodeln.<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":15304,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[25],"tags":[1518,1763,2257,2502,2631],"class_list":["post-15305","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ausland","tag-konflikt","tag-militaer","tag-rsf","tag-sudan","tag-umar-al-baschir"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15305","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=15305"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15305\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/15304"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=15305"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=15305"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=15305"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}