{"id":16013,"date":"2024-05-29T10:09:49","date_gmt":"2024-05-29T08:09:49","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=16013"},"modified":"2024-05-29T10:09:49","modified_gmt":"2024-05-29T08:09:49","slug":"der-gaza-krieg-als-chance-fuer-die-umma","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=16013","title":{"rendered":"Der Gaza-Krieg als Chance f\u00fcr die Umma?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der aktuelle Krieg gegen die Muslime in Gaza dauert nun schon l\u00e4nger als ein halbes Jahr an und hat an Brutalit\u00e4t nichts eingeb\u00fc\u00dft. Vielen erscheint die prek\u00e4re Lage der Menschen inzwischen als aussichtslos. Die t\u00e4glichen Bilder der Leichen lassen die meisten Muslime zwar nicht kalt. Dennoch ist eine gewisse Resignation zu sp\u00fcren und die Frage tut sich auf, wann das Sterben ein Ende nehmen wird. Unter diesem Eindruck ist bei vielen muslimischen Akteuren zugleich ein bedenklicher Trend zu beobachten, der Ausdruck dieser Haltung ist: W\u00e4re es aufgrund der festgefahrenen Situation nicht langsam an der Zeit, wieder zur <em>Tagesordnung<\/em> \u00fcberzugehen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Obgleich solch eine Reaktion angesichts der Dauer und Vielzahl gewaltsamer Konflikte in der islamischen Welt zun\u00e4chst verst\u00e4ndlich erscheinen mag, d\u00fcrfen sich die Muslime davon politisch nicht l\u00e4hmen lassen. Denn die gro\u00dfe Gefahr besteht darin, dass die <em>Umma<\/em> durch Gef\u00fchle der Hoffnungslosigkeit und Resignation schlie\u00dflich in Apathie verf\u00e4llt und sich in politischer Hinsicht immer mehr als Zuschauer denn als Akteur begreift. Die Folge ist, dass man die L\u00f6sung der politischen Konflikte externen Akteuren \u00fcberl\u00e4sst und eine von Muslimen ausgehende fundamentale Ver\u00e4nderung damit in weite Ferne r\u00fcckt. Die <em>Umma<\/em> muss vielmehr erkennen, dass auch ersch\u00fctternde Ereignisse wie Kriege trotz der hohen Opferzahl und den verheerenden Folgen <em>formativ <\/em>wirken k\u00f6nnen. Der Gelehrte Taqi ad-Din an-Nabhani beschrieb in seinem Werk <em>at-Takattul al-Hizbi<\/em>, dass solche Ereignisse gerade aufgrund ihrer Heftigkeit das Potenzial besitzen, ein kollektives Empfinden innerhalb einer von Konflikten und Umbr\u00fcchen gezeichneten Gesellschaft hervorzurufen und im Zuge dessen in einen Denkprozess zu m\u00fcnden. Mit Blick auf die gegenw\u00e4rtige Situation m\u00fcssen die Muslime dazu \u00fcbergehen, den Gaza-Krieg als ein <em>formatives Ereignis<\/em> zu begreifen, das ein derartiges kollektives Empfinden in der <em>Umma<\/em> ausl\u00f6st. Der daraus resultierende Denkprozess soll eine kritische Auseinandersetzung mit den Konfliktursachen bewirken und infolgedessen die <em>Umma<\/em> in die Lage versetzen, aus ihren weltanschaulichen Grundlagen heraus L\u00f6sungen zu entwickeln. Dabei soll es nicht darum gehen, dass Konflikte auf diese Weise \u00fcber Nacht verschwinden. Vielmehr leiten <em>formative Ereignisse<\/em> Phasen ein, die neben Risiken und Verunsicherung ebenso Chancen bieten und damit neue Gestaltungsm\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass diese Entwicklung bereits eingetreten ist, zeigt sich deutlich am derzeitigen Gaza-Krieg, von dem die Muslime emotional \u00e4u\u00dferst ersch\u00fcttert sind. Erkennen l\u00e4sst sich das unter anderem daran, dass die muslimische Gemeinschaft seitdem viel bewusster als zuvor eine islamische Sichtweise auf den Konflikt einnimmt, womit auch eine islamische L\u00f6sung innerhalb der <em>Umma<\/em> immer anschlussf\u00e4higer geworden ist. Gleichzeitig hat der Gaza-Krieg besonders im innerislamischen Spektrum die Diskussion \u00fcber die <em>koloniale Ordnung<\/em>, deren Ursachen und Folgen f\u00fcr die islamische Welt sowie die Notwendigkeit ihrer \u00dcberwindung ins Zentrum ger\u00fcckt. Eine Beobachtung, die Politikern und Medienschaffenden hierzulande nicht entgangen ist und als h\u00f6chst alarmierend gewertet wird. Der Journalist Eren G\u00fcvercin beispielsweise beschreibt in der Talksendung Markus Lanz, dass der 07. Oktober die Muslime besonders g<em>etriggert<\/em> und <em>elektrisiert<\/em> habe \u2013 und das unabh\u00e4ngig von ihrem ethnischen Hintergrund oder ihrer tats\u00e4chlichen Religiosit\u00e4t. Dieser Umstand habe zu massiven Verwerfungen gef\u00fchrt und gerade muslimische Jugendliche empf\u00e4nglich gemacht f\u00fcr eine ideologische Perspektive auf den Nahost-Konflikt, die G\u00fcvercin als \u00e4u\u00dferst <em>problematisch<\/em> sieht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An genau diesem Punkt aber liegt die Chance f\u00fcr die mulimischen Akteure, den Gaza-Krieg zum Anlass zu nehmen, um die Weichen f\u00fcr einen Paradigmenwechsel in der <em>Umma<\/em> zu stellen. Denn die katastrophalen Auswirkungen der <em>kolonialen Ordnung<\/em> lassen sich vor allem an diesem Konflikt anschaulich darlegen. So ist die Entstehung des zionistischen Gebildes <em>Israel<\/em> ein fester Bestandteil dieser <em>kolonialen Ordnung<\/em> und die anschlie\u00dfende Vertreibung und T\u00f6tung der pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung nur die logische Konsequenz <em>nationalstaatlicher<\/em> Politik. Alle Versuche, diesen Konflikt zu befrieden, scheiterten an diesem ordnungspolitischen Konzept. Selbst die sogenannte Zwei-Staaten-L\u00f6sung, auf die einige Muslime nach wie vor setzen, w\u00fcrde die vorherrschende <em>koloniale Ordnung<\/em> nur weiter zementieren. Ebenso offenbart dieser Konflikt, wie sehr das System der Nationalstaaten die <em>Umma<\/em> in eine politische Selbstblockade getrieben hat; weder ist eine islamische Ver\u00e4nderung unter diesen Voraussetzungen m\u00f6glich, noch ist dieses System in der Lage, die Interessen der Muslime zu wahren. Das Versagen, als auch der fehlende Wille s\u00e4mtlicher Staaten der islamischen Welt, sich dem zionistischen Vernichtungskrieg in Gaza politisch und milit\u00e4risch entgegenzustellen, offenbart diese Tatsache.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor diesem Hintergrund liefert der aktuelle Gaza-Krieg den Muslimen die M\u00f6glichkeit, eine schonungslose Bestandsaufnahme \u00fcber ihren politischen Zustand vorzunehmen, jene Faktoren zu benennen, die urs\u00e4chlich daf\u00fcr sind, dass die <em>Umma<\/em> heute de facto politisch handlungsunf\u00e4hig ist, als auch s\u00e4mtliche Folgeerscheinungen zu diskutieren. Es muss sich die grundlegende Erkenntnis durchsetzen, dass ihre vitalen Interessen \u2013 ob in Pal\u00e4stina, im Sudan oder im Jemen \u2013 sich erst durch die Beseitigung der <em>kolonialen Ordnung<\/em> in Form der Nationalstaaten sch\u00fctzen lassen werden. Ebenso er\u00f6ffnet sich die Chance, die islamische L\u00f6sung der <em>Umma<\/em> zu pr\u00e4sentieren, ohne dabei von den \u00fcblichen Kritikern aus den eigenen Reihen vorgeworfen zu bekommen, fortw\u00e4hrend einer Utopie nachzulaufen. Utopisch ist vielmehr die Vorstellung, dass sich die Lage der <em>Umma<\/em> durch die Erhaltung der <em>kolonialen Ordnung<\/em> \u00e4ndern wird, w\u00e4hrend die Muslime zur <em>Tagesordnung<\/em> \u00fcbergehen und letztlich als Zuschauer das Geschehen in Gaza weiterverfolgen. Mit der Gr\u00fcndung des Kalifats hingegen ist eine entscheidende Basis geschaffen, welche der <em>Umma<\/em> ihre politische Handlungsf\u00e4higkeit wiedergibt und damit zu einem <em>staatlichen Akteur<\/em> werden l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Insofern d\u00fcrfen gerade die muslimischen Akteure nicht dem Trugschluss verfallen, sich jetzt auf <em>andere<\/em> Themen zu konzentrieren mit der Schutzbehauptung, man habe doch zu Beginn des Konflikts bereits dar\u00fcber gesprochen. Genauso wenig d\u00fcrfen die muslimischen Akteure angesichts der aktuellen medialen Hetzkampagne gegen das Kalifat als islamische Staatsform den Fehler begehen, sich aus <em>taktischen<\/em> Gr\u00fcnden zur\u00fcckzuziehen, bis die aufgeheizte Stimmung abgeklungen ist. Vielmehr ist es an der Zeit, trotz oder gerade wegen der festgefahrenen Situation im Gazastreifen als politisch relevanter Akteur aufzutreten und den Diskurs entscheidend mit zu beeinflussen. Die aufgeheizte Stimmung m\u00fcssen die Muslime als T\u00fcr\u00f6ffner begreifen, um die <em>Umma<\/em> von der islamischen L\u00f6sung des Kalifats zu \u00fcberzeugen \u2013 also einen Paradigmenwechsel zu vollziehen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Statt bei Trigger-Themen wie dem Kalifat aus der Schusslinie zu gehen und damit die Deutungshoheit den Hetzern und Islamfeinden aus Politik und Medien zu \u00fcberlassen, sollten <em>formative Ereignisse<\/em> genutzt werden, um in der <em>Umma<\/em> ein dezidiert islamisches Problem- und L\u00f6sungsbewusstsein zu schaffen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gewaltsame Konflikte und Kriege bergen nicht nur Risiken, sondern auch Chancen. Denn sie k\u00f6nnen den Weg f\u00fcr tiefgreifende politische Ver\u00e4nderungen ebnen. So zumindest sieht es die Konfliktforschung. Welche Chancen bietet aber der aktuelle Gaza-Krieg der Umma? K\u00f6nnte er als T\u00fcr\u00f6ffner fungieren f\u00fcr einen politischen Paradigmenwechsel?<\/p>\n","protected":false},"author":109,"featured_media":16012,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[522,965,1017,1501,1567,2971],"class_list":["post-16013","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-konzeptionen","tag-chance","tag-gaza","tag-genozid","tag-koloniale-ordnung","tag-krieg","tag-zwei-staaten-loesung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16013","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/109"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=16013"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16013\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/16012"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=16013"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=16013"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=16013"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}