{"id":15721,"date":"2023-12-19T00:05:00","date_gmt":"2023-12-18T23:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=15721"},"modified":"2023-12-19T00:05:00","modified_gmt":"2023-12-18T23:05:00","slug":"einfach-nicht-ignorieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=15721","title":{"rendered":"Einfach nicht ignorieren"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es mag in den Ohren vieler Muslime wie eine Binsenweisheit klingen. Gegen Islamhasser gebe es nur ein wirkungsvolles Mittel: diese einfach zu ignorieren, um ihnen gar nicht erst jene Aufmerksamkeit zu schenken, die sich diese Personen so sehr w\u00fcnschten. Auf den ersten Blick scheint dieser Gedanke plausibel. Schlie\u00dflich k\u00f6nnen all die gegen den Islam gerichteten \u00f6ffentlichen Schm\u00e4hungen und Beleidigungen dem Islam selbst nichts anhaben. Genauso wenig sind derartige Aktionen imstande, die \u00dcberzeugung der Muslime ernsthaft zu ersch\u00fcttern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch bei genauerer Betrachtung l\u00e4sst sich der Gedanke, die widerw\u00e4rtigen Taten der Islamhasser einfach zu ignorieren, kaum als kluge Strategie verstehen. Vielmehr spiegelt sich darin die Schw\u00e4che und Ideenlosigkeit wider, welche die Muslime in eine politische Selbstblockade versetzt. Gerade bei symbolischen Aktionen wie den Prophetenkarikaturen f\u00fchrte diese Haltung in jene Passivit\u00e4t, die den Islamfeinden im Grunde signalisiert, dass sie in ihrer Hetze weitere Schritt gehen k\u00f6nnen, ohne ernsthafte Konsequenzen bef\u00fcrchten zu m\u00fcssen. Gleichzeitig nehmen insbesondere im Westen immer noch viele Muslime an, dass sie trotz ihrer gro\u00dfen Zahl und ihren inzwischen gut vernetzten Verb\u00e4nden sowohl auf globaler als auch auf regionaler Ebene keine M\u00f6glichkeit h\u00e4tten, Verunglimpfungen gegen den Islam unterbinden zu k\u00f6nnen oder zumindest durch eine klare Positionierung ein Gegengewicht im Diskurs zu schaffen. Demonstrationen oder Online-Petitionen erfahren seitens einiger Akteure keine Unterst\u00fctzung und werden eher als kontraproduktiv gesehen, ohne dabei aufzuzeigen, wie eine <em>angemessene<\/em> Reaktion aussehen k\u00f6nnte. Selbst die als alternativlos dargestellte politische Partizipation am bestehenden demokratischen System hat der muslimischen Gemeinschaft keinerlei Instrumente an die Hand geben k\u00f6nnen, um dieser \u00f6ffentlichen Hetze politisch etwas entgegenzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun stellt sich die Frage, ob diese Einsch\u00e4tzung stimmt und diverse \u00f6ffentliche Kampagnen tats\u00e4chlich keinen Nutzen bringen. Sind also Demonstrationen oder die Schaffung neuer Diskursr\u00e4ume, in denen solche Themen aufgegriffen und diskutiert werden, reine Zeitverschwendung? Ein Blick nach D\u00e4nemark zeichnet hier ein ganz anderes Bild und sollte die Kritiker eines Besseren belehren. Seitdem Anfang dieses Jahres mehrere \u00f6ffentliche Koranverbrennungen in D\u00e4nemark und Schweden f\u00fcr Furore sorgten, kam es als Reaktion darauf immer wieder zu Protesten sowohl in Europa als auch in der islamischen Welt. Ende Juli erreichten die Proteste eine neue Eskalationsstufe, als die schwedische Botschaft in Bagdad gest\u00fcrmt wurde. Aus Sorge um die nationale Sicherheit reagierte die d\u00e4nische Regierung darauf, indem sie k\u00fcrzlich einen Gesetzesentwurf vorstellte, dass das Sch\u00e4nden religi\u00f6ser Symbole zuk\u00fcnftig verbieten soll. Der d\u00e4nische Justizminister Peter Hummelgaard erkl\u00e4rte, dass der Gesetzentwurf ein Verbot der <em>unangemessenen Behandlung von Gegenst\u00e4nden von erheblicher religi\u00f6ser Bedeutung f\u00fcr eine Religionsgemeinschaft<\/em> vorsehe und diese unter Strafe stellt. Der Entwurf gelte auch f\u00fcr die Bibel oder die Thora sowie f\u00fcr religi\u00f6se Symbole wie das Kreuz. Die Koranverbrennungen bezeichnete Justizminister Hummelgaard als <em>sinnlose Beleidigungen<\/em> und <em>Spotthandlungen, die der Sicherheit der D\u00e4nen sowohl im Ausland als auch im Inland schaden<\/em>. Ihr einziger Zweck sei es, <em>Zwietracht und Hass zu sch\u00fcren<\/em>. Um die Meinungsfreiheit als vermeintliches Aush\u00e4ngeschild D\u00e4nemarks den religi\u00f6sen Gef\u00fchlen nicht g\u00e4nzlich unterordnen zu m\u00fcssen, unterstrich Hummelgaard w\u00e4hrend einer Pressekonferenz, dass es bei dem Gesetz nicht darum gehe, <em>was man denken und sagen d\u00fcrfe, sondern um zivilere Wege, sich auszudr\u00fccken<\/em>. Und am 7.12.2023 war es dann soweit; das d\u00e4nische Parlament hat nach einer fast vierst\u00fcndigen Debatte die Gesetzesvorlage in dritter Lesung mit einer Mehrheit von 94 Ja-Stimmen und 77 Gegenstimmen angenommen. Die Entscheidung in Kopenhagen wurde in Schweden derweil aufmerksam verfolgt und setzte unter Schwedens Politikern eine Diskussion dar\u00fcber in Gang, wie der <em>korrekte<\/em> Umgang mit der Sch\u00e4ndung religi\u00f6ser Symbole aussehen k\u00f6nne. Zwar stehen die politisch Verantwortlichen der d\u00e4nischen Entscheidung eher skeptisch gegen\u00fcber. Dennoch sei die schwedische Regierung angesichts der scharfen Kritik und der eskalierenden Proteste besorgt \u00fcber die innere Sicherheit, was schwedischen Medienberichten zufolge durchaus zu einem Umdenken f\u00fchren k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Reaktion D\u00e4nemarks sollte den hierlebenden Muslimen einerseits deutlich machen, dass es auch als weltanschaulich-religi\u00f6se Minderheit m\u00f6glich ist, politischen Druck auf die Regierungen im Westen aufzubauen. Vor allen Dingen m\u00fcssen die Muslime begreifen, dass sie als <em>politischer Akteur<\/em> in der \u00d6ffentlichkeit erst dann wahrgenommen werden, wenn sie geschlossen und kompromisslos f\u00fcr die islamischen Werte einstehen und ihre Standpunkte selbstbewusst nach au\u00dfen hin kommunizieren. Dazu geh\u00f6ren unter anderem Demonstrationen und Kundgebungen, in denen Muslime ihre kategorische Ablehnung der Koranverbrennung oder anderer Schm\u00e4hungen zum Ausdruck bringen. Denn diese Art der politischen Arbeit flankiert durch Diskussionen, \u00f6ffentlichen Statements und weiteren meinungsbildenden Ma\u00dfnahmen, l\u00e4sst die muslimische Gemeinschaft zu einem einflussreichen Akteur werden, der wie im aktuellen Fall eine Regierung sogar zu einer entsprechenden Gesetzgebung bewegen kann. In \u00e4hnlicher Weise war es 2018 m\u00f6glich, das in Nordrhein-Westfalen geplante Kopftuchverbot f\u00fcr Musliminnen unter 14 Jahren an den Schulen zu verhindern, nachdem von einigen islamischen Akteuren im deutschsprachigen Raum eine Online-Petition initiiert und binnen k\u00fcrzester Zeit \u00fcber 170.000 Unterschriften gesammelt wurden. Wohlgemerkt waren die Muslime in der Lage, diese Vorhaben zu stoppen, ohne dabei am bestehenden demokratischen System in irgendeiner Weise partizipiert zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Andererseits f\u00fchrt die Reaktion der d\u00e4nischen Regierung exemplarisch vor Augen, dass die im Westen lebenden Muslime trotz ihres Status als weltanschaulich-religi\u00f6se Minderheit, ihre daraus resultierenden Probleme und Herausforderungen nicht ausschlie\u00dflich aus dieser Minderheitenperspektive betrachten d\u00fcrfen. Vielmehr m\u00fcssen sie sich bei der L\u00f6sung soziopolitischer Probleme stets als eine globale <em>Umma<\/em> begreifen, selbst wenn es Anliegen sind, die in der Praxis nur Muslime in einem bestimmten westlichen Land betreffen. Am Beispiel der Koranverbrennungen waren es vor allem die Demonstrationen in der islamischen Welt, welche in D\u00e4nemark und Schweden die Diskussion \u00fcber die nationale Sicherheit angesto\u00dfen haben. Obgleich es sich hierbei nicht um koordinierte Aktionen handelte, so zeigen sie dennoch auf, \u00fcber welches Potenzial die Muslime ungeachtet ihrer geografischen Entfernung verf\u00fcgen, wenn sie sich als Teil einer <em>Umma<\/em> verstehen und entsprechend handeln. Auf diese Weise l\u00e4sst sich auch jedes andere politische Vorhaben gegen den Islam torpedieren; unter der Voraussetzung jedoch, dass die politischen Akteure hierzulande dies als ein islamisches Problem kommunizieren und mittels einer politisch-medialen Kampagne die Gef\u00fchle der Muslime weltweit aktivieren. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An dieser Stelle sei noch anzumerken, dass all die beschriebenen M\u00f6glichkeiten der Einflussnahme als auch die Reaktion D\u00e4nemarks vor dem Hintergrund stattfinden, dass die Muslime ohne politische R\u00fcckendeckung der zahlreichen Regierungen in der islamischen Welt agieren. Es besteht somit kein Zweifel daran, dass die Muslime \u00fcber einen viel gr\u00f6\u00dferen Gestaltungsrahmen und effektivere Instrumente verf\u00fcgen w\u00fcrden, wenn die <em>Umma<\/em> wieder durch einen genuin islamischen Staat politisch handlungsf\u00e4hig w\u00e4re, der ihren <em>Din<\/em> weltweit vor solchen Schm\u00e4hungen sch\u00fctzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Entgegen also einiger kritischer Stimmen besitzt die muslimische Gemeinschaft hierzulande durchaus das erforderliche Potenzial, den Diskurs soweit zu beeinflussen, dass am Ende eine Aktion wie die \u00f6ffentliche Koranverbrennung gar nicht erst stattfinden kann. Voraussetzung daf\u00fcr ist jedoch, sich von Selbstzweifeln und der Illusion zu befreien, Muslime h\u00e4tten als weltanschaulich-religi\u00f6se Minderheit keinerlei Werkzeuge zur Hand, um sich gesellschaftspolitischen Entwicklungen wirkungsvoll entgegenzustellen und in ihrem Sinne zu beeinflussen. Dann werden auch die letzten Kritiker die vermeintliche Binsenweisheit ablegen, dass Islamhasser bestenfalls ignoriert werden sollten. Denn die Koranverbrennung darf die muslimische Gemeinschaft nicht einfach an sich abperlen lassen. Vielmehr m\u00fcssen sie dagegen ihre Stimme <em>\u00f6ffentlich<\/em> erheben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>K\u00f6nnten die Muslime als Minderheit einen Staat dazu bewegen, \u00f6ffentliche Koranverbrennungen gesetzlich zu verbieten? V\u00f6llig unrealistisch, w\u00fcrden die meisten sicherlich antworten. Doch ausgerechnet in D\u00e4nemark scheinen die Reaktionen der Muslime auf die j\u00fcngsten Koranverbrennungen genau das bewirkt zu haben. <\/p>\n","protected":false},"author":109,"featured_media":15720,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[588,1044,1550],"class_list":["post-15721","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-konzeptionen","tag-daenemark","tag-gesetz","tag-koran"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15721","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/109"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=15721"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15721\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/15720"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=15721"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=15721"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=15721"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}