{"id":15497,"date":"2023-09-11T07:00:00","date_gmt":"2023-09-11T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=15497"},"modified":"2023-09-11T07:00:00","modified_gmt":"2023-09-11T05:00:00","slug":"konservatives-buendnis-als-sackgasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=15497","title":{"rendered":"Konservatives B\u00fcndnis als Sackgasse"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sp\u00e4testens seit dem 11. September 2001 geh\u00f6ren Diskussionen \u00fcber den Islam als neues <em>Feindbild<\/em> im konservativ-rechten Milieu zur politischen Routine. Das christliche Abendland oder die nationale Identit\u00e4t gegen den Islam zu verteidigen, ist einer der noch wenigen Standpunkte, auf die sich Rechte von b\u00fcrgerlich bis radikal bislang ausnahmslos einigen konnten. Doch unter den konservativ-rechten Denkern scheint es auch in diesem Punkt inzwischen Meinungsunterschiede zu geben. Ist der Islam also doch nicht der Sargnagel der deutschen Kulturnation?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Politikwissenschaftler Frederic H\u00f6fer befasst sich in seinem aktuellen Buch <em>Feindbild Islam als Sackgasse<\/em> mit dieser Fragestellung und stellt fest, dass angesichts gegenw\u00e4rtiger Entwicklungen seitens der politischen Rechten ein neuer bzw. realistischer Umgang mit dem Islam und den hierlebenden Muslimen stattfinden m\u00fcsse. H\u00f6fer sieht die Rechte vor einer Weggabelung stehen; zwischen Konfrontation, Verdr\u00e4ngung oder <em>Reconquista<\/em> auf der einen und einer selbstbewussten, aber ausgleichenden Begegnung auf der anderen Seite. Wie eine Reihe neurechter Intellektueller vertritt auch er die Auffassung, dass der Islam nicht der politische Hauptgegner sei, sondern vielmehr der Liberalismus mit seinem individualistisch-hedonistischen Menschenbild. Vor allem mit Blick auf das Thema LGBTQ k\u00f6nne das Ziel nicht darin liegen, sich bedingungslos auf die Seite des Liberalismus zu schlagen, um den Islam mit liberalen Argumenten zu bek\u00e4mpfen. Die L\u00f6sung m\u00fcsste H\u00f6fer zufolge lauten, nach <em>weltanschaulich-ideologischen Schnittmengen und Kooperationspotenzialen zwischen Konservativen jedweder Herkunft und Fasson Ausschau zu halten<\/em> und sich f\u00fcr <em>Ann\u00e4herungen und Synthesebildungen zwischen traditional orientierten Gruppen <\/em>zu \u00f6ffnen. Die Fronstellung zum Islam beruhe dagegen auf widerspr\u00fcchlichen und strategisch perspektivlosen Denkans\u00e4tzen. Nicht zuletzt da aufgrund der <em>demografischen Realit\u00e4t<\/em> die muslimische Pr\u00e4senz in jedem realistischen politischen Szenario in Deutschland ein bleibender Faktor sei. Zudem zeigen sich der Islam und die Muslime als \u00e4u\u00dferst Widerstandsf\u00e4hig gegen die liberalen und <em>antitraditionellen<\/em> Trends in der hiesigen Gesellschaft. Dieser Aspekt sei vorrangig in der Auseinandersetzung rund um das Thema sogenannter Geschlechteridentit\u00e4ten und der damit verbundenen Aush\u00f6hlung der <em>traditionellen<\/em> Familie deutlich zu erkennen. Denn die Muslime haben all diesen Zerfallsprozessen zum Trotz ihre intakten Familienstrukturen auch in der dritten Generation erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ob H\u00f6fers Thesen im konservativ-rechten Lager tats\u00e4chlich mehrheitsf\u00e4hig werden und ein wie auch immer gearteter Schulterschluss mit den Muslimen angestrebt wird, bleibt vorerst abzuwarten. Von mehreren Seiten wurde dies bereits kritisiert und zum Teil als politisch naiv abgetan. Obgleich ihm viele darin zustimmen, dass insbesondere bei der LGTBQ-Debatte es durchaus Schnittmengen g\u00e4be, so w\u00e4re eine gemeinsame Front angesichts der diversen inhaltlichen Differenzen mit den Muslimen letztlich zwecklos. Unabh\u00e4ngig also davon, ob sich das konservativ-rechte Lager f\u00fcr H\u00f6fers Vorschlag begeistern l\u00e4sst, offenbart diese Diskussion doch eines deutlich: die Unf\u00e4higkeit, aus dem eigenen geistig-ideellen Fundus einen alternativen Gesellschaftsentwurf zu entwickeln, der dem exzessiven Individualismus und dem damit einhergehenden Verfall der <em>traditionellen<\/em> Familie ernsthaft etwas entgegensetzen k\u00f6nnte. Aus Sicht des Islams zumindest kann die Alternative \u2013 sowohl aus ideologischen als auch strategischen Gr\u00fcnden \u2013 nicht in einem B\u00fcndnis mit der politischen Rechten bestehen. Vielmehr muss sich dieses Lager dem Islam weltanschaulich tats\u00e4chlich \u00f6ffnen, um insbesondere der faktischen Aufl\u00f6sung des bin\u00e4ren Geschlechtersystems mit all ihren Verwerfungen ein Ende zu bereiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch warum sollte es dem Islam gelingen, eine glaubhafte Alternative anbieten zu k\u00f6nnen, w\u00e4hrend die konservativ-rechten Kr\u00e4fte mit ihren traditionellen Auffassungen damit kl\u00e4glich gescheitert sind? Zun\u00e4chst einmal ist festzuhalten, dass auch das Denken der politischen Rechte seinen Ursprung in der geistesgeschichtlichen Entwicklung Europas hat, die im Kern den Menschen als ein freies und selbstbestimmendes Wesen begreift und ihm folglich die Souver\u00e4nit\u00e4t in jeglichen Fragen zuspricht. Ungeachtet der Tatsache, zu welchen politischen Exzessen diese \u00dcberh\u00f6hung des Menschen in der j\u00fcngeren europ\u00e4ischen Geschichte f\u00fchrte, bildet dieses Menschenbild den theoretischen Unterbau s\u00e4mtlicher gesellschaftspolitischer Konzepte \u2013 von ganz links bis ganz rechts. Somit nimmt das konservativ-rechte Lager keine autarke weltanschauliche Grundposition ein, die sie von den anderen politischen Ideen in Europa unterscheiden w\u00fcrde. Zwar zog der Konservatismus stets eine Trennlinie besonders zu linksliberalen Vorstellungen, indem es unter anderem eine <em>nat\u00fcrliche<\/em> soziale Hierarchie bef\u00fcrwortet, f\u00fcr die Bewahrung tradierter Werte einsteht und mit Ver\u00e4nderungen und Modernisierung behutsamer umgehen will. Dennoch schlagen jegliche Vorschl\u00e4ge ins Leere, welche die Aufl\u00f6sung des bin\u00e4ren Geschlechtersystems aufzuhalten und das <em>traditionelle<\/em> Familienbild zu retten versuchen, da ihnen letztlich dasselbe Menschenbild zugrunde liegt wie auch dem Linksliberalismus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Islam dagegen grenzt sich kategorisch von den europ\u00e4ischen und damit auch von konservativ-rechten Ideen ab und sieht den Menschen als Gesch\u00f6pf Gottes, der sich dem Willen seines Sch\u00f6pfers in allen Lebenslagen zu f\u00fcgen hat. Demnach liegt dem Islam ein g\u00e4nzlich anderes Souver\u00e4nit\u00e4tsverst\u00e4ndnis zugrunde, als dies in der s\u00e4kularen Sicht auf den Menschen der Fall ist. Dieser fundamentale, jedoch zentrale Unterschied hat zur Folge, dass die von Gott bestimmten Normen und Prinzipien f\u00fcr die Menschen nicht nur unabh\u00e4ngig von Ort und Zeit die notwendige Verbindlichkeit besitzen, sondern aufgrund der absoluten Attribute Gottes ebenso die erforderliche Validit\u00e4t aufweisen. Der Muslim ist demnach nicht nur davon \u00fcberzeugt, dass die g\u00f6ttlichen Normen allgemeing\u00fcltig und verbindlich sind. In gleicher Weise besteht f\u00fcr ihn kein Zweifel daran, dass es auch die einzig richtigen Probleml\u00f6sungen sind, um die verschiedenen gesellschaftspolitischen Herausforderungen nachhaltig und dauerhaft bew\u00e4ltigen zu k\u00f6nnen. Daraus wird deutlich, dass im Unterschied zum konservativ-rechten Denken der weltanschauliche Ankerpunkt im Islam ein v\u00f6llig anderer ist. Dies wirkt sich auf alle Lebensfragen aus und damit auch auf die islamische Vorstellung von Ehe und Familie. So machen die zahlreichen Offenbarungstexte deutlich, dass Gott den Menschen als Mann und Frau erschuf und weitere Geschlechter nicht existieren. Daraus resultiert unter anderem, dass der Sexualtrieb \u2013 der in jedem Menschen vorhanden ist \u2013 ausschlie\u00dflich zwischen Mann und Frau im Rahmen legitimer Rechtsverh\u00e4ltnisse wie der Ehe befriedigt werden darf. Denn der Grund, weshalb der Sch\u00f6pfer den Menschen mit dem Sexualtrieb ausgestattet hat, liegt darin, durch die Fortpflanzung die Erhaltung der menschlichen Art zu sichern. Folglich sind andere Formen der sexuellen Beziehung unzul\u00e4ssig, die den Geschlechtsverkehr <em>als solches<\/em> zweckentfremden. Zwar spricht der Islam dem Menschen die sexuelle Lust nicht ab und hat sie zu einem legalen Genuss erhoben, gleichzeitig legt er aber die eigentliche Funktion des Sexualtriebs dar. Ebenso hat der Sch\u00f6pfer es ausdr\u00fccklich verboten, dass das jeweilig andere Geschlecht in welche Weise auch immer imitiert wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Gegensatz dazu entwickelte sich in den westlichen Gesellschaften bedingt durch das liberale Menschenbild ein v\u00f6llig anderes Verst\u00e4ndnis von Ehe und Familie. Indem das Individuum sich sukzessiv aus allen <em>traditionellen<\/em> Strukturen und Bindungen herausl\u00f6ste, konnte es infolgedessen auch und gerade in Fragen der Sexualit\u00e4t frei w\u00e4hlen; Geschlechtsverkehr innerhalb oder au\u00dferhalb der Ehe, hetero-, homo- oder bisexuell, das alles ist nicht nur zu einer individuellen, selbstbezogenen Angelegenheit geworden, sondern gesellschaftlich inzwischen als jeweils legitimer Lebensentwurf vollst\u00e4ndig anerkannt. Damit wurde aber der Sexualtrieb und mit ihm der Geschlechtsverkehr von seinem eigentlichen Zweck entkoppelt und gewisserma\u00dfen zu einer Freizeitbesch\u00e4ftigung erkl\u00e4rt, die \u00fcber das unmittelbare Vergn\u00fcgen hinaus keine weitere Bedeutung hat. Dass dieser Wandlungsprozess den Trauschein ein f\u00fcr alle Mal obsolet machte, l\u00e4sst sich im Hinblick auf die weitaus tiefgreifenderen Folgen als eher kleineres \u00dcbel deuten. Denn wenn Sexualit\u00e4t einmal so verstanden wird, dann muss zum Beispiel der Mann sein sexuelles Verlangen auch nicht mehr zwangsl\u00e4ufig durch eine Frau befriedigen. Und da die menschliche Selbstbestimmung ein Fass ohne Boden ist, braucht es den konservativ denkenden Menschen nicht weiter verwundern, wenn unter diesen Voraussetzungen die hiesige Gesellschaft dazu \u00fcbergangen ist, das Geschlecht als solches zur Diskussion zu stellen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Will das konservativ-rechte Lager sich dieser Entgrenzung des Menschen ernsthaft entgegenstellen, dann kommt es nicht umhin, sein aus der Aufkl\u00e4rung hergeleitetes Menschenbild fundamental zu hinterfragen. Es kann sich noch so oft als Anker der Stabilit\u00e4t sehen und die Bewahrung eines wie auch immer verstandenen traditionellen Wertesystems einfordern; solange diesen Werten der transzendente respektive g\u00f6ttliche Bezug fehlt, bleiben sie dem menschlichen Willen unterworfen und sind damit stets wandelbar. Genauso wenig werden taktische B\u00fcndnisse zwischen <em>Konservativen jedweder Herkunft<\/em> diesen postmodernen Zersetzungsprozess aufhalten k\u00f6nnen. Lediglich der Islam mit seinem umfassenden Menschen- und Gesellschaftsbild kann verhindern, dass die Familie als Grundbaustein einer jeden Gesellschaft, zu einem Relikt der Vergangenheit verkommt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einige Akteure der neuen Rechten erachten eine m\u00f6gliche Zusammenarbeit mit den Muslimen als strategisch sinnvoll, um gemeinsam dem immer weiter au\u00dfer Kontrolle geratenen Individualismus den Garaus zu machen. Doch w\u00e4re dies aus Sicht des Islams ein gangbarer Weg oder liegt die L\u00f6sung ganz wo anders?<\/p>\n","protected":false},"author":109,"featured_media":15498,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[1303,1845],"class_list":["post-15497","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kommentar","tag-islam","tag-muslime"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15497","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/109"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=15497"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15497\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/15498"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=15497"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=15497"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=15497"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}