{"id":16148,"date":"2024-08-20T00:05:00","date_gmt":"2024-08-19T22:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=16148"},"modified":"2024-08-20T00:05:00","modified_gmt":"2024-08-19T22:05:00","slug":"konflikte-und-buergerkriege-in-afrika-als-resultat-europaeischer-kolonialpolitik-teil-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=16148","title":{"rendered":"Konflikte und B\u00fcrgerkriege in Afrika als Resultat europ\u00e4ischer Kolonialpolitik \u2013 Teil 3"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u201eDivide et impera\u201c &#8211; das teuflische Prinzip<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was das \u201eDivide et impera\u201c in der Praxis bedeutet, zeigt sich am Beispiel Ruandas, wo die deutsche Kolonialpolitik \u2013 und sp\u00e4ter die belgische \u2013 einen der schlimmsten Genozide auf dem afrikanischen Kontinent verursachte. In der Kongokonferenz, die vom 15. November 1884 bis zum 26. Februar 1885 stattfand, erhielt Deutschland das Gebiet, das heute Ruanda und Burundi umfasst. Es wurde Teil der Kolonie Deutsch-Ostafrika. Schon vor der Kolonialzeit gab es dort Hutu und Tutsi, aber sie bezeichneten keine ethnischen Gruppen. Vielmehr gab es das Volk der Banyarwanda, zu dem sowohl die Hutu als auch die Tutsi z\u00e4hlten. Hutu und Tutsi bezeichneten vor der Kolonialisierung keine ethnische Zugeh\u00f6rigkeit, sondern den sozialen Status innerhalb der Gesellschaft sowie den politischen Einfluss. Die Banyarwanda waren hierarchisch strukturiert. In dieser Hierarchie bildeten die Tutsi als Viehz\u00fcchter die Elite, w\u00e4hrend die Hutu nur Ackerbauern waren. Ein Hutu konnte zum Tutsi aufsteigen, wenn er Rinderbesitzer wurde, w\u00e4hrend ein Tutsi zum Hutu absteigen konnte, sobald er verarmte und keine Rinder mehr besa\u00df. Beide geh\u00f6rten demselben Volk an. Die Einteilung in Hutu und Tutsi hatte also nichts mit ethnischen Unterschieden zu tun. Woran h\u00e4tte man diese auch festmachen sollen, da es keine kulturellen oder sprachlichen Unterschiede gab?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor dem Kolonialismus waren die Gesellschaften in Afrika gar nicht ethnisch organisiert. Es handelt sich um einen riesigen Kontinent, in dem es auch K\u00f6nigreiche gab. Doch dann kam der Kolonialist mit seinem Teile-und-herrsche-Prinzip und seiner Rassentheorie, mit der er rassische Unterschiede auf Hutu und Tutsi projizierte. Aufgrund der Tatsache, dass die Gruppe der Tutsi die Herrscherklasse darstellte, malte sich der europ\u00e4ische Kolonialist aus, dass die Tutsi \u201eEurop\u00e4er unter einer schwarzen Haut\u201c seien. Er bezeichnete sie auch als \u201eschwarze Wei\u00dfe\u201c und sah in ihnen in seinem beschr\u00e4nkten Rassendenken eine \u00fcberlegene \u201eRasse\u201c gegen\u00fcber den Hutu. Die Hutu wurden hingegen als \u201eechte Schwarze\u201c gesehen. Die Kolonialm\u00e4chte wandten auf die Hutu und Tutsi ihre menschenverachtende Rassentheorie an und schrieben den einen andere Eigenschaften und F\u00e4higkeiten zu als den anderen. Tutsi und Hutu waren aber keine unterschiedlichen Ethnien, sondern reiche Viehz\u00fcchter auf der einen Seite und arme Ackerbauern auf der anderen Seite, wobei die Viehz\u00fcchter, d.&nbsp;h. die Tutsi, im K\u00f6nigreich Ruanda herrschten. Eine solche Unterscheidung findet man auch anderswo in Afrika. In Kenia beispielsweise waren die Njemps die Viehz\u00fcchter und die Tugen die Ackerbauern, die der Kolonialist einfach zu zwei unterschiedlichen Ethnien erkl\u00e4rte. Bis heute herrscht im Westen die Vorstellung vor, Afrikaner w\u00fcrden in primitiven ethnischen Gruppen und St\u00e4mmen zusammenleben. In Wahrheit haben ihnen erst die Kolonialm\u00e4chte eine ethnische Identit\u00e4t aufgezwungen, weil diese dadurch ihre Kolonien leichter verwalten und kontrollieren konnten. Sie lie\u00dfen sogar ethnische Karten von Afrika erstellen und bildeten darin ihre bis heute existierende Vorstellung von ethnischer Zugeh\u00f6rigkeit von Afrikanern ab. Die Tutsi waren im Grunde die Aristokraten der Banyarwanda. Sie wurden von der deutschen Kolonialmacht gest\u00fctzt und gegen die Hutu angestachelt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Ruanda zur belgischen Kolonie, was die von den Deutschen vorgenommene ethnische Trennung zwischen Hutu und Tutsi verst\u00e4rkte. Denn die belgische Kolonialverwaltung stellte Ausweise aus, in denen vermerkt wurde, ob jemand Hutu oder Tutsi war. Ab da hing die Zugeh\u00f6rigkeit nicht mehr davon ab, ob jemand Viehbesitzer oder Ackerbauer war, sondern was in den Dokumenten stand. Niemand konnte mehr vom Hutu zum Tutsi werden und umgekehrt, weil die belgische Kolonialmacht offiziell ethnische Gruppen daraus machte. Es fand also die Zuweisung von Ethnien statt, die es in der Realit\u00e4t gar nicht gab. Die Kolonialm\u00e4chte machten sich vorhandene Unterscheidungen von Gruppen zunutze und bildeten daraus Ethnien, auf die sie die Gruppen festlegten. Das hei\u00dft, die ethnischen Gruppen sind ein Konstrukt der Kolonialm\u00e4chte, um eine Kluft zwischen den Menschen zu schaffen und sie zu entzweien, um sie auf diese Weise f\u00fcr ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Diese konstruierten Ethnien hatten negative Folgen f\u00fcr einen Teil der Menschen und schafften eine Ungleichheit und Ungerechtigkeit. So konnte ein Hutu, der durch Viehbesitz zu Wohlstand kam, dennoch nicht aufsteigen und blieb ein unterprivilegierter Hutu, was den Unmut gegen die Tutsi weckte \u2013 \u201eDivide et impera\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit war der Grundstein f\u00fcr Konflikte und den sp\u00e4teren V\u00f6lkermord der Hutu an den Tutsi im Jahr 1994 gelegt, bei dem die Hutu innerhalb von drei Monaten im Blutrausch zwischen 800.000 und 1.000.000 Menschen bestialisch t\u00f6teten, w\u00e4hrend die Schuldigen im Westen tatenlos zusahen und den Genozid allenfalls dokumentierten. Die Kolonialm\u00e4chte \u00fcbernahmen keinerlei Verantwortung daf\u00fcr, dass sie den Konflikt herbeigef\u00fchrt hatten, als sie Hutu und Tutsi zu verschiedenen Ethnien erkl\u00e4rt, un\u00fcberwindliche rassische Zuordnungen vorgenommen und Ungerechtigkeit geschaffen hatten. Zudem \u00fcbten sie nicht nur eine passive Rolle bei den Konflikten aus, sondern unterst\u00fctzen, wie im Falle Frankreichs, \u00fcber inoffizielle Kan\u00e4le Hutu-Milizen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Teile-und-herrsche-Prinzip erwies sich f\u00fcr den Kolonialismus als sehr effizient, es wurde und wird von den Kolonialm\u00e4chten \u00fcberall in Afrika angewendet, was auf unterschiedliche Weise geschehen konnte, wie das Beispiel des Sudan zeigt. Gro\u00dfbritannien wollte in seiner Kolonie ein Ungleichgewicht zwischen dem Nord- und dem S\u00fcdsudan herstellen, um beide voneinander zu trennen und jede Ann\u00e4herung und Einheit zu verhindern. Der Norden wurde vom S\u00fcden getrennt, indem die britische Kolonialmacht die wirtschaftliche Entwicklung und die Infrastruktur des Nordens f\u00f6rderte und den S\u00fcden vernachl\u00e4ssigte und verarmen lie\u00df. Um einen Zusammenschluss zu verhindern, wurde au\u00dferdem darauf geachtet, dass der S\u00fcden aus Christen bestand und der Norden aus Muslimen, damit es nicht zu einem B\u00fcndnis gegen die britische Kolonialmacht kommt. So durfte es im Norden keine christlichen Missionen geben, w\u00e4hrend im S\u00fcden Missionare f\u00fcr das Schulsystem verantwortlich waren und der Islam keinen Zugang haben sollte. Die Kolonialmacht Gro\u00dfbritannien schuf so tiefe Gr\u00e4ben zwischen dem Nord- und dem S\u00fcdsudan, dass an einen gemeinsamen Widerstand gar nicht zu denken war. Als der Sudan 1956 formell unabh\u00e4ngig wurde, standen sich infolge der britischen Kolonialpolitik zwei Landesteile gegen\u00fcber, die sich wirtschaftlich und religi\u00f6s v\u00f6llig unterschiedlich entwickelt hatten. So hat die Kolonialpolitik dazu gef\u00fchrt, dass der Sudan ein dauerhaftes Konflikt- und B\u00fcrgerkriegsgebiet wurde. Und noch immer besteht dort der Kolonialismus weiter fort, wo mehrere Kolonialm\u00e4chte rivalisieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Konflikte und B\u00fcrgerkriege in Afrika sind folglich ein Resultat westlicher Kolonialpolitik und haben nichts mit der Mentalit\u00e4t der Menschen oder mit irgendeiner R\u00fcckschrittlichkeit dort zu tun. Immer dann, wenn es in einem afrikanischen Land aufflammt, es zu B\u00fcrgerkriegen kommt, Regierungen gest\u00fcrzt werden und ein Despot an die Stelle eines anderen tritt, kann man davon ausgehen, dass auf dem kolonialen Schachbrett Figuren verschoben wurden. Jeder Zug einer Kolonialmacht kann Blutvergie\u00dfen bedeuten, denn der Zug der Konkurrenz l\u00e4sst niemals lange auf sich warten. Der Wettlauf um Afrika, d.&nbsp;h. um politischen Einfluss, um Bodensch\u00e4tze und Absatzm\u00e4rkte in Afrika, ist noch in vollem Gange.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Krisen, Konflikte und Kriege in Afrika sind ohne den kolonialen Hintergrund, das Wissen um die ressourcenreichen Gebiete und die Kenntnis der Interessen der Kolonialm\u00e4chte und ihrer Einmischungen gar nicht zu verstehen. Die europ\u00e4ischen Kolonialm\u00e4chte wetteiferten im 19. Jahrhundert um Afrika und wendeten allesamt eine menschenverachtende Kolonialpolitik an, um ihre Kolonien zu kontrollieren und um sie maximal auszubeuten. Ein wesentliches Instrument hierzu war die Konstruktion ethnischer Gruppen und ihre Spaltung. Die Spaltung erfolgte mithilfe des Prinzips des \u201eDivide et impera\u201c (Teile und herrsche), um ein B\u00fcndnis der Kolonialisierten gegen die Kolonialmacht zu verhindern. Nach dem Teile-und-herrsche-Grundsatz wurden Unterschiede zwischen den Gruppen hervorgebracht, um sie zu Feinden zu machen und in gegenseitige Konflikte zu verwickeln.<\/p>\n","protected":false},"author":92,"featured_media":16147,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[29],"tags":[107,1017,1503,1508,2258],"class_list":["post-16148","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichte","tag-afrika","tag-genozid","tag-kolonialismus","tag-kolonialpolitik","tag-ruanda"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16148","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/92"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=16148"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16148\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/16147"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=16148"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=16148"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=16148"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}