{"id":17722,"date":"2026-02-01T22:06:00","date_gmt":"2026-02-01T21:06:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=17722"},"modified":"2026-02-01T22:06:00","modified_gmt":"2026-02-01T21:06:00","slug":"islamische-kritik-jetzt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=17722","title":{"rendered":"Islamische Kritik jetzt!"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Kolonialismus in der islamischen Welt war weit mehr als ein blo\u00dfer Versuch europ\u00e4ischer M\u00e4chte, Reicht\u00fcmer zu pl\u00fcndern und territoriale Kontrolle auszu\u00fcben. Er stellte einen gezielten Angriff auf den Islam als ordnungspolitische und normative Kraft dar, dessen Ziel es war, die <em>Umma<\/em> von ihren eigenen institutionellen, gesellschaftlichen und weltanschaulichen Grundlagen zu entkoppeln. Mit dem Niedergang des Kalifats erlitt die <em>Umma<\/em> einen tiefgreifenden Einschnitt in ihre kulturelle und politische Struktur \u2013 ein Eingriff, dessen Folgen bis heute in der Fragmentierung der Gesellschaft, der politischen Ohnmacht und der ideologischen Unterordnung unter westliche Systeme sichtbar sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Aus diesem Befund ergibt sich f\u00fcr die <em>Umma<\/em> die Notwendigkeit, eine eigenst\u00e4ndige <em>islamische<\/em> Kritik am Kolonialismus zu entwickeln, die diesen nicht blo\u00df als vergangenes Herrschaftsverh\u00e4ltnis, sondern als fortwirkendes politisch-ideologisches Ordnungssystem analysiert. Eine solche Kritik kann ihrem Anspruch jedoch nur dann gerecht werden, wenn sie sich konsequent vom westlichen Diskursrahmen l\u00f6st, der koloniale Herrschaft vornehmlich unter nationalstaatlichen, s\u00e4kularen oder liberalen Kategorien bewertet und damit bereits dessen Grundannahmen reproduziert. Gerade hierin liegt ein zentrales Problem vieler gegenw\u00e4rtiger islamischer Bewegungen: Anstatt den Kolonialismus unter islamischen Gesichtspunkten heraus zu untersuchen und daraus eigenst\u00e4ndige Schlussfolgerungen zu ziehen, greifen sie h\u00e4ufig auf <a href=\"https:\/\/kalifat1.com\/?p=17592\">postkoloniale Theorien zur\u00fcck<\/a>, die den Kolonialismus zwar kritisieren, ihn jedoch weiterhin durch eine postmoderne bzw. s\u00e4kulare Linse deuten. Diese Ans\u00e4tze werden nicht selten als abschlie\u00dfende Erkl\u00e4rungsmodelle \u00fcbernommen, ohne ihre Pr\u00e4missen einer grundlegenden Pr\u00fcfung zu unterziehen. Entscheidend ist daher nicht die blo\u00dfe Ablehnung des Kolonialismus, sondern die Frage, aus welchem politischen und weltanschaulichen Referenzrahmen heraus diese Ablehnung formuliert wird \u2013 und wie eine genuin islamische Kritik aussehen kann, die sich begrifflich wie politisch von jenen Kategorien l\u00f6st, aus denen der Kolonialismus selbst hervorgegangen ist.<br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zun\u00e4chst ist festzuhalten, dass der Kolonialismus nicht als abgeschlossene Episode westlicher Au\u00dfenpolitik missverstanden werden darf, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihr Ende gefunden habe. Ebenso verfehlt ist eine Kritik, die ihn zwar als ungerechtes Herrschaftssystem benennt, ihn jedoch von den westlichen Ideen sowie von ihrer gegenw\u00e4rtigen politischen Umsetzung abkoppelt und damit historisiert. Tats\u00e4chlich wirkt der Kolonialismus bis in die Gegenwart fort und strukturiert die islamische Welt weiterhin als <em>koloniale Ordnung<\/em>. In dieser Funktion dient er nicht nur der Machtaus\u00fcbung, sondern gezielt als Methode zur Verbreitung und Absicherung der liberal-s\u00e4kularen Ideologie und der daraus resultierenden westlichen Dominanz. Denn mit der Herausbildung der europ\u00e4ischen Nationalstaaten ging im Westen die Pr\u00e4misse einher, dass die einmal gezogenen territorialen Grenzen nicht mehr verschoben werden d\u00fcrften. Eine Expansion \u00fcber diese nationalstaatlichen Grenzen hinaus galt fortan \u2013 insbesondere unter Verweis auf die <em>Wahrung des Friedens<\/em> \u2013 als illegitim. Gerade dieser Umstand bildete jedoch den Ausgangspunkt f\u00fcr eine neue Form der Expansion: den Kolonialismus als Methode zur globalen Verbreitung des liberal-s\u00e4kularen Systems, nachdem eine regionale Ausdehnung in Europa nicht mehr m\u00f6glich war. W\u00e4hrend sich die westlichen Staaten somit zur\u00fcckhielten und sich in diesem Sinne nicht mehr wie Imperien oder Reiche territorial ausbreiteten, dehnten sie ihren politischen, institutionellen und ideologischen Einfluss faktisch aber \u00fcber Grenzen und Kontinente hinweg aus. Der Kolonialisierungsprozess \u2013 sowohl in offener als auch in verdeckter Form \u2013 folgte dabei einem weitgehend einheitlichen Muster: Auf die milit\u00e4rische oder administrative Besetzung eines Gebietes folgte die systematische Aufl\u00f6sung bestehender Herrschafts- und Ordnungsstrukturen. In einem zweiten Schritt wurde eine neue politische Elite etabliert, deren Loyalit\u00e4t dem Westen galt und die zugleich verpflichtet war, westliche Systeme in Gesetzgebung, Verwaltung und Bildung zu implementieren. Parallel dazu arbeiteten die Kolonialm\u00e4chte gezielt daran, das \u00f6ffentliche Meinungsbild entsprechend zu formen, um die Wiedererrichtung des Kalifats unter Muslimen dauerhaft zu delegitimieren. Die Kolonialm\u00e4chte stellten das Kalifat als Relikt der Vergangenheit dar, das mit R\u00fcckschritt und Stagnation assoziiert und als vermeintlicher N\u00e4hrboden f\u00fcr Despotie und Tyrannei diskreditiert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Diese Kolonialpolitik setzte sich auch nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die heutige Zeit fort, trotz aller Beteuerungen seitens des Westens, dass all die kolonialisierten L\u00e4nder in die Unabh\u00e4ngigkeit entlassen worden seien. Eine sogenannte Dekolonisierung hat in Wirklichkeit nie stattgefunden. Nach wie vor pflegen Staaten wie Frankreich, Gro\u00dfbritannien und vor allem die USA enge Beziehungen zu unterschiedlichen Bewegungen, Parteien und Herrschern in der islamischen Welt. Zu beachten ist an dieser Stelle, dass diese Beziehungen von Dominanz und Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnissen beherrscht werden. Im Grunde verk\u00f6rpern die heutigen Regierungen der islamischen Welt die Rolle von Proxys, \u00fcber die der Westen seine geopolitischen und \u00f6konomischen Interessen zu realisieren versucht. Dar\u00fcber hinaus spiegelt sich die koloniale Politik des Westens in einer Reihe von Instrumenten und Strukturen wider, durch die sie ihre Dominanz in den jeweiligen Einflusssph\u00e4ren aufrechterhalten. Angefangen von bilateralen Handelsabkommen und wirtschaftlichen Vertragswerken bis hin zu politischen Dialogformaten sowie strukturellen Verflechtungen auf sicherheitspolitischer Ebene. Zudem sichert sich der Westen seine Vormachtstellung durch eine direkte Milit\u00e4rpr\u00e4senz anhand zahlreicher St\u00fctzpunkte und H\u00e4fen in der islamischen Welt. Auch auf kultur- und bildungspolitischer Ebene ist in Form von Universit\u00e4ten, NGOs, Think Tanks und parteinahen Stiftungen eine extreme Pr\u00e4senz westlicher Institutionen zu erkennen, die das Ausma\u00df ihrer kulturellen Hegemonie klar vor Augen f\u00fchrt. All dies veranschaulicht, dass die L\u00e4nder der islamischen Welt keine wirklich unabh\u00e4ngigen staatlichen Akteure sind, die eine eigenst\u00e4ndige Politik betreiben k\u00f6nnten. Sie sind vielmehr eingebettet in der westlichen <em>Nahost-Politik<\/em> und damit Teil der kolonialen bzw. nationalstaatlichen Ordnung. Ihr Handeln auf innenpolitischer als auch au\u00dfenpolitischer Ebene wird dadurch im Wesentlichen bestimmt. Dass islamische Bewegungen, die eine grundlegende Ver\u00e4nderung in Form der Wiedererrichtung des Kalifats anstreben, durch diese Regime bek\u00e4mpft werden, belegt ihre tats\u00e4chliche Daseinsberechtigung: als H\u00fcter der kolonialen Ordnung und ihrem s\u00e4kularen Charakter. Genau hierin liegt eine wesentliche Differenz zum postkolonialen Diskurs, in dem eine tats\u00e4chliche \u00dcberwindung dieser Ordnung \u00fcberhaupt nicht stattfindet. Ferner wird und kann im Rahmen postkolonialer Theorien auch keine ordnungspolitische Alternative formuliert werden, die aus einer nichts\u00e4kularen Weltanschauung resultiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Eine <em>islamische<\/em> Kritik am Kolonialismus ist vor diesem Hintergrund keine akademische Selbstbesch\u00e4ftigung, sondern eine notwendige R\u00fcckgewinnung geistig-politischer Souver\u00e4nit\u00e4t. So muss die <em>Umma<\/em> alles Fremde auf geistiger und politischer Ebene \u00fcberwinden und die eigene Gesellschaft ausschlie\u00dflich auf Basis der islamischen <em>\u02bfaq\u012bda<\/em> gestalten. Denn der Gesandte (sas) hat den Islamischen Staat auf diesem Fundament gegr\u00fcndet und die <em>\u0161ah\u0101da<\/em> zur Grundlage f\u00fcr das Leben der Muslime und f\u00fcr die Beziehungen zwischen den Menschen erhoben. Es geht daher um eine Ordnung, die sich in ihrem Staatswesen mitsamt seinen Systemen auf \u00f6konomischer, sozialer und politischer Ebene diametral von den gegenw\u00e4rtigen Nationalstaaten im Nahen und Mittleren Osten unterscheidet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Die postkolonialen Theorien dagegen reduzieren den Kolonialismus auf Machtverh\u00e4ltnisse, Identit\u00e4tspolitik oder \u00f6konomische Abh\u00e4ngigkeiten und \u00fcbersehen dabei bewusst oder unbewusst die ideologische Dimension, die f\u00fcr Muslime zentral war und es bis heute ist. Wer sich ausschlie\u00dflich auf postkoloniale Denker beruft, reproduziert paradoxerweise eine neue Form geistig-politischer Abh\u00e4ngigkeit. Statt den Kolonialismus anhand der weltanschaulichen Grundverst\u00e4ndnisse im Islam und den daraus abgeleiteten politischen Konzepten zu kritisieren, wird er mit fremden Kategorien erkl\u00e4rt. Eine solche Kritik mag radikal klingen, bleibt aber letztlich oberfl\u00e4chlich, weil sie die \u2013 durch den Islam begr\u00fcndeten politisch-kulturellen Ordnungsvorstellungen \u2013 ignoriert, auf denen die <em>Umma<\/em> historisch stand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Wenn Muslime den Kolonialismus in der islamischen Welt ernsthaft aufarbeiten wollen, m\u00fcssen sie sich konsequent von den Deutungsmonopolen postkolonialer Theorien l\u00f6sen. Nicht, um deren Erkenntnisse pauschal zu verwerfen, sondern um sie nicht l\u00e4nger als Ersatz f\u00fcr eine eigenst\u00e4ndige islamische Analyse zu verwenden. Es ist unerl\u00e4sslich, eine Kritik zu entwickeln, die unmittelbar aus den islamischen Quelltexten und der eigenen normativen Tradition erw\u00e4chst und die politische, ideologische und institutionelle Tragweite kolonialer Herrschaft vollst\u00e4ndig erfasst. Nur so l\u00e4sst sich die Funktionsweise des Kolonialismus als Methode zur Verbreitung und Aufrechterhaltung des s\u00e4kularen Nationalstaatensystems offenlegen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Auf dieser Grundlage kann die <em>Umma<\/em> nicht nur die strukturellen Ursachen gegenw\u00e4rtiger gesellschaftlicher und politischer Miseren im Nahen Osten erkennen, sondern aktiv Strategien entwickeln, um die <em>koloniale Ordnung<\/em> zu \u00fcberwinden, ihre politische Handlungsf\u00e4higkeit wiederherzustellen und die eigenen soziopolitischen Rahmenbedingungen entsprechend ihrer islamischen \u00dcberzeugung neu zu gestalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer sich auf postkoloniale Theorien verl\u00e4sst, bleibt im Zangengriff der kolonialen Ordnung weiter gefangen. Eine islamische Kritik ist der Schl\u00fcssel, um die Umma daraus befreien zu k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"author":109,"featured_media":17720,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[1303,1503,1578,2075],"class_list":["post-17722","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-konzeptionen","tag-islam","tag-kolonialismus","tag-kritik","tag-postkoloniale-theirie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17722","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/109"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=17722"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17722\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/17720"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=17722"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=17722"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=17722"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}