{"id":16556,"date":"2025-02-23T00:05:00","date_gmt":"2025-02-22T23:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=16556"},"modified":"2025-02-23T00:05:00","modified_gmt":"2025-02-22T23:05:00","slug":"saekularer-staat-als-politisches-patentrezept","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=16556","title":{"rendered":"S\u00e4kularer Staat als politisches Patentrezept?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Sturz des Assad-Regimes durch die Rebellen hat einen intensiven Diskurs \u00fcber die politische Zukunft Syriens entfacht. Neben der grunds\u00e4tzlichen Frage, wie die neuen <em>islamistischen<\/em> Machthaber das Land regieren werden, r\u00fccken Politik und Medien ein Thema besonders in den Fokus: welches Schicksal erwartet die religi\u00f6sen und ethnischen Minderheiten in Syrien unter einer m\u00f6glichen <em>islamistischen<\/em> Herrschaft?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit ist das entscheidende Narrativ platziert worden, das den gegenw\u00e4rtigen Diskurs im Westen bestimmt. Entschlie\u00dfen sich die neuen Machthaber, die Scharia einzuf\u00fchren, so l\u00e4uft Syrien Gefahr, vor allem seinen multireligi\u00f6sen Charakter zu verlieren. Es wird also nicht nur ein Bedrohungsszenario konstruiert, in dem der Sturz des Assad-Regimes durch <em>islamistische<\/em> Rebellen lediglich als \u00dcbergang in die n\u00e4chste Diktatur beschrieben wird. Vielmehr stellt man den Islam und seine umfassende Implementierung in Staat und Gesellschaft als existenzbedrohend f\u00fcr die dort lebenden Menschen und als Gefahr f\u00fcr die <em>regionale Stabilit\u00e4t<\/em> des Nahen Ostens dar. Gerade der Schutz der Minderheiten l\u00e4sst sich aus Sicht der <em>internationalen Gemeinschaft<\/em> nur dann gew\u00e4hrleisten, wenn die s\u00e4kulare Verfassung bestehen bleibt und unter Einbeziehung aller gesellschaftlicher, religi\u00f6ser und ethnischer Gruppen ein politischer Prozess stattfindet, an dessen Ende ein <em>demokratisches Syrien<\/em> entstehen soll.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch der Vorwurf, Minderheiten seien durch die vollumf\u00e4ngliche Anwendung des Islam in ihrer Existenz bedroht, entbehrt jeglicher Grundlage und dies unter verschiedenen Gesichtspunkten. Zun\u00e4chst ist festzuhalten, dass die zahlreichen religi\u00f6sen und ethnischen Gruppen bereits seit Jahrhunderten in Syrien leben bzw. in Teilen sogar noch bevor die Region <em>Bil\u0101d al-Sh\u0101m<\/em> durch den Islam er\u00f6ffnet und an das Kalifat angegliedert wurde. Diese Minderheiten haben bis Anfang des 20. Jahrhunderts \u2013 also \u00fcber 1.300 Jahre lang \u2013 in einem Staat gelebt, in dem das gesellschaftliche Zusammensein durch die Scharia (!) geregelt wurde. W\u00fcrde die obige Behauptung zutreffen, so m\u00fcsste nicht zuletzt das <em>orientalische<\/em> Christentum im heutigen Syrien entweder durch Zwangskonversionen oder durch Flucht und Vertreibung l\u00e4ngst der Vergangenheit angeh\u00f6ren. Erst durch die <em>Kolonialisierung<\/em> des Nahen Ostens und der anschlie\u00dfenden Schaffung s\u00e4kularer Nationalstaaten standen sich die verschiedenen Ethnien und Konfessionen von nun an feindlich gegen\u00fcber. Einerseits war die Kolonialpolitik Gro\u00dfbritanniens dadurch gepr\u00e4gt, Araber, Kurden und T\u00fcrken gegeneinander auszuspielen und sie fortan auf staatlicher Ebene zu Kontrahenten zu machen, die jeweils ihre eigenen <em>nationalen<\/em> Interessen verfolgen. Eine zersetzende Politik, die aktuell in Syrien wieder deutlich zu beobachten ist. Andererseits sind die Kolonialm\u00e4chte gezielt dazu \u00fcbergangen, religi\u00f6se Minderheiten wie die Maroniten im Libanon oder die <em>Nusair\u012bya<\/em> in Syrien als neue Herrschereliten zu etablieren. Gleichzeitig ist durch die s\u00e4kularen Staatsgebilde eine zentrale Bruchlinie entstanden, welche die s\u00e4kularen Schichten von den religi\u00f6sen abgrenzten und auf diese Weise vor allem die muslimische Mehrheitsbev\u00f6lkerung marginalisierte. Mit dem S\u00e4kularismus brachten die europ\u00e4ischen Kolonialm\u00e4chte also nicht nur eine fremde Weltanschauung, sondern transportierten auch den europ\u00e4ischen Konflikt zwischen Staat und Religion in die islamische Welt, den es dort bis dato nicht gegeben hat. Zudem stellt sich die Frage, warum die Kolonialm\u00e4chte insbesondere in der Levante auf religi\u00f6se oder ethnische Minderheiten setzten und diese zu neuen staatlichen Akteuren machten. Lag es lediglich daran, auch den Minderheiten politische Teilhabe zu erm\u00f6glichen oder ging es vielmehr darum, \u00fcber die Minderheiten den eigenen Einfluss in den neu geschaffenen Nationalstaaten zu festigen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ganz abgesehen von der geschichtlichen Perspektive zeigen aber auch die aus den islamischen Offenbarungstexten abgeleiteten Normen eines: dass Nichtmuslime im Islamischen Staat weder einem Bekenntniszwang unterzogen, noch mit einer Assimilationspolitik konfrontiert werden, die Gesellschaften letztlich polarisieren und destabilisieren. Die islamischen Normen und Prinzipien setzen dagegen einen Rahmen, der es auch religi\u00f6sen und ethnischen <em>Minderheiten<\/em> erm\u00f6glicht im Islamischen Staat leben zu k\u00f6nnen, ohne dass sie sich im Gegenzug mit der Verfassung oder den Werten der Gesellschaft identifizieren m\u00fcssten. Auch betrachtet der Islam sie keinesfalls als <em>Minderheiten<\/em> im nationalstaatlichen Sinne, sondern als B\u00fcrger des Islamischen Staates mit allen damit in Verbindung stehenden Rechten und Pflichten. Die Nichtmuslime sind demzufolge kein St\u00f6rfaktor im sozialen Gef\u00fcge, der einer ethnischen oder kulturellen Homogenisierung im Wege steht, wie dies in einem Nationalstaat der Fall ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ungeachtet der genannten Aspekte besteht der Westen dennoch drauf, dass der s\u00e4kulare Staat die einzige politische Struktur sei, die eine friedliche Koexistenz divergierender Lebensentw\u00fcrfe erm\u00f6glichen k\u00f6nne. Zentrales Argument f\u00fcr diese These ist die sogenannte religi\u00f6s-weltanschauliche Neutralit\u00e4t des Staates selbst. Damit ist gemeint, dass der s\u00e4kulare Staat sich mit keiner religi\u00f6sen oder weltanschaulichen Idee identifiziere und ebenso wenig eine der anderen bevorzuge. Auf diese Weise schreibe der Staat seinen B\u00fcrgern auch keine verbindliche Lebensweise vor. Lediglich unter derartigen Bedingungen sei die freie Religionsaus\u00fcbung m\u00f6glich. Historisch gesehen, stellt diese Vorgehensweise die L\u00f6sung dar, wie in Europa der Konflikt zwischen den unterschiedlichen Konfessionen am Ausgang des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges beendet werden konnte. Die Parteien einigten sich darauf, die Frage nach der religi\u00f6sen Wahrheit hintanzustellen und pragmatische L\u00f6sungen f\u00fcr das Zusammenleben von Katholiken und Protestanten zu finden, was schlie\u00dflich zur westf\u00e4lischen Logik des Nationalstaates f\u00fchrte, die sich im Zuge der S\u00e4kularisierung weiter entfaltete.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ist der s\u00e4kulare Staat aufgrund seiner <em>Neutralit\u00e4t<\/em> also das politische Patentrezept, das einzig dazu imstande w\u00e4re, mit ethnisch-kultureller Vielfalt angemessen umzugehen? Da der s\u00e4kulare Staat lediglich aus der europ\u00e4ischen Geschichte heraus verstanden werden kann, sollte ein genauer Blick auf die ihm zugrunde liegende Idee des S\u00e4kularismus geworfen werden. Denn seine weltanschaulich-philosophische Kernidee zielt nicht darauf ab, einen ordnungspolitischen Rahmen zu schaffen, der den Menschen in ihrem Alltag eine freie Religionsaus\u00fcbung gew\u00e4hrt. Schlie\u00dflich haben die politischen Denker und Philosophen der Aufkl\u00e4rung gerade in der Religion die Ursache f\u00fcr die zahlreichen Konflikte auf dem europ\u00e4ischen Kontinent ausgemacht, weshalb sie auch zu dem Schluss kamen, dass der <em>moderne<\/em> Staat sich nicht mehr l\u00e4nger \u00fcber eine Konfession legimitieren soll. Ebenso zeichnet die bekannte Formel der <em>Trennung von Staat und Religion<\/em> kein pr\u00e4zises Bild \u00fcber die weltanschauliche Grundperspektive des S\u00e4kularismus. Sie bringt letztlich nur seine praktische Umsetzung zum Ausdruck. Denn die s\u00e4kulare Idee trennt die Religion nicht einfach nur vom Staat oder der Politik, sondern vom <em>Leben<\/em> der Menschen \u2013 was eine zwingende Voraussetzung ist, um diese Trennung anschlie\u00dfend auf staatlicher Ebene vollziehen zu k\u00f6nnen. Der S\u00e4kularisierungsthese zufolge soll gerade die Losl\u00f6sung der Menschen von religi\u00f6sen Konzepten zugunsten eines s\u00e4kular-liberalen Weltbildes langfristig dazu f\u00fchren, dass auf politischer Ebene das <em>Spannungsverh\u00e4ltnis<\/em> zwischen Religion und Staat beendet wird und infolgedessen die Menschen friedlich zusammenleben k\u00f6nnen \u2013 trotz ihrer unterschiedlichen religi\u00f6s-weltanschaulichen Bekenntnisse, die in der gesellschaftlichen Realit\u00e4t keine Relevanz mehr besitzen. Genau dieser S\u00e4kularisierungsprozess hat in der europ\u00e4ischen Geschichte stattgefunden, in dem der gesellschaftspolitische Einfluss des Christentums zur\u00fcckgedr\u00e4ngt wurde, um es in eine, wie auch immer geartete, private Sph\u00e4re zu verbannen. Der s\u00e4kulare Nationalstaat ist also eine politische Struktur, der zwangsl\u00e4ufig eine religionsfeindliche Weltanschauung zugrunde liegt und keineswegs ein <em>neutraler<\/em> Akteur, der die Religionsaus\u00fcbung erst erm\u00f6glicht. So f\u00fchrt Maurice Barbier in seinem Buch <em>La la\u00efcit\u00e9<\/em> aus: <em>Laizismus im weiten Sinn bedeutet die Trennung der Religion von den weltlichen Realit\u00e4ten. Er bestimmt, dass diese Realit\u00e4ten nicht der Vereinnahmung durch die Religion oder ihrem Einfluss unterworfen sind [\u2026]. Auch haben sich s\u00e4mtliche humane Realit\u00e4ten, seien sie politischer, gesellschaftlicher, kultureller oder andersartiger Natur, von der Religion getrennt. Verwirklicht wurde dies durch einen Losl\u00f6sungsprozess, der nicht von kurzer Dauer war und den wir als S\u00e4kularisation bezeichnen<\/em>. Charles Taylor wiederum beschreibt die Trennung der Religion vom Leben wie folgt: <em>Anders ausgedr\u00fcckt haben die Prinzipien und Regeln, die wir befolgen, und die Dispute, die wir in den verschiedensten Sph\u00e4ren wirtschaftlicher, politischer, kultureller, bildungsrelevanter oder beruflicher Aktivit\u00e4ten f\u00fchren oder die im Bereich von Unterhaltung stattfinden, keinerlei Bezug zu Gott oder zu irgendwelchen religi\u00f6sen Glaubensvorstellungen generell.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor diesem Hintergrund ist es erforderlich, dass die <em>Umma<\/em> die Gefahr erkennt, die von dieser Erz\u00e4hlung des s\u00e4kularen Staates als Garanten f\u00fcr den Schutz religi\u00f6s-kultureller Vielfalt ausgeht. Damit bezweckt der Westen nicht nur den Islam mit seiner vollumf\u00e4nglichen Umsetzung in Staat und Gesellschaft als <em>menschenverachtende<\/em> <em>Ideologie<\/em> zu delegitimieren. Vor allem steht diese Erz\u00e4hlung f\u00fcr einen weltanschaulichen Standpunkt und damit f\u00fcr ein bestimmtes politisches System, das dem Islam fundamental widerspricht: dem liberal-s\u00e4kularen Nationalstaat. F\u00fcr solch ein System ist die Anwesenheit des <em>Din<\/em> in der Gesetzgebung, in politischen Institutionen sowie generell im \u00f6ffentlichen Raum inakzeptabel. Denn dies kollidiert mit seinem Kerngedanken, wonach dem Menschen die <em>Souver\u00e4nit\u00e4t<\/em> zugesprochen wird und die Gebote Allahs sich dem menschlichen Diktat unterwerfen m\u00fcssten. Daher w\u00fcrde ein s\u00e4kularer Staat in Syrien \u2013 wie dies w\u00e4hrend des Assad-Regimes der Fall war \u2013 im Vorfeld bereits religi\u00f6se Kr\u00e4fte <em>neutralisieren<\/em> und sie damit kontrollierbar machen. Jegliche Sichtbarkeit von religi\u00f6sen Praktiken im gesellschaftlichen Leben m\u00fcsse gem\u00e4\u00df s\u00e4kularen Vorstellungen auf ein ertr\u00e4gliches Minimum reduziert werden, um <em>konfessionelle Konflikte<\/em> gar nicht erst entstehen zu lassen. Die in diesem Kontext wiederholt vorgegebene Toleranz w\u00fcrde nur soweit reichen, solange religi\u00f6se \u00dcberzeugungen und Praktiken den s\u00e4kularen Rahmen nicht sprengen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die <em>Umma<\/em> und insbesondere die neuen Machthaber in Syrien d\u00fcrfen sich daher nicht vom Westen einreden lassen, dass es ausschlie\u00dflich der s\u00e4kulare Staat w\u00e4re, der den Schutz der <em>Minderheiten<\/em> sicherstellen k\u00f6nne. Im Gegenteil! Dieses System hat erst jene Feindschaft zwischen den unterschiedlichen religi\u00f6sen und ethnischen Gruppen im Nahen Osten geschaffen, die eine friedliche Koexistenz heute so schwer erscheinen l\u00e4sst. Eine Feindschaft, die solange bestehen bleiben wird, bis die <em>Umma<\/em> die koloniale Ordnung durch das Kalifat ersetzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die religi\u00f6sen Minderheiten in Syrien k\u00f6nnten nur durch einen s\u00e4kularen Staat gesch\u00fctzt werden \u2013 so der Tenor westlicher Politiker. Doch die Idee des S\u00e4kularismus ist nicht entstanden, um religi\u00f6ses Leben in der Gesellschaft zu erm\u00f6glichen. Ganz im Gegenteil!<\/p>\n","protected":false},"author":109,"featured_media":16555,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[1303,2305,2308,2461,2519],"class_list":["post-16556","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-konzeptionen","tag-islam","tag-saekularer-staat","tag-saekularismus","tag-staat","tag-syrien"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16556","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/109"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=16556"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16556\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/16555"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=16556"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=16556"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=16556"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}