{"id":16075,"date":"2024-07-12T00:05:00","date_gmt":"2024-07-11T22:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=16075"},"modified":"2024-07-12T00:05:00","modified_gmt":"2024-07-11T22:05:00","slug":"israel-ein-konstrukt-westlicher-kolonialpolitik-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=16075","title":{"rendered":"\u201eIsrael\u201c &#8211; Ein Konstrukt westlicher Kolonialpolitik (Teil 2)"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im November 1898 erreichte die Pal\u00e4stinareise von Kaiser Wilhelm II. ihren H\u00f6hepunkt, als er die Tore Jerusalems durchtrat. Der 39-j\u00e4hrige Kaiser wurde jubelnd empfangen und wollte sich als dem\u00fctiger, christlicher Pilger inszenieren. \u00dcberschattet wurde die zur Schau gestellte Piet\u00e4t durch einundzwanzig Kanonenschl\u00e4ge und sein neunzigk\u00f6pfiges, pomp\u00f6s gekleidetes Gefolge, als er auf einem wei\u00dfen Pferd reitend das schmale Jaffa-Tor durchschritt, wof\u00fcr eigens f\u00fcr ihn und seine achtzig Kutschen ein Graben aufgef\u00fcllt werden musste. Mehr wehm\u00fctig denn dem\u00fctig blickte der Kaiser auf die gescheiterte Inszenierung zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nur neunzehn Jahre sp\u00e4ter \u2013 im Dezember 1917 \u2013 wurde das Tor zur heiligen Stadt von einem weiteren europ\u00e4ischen, diesmal britischen, Feldherren entweiht. Nach der Kapitulation Jerusalems \u00fcberreichten die Osmanen nach f\u00fcnfhundertj\u00e4hriger islamischer Herrschaft die Schl\u00fcssel der Stadt dem B\u00fcrgermeister Hussein Bey al-Husseini. Wohlwissend, dass die britischen Kolonialherren die Geschicke Pal\u00e4stinas leiten werden, blieb den Osmanen nur eine letzte Botschaft an al-Husseini: <em>In der Hoffnung, dass Sie Jerusalem so besch\u00fctzen werden, wie wir es f\u00fcr mehr als 500 Jahre getan haben<\/em>. Sichtlich \u00fcberfordert und eine wei\u00dfe Fahne in den H\u00e4nden haltend, soll al-Husseini die Schl\u00fcssel zur Stadt einem britischen Koch \u00fcberreicht haben, den er f\u00fcr den Hochkommissar Edmund Allenby hielt. Unfreundlich gab der Koch zu verstehen, dass er nicht die milit\u00e4rischen Geschicke der britischen Armee leite, sondern nur Koch sei: <em>Ich will deine Stadt nicht. Ich will Eier f\u00fcr meine Offiziere.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Allenby kurze Zeit sp\u00e4ter vor dem Jaffa-Tor eintraf, erwies er sich als wesentlich dem\u00fctiger als zuvor Kaiser Wilhelm II. Weder Kanonenschl\u00e4ge noch britische Fahnen begleiteten seine Ankunft. Vor dem Tor stieg Allenby vom Pferd und durchlief dieses zu Fu\u00df. Seine Botschaft: Er komme nicht als Kolonialist, sondern als Pilger. Noch an Ort und Stelle lie\u00df Allenby verk\u00fcnden: <em>Jedes heilige Geb\u00e4ude, Denkmal, jeder heilige Fleck, Schrein, jede traditionelle St\u00e4tte, Stiftung, jedes fromme Verm\u00e4chtnis oder jeder angestammte Gebetsplatz gleich welcher Art der drei Religionen (soll) erhalten und gesch\u00fctzt werden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Ankunft der britischen Kolonialisten in Pal\u00e4stina stie\u00df jedoch auf erbitterten Widerstand der Muslime, der sich im Laufe der n\u00e4chsten Jahrzehnte immer weiter zuspitzen sollte. Die zionistischen Siedler und ihre europ\u00e4ischen Verb\u00fcndeten hingegen traten diesem Tag mit Freude und Euphorie entgegen. Herzl selbst sollte diesen Tag aber nie miterleben, starb er doch bereits im Jahre 1904. Und ob die Briten Herzls Wunsch nach einem Judenstaat in Pal\u00e4stina entsprechen w\u00fcrden, war f\u00fcr Jahrzehnte unklar. Schlie\u00dflich waren die Briten nicht unbedingt eingeschworene Freunde der Juden. Obschon nicht in der Qualit\u00e4t und Quantit\u00e4t der mittel- und osteurop\u00e4ischen Judenverfolgung, waren Juden auch in England politischen und gesellschaftlichen Repressalien ausgesetzt. Dass Gro\u00dfbritannien ein sicherer Zufluchtsort f\u00fcr die europ\u00e4ischen Juden h\u00e4tte sein k\u00f6nnen, schien von Beginn an ausgeschlossen. Das wusste auch Herzl und machte der britischen Regierung folgenden Vorschlag: <em>Wenn die Juden in Gro\u00dfbritannien nicht erw\u00fcnscht sind, so sollen die Briten ihnen eine Heimat finden, welche als Judenstaat anerkannt ist.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Herzls Aussage war gewiss nicht zuf\u00e4llig gew\u00e4hlt, handelte es sich bei dem Adressaten doch um den Hegemon Gro\u00dfbritannien, der die konkrete F\u00e4higkeit besa\u00df, Pal\u00e4stina zu kolonialisieren. Nur diese historische Einordnung l\u00e4sst verstehen, wie und weshalb das zionistische Konstrukt inmitten der arabisch-islamischen Welt entstehen konnte. Und nur auf diese Weise ist der \u201eJudenstaat Israel\u201c auch zu verstehen: Nicht als das alleinige Produkt zionistischer Anstrengung, sondern als Kolonialprojekt der britischen Regierung. Kein Judenstaat ohne die Gnade und den politischen Willen der Kolonialmacht Gro\u00dfbritannien. Aus diesem Grunde sagte der Historiker Michael Brenner \u00fcber den Zionisten und ersten Staatspr\u00e4sidenten \u201eIsraels\u201c: <em>Weizmann sollte sich nicht davon abbringen lassen, dass nur \u00fcber die guten Beziehungen zu England der j\u00fcdische Staat errichtet werden konnte. So war denn die zionistische Politik der zwanziger und drei\u00dfiger Jahre trotz aller R\u00fcckschl\u00e4ge von Weizmanns Bindung an die Mandatsmacht gepr\u00e4gt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Umstand, dass die Errichtung des Zionistenstaates nur durch Kolonialisierung mitsamt genozidaler Vorg\u00e4nge wie Vertreibung, Mord und Landraub m\u00f6glich w\u00fcrde und dass es hierf\u00fcr der Gnade des Kolonialimperiums Gro\u00dfbritannien bedurfte, war schon Theodor Herzl bewusst: <em>Die Zeit wird kommen, in der England alles in seiner Macht stehende tun wird, um uns Pal\u00e4stina f\u00fcr die Gr\u00fcndung eines Judenstaates zu \u00fcberlassen<\/em>. V\u00f6llig ausgeschlossen war Herzls Vision nicht. Bereits fr\u00fch \u00e4u\u00dferten sich britische Regierungsvertreter und lie\u00dfen \u2013 obwohl inoffiziell, nicht rechtlich bindend und schon gar in konkreter Form ausgedr\u00fcckt \u2013 verk\u00fcnden, dass die zionistische Staatsgr\u00fcndung im Zuge der nah\u00f6stlichen Neuordnung eine durchaus denkbare Option sei. W\u00e4hrend sich der Kolonialminister Joseph Chamberlain geografisch nicht binden wollte und \u00fcber Herzl sagte, dass wenn er einen <em>Fleck unter den britischen Kolonien zeige, der noch nicht von wei\u00dfen Siedlern bewohnt sei, dann k\u00f6nne man verhandeln<\/em>, wurde der Namensgeber des Sykes-Picot-Abkommens Sir Mark Sykes schon konkreter: <em>Aus rein britischer Sicht k\u00f6nnte ein wohlhabendes Pal\u00e4stina, das seine Entstehung der britischen Politik verdankt, ein unsch\u00e4tzbarer Wert f\u00fcr die Verteidigung des Suezkanals und als Station f\u00fcr k\u00fcnftige Flugrouten sein.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass ein <em>wohlhabendes Pal\u00e4stina<\/em> durch die dort ans\u00e4ssigen Muslime entstehen k\u00f6nnte, schien der kolonialen und sozialdarwinistischen Gedankenwelt britischer Eliten entgegenzustehen. So bezeichnete der britische Arzt Thomas Chaplin den Zustands Jerusalems <em>nach europ\u00e4ischen Ma\u00dfst\u00e4ben<\/em> als <em>besch\u00e4mend und ganz widerlich schmutzig<\/em>. Weiter f\u00fchrte er fort: <em>Des Orientalen Vorstellung von einer Stra\u00dfe scheint zu sein, dass sie als Beh\u00e4lter f\u00fcr alles dient, was man nicht mehr braucht [\u2026]. Widerlicher als alles andere ist f\u00fcr den Europ\u00e4er der schamlose Mangel an Anstand, mit dem die Durchgangsstra\u00dfen in Bed\u00fcrfnisanstalten verwandelt werden. Sieben Monate im Jahr f\u00e4llt kein Regen, und in dieser langen Trockenzeit f\u00fcllt sich die Luft mit dem ekelhaften Staub und Gestank, die aus so viel Unreinlichkeit erwachsen<\/em>. \u00c4hnlich elegisch fasste auch der deutsche Reisende Ewald Banse seine Sicht zusammen: <em>Wohin man auch kommt im Morgenland, \u00fcberall tritt einem Verfall, Staub, Moder entgegen. Und, was das Schlimmste ist, stets herrscht die Empfindung: einst wars hier viel besser und sch\u00f6ner als heut. Nicht nur die Ruinen sind hier Tr\u00fcmmer, auch das Lebende, das Gegenw\u00e4rtige ist nur Trumm des Untergegangenen<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Knowhow der zionistischen Europ\u00e4er und ihr Wille, die technischen, agrarischen und infrastrukturellen Fertigkeiten zum Aufbau eines Staates nach europ\u00e4ischen Ma\u00dfst\u00e4ben einzubringen, l\u00e4sst vermuten, dass die Entscheidung der britischen Kolonialmacht, den Zionisten in Pal\u00e4stina eine Heimst\u00e4tte zu erm\u00f6glichen, nie zur Debatte stand und nur eine Frage der Zeit war. Doch die Dynamik der vormals ungewissen Zukunft des Osmanischen Reiches, der Verlauf des Ersten Weltkrieges und die nah\u00f6stliche Neuordnung im Allgemeinen waren zu komplex und zu un\u00fcbersichtlich, sodass es den europ\u00e4ischen M\u00e4chten an einer klaren Vision mangelte, die Zukunft der islamischen Welt zu definieren und ihr eine greifbare Substanz zu verleihen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fest stand jedoch, dass die Briten \u2013 noch bevor das Ende des <em>kranken Mannes am Bosporus<\/em> unausweichlich schien \u2013 konkrete Interessen auf Osmanischen Boden verfolgten. Diese fasste die Historikerin Gudrun Kr\u00e4mer wie folgt zusammen: <em>Im 19. Jahrhundert war das britische Interesse an Pal\u00e4stina vorwiegend strategischer Natur. Der britische Freihandelsimperialismus der Periode 1838\u20131878 ruhte auf zwei S\u00e4ulen: maritimer Kontrolle und industrieller \u00dcberlegenheit<\/em>. Weiter hei\u00dft es: <em>Zentrales Anliegen britischer imperialer Politik war die Sicherung der See- und Landwege nach Indien, die zu einem gro\u00dfen Teil \u00fcber osmanisches bzw. von den Osmanen kontrolliertes Territorium f\u00fchrten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Daraus ergab sich auch die <em>Osmanische Frage<\/em> der Briten, die Kr\u00e4mer folgenderma\u00dfen umrei\u00dft: <em>Wie konnte das Osmanische Reich mit seinen weitgespannten Territorien in das europ\u00e4ische Konzert der M\u00e4chte eingegliedert werden, ohne die Machtbalance innerhalb Europas zu st\u00f6ren und unkontrollierbare regionale Konflikte auszul\u00f6sen?<\/em> Die britische Strategie bedeutete zun\u00e4chst die Aufrechterhaltung des Osmanisches Reiches als ordnungspolitischer Faktor im Nahen und Mittleren Osten bei gleichzeitiger Einflussnahme im Sinne britischer Interessen. Dies erkl\u00e4rt auch die milit\u00e4rische Intervention des <em>British Empire<\/em> im Jahre 1789, um den Feldz\u00fcgen Napoleons \u2013 die als <em>\u00c4gyptische Expeditionen<\/em> in die Geschichte eingingen \u2013 nach \u00c4gypten und Syrien ein Ende zu bereiten. 1831 bis 1833 waren es vor diesem strategischen Hintergrund wieder die Briten gewesen, die mit ihrer milit\u00e4rischen Intervention in \u00c4gypten gegen den Wali Muhammad Ali dem Osmanischen Reich zur Hilfe eilten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Autonomiebestrebungen Muhammad Alis \u2013 und vieler weiterer osmanischer Gouverneure, Feldherren und Fr\u00fchnationalisten \u2013 zwang die <em>Hohe Pforte<\/em> zu Reformen (Tanzimat). W\u00e4hrend die osmanischen Reformen die Zentralisierung im Reich erm\u00f6glichen sollten, f\u00fchrten sie andererseits zu einer Erstarkung der Einflussm\u00f6glichkeiten europ\u00e4ischer M\u00e4chte. Dennoch war bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges die Aufrechterhaltung des Osmanisches Reiches im Interesse Gro\u00dfbritanniens \u2013 jedoch nur als formelle und gleichzeitig schwache Ordnungsmacht, in deren Gebiet die Briten ihren eigenen Einfluss sukzessive ausbauen konnten. Dies zeigte sich auch bei der franz\u00f6sisch-britischen Intervention in dem von den christlichen Maroniten angezettelten B\u00fcrgerkrieg im Libanon, die sich gegen das Osmanische Reich auflehnten. <em>Im Libanon griffen Frankreich und Gro\u00dfbritannien 1860 im Gefolge blutiger konfessioneller Unruhen in einer Art \u201ahumanit\u00e4rer Intervention\u2018 zugunsten lokaler christlicher Gemeinschaften ein und erzwangen damit eine Neuordnung der \u00f6rtlichen Machtverh\u00e4ltnisse unter eigener Aufsicht, ohne allerdings die Souver\u00e4nit\u00e4t des Sultans \u00fcber diese Provinz formal anzutasten.<\/em>, so Kr\u00e4mer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war schlie\u00dflich der Erste Weltkrieg, der einen strategischen Wendepunkt britischer Kolonialisierung im Osmanischen Reich und in Pal\u00e4stina markierte, in dessen Verlauf die Briten zur neuen Hegemonialmacht im Nahen Osten avancierten. Er markierte deshalb einen Wendepunkt, da sich mit dem Ende des Krieges auch das Ende des Osmanischen Reiches abzeichnete. Der Untergang der vormals dominanten Ordnungsmacht war nun kein Wunschdenken mehr, sondern wurde faktisch real. Wenngleich die europ\u00e4ischen Siegerm\u00e4chte mit der Neuordnung der islamischen Welt sichtlich \u00fcberfordert waren, die nun eine Unmenge neuer Eventualit\u00e4ten und Optionen darbot, ist der j\u00fcdische Historiker Ilan Pappe davon \u00fcberzeugt, dass die britische Kolonialisierung Pal\u00e4stinas religi\u00f6s motiviert war und sich als antiislamisches Heilsversprechen erwies: <em>Aber die kritischere Sicht von heute sieht das zionistische Bestreben, sich in Pal\u00e4stina statt an anderen m\u00f6glichen Orten niederzulassen, eng verwoben mit dem christlichen Chiliasmus und europ\u00e4ischen Kolonialismus des 19. Jahrhunderts. Die verschiedenen protestantischen Missionarswerke und die Regierungen des Europ\u00e4ischen Konzerts wetteiferten untereinander um die Zukunft eines \u201achristlichen\u2018 Pal\u00e4stina, das sie dem Osmanischen Reich abluchsen wollten. [\u2026] Dieser religi\u00f6se Eifer trieb fromme Politiker wie Lloyd George, den britischen Premierminister im Ersten Weltkrieg, sich mit noch gr\u00f6\u00dferem Engagement f\u00fcr den Erfolg des zionistischen Projekts einzusetzen. Das hinderte ihn allerdings nicht daran, seiner Regierung gleichzeitig eine F\u00fclle von \u201astrategischen\u2018, statt messianischen Erw\u00e4gungen darzulegen, weshalb man Pal\u00e4stina von der zionistischen Bewegung kolonisieren lassen solle, Erw\u00e4gungen, die zumeist durchdrungen waren von seinem \u00fcberw\u00e4ltigenden Misstrauen gegen und seiner Verachtung f\u00fcr \u201aAraber\u2018 und \u201aMohammedaner\u2018, wie er die Pal\u00e4stinenser nannte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">George selbst schien bereits in fr\u00fchen Jahren keinen Hehl aus seiner Sympathie zur Errichtung eines Zionistenstaates zu machen und verk\u00fcndete entschlossen: <em>Die zionistischen F\u00fchrer gaben uns das feste Versprechen, ihr Bestes zu tun, um sich der Sache der Alliierten anzuschlie\u00dfen, wenn die Alliierten sich hierf\u00fcr [\u2026] eine nationale Heimst\u00e4tte f\u00fcr die Juden in Pal\u00e4stina einsetzen w\u00fcrden<\/em>. Doch wurden nicht nur den Zionisten Zusagen und Versprechungen gemacht; auch den Muslimen \u2013 oder genauer, den Arabern \u2013 wurde eine glorreiche Zukunft in Aussicht gestellt, sollten sie sich im Kampf gegen die Osmanen auf die Seite der Briten stellen. Prominent war in den Jahren 1915 und 1916 die sogenannte Hussein-McMahon-Korrespondenz zwischen den Scherifen des Hedschas Hussein ibn Ali und dem Hochkommissar f\u00fcr \u00c4gypten Sir Henry McMahon, in denen einige arabische St\u00e4mme zum Aufstand gegen das Osmanische Reich aufgestachelt wurden. Anders als bei den Zionisten, die sich \u00fcber Jahrzehnte hinweg mit allgemein gefassten und wenig konkreten Zusagen seitens der Briten begn\u00fcgen mussten, erhielten die arabischen Aufst\u00e4ndischen handfeste Versprechungen von McMahon, wie die Neuerrichtung eines <em>arabischen Kalifats<\/em> \u2013 einem Verbund verschiedener neu entstehender arabischer Staaten, an deren Spitze sich die Haschemiten-Dynastie unter Hussein ibn Ali und seinem Sohn Faisal wiederfinden sollte. McMahon formulierte das Vorhaben entlang der klassischen Divide-et-impera-Strategie als eine <em>Vertreibung der T\u00fcrken aus arabischen L\u00e4ndern und die Befreiung der arabischen V\u00f6lker vom t\u00fcrkischen Joch, das so lange auf ihnen lastete<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass die arabischen Aufst\u00e4ndischen als Schachfiguren ben\u00f6tigt wurden, war der Tatsache geschuldet, dass die britische Kolonialmacht zu Beginn des Ersten Weltkrieges den deutsch-osmanischen Schulterschluss untersch\u00e4tzt hatten. Die Briten f\u00fcrchteten indes um ihre strategische Stellung im Suezkanal, der, wie zuvor erw\u00e4hnt, f\u00fcr die Verbindung zwischen dem <em>Empire<\/em> und Indien von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung war. Daher bedurfte es kurzzeitig der arabischen Aufst\u00e4ndischen, um die Osmanen von innen heraus zu schw\u00e4chen. Das britische Angebot, die arabischen V\u00f6lker unter der Herrschaft der Haschemiten-Dynastie zu stellen, schien f\u00fcr Hussein und sein Sohn Faisal Ansporn genug zu sein, sich der britischen Kolonialmacht dienstbar zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch es sollte anders kommen. Kaum versprachen die Briten der <em>Arabischen Bewegung<\/em> das Blaue vom Himmel, einigten sich bereits Engl\u00e4nder und Franzosen auf einen anderen Plan. Von autonomen arabischen Staaten, geschweige denn von einem arabischen Kalifat war keine Rede mehr. Der zionistische Historiker Michael Wolfssohn res\u00fcmiert die leeren Versprechungen der Briten an die Araber wie folgt: <em>Die britische Regierung dachte nicht im Traum daran, das gegebene Versprechen auch zu halten<\/em>. Und weiter: <em>Wie betr\u00fcgerisch und schamlos das den Arabern gegebene Versprechen der britischen Regierung war, k\u00f6nnen wir leicht beweisen. Fast gleichzeitig (1915\/16) planten die Briten gemeinsam mit Russland, Frankreich, Italien und Griechenland eine ganz andere Aufteilung der erhofften osmanischen Beute<\/em>. Diese geteilte Beute m\u00fcndete schlie\u00dflich im geheimen Sykes-Picot-Abkommen; von einer Herrschaft der Araber unter F\u00fchrung der Haschemiten wollten England und Frankreich pl\u00f6tzlich nichts mehr wissen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch selbst mit der klaren Absage an die Haschemiten-Familie, die sich im \u00dcbrigen trotzdem nicht zu schade waren, erneut Verrat an der <em>Umma<\/em> zu begehen, nachdem sie sich von den Briten mit L\u00e4nderresten abspeisen lie\u00dfen, fehlte es den europ\u00e4ischen Siegerm\u00e4chten immer noch an einer Vision f\u00fcr den Nahen Osten: <em>Briten und Franzosen hatten keine ausgefeilten Pl\u00e4ne f\u00fcr ihr weiteres Vorgehen in der Schublade, keine konkreten Vorstellungen \u00fcber die Umsetzung der widerspr\u00fcchlichen Vereinbarungen<\/em>, gibt Kr\u00e4mer die damalige Situation wieder. <em>Auf arabischer Seite waren kaum Akteure mit fest umrissenen Konzeptionen zu finden. Einzig auf Seiten der zionistischen Bewegung gab es klarere Vorstellungen vom gro\u00dfen Ziel, doch waren auch diese nicht ohne weiteres, und vor allem nicht ohne Reibungen, durchzusetzen<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im November 1917 \u2013 exakt zwanzig Jahre, nachdem in M\u00fcnchen der erste Zionistenkongress unter Herzl tagte und Pal\u00e4stina offiziell als k\u00fcnftige Heimst\u00e4tte der Juden ins Visier genommen wurde \u2013 verlautbarte Arthur James Balfour in der Funktion des Au\u00dfenministers unter Lloyd George die nach ihm benannte <em>Belfour-Deklaration<\/em>. Adressiert an den Zionisten Walther Rothschild war die Kernaussage der kurzen, jedoch verh\u00e4ngnisreichen Deklaration: <em>Die Regierung Seiner Majest\u00e4t betrachtet mit Wohlwollen die Errichtung einer nationalen Heimst\u00e4tte f\u00fcr das j\u00fcdische Volk in Pal\u00e4stina und wird ihr Bestes tun, die Erreichung dieses Ziels zu erleichtern, wobei, wohlverstanden, nichts getan werden soll, was die b\u00fcrgerlichen und religi\u00f6sen Rechte der bestehenden nichtj\u00fcdischen Gemeinschaften in Pal\u00e4stina, oder die Rechte und den politischen Status, derer sich die Juden in irgendeinem anderen Land erfreuen, in Frage stellen k\u00f6nnte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der j\u00fcdische Historiker Avi Shlaim bewertete das Schreiben Belfours als <em>ein klassisches koloniales Dokument<\/em>, das <em>einer kleinen Minderheit das Recht auf nationale Selbstbestimmung [gew\u00e4hrte], w\u00e4hrend sie es der Mehrheit verweigerte<\/em>. Die Analyse des deutschen Historikers Wolfgang Reinhard fiel indes ausf\u00fchrlicher aus: <em>Der Schlusssatz war ein Zugest\u00e4ndnis an die assimilationsfreundlichen j\u00fcdischen Antizionisten. Vom politischen Status der pal\u00e4stinensischen Araber war hingegen nicht die Rede. \u00dcber sie wurde von den Briten unbedenklich verf\u00fcgt, denn Selbstbestimmung war ihnen damals nicht versprochen worden und wurde ihnen 1918 nur aus Versehen verk\u00fcndet. Die Erkl\u00e4rung war weniger Produkt britischen Philosemitismus\u2019 als die geschickte Manipulation antisemitischer \u00c4ngste und Vorstellungen von der Macht der Juden durch den Zionisten Chaim Weizmann. Ihre Urheber im Hintergrund waren Sykes und Lloyd George; sie war au\u00dferdem mit dem amerikanischen Pr\u00e4sidenten Wilson abgesprochen. Ihr Zweck sollte erstens die Gewinnung der Zionisten sein; deutsche prozionistische Aktivit\u00e4ten sollten ausgestochen, einflussreiche j\u00fcdische Kreise der USA zum Pl\u00e4doyer f\u00fcr deren Kriegseintritt motiviert und die russischen Juden veranlasst werden, gegen ein Ausscheiden ihres Landes aus dem Krieg zu wirken. Zweitens sollte Gro\u00dfbritannien als Garant dieser Heimst\u00e4tte Gelegenheit bekommen, sich in Pal\u00e4stina festzusetzen und so eine Landbr\u00fccke von \u00c4gypten zum Irak zu schlagen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenngleich der Erfolg der Zionisten in greifbarer N\u00e4he war, sollten noch einunddrei\u00dfig Jahre vergehen, bis der Judenstaat im Mai 1948 gegr\u00fcndet wurde. F\u00fcr die Zionisten erwiesen sich diese drei Jahrzehnte als Damoklesschwert, da stets bef\u00fcrchtet und infrage gestellt wurde, ob und wie die Briten dieses Versprechen einl\u00f6sen w\u00fcrden. Schlie\u00dflich waren sich Zionisten, Araber und die Westm\u00e4chte dar\u00fcber im Klaren, dass die <em>Belfour-Deklaration<\/em> zwar ein Zugest\u00e4ndnis gegen\u00fcber den Zionisten war, doch eindeutig in ihrer Umsetzung war sie mitnichten. Die Erkl\u00e4rung war zu schwammig, zu allgemeingefasst und vor allem nicht rechtlich bindend, als dass die zionistischen Vertreter getrost ihre H\u00e4nde in den Scho\u00df legen konnten; zumal \u00fcberhaupt nicht klar war, welche Rolle die ans\u00e4ssigen Muslime (und Christen) in solch einer <em>j\u00fcdischen Heimst\u00e4tte<\/em> einnehmen sollten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Verst\u00e4rkt wurde die Sorge der Zionisten durch Winston Churchills Zur\u00fcckrudern, der 1922 in einem Wei\u00dfbuch zu verstehen gab, dass Gro\u00dfbritannien nicht beabsichtige Pal\u00e4stina <em>so j\u00fcdisch werden zu lassen, wie England englisch<\/em> sei. Weiter sagte Churchill: <em>Wenn man fragt, was mit der Entwicklung der J\u00fcdischen Nationalen Heimst\u00e4tte in Pal\u00e4stina gemeint sei, so ist zu antworten, dass es nicht bedeutet, den Einwohnern ganz Pal\u00e4stinas j\u00fcdische Nationalit\u00e4t aufzuzwingen, sondern die bestehende j\u00fcdische Gemeinschaft mit der Hilfe von Juden in anderen Teilen der Welt weiterzuentwickeln, damit sie ein Zentrum werden m\u00f6ge, f\u00fcr das das j\u00fcdische Volk als Ganzes, aus religi\u00f6sen und rassischen Gr\u00fcnden, Interesse und Stolz f\u00fchlen darf<\/em>. Daher, so Michael Brenner, <em>sollten die Zionisten um die Einl\u00f6sung dieses Versprechens k\u00e4mpfen \u2013 und dabei feststellen m\u00fcssen, dass Lord Balfours Formulierung \u00e4u\u00dferst dehnbar war.<\/em> Letztlich zeigte sich auch <em>die Machtlosigkeit j\u00fcdischer Interessen gegen\u00fcber der britischen Regierung und markierte das Ende der Hoffnungen von Millionen durch den Nationalsozialismus bedrohter europ\u00e4ischer Juden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">All dies verdeutlicht, dass das Schicksal des Judenstaates nicht von den Anstrengungen der Zionisten bestimmt wurde, sondern von dem Willen der westlichen Kolonialm\u00e4chte abh\u00e4ngig war. W\u00e4hrend Gro\u00dfbritannien eine zunehmend ambivalente Haltung zu dem zionistischen Projekt entwickelte, sollte es die neue Hegemonialmacht USA sein, die das kolonialistische Konstrukt \u201eIsrael\u201c letztendlich durchsetzte. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Obschon es sich lohnt, sich mit dem Zionismus zu befassen und die <a href=\"https:\/\/kalifat1.com\/?p=15925\">Urv\u00e4ter des Zionismus als assimilierte Europ\u00e4er<\/a> zu erkennen, ist \u201eIsrael\u201c vordergr\u00fcndig nicht das Kind des Zionismus, sondern des britischen Kolonialismus. Dass die Briten das Feld f\u00fcr die Zionisten r\u00e4umten, war weder eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit noch eine Entscheidung, die z\u00fcgig gef\u00e4llt wurde.<\/p>\n","protected":false},"author":70,"featured_media":16074,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[29],"tags":[1367,1501,1987],"class_list":["post-16075","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichte","tag-israel","tag-koloniale-ordnung","tag-palaestina"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16075","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/70"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=16075"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16075\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/16074"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=16075"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=16075"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=16075"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}