{"id":16952,"date":"2025-06-17T08:27:00","date_gmt":"2025-06-17T06:27:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=16952"},"modified":"2025-06-17T08:27:00","modified_gmt":"2025-06-17T06:27:00","slug":"fuer-deutschland-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=16952","title":{"rendered":"F\u00fcr Deutschland leben!"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der anhaltende Krieg in der Ukranie stellt Deutschland vor gro\u00dfe sicherheitspolitische Herausferoderungen. Nicht nur, weil auf die USA wom\u00f6glich kein Verlass mehr ist. Vor allem m\u00fcssen die deutschen B\u00fcrger wieder bereit sein, \u00fcber Milit\u00e4r und verteidigungspolitische Fragen zu sprechen. Ein Themenfeld also, von dem die <em>postheroische Gesellschaft<\/em> dachte, es seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs \u00fcberwunden zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade nach dem sogenannten <em>Ende der Geschichte<\/em> in den 1990er Jahren waren viele Deutsche davon \u00fcberzeugt, dass der ideologische Wettbewerb beendet sei, milit\u00e4rische Konfrontation der Vergangenheit angeh\u00f6re, internationales Recht regiere und alle L\u00e4nder \u00fcber kurz oder lang demokratischen und marktwirtschaftlichen Prinzipien folgen w\u00fcrden. Doch sp\u00e4testens seit Russland den Krieg gegen die Ukraine gestartetet hat, ist auch die Debatte \u00fcber die Wehrpflicht und die Verteidigungsf\u00e4higkeit der Bundeswehr in den \u00f6ffentlichen Fokus ger\u00fcckt. Nun sollen Milliarden in die R\u00fcstung investiert werden, um Deutschland wieder <em>kriegst\u00fcchtig<\/em> zu machen. Sogar die Schuldenbremse wurde daf\u00fcr gelockert. Doch f\u00fchren Milliardeninvestitionen automatisch dazu, dass auch mehr Menschen bereit sein werden, zu k\u00e4mpfen? H\u00e4ngt die von Boris Pistorius geforderte <em>Kriegst\u00fcchtigkeit<\/em> der Bundeswehr lediglich von der entsprechenden Ausr\u00fcstung ab? Schon jetzt herrscht unter vielen Experten Konsens dar\u00fcber, dass die vielzitierte Strukturreform der Bundeswehr sich keineswegs auf die Modernisierung milit\u00e4rischer Ressourcen beschr\u00e4nken darf; vor allen Dingen fehlen der Bundeswehr n\u00e4mlich Soldaten. Das Ziel, Deutschland krisen- und wehrf\u00e4higer zu machen, kann somit nur gelingen, wenn neben den materiellen Voraussetzungen auch die Gesellschaft gezielt eingebunden wird. Und an genau dieser Stelle wird die eigentliche Herausforderung der politischen F\u00fchrung Deutschlands sichtbar. Inwieweit besitzt vor allem die Generation unter drei\u00dfig, die weder Krieg noch Bundeswehrdienst kennt, die mentale Bereitschaft, um f\u00fcr die Verteidigung der <em>freiheitlichen Lebensweise<\/em> in den Kampf zu ziehen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Antwort auf diese Frage lieferte unter anderem der Journalist Ole Nymon in seinem k\u00fcrzlich erschienen Buch mit dem Titel <em>Warum ich niemals f\u00fcr mein Land k\u00e4mpfen w\u00fcrde<\/em>, welches erwartungsgem\u00e4\u00df f\u00fcr viel Dikussionsstoff sorgte. Darin begr\u00fcndet Nymon seine Weigerung, in einen m\u00f6glichen Krieg eingezogen zu werden damit, dass er als Soldat nicht die eigenen Interessen verteidigen w\u00fcrde, sondern die eines Nationalstaates mit dem er sich in keiner Weise identifiziere. Er w\u00fcrde nicht aus Gewissensgr\u00fcnden den Dienst verweigern und notfalls fliehen, sondern wegen des <em>Gewaltverh\u00e4ltnisses<\/em>, das der Staat zu seinen B\u00fcrgern habe. Die herrschende Klasse zwinge die B\u00fcrger zum Dienst an der Waffe, ob sie dazu bereit w\u00e4ren oder nicht. <em>Der Staat ist mir das nicht wert<\/em>. Wer die Kriegst\u00fcchtigkeit bejahe, lasse zu, dass der Staat ihn im Ernstfall <em>\u00fcber die Klinge springen l\u00e4sst f\u00fcr seine Souver\u00e4nit\u00e4t<\/em>. Ebensowenig ist der Philosoph Richard David Precht davon \u00fcberzeugt, dass eine allzu gro\u00dfe Kriegsbereitschaft unter der jungen Generation in Deutschland herrsche. Aus seiner Sicht sind die heute geborenen Kinder als Teil einer <em>\u00dcberflussgesellschaft und einer Hochsensibilisierungsgesellschaft<\/em> zu verw\u00f6hnt, um wehrt\u00fcchtig zu sein. Kaum jemand w\u00e4re zudem bereit, die eigenen Kinder in einen Krieg zu schicken, auch nicht um die westliche Lebensweise zu verteidigen. Diese Einsch\u00e4tzung spiegelt sich in einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts <em>Forsa<\/em> wider, wonach 60 Prozent der Deutschen <em>auf keinen Fall<\/em> oder <em>wahrscheinlich nicht<\/em> bereit w\u00e4ren, das Land mit der Waffe zu verteidigen. Nur 17 Prozent sagen: <em>auf jeden Fall<\/em>. Die Politikwissenschaftlerin Claudia Major vom German Marshall Fund fordert angesichts dieses bedenklichken Trends eine <em>mentale Zeitenwende<\/em>: <em>Wir nehmen in Deutschland den Staat, die Freiheit, die Demokratie h\u00e4ufig als eine Serviceleistung wahr, die sowieso da ist, als etwas Gegebenes. Das Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass es etwas Sch\u00fctzenswertes ist, dass es ein Privileg ist, in einer freiheitlichen Gesellschaft zu leben und nicht in Unterdr\u00fcckung, nicht in der Diktatur, dieses Gef\u00fchl ist nicht sehr weitverbreitet<\/em>. <em>Dahinter steht letztlich die Frage, was mein Staatsverst\u00e4ndnis ist. [\u2026] Wenn ich den Staat als eine Einheit ansehe, die meine Interessen vertritt, [&#8230;] und der mir den Rahmen f\u00fcr ein gesellschaftliches Leben bietet, dann engagiere ich mich daf\u00fcr und dann habe ich auch eine Bringschuld diesem Staat gegen\u00fcber<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die derzeitige Kontroverse um die kollektive Verteidigungsbereitschaft und die gegens\u00e4tzlichen Positionen legen ein grunds\u00e4tzliches Problem liberal-s\u00e4kularer Gesellschaften offen und machen gleichzeitig ihre Widerspr\u00fcche deutlich. Die vielgepriesene <em>Fortschrittserz\u00e4hlung<\/em> eines autonomen, von religi\u00f6sen und metaphysischen Konzepten befreiten Menschen, entfaltet nun seine zerst\u00f6rerische Wirkung auf die Gesellschaft. Denn der obsessive Drang nach Selbstbestimmung hat in einer Weise zur Fragmentierung des sozialen Gef\u00fcges gef\u00fchrt, die das Individuum aus nahezu allen traditionellen Bindungen und Strukturen herauszul\u00f6sen droht. Gemeinsame Werte und Normen werden in Frage gestellt und verlieren auf diese Weise ihren f\u00fcr den gesellschaftlichen Zusammenhalt notwendigen sinnstiftenden Charakter. Mit der unreflektierten Fixierung auf das Diesseits richtet das selbstbestimmte, atomisierte Individuum sein Denken und Handeln ausschlie\u00dflich an profanen Kriterien aus. Damit jedoch werden politische Konzepte und Metaerz\u00e4hlungen, die \u00fcber das Individuelle hinausgehen, nicht mehr anschlussf\u00e4hig. Zwar erkennt auch jemand wie Ole Nymon an, dass die liberal-s\u00e4kularen Ideen es wert sind, verteidigt zu werden. Bis zum \u00c4u\u00dfersten zu gehen und das eigene Leben daf\u00fcr zu opfern, daran hindern ihn paradoxerweise die liberal-s\u00e4kularen Ideen selbst, frei nach dem Motto: <em>Gesund alt werden und nicht heldenhaft sterben<\/em>! An dieser Stelle bewahrheitet sich einmal mehr das B\u00f6ckenf\u00f6rde-Diktum, wonach der freiheitliche Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch welche Ankn\u00fcpfungspunkte h\u00e4tte eine rein diesseitige und damit profan ausgerichtete Gesellschaft, um seine B\u00fcrger von der Wehrhaftigkeit des eignenen Systems zu \u00fcberzeugen? Wie kann einer Gesellschaft, die skeptisch gegen\u00fcber gro\u00dfen Erz\u00e4hlungen ist, ein Sinnkonzept vermittelt werden, welches die Bereitschaft zur kollektiven Verteidigung st\u00e4rkt? Eine religi\u00f6se R\u00fcckbesinnung jedenfalls kann ausgeschlossen werden. Nicht nur mit Blick auf die europ\u00e4ische Geschichte und die daraus resultierende Negativerfahrung mit der Kirche und dem Christentum, sondern auch wegen der bornierten Haltung, mit der die eigene kulturhistorische Entwicklung verabsolutiert und damit <em>jeglicher<\/em> Religion die F\u00e4higkeit abgesprochen wird, mit einer umfassenden Weltanschauung die Probleme der Menschen l\u00f6sen zu k\u00f6nnen. Eine <em>s\u00e4kulare<\/em> Alternative k\u00f6nnen letztlich nur nationalistische bzw. v\u00f6likische Narrative bieten, weil sie auf eine gemeinsame Geschichte, Kultur und Sprache fokussieren und damit eine motivierende und mobilisierende Kraft in der Gesellschaft entfalten k\u00f6nnen. Sie stiften zun\u00e4chst also eine kollektive Identit\u00e4t. Doch diese Alternative ist ein zweischneidiges Schwert, wie die europ\u00e4ische Geschichte allzu deutlich gezeigt hat. Durch die Betonung ethnisch-kultureller Homogenit\u00e4t f\u00fchren nationalistsiche Politiken unweigerlich zu einer Exklusionspraxis gegen\u00fcber Minderheiten. F\u00fcr eine Gesellschaft, die qua Grundgesetz beansprucht, sowohl in ethnischer als auch religi\u00f6s-kultureller Hinsicht pluralistisch zu sein, w\u00fcrden derartige Narrative Spaltungen hervorrufen und soziale Verwerfungen ausl\u00f6sen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor diesem Hintergrund befindet sich die deutsche Gesellschaft in einem Dilemma und sollte die <em>mentale Zeitenwende<\/em> f\u00fcr eine weltanschauliche Bestandsaufnahme nutzen. Denn die aktuelle Debatte um die Verteidigungsbereitschaft zeigt auf, wie das Menschen- und Gesellschaftsbild der Aufkl\u00e4rung, in dem die Gemeinschaft dem Individuum untergeordnet wird, an einer Situation scheitert, die kollektive Anstrengung und damit einhergehend individuelle Opferbereitschaft erfordert. Die weltanschauliche Konstruktion einer Gesellschaft, in der sich die Legitmit\u00e4t des Staates in dem Schutz des Einzelnen begr\u00fcndet, entpuppt sich als gef\u00e4hrliche Utopie, die gerade in Krisenzeiten den Fortbestand des eigenen Systems aufs Spiel setzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Gesellschaft vom Individuum her denken. Den Menschen darin als frei und selbstbestimmt begreifen. Lange Zeit galt diese Idee im Westen als ein nicht zu hinterfragendes Dogma, gewisserma\u00dfen als anthropologische Konstante. Doch angesichts aktueller Entwicklungen k\u00f6nnte diese vermeintliche Konstante zum Sargnagel f\u00fcr die freiheitliche Lebensweise werden.<\/p>\n","protected":false},"author":109,"featured_media":16947,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[23],"tags":[638,683,934,1259,2461,2627,2761,2934],"class_list":["post-16952","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-westliche-konzeptionen","tag-deutschland","tag-dogma","tag-freiheitliche-lebensweise","tag-individuum","tag-staat","tag-ukraine","tag-verteidigung","tag-zeitenwende"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16952","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/109"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=16952"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16952\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/16947"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=16952"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=16952"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=16952"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}