{"id":15796,"date":"2024-01-14T00:38:00","date_gmt":"2024-01-13T23:38:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=15796"},"modified":"2024-01-14T00:38:00","modified_gmt":"2024-01-13T23:38:00","slug":"kampf-der-narrative","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=15796","title":{"rendered":"Kampf der Narrative"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie soll die Zukunft in Gaza nach dem Krieg aussehen? Eine Frage, die sich der Westen derzeit stellt. Ein Staat, zwei Staaten oder doch eine Konf\u00f6deration? Angesichts des blutigen Bombardements gegen die Muslime im Gazastreifen befindet sich dieser Nahost-Konflikt erneut auf der internationalen Agenda und revitalisiert gleichzeitig eine Vision, die seit Ende der 40er-Jahre des vorigen Jahrhunderts durch die Politik geistert, ohne jemals an Konturen gewonnen zu haben: Die Zwei-Staaten-L\u00f6sung zwischen Israel und Pal\u00e4stina.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So betont US-Pr\u00e4sident Joe Biden seit Beginn des aktuellen Krieges, dass die Beilegung dieses Konflikts nur durch einen unabh\u00e4ngigen pal\u00e4stinensischen Nationalstaat, der friedlich Seite an Seite mit Israel existiert, m\u00f6glich w\u00e4re. Neu ist diese Idee nicht. Ihren Ursprung fand sie im UN-Teilungsplan f\u00fcr Pal\u00e4stina aus dem Jahr 1947. Dieser wurde beschlossen nachdem Pal\u00e4stinas Kolonialmacht Gro\u00dfbritannien das Land an die Vereinten Nationen <em>\u00fcbergab<\/em>. Demnach sollte Pal\u00e4stina in zwei Staaten geteilt werden. Ziel war es, auch in diesem Teil der islamischen Welt <em>Nationalstaaten<\/em> aus dem Boden zu stampfen, was zun\u00e4chst jedoch nur im Sinne der Zionisten umgesetzt wurde. In den darauffolgenden Jahrzehnten blieb die Zwei-Staaten-L\u00f6sung entgegen aller Versuche ein problematisches Unterfangen, scheiterten an dessen Realisierung zahlreiche US-Pr\u00e4sidenten. Doch der fr\u00fchere US-Nahostvermittler Dennis Ross h\u00e4lt das derzeitige Beharren von Pr\u00e4sident Joe Biden auf dem Ziel einer Zwei-Staaten-L\u00f6sung f\u00fcr richtig, trotz der zahlreichen strittigen Punkten: genauer Grenzverlauf, Zusammenf\u00fchren der getrennten Pal\u00e4stinensergebiete Gaza und Westjordanland, israelische Siedlungen, R\u00fcckkehr pal\u00e4stinensischer Fl\u00fcchtlinge, Status Jerusalems \u2013 von st\u00e4ndig drohender neuer Gewalt ganz zu schweigen. <em>Der Kern des Konflikts ist: Zwei nationale Bewegungen konkurrieren um das gleiche Land, zwei Bewegungen mit grundverschiedener Identit\u00e4t. Sie werden in einem Staat nicht koexistieren k\u00f6nnen. Ein Staat auf Dauer ist die Garantie f\u00fcr eine ewige Verl\u00e4ngerung des Konflikts<\/em>, so Ross. Aus seiner Sicht m\u00fcssten vor allem die Pal\u00e4stinenser vollst\u00e4ndig umdenken: <em>Niemand auf pal\u00e4stinensischer Seite kritisiert oder verurteilt bisher, was die Hamas getan hat.<\/em> Wenn die Pal\u00e4stinenser die Israelis \u00fcberzeugen wollten, an zwei Staaten zu denken, <em>m\u00fcssen sie damit anfangen, den Hamas-Terror zu verurteilen<\/em>. Damit dieses Projekt gelingt, m\u00fcssten auch die arabischen Staaten eingebunden werden, was nach Einsch\u00e4tzung von Ross durchaus m\u00f6glich ist. In einem Gastbeitrag f\u00fcr die New York Times erkl\u00e4rte Ross, dass sich etliche arabische Staaten den Untergang der Hamas insgeheim w\u00fcnschen. Die Gr\u00fcnde hierf\u00fcr seien vielschichtig, doch nicht zuletzt gehe es um Einfluss und die Vorherrschaft in der Nahost-Region sowie der Eind\u00e4mmung des Iran, der die Hamas seit Jahren finanziert und unterst\u00fctzt. Tats\u00e4chlich ist die US-Administration bereits dazu \u00fcbergegangen, die Pal\u00e4stinensische Autonomiebeh\u00f6rde als einzig realistische Alternative zur Hamas <em>wiederzubeleben<\/em>. Es sind sogar drei Namen gefallen, die in Frage k\u00e4men, um die Pal\u00e4stinensische Autonomiebeh\u00f6rde zu erneuern und ihr nach all den Korruptionsskandalen sowie ihrer politischen Unf\u00e4higkeit ein neues Gesicht zu verleihen: Muhammad Dahlan \u2013 Fatah-Funktion\u00e4r und ehemaliger Sicherheitschef des Gazastreifens, Salam Fayyad \u2013 ehemaliger pal\u00e4stinensischer Premierminister und Naser al-Qudwa \u2013 Neffe von Jassir Arafat. Auch in diesem Zusammenhang m\u00fcssen die zahlreichen Besuche des US-Au\u00dfenministers Anthony Blinken in Israel begriffen werden, bei denen er sich mit dem israelischen Kriegskabinett unter anderem \u00fcber die Zukunft Gazas auseinandersetzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Bundesregierung bef\u00fcrwortet ebenfalls die Zwei-Staaten-L\u00f6sung als einzig gangbaren Weg, die Kriegsparteien zu vers\u00f6hnen. Laut ihrer offiziellen Positionierung, k\u00f6nne die Sicherheit Israels letztlich nur durch einen unabh\u00e4ngigen, demokratischen und lebensf\u00e4higen pal\u00e4stinensischen Staat gew\u00e4hrleistet werden. Daher erkenne Deutschland das Selbstbestimmungsrecht der Pal\u00e4stinenser und ihr Streben nach einem eigenen Staat an. Bundeskanzler Olaf Scholz erkl\u00e4rte in einer Rede kurz nach den Ereignissen vom 07. Oktober 2023, dass ein dauerhafter <em>Frieden<\/em> einzig m\u00f6glich sei, wenn Israel und ein pal\u00e4stinensischer Staat nebeneinander existierten. Dabei betonte er, dass dieses Ziel nur unter Ausschluss der Hamas verwirklicht werden k\u00f6nne.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch unabh\u00e4ngig davon, ob der Westen bzw. die US-Regierung das Ziel einer Zwei-Staaten-L\u00f6sung erreichen werden k\u00f6nnen, offenbaren sich hier zwei wesentliche Punkte, denen sich die Muslime zwingend bewusst sein m\u00fcssen. Zun\u00e4chst verdeutlicht das beschriebene Vorgehen des Westens, dass die USA den Krieg in Gaza nicht ausschlie\u00dflich als einen milit\u00e4rischen Konflikt auffassen. Parallel dazu wird n\u00e4mlich an einer politischen L\u00f6sung gearbeitet. Dabei geht es vor allen Dingen darum, insbesondere die Akteure im Nahen Osten von ihrem politischen Narrativ eines Nationalstaates f\u00fcr die Pal\u00e4stinenser zu \u00fcberzeugen. Mit anderen Worten verl\u00e4uft dieser Konflikt neben der milit\u00e4rischen ebenso entlang polit-ideologischer Linien ab. Der s\u00e4kulare Nationalstaat wird nach wie vor als einzig m\u00f6gliches und legitimes Staatsmodell deklariert und die Entstehung des Staates <em>Israel<\/em> in den entsprechenden historischen Kontext gesetzt. Gleichzeitig versuchen die westlichen Staaten sich vehement gegen jegliche politischen Vorstellungen zu stellen, die ihrem nationalstaatlichen Konzept entgegenstehen und d\u00e4monisieren diese sogar, wie in den vergangenen Wochen in Deutschland zu beobachten war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun stellt sich an dieser Stelle die Frage, welches politische Narrativ die Muslime dem westlichen entgegenzusetzen h\u00e4tten? Wie sollte die politische Zukunft aus Sicht der Muslime in Gaza aussehen? Hier offenbart sich der zweite wesentliche Punkt, der zugleich ein gro\u00dfes Defizit im Denken vieler Muslime aufzeigt: das fehlende politische Bewusstsein. Obwohl der Islam eine ganzheitliche Sicht auf die Welt postuliert und demzufolge auch dem politischen Blick des Menschen eine umfassende Perspektive verleiht, lassen viele Muslime \u2013 bedingt durch die unreflektierte \u00dcbernahme westlicher Ideen \u2013 die politische Dimension des Islam au\u00dfer Acht. Dies wird besonders sichtbar, wenn es darum geht, die soziopolitischen Verh\u00e4ltnisse in der islamischen Welt von Grund auf zu ver\u00e4ndern. Gro\u00dfen Teilen der muslimischen Gemeinschaft f\u00e4llt es sichtlich schwer, politische L\u00f6sungsans\u00e4tze zu denken, die sich ausschlie\u00dflich aus dem Islam als ihr weltanschauliches Fundament ableiten lassen. Die Folge dessen ist eine politische Selbstblockade, die eine fundamentale Ver\u00e4nderung nicht mehr realistisch erscheinen l\u00e4sst. Stattdessen betrachten die Muslime die zahlreichen politischen Konflikte sowohl in ihren Ursachen als auch L\u00f6sungen durch die westliche Brille in Form nationalstaatlichen Denkens. Der sogenannte Pal\u00e4stina-Konflikt kann als Paradebeispiel herangezogen werden und ist dieser Deutung zufolge darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass den Pal\u00e4stinensern nach der Gr\u00fcndung Israels ein eigener Nationalstaat vorenthalten wurde. Daher k\u00f6nne dieser Konflikt auch nur durch die Zwei-Staaten-L\u00f6sung befriedet werden. Zwar beteuern viele Muslime, dass dieser Plan inzwischen ausgedient h\u00e4tte und man sich daf\u00fcr politisch nicht mehr einspannen lie\u00dfe \u2013 habe die islamische Welt aus der Vergangenheit doch gelernt. Allerdings ist die Gefahr, dass dieses Narrativ dennoch verf\u00e4ngt, weiterhin gro\u00df. So ist zu beobachten, wie die vermeintliche Alternativlosigkeit zum Konzept des Nationalstaates aktuell wieder zahlreiche Muslime dazu veranlasst, diesen Plan zu unterst\u00fctzen oder zumindest als kleineres \u00dcbel zu betrachten, um das blutige Bombardement gegen die Menschen im Gazastreifen zu stoppen. Die Milit\u00e4r- und Nahostexpertin Florence Gaub beschreibt dieses Ph\u00e4nomen aus Sicht der Konfliktforschung und betont, dass gerade in Konfliktsituationen die Bereitschaft f\u00fcr politische L\u00f6sungen steigt \u2013 in diesem Falle auch f\u00fcr die Zwei-Staaten-L\u00f6sung. Es ist also nicht unrealistisch, dass mit der Fortsetzung des Krieges in Gaza, die Muslime sich erneut dazu hinrei\u00dfen lassen, eine vom Westen aufgetischte L\u00f6sung zu akzeptieren, ohne sich dabei \u00fcber deren verheerende Konsequenzen im Klaren zu sein. Dies macht einmal mehr deutlich, welche fatalen Schl\u00fcsse gezogen werden k\u00f6nnen, wenn es in der <em>Umma<\/em> am politischen Bewusstsein mangelt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um sich jedoch dieser existenzbedrohenden Gefahr gar nicht erst auszusetzen und den gesamten Konflikt korrekt einzuordnen, d\u00fcrfen die Muslime eine Tatsache nicht \u00fcbersehen: eine wesentliche Ursache f\u00fcr die zahlreichen politischen Konflikte in der islamischen Welt ist gerade die Existenz der Nationalstaaten und das ihr zugrunde liegende ethnisch-nationale Identit\u00e4tsverst\u00e4ndnis, welches die politische Einheit der <em>Umma<\/em> bis heute erodieren lie\u00df. Der Staat <em>Israel<\/em> ist in diesem Kontext gegr\u00fcndet worden und damit als Teil der kolonialen Ordnung zu verstehen. Einen pal\u00e4stinensischen Nationalstaat zu fordern, w\u00fcrde letztlich bedeuten, dass die Muslime den Status quo eigenh\u00e4ndig zementieren und der kolonialen Ordnung damit weitere Legitimit\u00e4t verleihen. Es ist daher unabdingbar, dass die <em>Umma<\/em> einen Paradigmenwechsel vollzieht und den Konflikt in Gaza ausschlie\u00dflich unter islamischen Gesichtspunkten analysiert. Sie muss begreifen, dass die Besatzung Pal\u00e4stinas und die Existenz <em>Israels<\/em> nicht mit dem Fehlen eines pal\u00e4stinensischen Staates zusammenh\u00e4ngt. Auch wird die Gr\u00fcndung eines solchen Staates der Besatzung kein Ende setzen k\u00f6nnen. Sie ist das Ergebnis eines kolonialistischen Komplotts, das vor allem von Gro\u00dfbritannien gesteuert wurde und in dessen Verlauf die neuen Akteure nach der Zerst\u00f6rung des Islamischen Staates den sogenannten Nahen Osten nach nationalstaatlicher Logik neu ordneten. Die <em>Umma<\/em> muss den Konflikt um Pal\u00e4stina also als ein islamisches Problem auffassen, das nicht nur die Pal\u00e4stinenser oder Araber betrifft, sondern jeden Muslim unabh\u00e4ngig von seinem ethnischen Hintergrund oder der geographischen Entfernung. Des Weiteren muss sie sich bewusst werden, dass die gegenw\u00e4rtige koloniale Ordnung in Form der zahlreichen s\u00e4kularen Nationalstaaten islamrechtlich kein Existenzrecht besitzt. Sie muss durch das Kalifat ersetzt werden; einer politischen Struktur also, die den Islam bzw. die Scharia gesellschaftspolitisch vollumf\u00e4nglich umsetzen wird und die Muslime damit politisch wieder handlungsf\u00e4hig werden l\u00e4sst. Sind diese Voraussetzungen erstmal gegeben, werden die k\u00fcnstlich gezogenen Grenzen von der Landkarte verschwinden und die <em>Umma<\/em> wird imstande sein, das gesegnete Land aus dem Zangengriff des zionistischen Staates und der westlichen Einflussnahme zu befreien.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der aktuelle Gaza-Krieg muss sowohl in seinen Ursachen als auch hinsichtlich seiner L\u00f6sung vor diesem Hintergrund verstanden werden. Es ist dieses Narrativ \u2013 aufbauend auf den islamischen Offenbarungstexten \u2013 das allen voran die politischen Akteure unter den Muslimen im \u00f6ffentlichen Diskurs platzieren m\u00fcssen. Sie d\u00fcrfen nicht dem Trugschluss verfallen, dass dem T\u00f6ten der Muslime nur dann ein Ende gesetzt werden kann, indem sie der Zwei-Staaten-L\u00f6sung zustimmen. Geschieht dies dennoch, verliert die <em>Umma<\/em> diesen Konflikt nicht nur auf milit\u00e4rischer Ebene, sondern auch den Kampf um das richtige Narrativ.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die herzzerrei\u00dfenden Bilder aus Gaza lassen so gut wie keinen Muslim auf der Welt kalt. An Solidarit\u00e4tsbekundungen mangelt es kaum. Doch welche politische L\u00f6sung kommt aus den Reihen der Muslime, um der Besatzung Pal\u00e4stinas ein Ende zu setzen und den Muslimen eine tats\u00e4chliche Zukunftsperspektive zu geben?<\/p>\n","protected":false},"author":109,"featured_media":15793,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[965,1875,2971],"class_list":["post-15796","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-konzeptionen","tag-gaza","tag-narrativ","tag-zwei-staaten-loesung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15796","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/109"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=15796"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15796\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/15793"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=15796"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=15796"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=15796"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}