{"id":15856,"date":"2024-02-27T00:05:00","date_gmt":"2024-02-26T23:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=15856"},"modified":"2024-02-27T00:05:00","modified_gmt":"2024-02-26T23:05:00","slug":"schreckgespenst-nationalstaat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=15856","title":{"rendered":"Schreckgespenst Nationalstaat"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass das islamische Leben hierzulande inzwischen als existenzbedrohend wahrgenommen wird, braucht nach jahrzehntelanger Hetze niemanden zu wundern. Ablehnung erfahren jedoch nicht allein jene islamischen Gebote, die f\u00fcr den gesellschaftlichen Kontext in Deutschland relevant sind \u2013 wie das Kopftuch, das Fasten oder das Gebet in der Schule. Vielmehr werden s\u00e4mtliche Aspekte des Islams seitens Politik und Medien verunglimpft und als Gefahr f\u00fcr das \u00f6ffentliche Leben markiert. Dazu z\u00e4hlen vor allem die politischen Konzepte wie das islamische Staats- und Gesellschaftsverst\u00e4ndnis.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Exemplarisch hierf\u00fcr waren die vergangenen Monate, nachdem Muslime angesichts des blutigen Gaza-Kriegs in verschiedenen deutschen St\u00e4dten gegen die zionistischen Verbrechen demonstrierten und dies zum Anlass nahmen, \u00fcber die Ursachen als auch die islamische L\u00f6sung \u00f6ffentlich zu sprechen. Vorzeitiger H\u00f6hepunkt war die Kundgebung in Essen Anfang November letzten Jahres, bei der Muslime auf zahlreichen Plakaten das Kalifat als L\u00f6sung pr\u00e4sentierten; sowohl f\u00fcr den Krieg in Gaza als auch f\u00fcr die islamische Welt im Allgemeinen, um die <em>Umma<\/em> endg\u00fcltig aus dem Zangengriff der kolonialen Ordnung zu befreien. Die Reaktion seitens Politik und Medien kam prompt und fiel erwartungsgem\u00e4\u00df hysterisch aus. Neben der generellen Emp\u00f6rung, wie auf deutschen Stra\u00dfen f\u00fcr derartige Vorstellungen geworben werden k\u00f6nne, ging man rasch dazu \u00fcber, die politischen \u00dcberzeugungen der Muslime zu kriminalisieren. Dies obwohl Polizei und Staatsanwaltschaft z\u00e4hneknirschend eingestehen mussten, dass unter juristischen Gesichtspunkten w\u00e4hrend der gesamten Demonstration keine Straftaten festgestellt werden konnten. Dennoch startete man nach gewohnter Manier eine polit-mediale Hetzkampagne und unterstellte den an der Demonstration beteiligten Muslimen, dass es ihnen in Wahrheit gar nicht um die Menschen in Gaza gehe, sondern einzig darum, sich zu inszenieren und den Gaza-Krieg f\u00fcr ihre <em>islamistische Agenda<\/em> zu missbrauchen. Gleichzeitig griff man das Kalifat als islamisches Regierungssystem auf und verglich es kurzerhand mit Barbarei und Unterdr\u00fcckung, zog Parallelen zum Nazi-Regime und monierte wiederholt die vermeintlich falsche Toleranz gegen\u00fcber <em>Islamisten, <\/em>ohne sie selbst zu Wort kommen zu lassen. Im Grunde zeigt die Bundesrepublik als liberaler Verfassungsstaat damit aufs Neue, wie sie in der Praxis mit weltanschaulich-religi\u00f6sen Minderheiten und ihren politischen Standpunkten umgeht. Aus der Ablehnung des Islams auf weltanschaulicher Ebene leitet sie wie selbstverst\u00e4ndlich eine ablehnende Haltung im Umgang mit den Muslimen ab und verweigert infolgedessen jeglichen Diskurs. Ein friedliches und konstruktives Zusammensein h\u00e4ngt dieser Sichtweise zufolge davon ab, ob die weltanschauliche \u00dcberzeugung einer Minderheit mit dem Wertesystem aus dem Grundgesetz \u00fcbereinstimmt oder nicht, wovon die j\u00fcdische Gemeinde hierzulande ein jahrhundertealtes Lied singen kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch ungeachtet dieser haltlosen Vorw\u00fcrfe stellt sich durchaus die Frage, was die Errichtung des islamischen Regierungssystems in Form des Kalifats f\u00fcr die Region des sogenannten Nahen Ostens praktisch bedeuten w\u00fcrde \u2013 allen voran mit Blick auf Pal\u00e4stina. Was also ist dran an der Unterstellung, das Kalifat w\u00fcrde vergleichbar mit dem Nazi-Regime eine Vernichtungspolitik in Gang setzen, insbesondere mit dem Ziel, das j\u00fcdische Leben im Nahen Osten vollst\u00e4ndig auszul\u00f6schen? Zun\u00e4chst l\u00e4sst sich festhalten, was durch die Entstehung des Kalifats <em>nicht<\/em> geschehen wird. Aufgrund der Tatsache, dass das Kalifat kein s\u00e4kularer Nationalstaat ist, spielt die ethnisch-nationale Zugeh\u00f6rigkeit f\u00fcr seine Konstituierung keine Rolle. Vielmehr legitimiert sich das Kalifat durch zwei Prinzipien: zum einen liegt die Souver\u00e4nit\u00e4t nicht beim Menschen respektive einem Staatsvolk, sondern bei der <em>Scharia<\/em>. Zum anderen liegt die Autorit\u00e4t origin\u00e4r nicht beim Staat, sondern bei der <em>Umma<\/em>, die das Staatsoberhaupt einsetzt und zur Rechenschaft zieht. Durch diesen feinen, aber zentralen Unterschied, ergibt sich f\u00fcr den Aufbau einer politischen Gemeinschaft ein im Verh\u00e4ltnis zum westlichen Staatsverst\u00e4ndnis ganz anderer Ausgangspunkt. Ob die Muslime in einem geografischen Gebiet die Mehrheit stellen oder nicht, ist unter diesem Gesichtspunkt keine Bedingung, weshalb das Kalifat auch keine ethnokulturelle Homogenisierung der Gesellschaft anstrebt. Wie in der islamischen Geschichte h\u00e4ufig der Fall, bildeten Muslime in vielen Regionen des Kalifats eine Minderheit und zwar \u00fcber Jahrhunderte hinweg. Somit betrachtet der Islam die Existenz nichtmuslimischer V\u00f6lker auch nicht als St\u00f6rfaktor, den er weder f\u00fcr seine Konstituierung noch f\u00fcr ein friedliches Zusammensein beseitigen m\u00fcsste.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Nationalstaat hingegen legitimiert sich durch ein genau definiertes Volk, dessen Zugeh\u00f6rigkeit anhand gemeinsamer Merkmale wie Sprache, Geschichte oder Ethnie konstruiert wird. Dieses bildet schlie\u00dflich das politische Subjekt, dem die Souver\u00e4nit\u00e4t \u00fcbertragen wird. Demnach setzt die Schaffung und Funktionsf\u00e4higkeit des Nationalstaates im Vergleich zum Kalifat eine ethnokulturelle Homogenit\u00e4t voraus. Die Leitvorstellung von einer homogenen Nation f\u00fchrt in aller Regel zu einer harten Exklusionspraxis gegen\u00fcber nationalen Minderheiten, stehen diese doch dem nationalen Einheitsprozess im Weg. Die Tatsache, dass in einem Land verschiedene Nationen bzw. Ethnien leben, ist nach nationalstaatlicher Logik folglich ein St\u00f6rfaktor, der in letzter Konsequenz beseitigt werden muss \u2013 entweder durch Assimilation oder physische Vernichtung. Auf diese Weise ist auch das zionistische Gebilde <em>Israel<\/em> entstanden, wobei es einen Assimilationsversuch gar nicht erst in Erw\u00e4gung zog. Denn eine <em>Heimst\u00e4tte<\/em> f\u00fcr die Juden konnte aus dem nationalstaatlichen Verst\u00e4ndnis heraus nur Realit\u00e4t werden, wenn die einheimische Bev\u00f6lkerung \u2013 bestehend aus Muslimen und Christen \u2013 vertrieben wird. Diese systematische Ermordung und Vertreibung erhoben f\u00fchrende Zionisten zur Staatsdoktrin. So sprach der erste Ministerpr\u00e4sident David Ben Gurion explizit von <em>Besetzung, Zerst\u00f6rung und Vertreibung<\/em> und forderte, dass die Vertriebenen <em>niemals zur\u00fcckkehren d\u00fcrfen<\/em>. Er f\u00fcgte hinzu: <em>Die Alten werden sterben und die Jungen werden es vergessen.<\/em> In dieser menschenverachtenden Form manifestiert sich der s\u00e4kulare Nationalstaat, wenn er die ethnokulturelle Homogenit\u00e4t politisch durchsetzt. Genau das wird durch die Wiedererrichtung des Kalifats <em>nicht<\/em> geschehen. Dass der Wunsch zur \u00dcberwindung des nationalstaatlichen Systems in der islamischen Welt dennoch mit der Barbarei des Nazi-Regimes gleichgesetzt wird, zeigt die ganze Niedertracht der politisch Verantwortlichen in diesem Land.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gleichwohl verdeutlicht ein Blick in die Offenbarungstexte und die islamische Geschichte, dass eine derartige Vernichtungspolitik weder islamrechtlich vorgesehen noch in der Praxis umgesetzt worden ist. Vielmehr unterstreichen zahlreiche historische Beispiele, dass sowohl Christen als auch Juden unter islamsicher Herrschaft leben konnten, ohne dass der Islam von ihnen verlangte, sich zu einer sogenannten Leitkultur, der Verfassung oder den Werten der Mehrheitsgesellschaft zu bekennen. Entscheidendes Kriterium war und ist das Verhalten \u2013 solange sie die \u00f6ffentliche Ordnung achten, sind sie Schutzbefohlene, denen in bestimmten Bereichen Sonderrechte und judikative Strukturen gem\u00e4\u00df ihrer eigenen Glaubensordnung zugestanden werden. Aufschlussreich in diesem Zusammenhang ist der Schutzvertrag von Umar bin al-Khattab, dem zweiten rechtgeleiteten Kalifen, nachdem Jerusalem durch die Muslime er\u00f6ffnet wurde. Als der ostr\u00f6mische Patriarch Sophronius ohne nennenswerten Widerstand und als Zeichen der Zustimmung und Akzeptanz darauf bestand, die Schl\u00fcssel der Stadt ausschlie\u00dflich dem Kalifen pers\u00f6nlich zu \u00fcbergeben, wurde dieser Vertrag zwischen den Muslimen und der Bev\u00f6lkerung von Jerusalem geschlossen. Mit Blick auf das Verh\u00e4ltnis zu den Nichtmuslimen legte Umar bin al-Khattab gem\u00e4\u00df islamischer Normen fest, dass ihr Leben, ihre Besitzt\u00fcmer sowie ihre religi\u00f6sen Angelegenheiten durch den Staat zu sch\u00fctzen sind. Ebenso l\u00e4sst sich auch im weiteren Verlauf der islamischen Geschichte deutlich erkennen, dass keine vom Staat organisierten Pogrome gegen Juden oder Christen stattgefunden haben, um sie in ihrer Eigenschaft als weltanschaulich-religi\u00f6se Minderheit zu vernichten. Dies obwohl das Kalifat politisch dazu in der Lage gewesen w\u00e4re und es seitens der katholischen Kirche und des russischen Zarenreichs Versuche gab, die Muslime f\u00fcr ein derartiges Vorhaben zu gewinnen. Vielmehr war das Kalifat f\u00fcr Juden zu jedem Zeitpunkt die letzte Bastion, um sich vor den regelm\u00e4\u00dfigen Vertreibungen und \u00dcbergriffen in Europa zu sch\u00fctzen. Gleichzeitig wurde das gesellschaftliche Zusammensein durch den Zustrom j\u00fcdischer Fl\u00fcchtlinge nie gest\u00f6rt; sie konnten wie alle anderen B\u00fcrger im islamischen Staat am \u00f6ffentlichen Leben teilnehmen, ohne zuvor irgendwelche weltanschaulichen Bekenntnisse ablegen zu m\u00fcssen. Vor diesem Hintergrund zielt die Wiedererrichtung des Kalifats und die damit verbundene Befreiung Pal\u00e4stinas nicht auf die Vernichtung der Juden ab. Es ist das zionistische Gebilde <em>Israel<\/em> als Teil der kolonialen Ordnung, das wie der Rest der Nationalstaaten in der islamischen Welt abgeschafft geh\u00f6rt. Denn dieses politische Konstrukt ist es, dass den Menschen in Pal\u00e4stina bis heute unermessliches Leid zuf\u00fcgt und einem friedlichen Zusammensein unweigerlich im Weg steht. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dagegen zeigen die Unterstellungen hierzulande einerseits das Unverm\u00f6gen liberal-s\u00e4kularer Staaten, einen vern\u00fcnftigen Diskurs mit den Muslimen zu f\u00fchren und ihre politischen Standpunkte argumentativ aufzugreifen, statt sie mit Hetze und Diffamierungen aus dem \u00f6ffentlichen Diskurs auszuschlie\u00dfen. Andererseits spiegeln die Vergleiche mit dem Nazi-Regime die Heuchelei jener Personen wider, die unentwegt zu diesem Narrativ greifen, zur gleichen Zeit aber \u00fcber die zionistischen Verbrechen schweigen \u2013 wenn nicht sogar guthei\u00dfen. Was es jedoch in der Praxis bedeutet, den Nationalstaat als alternativlos und das Kalifat als Schreckgespenst darzustellen, demonstriert <em>Israel<\/em> nahezu t\u00e4glich, indem es seine Staatsdoktrin von <em>Besetzung<\/em>, <em>Zerst\u00f6rung<\/em> <em>und <\/em><em>Vertreibung<\/em> in Gaza fortsetzt \u2013 also im nationalstaatlichen Sinne Politik betreibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit der Errichtung eines Kalifats w\u00fcrden Terror und Barbarei Einzug in den Nahen Osten finden \u2013 den in Israel lebenden Juden st\u00fcnde damit ein neuer Holocaust bevor. So oder so \u00e4hnlich \u00e4u\u00dferten sich seit dem 07. Oktober 2023 eine Reihe von Politikern und Medienschaffenden. Doch wieviel Wahrheit steckt in diesen Vorw\u00fcrfen? Ein Blick in die Offenbarungstexte und die islamische Geschichte zeichnet ein ganz anderes Bild.<\/p>\n","protected":false},"author":109,"featured_media":15855,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[37,965,1367,1415,1884],"class_list":["post-15856","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-konzeptionen","tag-07-oktober","tag-gaza","tag-israel","tag-kalifat","tag-nationalstaat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15856","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/109"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=15856"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15856\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/15855"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=15856"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=15856"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=15856"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}