{"id":15456,"date":"2023-08-17T07:51:38","date_gmt":"2023-08-17T05:51:38","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=15456"},"modified":"2023-08-17T07:51:38","modified_gmt":"2023-08-17T05:51:38","slug":"das-fasten-eine-revolte-gegen-die-moderne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=15456","title":{"rendered":"Das Fasten: Eine Revolte gegen die Moderne"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der ehemalige tunesische Pr\u00e4sident Habib Bourguiba, der Tunesien fast drei Jahrzehnte lang regierte, ist nur eines der Beispiele f\u00fcr den westlichen Einfluss. An diesem Beispiel k\u00f6nnen wir sehen, wie die moderne liberale Ordnung in der muslimischen Welt vorgedrungen ist. Im Jahr 1960 erkl\u00e4rte Habib Bourguiba, das Fasten im Rama\u1e0d\u0101n w\u00fcrde die wirtschaftliche Produktivit\u00e4t im Land behindern. Um seine S\u00e4kularisierungsbem\u00fchungen zu untermauern, wandte er sich an Muhammad bin Ashur, einen angesehenen Gelehrten der damaligen Zeit. Dieser sollte eine geeignete Fatwa erlassen, um die Abschaffung dieses Brauchs zu rechtfertigen. Tats\u00e4chlich meldete sich bin Ashur im \u00f6ffentlichen Rundfunk zu Wort, allerdings sagte er wider Erwarten:<\/p>\n\n\n\n<section class=\"wp-block-kommy-quran-block\"><p class=\"quran-block-arabic\"><span>\ufd3f<\/span><span class=\"quran-block-arabic-content\">\u0643\u064f\u062a\u0650\u0628\u064e \u0639\u064e\u0644\u064e\u064a\u0652\u0643\u064f\u0645\u064f \u0627\u0644\u0635\u0650\u0651\u064a\u064e\u0627\u0645\u064f<\/span><span>\ufd3e<\/span><\/p><p class=\"quran-block-trans-ref\"><span class=\"quran-block-translation\">Euch ist das Fasten vorgeschrieben worden.<\/span><span class=\"quran-block-reference\"><span>[<\/span><span class=\"quran-block-reference-content\">2:183<\/span><span>]<\/span><\/span><\/p><\/section>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\"><em>Er f\u00fcgte hinzu: Allah hat die Wahrheit gesprochen und Bourguiba hat die Unwahrheit gesagt.[1].<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dadurch war ein Konflikt zwischen dem angesehenen Gelehrten bin Ashur und dem s\u00e4kularen Herrscher Habib Bourguiba, der sich selbst als elit\u00e4r erachtete, entbrannt. Dieser Konflikt wurde aber auch zu einem illustren Beispiel f\u00fcr die Herausforderungen, die sich f\u00fcr eine moderne Verfassung ergeben, wenn sie auf traditionelle Praktiken wie das Fasten trifft. An diesen Vorfall zur\u00fcckerinnernd stellt sich mir die Frage: Wie k\u00f6nnen wir die Praxis des Fastens im Zeitalter der Hegemonie des Liberalismus verstehen? Immerhin stellt das Fasten eine Handlung dar, die scheinbar im Widerspruch zur Logik der wirtschaftlichen Produktivit\u00e4t und des Fortschritts steht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es sei darauf hinweisen, dass es sich beim Fasten um keinen privaten liturgischen Akt handelt. Versteht man n\u00e4mlich das Wesen dieser Pflicht richtig, handelt es sich dabei um einen transformativen Prozess. So bewirkt das Fasten eine Neuausrichtung und Kultivierung des \u201eSelbst\u201c und gipfelt in einer h\u00f6heren Ebene der Gottesfurcht (<em>taqw\u0101<\/em>).<\/p>\n\n\n\n<section class=\"wp-block-kommy-quran-block\"><p class=\"quran-block-arabic\"><span>\ufd3f<\/span><span class=\"quran-block-arabic-content\">\u064a\u064e\u0627 \u0623\u064e\u064a\u064f\u0651\u0647\u064e\u0627 \u0627\u0644\u064e\u0651\u0630\u0650\u064a\u0646\u064e \u0622\u0645\u064e\u0646\u064f\u0648\u0627 \u0643\u064f\u062a\u0650\u0628\u064e \u0639\u064e\u0644\u064e\u064a\u0652\u0643\u064f\u0645\u064f \u0627\u0644\u0635\u0650\u0651\u064a\u064e\u0627\u0645\u064f \u0643\u064e\u0645\u064e\u0627 \u0643\u064f\u062a\u0650\u0628\u064e \u0639\u064e\u0644\u064e\u0649 \u0627\u0644\u064e\u0651\u0630\u0650\u064a\u0646\u064e \u0645\u0650\u0646 \u0642\u064e\u0628\u0652\u0644\u0650\u0643\u064f\u0645\u0652 \u0644\u064e\u0639\u064e\u0644\u064e\u0651\u0643\u064f\u0645\u0652 \u062a\u064e\u062a\u064e\u0651\u0642\u064f\u0648\u0646\u064e<\/span><span>\ufd3e<\/span><\/p><p class=\"quran-block-trans-ref\"><span class=\"quran-block-translation\">Ihr, die ihr glaubt! Vorgeschrieben ist euch das Fasten, wie es denjenigen vor euch vorgeschrieben war, auf dass ihr gottesf\u00fcrchtig werden m\u00f6get.<\/span><span class=\"quran-block-reference\"><span>[<\/span><span class=\"quran-block-reference-content\">2:183<\/span><span>]<\/span><\/span><\/p><\/section>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Demnach ist das Fasten ein Mittel, um ein grandioses Ziel zu erreichen. Obendrein stellt es auch eine Revolte gegen das moderne Menschenbild dar und pr\u00e4sentiert der Welt einen grundlegend anderen Menschen. W\u00e4hrend die Moderne den <em>H<\/em><em>omo oeconomicus<\/em> (den Wirtschaftsmenschen) verkl\u00e4rt, bringt das Fasten den <em>H<\/em><em>omo islamicus<\/em> (den islamischen Menschen) hervor. Durch den bewussten Verzicht auf Nahrung und gewisse andere Gen\u00fcsse wird sich der Mensch seiner eigenen Natur bewusst. Dadurch erkennt er seine Bed\u00fcrftigkeit und muss sich unweigerlich seine eigenen Grenzen eingestehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn muslimische Apologeten von der liberalen Orthodoxie bedr\u00e4ngt werden, neigen sie oftmals dazu, das Fasten mit einer Art Befreiung gleichzusetzen. Euphemistisch sprechen sie von der \u201eBefreiung des Selbst\u201c, wodurch sie dem selbsterkl\u00e4rten Wunsch des Liberalismus entsprechen. Immerhin besteht die oberste Maxime des Liberalismus darin, das Individuum zu befreien, um v\u00f6llige individuelle Autonomie zu erlangen. Dabei ist der Wunsch nach \u201eBefreiung\u201c kein ausschlie\u00dflich modernes Konzept. Bereits in der politischen Philosophie der griechischen und r\u00f6mischen Antike beruhte die Befreiung auf der \u201eKultivierung der Tugend und der Selbstbeherrschung als den wichtigsten Korrektiven gegen\u00fcber der tyrannischen Versuchung\u201c. Diese Vorstellung umfasste Tugenden wie \u201eBesonnenheit, Klugheit, M\u00e4\u00dfigung und Gerechtigkeit\u201c durch Gew\u00f6hnung an \u201eGesetze und Sitten\u201c.[3] Der Liberalismus hat jedoch eine andere Vorstellung von \u201eFreiheit\u201c, denn er \u201elehnte das Erfordernis der menschlichen Selbstbeschr\u00e4nkung ab. Zun\u00e4chst verdr\u00e4ngte er die Idee einer nat\u00fcrlichen Ordnung, der die Menschheit unterworfen ist, und sp\u00e4ter die Vorstellung von der menschlichen Natur selbst\u201c[4]. Freiheit wurde demnach zu der F\u00e4higkeit, nach den eigenen W\u00fcnschen zu handeln, ohne dabei von Autorit\u00e4ten, die au\u00dferhalb des \u201everg\u00f6ttlichten Individuums\u201c stehen, eingeschr\u00e4nkt zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Folglich erkennt der Apologet nicht, dass der Liberalismus in seiner Theorie und Praxis nur die Manifestation eines st\u00e4ndigen Kampfes ist. Die Kontrahenten in diesem Kampf sind einerseits ein selbstreflektierendes Ego (<em>nafs<\/em>), das sich seiner Unvollkommenheit und Begrenztheit bewusst ist, und andererseits ein sich selbst t\u00e4uschendes und \u00fcbersch\u00e4umendes Ego (<em>nafs<\/em>), das sich mit seiner Begrenztheit nicht abfinden kann und sich selbst zum Absoluten erkl\u00e4rt. Das Fasten ist eine Erinnerung daran, dass der <em>Homo islamicus<\/em> keine Erweiterung seiner Begierde ist. Gleichzeitig werden wir aber auch daran erinnert, dass wir an diese Grenzen gebunden sind. Somit dient das Fasten als eine Erinnerung an unsere eigene Begrenztheit. W\u00e4hrend der Liberalismus die individuelle Autonomie feiert, kann man zum Schluss kommen, dass der Islam einen v\u00f6llig entgegengesetzten Standpunkt vertritt. Aus dem koranischen Narrativ l\u00e4sst sich n\u00e4mlich schlie\u00dfen, dass die absolute Autonomie das urspr\u00fcngliche Merkmal des <em>\u1e6d\u0101\u0121\u016bt<\/em> ist. Hierbei handelt es um ein Wesen, dessen Autonomie auf einen Exzess hinausl\u00e4uft, d.&nbsp;h. auf eine ma\u00dflose \u00dcbertretung einer g\u00f6ttlich verordneten nat\u00fcrlichen Ordnung.<\/p>\n\n\n\n<section class=\"wp-block-kommy-quran-block\"><p class=\"quran-block-arabic\"><span>\ufd3f<\/span><span class=\"quran-block-arabic-content\">\u0643\u064e\u0644\u064e\u0651\u0627 \u0625\u0650\u0646\u064e\u0651 \u0627\u0644\u0652\u0625\u0650\u0646\u0652\u0633\u064e\u0627\u0646\u064e \u0644\u064e\u064a\u064e\u0637\u0652\u063a\u064e\u0649. \u0623\u064e\u0646\u0652 \u0631\u064e\u0622\u0647\u064f \u0627\u0633\u0652\u062a\u064e\u063a\u0652\u0646\u064e<\/span><span>\ufd3e<\/span><\/p><p class=\"quran-block-trans-ref\"><span class=\"quran-block-translation\">Gewiss, der Mensch \u00fcberschreitet doch die Grenze, wenn er von sich meint, unbed\u00fcrftig zu sein.<\/span><span class=\"quran-block-reference\"><span>[<\/span><span class=\"quran-block-reference-content\">96:6 &#8211; 96:7<\/span><span>]<\/span><\/span><\/p><\/section>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ohne sich dessen bewusst zu sein, belebt der Apologet nicht nur den Mythos der individuellen Autonomie wieder, sondern schafft auch einen neuen Mythos: Fasten als individuelle Befreiung. Das im Koran vorgeschriebene Fasten zielt allerdings weder darauf ab, die individuelle Autonomie zu verwirklichen bzw. zu kultivieren noch die eigene potenzielle Autonomie zu realisieren. Vielmehr soll das exakte Gegenteil erreicht werden. Das Fasten soll das Individuum dazu bewegen, eine solche Autonomie abzulehnen. Und wodurch k\u00f6nnte man das Eigeninteresse eher ablehnen als durch die Abstinenz von Nahrung und Gen\u00fcssen? Das s\u00e4kulare Zeitalter ist durch die Aushebelung des \u201eHeiligen\u201c durch das \u201eWeltliche\u201c gekennzeichnet. Der Fokus wird ausschlie\u00dflich auf das \u201eIrdische\u201c gelenkt. Dagegen stellt das Fasten die Aushebelung des offensichtlichsten und grundlegendsten irdischen Merkmals dar: des K\u00f6rperlichen. Doch obwohl das Fasten zum Verzicht anspornt, muss dies nicht unbedingt bedeuten, dass es sich hierbei um keinen Akt der Befreiung handelt. Das Fasten kann durchaus eine Form der Befreiung sein, deren Ziel sich jedoch grundlegend von dem des Liberalismus unterscheidet. Denn der Muslim versteht das Fasten als geeignetes Mittel, um sich der eigenen Grenzen bewusst zu werden und nicht, um dadurch seinen Individualismus zu bekr\u00e4ftigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Rama\u1e0d\u0101n ist zudem auch der \u201eMonat des Koran\u201c. Allj\u00e4hrlich werden die Gl\u00e4ubigen daran erinnert, dass die ersten Verse des Koran in diesem Monat offenbart wurden und seine Offenbarung g\u00f6ttlichen Ursprungs ist. Diese wiederkehrende Erkenntnis stellt das moderne Engagement f\u00fcr eine \u201eeigenn\u00fctzige\u201c und unbegrenzte Rationalit\u00e4t in Frage. Durch die Offenbarung des Koran erh\u00e4lt die Menschheit Zugang zum offenkundigen Willen Gottes. Dadurch wird das Streben nach unbegrenzter Rationalit\u00e4t, die von der g\u00f6ttlichen F\u00fchrung losgel\u00f6st ist, zu einem Versto\u00df gegen die eigenen, wahren Interessen. Im Fastenmonat wird neben der Begrenztheit unseres Egos (<em>n<\/em><em>afs<\/em>) auch die Begrenztheit unseres Intellekts deutlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Folglich stellt der Rama\u1e0d\u0101n eine radikale Revolte gegen den <em>H<\/em><em>omo oeconomicus<\/em> und somit gegen die modernen Verh\u00e4ltnisse dar. Der Begriff \u201eradikal\u201c wurde an dieser Stelle bewusst gew\u00e4hlt. Immerhin verk\u00f6rpert das Fasten nicht nur eine Revolte gegen eine einzelne Auspr\u00e4gung des modernen Zustands, wie etwa den Konsumismus, den Hedonismus oder die Fetischisierung des Kapitals. Diese Auspr\u00e4gungen sind nur Symptome einer Weltanschauung, die den Menschen als <em>H<\/em><em>omo oeconomicus<\/em> betrachtet. Indem wir fasten, begehen wir bewusst einen Akt des Ungehorsams gegen eine liberale Ordnung. Wir verwehren uns der Vorstellung von einer \u201eheiligen\u201c Autonomie des Individuums, einer Verg\u00f6tterung des \u201eSelbst\u201c &#8211; des \u201eIch\u201c (bzw. <em>n<\/em><em>afs<\/em>). Indem wir auf jenes verzichten, was Aristoteles als die beiden elementarsten Begierden des Menschen bezeichnete, n\u00e4mlich Nahrung und Geschlechtsverkehr, erlangen wir ein h\u00f6heres Gottesbewusstsein. Dies erinnert uns wiederum daran, dass die absolute Autonomie nur dem Sch\u00f6pfer geb\u00fchrt. Auf diese Weise werden wir uns schlie\u00dflich der eigenen Unvollkommenheit bewusst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einer Epoche, die vom \u201eGott des Kapitals\u201c und der liberalen Hegemonie gepr\u00e4gt ist, bewirkt das Fasten als kollektive und globale Praxis etwas Besonderes: Es ist Ausdruck eines massenhaften Dissenses. Wir leben in einem Zeitalter, das durch den R\u00fcckzug des Liberalismus und das Wiederaufleben post-liberaler Visionen gekennzeichnet ist. Heutzutage h\u00e4ngt die Relevanz der Muslime von unserer F\u00e4higkeit ab, den Islam als eine Gegenerz\u00e4hlung zum Status-quo anzubieten. Diese befreiende Weltanschauung und Bewegung besitzt n\u00e4mlich das Potential, zu einer gewaltigen Herausforderung f\u00fcr die liberale Theologie und die Exzesse des modernen Zustands zu werden. Der Rama\u1e0d\u0101n kann der Ausgangspunkt daf\u00fcr sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Quellen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[1] Brown, Jonathan A.C. (2014). Misquoting Muhammad: The Challenge and Choices of Interpreting the Prophet\u2019s Legacy. Oneworld Publications. S. 279<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[2] Koran (2:183)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[3] Deneen, P. J. (2018). Why Liberalism Failed. New Haven: Yale University Press. S. 22<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[4] Deneen, 2018, S. 35<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[5] Koran (96:6-7)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der ehemalige tunesische Pr\u00e4sident Habib Bourguiba, der Tunesien fast drei Jahrzehnte lang regierte, ist nur eines der Beispiele f\u00fcr den westlichen Einfluss. An diesem Beispiel k\u00f6nnen wir sehen, wie die moderne liberale Ordnung in der muslimischen Welt vorgedrungen ist. Im Jahr 1960 erkl\u00e4rte Habib Bourguiba, das Fasten im Rama\u1e0d\u0101n w\u00fcrde die wirtschaftliche Produktivit\u00e4t im Land behindern. 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