{"id":17592,"date":"2025-12-26T10:54:10","date_gmt":"2025-12-26T09:54:10","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=17592"},"modified":"2025-12-26T10:54:10","modified_gmt":"2025-12-26T09:54:10","slug":"kritik-ja-abschaffen-nein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=17592","title":{"rendered":"Kritik ja, abschaffen nein!"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die zahlreichen kritischen Stimmen im Westen, die den israelischen Vernichtungskrieg gegen Gaza vehement ablehnen, sto\u00dfen besonders unter Muslimen auf fruchtbaren Boden. Genauso wie ihre Kritik gegen\u00fcber den interventionistischen Politiken westlicher Staaten in der Vergangenheit repr\u00e4sentieren diese Akteure das scheinbar bitter ben\u00f6tigte Sprachrohr der islamsichen Welt. Doch eine unreflektierte \u00dcbernahme bzw. \u00dcberbewertung dieser kritischen Stimmen birgt f\u00fcr die <em>Umma<\/em> auch Gefahren. Sie kann dazu f\u00fchren, dass auch die <a href=\"https:\/\/kalifat1.com\/?p=17458\">hinter der Kritik stehenden Ideen<\/a>&nbsp; und Denkweisen mit\u00fcbernommen werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Exemplarisch hief\u00fcr lassen sich die postkolonialen Theorien heranziehen, die von nicht wenigen Muslimen als wichtig oder befreiend empfunden werden. Grund daf\u00fcr ist zum einen der Eindruck, dass eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte des Kolonialimus durch die Arbeiten der postkolonialen Theorien bereits hinl\u00e4nglich stattgefunden habe und alle wesentlichen Aspekte abgedeckt seien. Und die kritisierten Punkte best\u00e4tigten diesen Eindruck, zumal es auf einer bestimmten Ebene auch Schnittmengen g\u00e4be zu der Sichtweise der Muslime \u00fcber die Kolonialisierung der islamischen Welt. So besagen die postkolonialen Ans\u00e4tze im Kern doch, dass der Kolonialismus nach der formalen politischen Unabh\u00e4ngigkeit keineswegs endete. Vielmehr w\u00fcrden die ehemaligen Kolonien weiterhin \u00f6konomisch, kulturell und politisch abh\u00e4ngig gehalten \u2013 oft durch globale Ungleichheitssysteme, die in Form von Entwicklungspolitik, internationalen Wirtschaftsstrukturen oder globalen Machtverh\u00e4ltnissen koloniale Muster reproduzierten. Gleichzeitig r\u00fccken postkoloniale Theorien die Stimmen und Perspektiven derjenigen in den Vordergrund, die lange marginalisiert wurden, indem sie dominante Narrative hinterfragen. Neben der milit\u00e4rischen und wirtschaftlichen Herrschaft sei vor allem aber auch eine Herrschaft \u00fcber Wissen und Wahrnehmung zu beobachten, die insbesondere Edward Said mit seinen Thesen \u00fcber den <em>Orient<\/em> hervorhob. Darin zeigte Said, wie westliche Wissenschaft, Kunst und Politik \u00fcber Jahrhunderte ein verzerrtes Bild \u00fcber die islamsiche Welt konstruiert haben: exotisch, irrational, r\u00fcckst\u00e4ndig oder gef\u00e4hrlich. Stereotype, die Politik und Medien bis heute \u00fcber den Islam verwenden und in denen sich Muslime wiederkennen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Zum anderen ist eine gewisse Bewunderung zu dieser Denkstr\u00f6mung darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass viele islamische Bewegungen es bislang nicht schaffen, auf Basis der eigenen weltanschaulichen Fundamente eine <em>islamische<\/em> Kritik am Kolonialismus und ihren Folgeerscheinungen zu formulieren. Denn entgegen der Vorstellung mancher Muslime ist die postkoloniale Kritik keineswegs das Ergebnis einer rein deskriptiven Analyse. Vielmehr hinterfragt sie den Kolonialismus aus ihrem progressiv-postmodernen Weltbild heraus und zieht entsprechende Schlussfolgerungen, die unter islamischen Gesichtspunkten zur\u00fcckzuweisen sind. Umso \u00fcberraschender ist es, wenn selbst Gelehrte und Intellektuelle innerhalb der <em>Umma<\/em> meinen, auf die westliche bzw. postkoloniale Kritik angewiesen zu sein und infolgedessen ihre Denkfiguren \u00fcbernehmen. Nicht nur bei diesem Thema ist eine derartige Haltung zu beobachten, sondern in nahezu allen politischen Fragen; sie werden nur selten aus der islamischen Perspektive beurteilt, um daraus L\u00f6sungsans\u00e4tze bzw. konkrete Handlungen abzuleiten. Damit werden gewollt oder ungewollt diese Theorien und ihre Verfechter als politisches Sprachrohr der <em>Umma<\/em> verkl\u00e4rt, was am Beispiel von Gaza wiederholt zu sehen ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Doch welche konkrete Gefahr birgt eine zu starke Hervohebung derartiger Positionen f\u00fcr die <em>Umma<\/em> und inwiefern kann die \u00dcbernahme postkolonialer Theorien das islamische Denken und damit auch den politischen Blick auf die Probleme der <em>Umma<\/em> negativ beeinflussen? Dazu ist es erforderlich, ihre gedanklichen Grundlagen genauer zu beleuchten. Ideengeschichtlich ist der Postkolonialismus mit seinen unterschiedlichen Ans\u00e4tzen aus dem postmodernen Denken hervorgegangen und bedient sich somit seinen theoretischen Werkzeugen, um koloniale Machtverh\u00e4ltnisse zu analysieren und aufzubrechen. Hierzu z\u00e4hlt vor allem der <em>Dekonstruktivismus<\/em>. Eine Denkrichtung, die von dem Philosophen Jacques Derrida entwickelt wurde und deren zentrale These darin besteht, dass es <em>keine absolute Wahrheit<\/em> g\u00e4be, die der Mensch durch Sprache direkt erfassen k\u00f6nne. F\u00fcr Derrida haben Texte und Begriffe keine feste, eindeutige oder abgeschlossene Bedeutung. Was der Mensch als klare Ordnung oder Wahrheit wahrnimmt, besteht laut Derrida in Wirklichkeit aus Unbest\u00e4ndigkeiten und Widerspr\u00fcchen. Aus dieser Perspektive heraus kritisierte er feste Gegens\u00e4tze, die nicht nat\u00fcrlich sondern kulturell <em>konstruiert<\/em> und folglich instabil und mehrdeutig seien. Daraus folge die Erkenntnis, dass auch Sprache von Hierarchien gepr\u00e4gt ist. Die postkolonialen Denker hoben diese These schlie\u00dflich auf eine politische Ebene, um aufzuzeigen, wie koloniale Diskurse k\u00fcnstliche Unterschiede schafften. In anderen Worten <em>dekonsturierten<\/em> sie koloniale Begriffe und Identit\u00e4ten, um ihre Machtwirkung sichtbar zu machen. Kategorien wir fortschrittlich vs. r\u00fcckst\u00e4ndig oder zivilisiert vs. unzivilisiert seien politisch konstruiert und tragen lediglich zur Aufrechterhaltung kolonialer Strukturen bei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Inwiefern diese philosophischen Gedankeng\u00e4nge die islamische Denkweise verw\u00e4ssern und schlie\u00dflich dazu f\u00fchren, dass essentielle Konzepte unseres <em>Din <\/em>sich letztlich aufl\u00f6sen, soll an folgendem Beispiel veranschaulicht werden. \u00dcbertragen wir diese Ideen auf unser Grundverst\u00e4dnis der Offenbarungstexte, so w\u00fcrden diese in letzter Konsequenz ihren obligatorischen Charakter und damit auch ihre Normativit\u00e4t verlieren, da es sich gem\u00e4\u00df dem <em>Dekonstruktivsmus<\/em> um Texte handelt, deren Bedeutung nicht endg\u00fcltig fixierbar sei und folglich keine unumst\u00f6\u00dfliche Wahrheiten beanspruchen k\u00f6nnten. Jede Ansicht oder Deutung k\u00f6nnte auf diese Weise das Attribut <em>islamisch<\/em> mit sich f\u00fchren, wenngleich die betreffenden Quelltexte eine solche Deutung gar nicht zulassen. Damit entzieht man aber dem Islam jenes Fundament, aus dem er sowohl seine weltanschaulichen Standpunkte bezieht als auch verbindliche Normen (<em>a\u1e25k\u0101m \u0161ar\u02bf\u012bya<\/em>) herleitet. Daraus ein <em>islamsiches<\/em> Menschen- und Gesellschaftsbild auszuformulieren w\u00e4re nicht mehr m\u00f6glich. Politische Konzepte wie das der <em>Umma<\/em> beispielsweise st\u00fcnden unter Legitimationsdruck, widersprechen festgelegte Gruppenzugeh\u00f6rigkeiten doch der (postmodernen) Vorstellung fluider Identit\u00e4ten. Bereits heute haben Muslime mit dem Vorwurf zu k\u00e4mpfen, dass der Aufruf zur Wiedererrichtung des Kalifats realit\u00e4tsfremd sei. Das Kalifat habe historsich in dieser Form nie existiert, oder wenn doch, dann sei es in den islamsichen Quellen nicht detailliert verankert, so die willk\u00fcrliche Argumentation der Kritiker. Denkt man die Kritik entlang postkolinialer Theorien weiter, sehen sich die Muslime am Ende auch mit einer <em>ausdifferenzierten<\/em> Gesellschaft konfrontiert, in der sich Idenit\u00e4ten in einem st\u00e4ndigen Fluss bef\u00e4nden und ein gesellschaftlicher Minimalkonsens \u2013 damit auch das Kalifat \u2013 unm\u00f6glich erscheint. Das w\u00e4ren die politischen Folgen f\u00fcr die <em>Umma<\/em>, wenn sie eine Denkweise wie den Dekonstruktivismus in ihrem Gedankgut zulie\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Die postkoloniale Kritik am Kolonialimus zu \u00fcbernehmen, bedeutet also auch in die postmoderne Ideenwelt einzutauchen. Die Gefahr, sich von ihr beeinflussen zu lassen, untersch\u00e4tzen Muslime immer wieder. Unabh\u00e4ngig davon auf welche Denker man sich bezieht, sie alle analysieren das koloniale Erbe unterm Strich aus einer s\u00e4kularen Denkposition heraus. Ihre <em>Kritik<\/em> an der westlichen Au\u00dfenpolitik bezieht sich somit lediglich auf die gew\u00e4hlten und in ihren Augen nicht zielf\u00fchrenden Mittel der milit\u00e4rischen Aggression oder wirtschaftlichen Ausbeutung. Ordnungspolitisch m\u00fcssen die s\u00e4kularen Systeme jedoch aufrechterhalten bleiben und k\u00f6nnen \u2013 allein schon mangels postmoderner Alternativen \u2013 nicht abgeschafft werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass westliche Kritik an den eigenen Ideen rein n\u00fcchtern-deskriptiv sei, ist ein Trugschluss. Gleichwohl \u00fcbernehmen manche Muslime deren Ans\u00e4tze. Untersch\u00e4tzen sie etwa die Gefahr, die sich daraus f\u00fcr die eigene weltanschauliche Verortung ergibt?<\/p>\n","protected":false},"author":109,"featured_media":17591,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[23],"tags":[1503,1578],"class_list":["post-17592","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-westliche-konzeptionen","tag-kolonialismus","tag-kritik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17592","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/109"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=17592"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17592\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/17591"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=17592"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=17592"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=17592"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}