{"id":9671,"date":"2012-08-31T00:00:00","date_gmt":"2012-08-30T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=9671"},"modified":"2012-08-31T00:00:00","modified_gmt":"2012-08-30T22:00:00","slug":"besatzermythen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=9671","title":{"rendered":"Besatzermythen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der folgende Artikel basiert auf einem Vortrag, den der Autor auf der am 23.\/24. April 2005 von der Marx-Engels-Stiftung in Wuppertal veranstalteten Konferenz \u00bbIslam \u2013 Islamismus \u2013 \u203aislamischer\u2039 Widerstand\u00ab gehalten hat.Der Text erschien im Heft 4 der Marxistischen Bl\u00e4tter (Schwerpunkt: \u00bbFeindbild Islam\u00ab). Die dort vollst\u00e4ndig abgedruckte Fassung ist um zahlreiche Literaturangaben und Quellen erweitert.Der Kampf einer Besatzungsmacht gegen einen bewaffneten Widerstand ist nicht nur eine milit\u00e4rische Angelegenheit. Genauso wichtig ist der Kampf um die \u00f6ffentliche Wahrnehmung des Konflikts, im eigenen Land wie international. Da das Recht der Bev\u00f6lkerung eines angegriffenen bzw. besetzten Landes, sich auch mit Waffengewalt gegen den Aggressor zur Wehr zu setzen, an sich unbestritten ist, ist die propagandistische Delegitimierung des Widerstands seit jeher unerl\u00e4\u00dflich. Es ist also nicht verwunderlich, da\u00df die USA und ihre irakischen Verb\u00fcndeten ihre Gegner im Irak samt und sonders als eine Bande m\u00f6rderischer Verbrecher hinzustellen versuchen, denen es nur darum gehe, das Land ins Chaos zu st\u00fcrzen und Freiheit und Demokratie zu verhindern \u2013 und da\u00df diese Lesart von den meisten westlichen Medien bereitwillig \u00fcbernommen wird.Sehr geschickt wird damit auch vom illegalen Charakter der Besatzung abgelenkt und der Widerstand sogar zur Rechtfertigung ihrer Fortsetzung verwendet \u2013 um \u00bbStabilit\u00e4t zu schaffen\u00ab und \u00bbeinen B\u00fcrgerkrieg zu verhindern\u00ab.Ich werde im folgenden nicht detailliert auf Ideologie, Zielsetzung und praktische Politik der gesamten Widerstandsbewegung eingehen, die mit \u00fcber 50 bewaffnet operierenden Gruppen und Zusammenschl\u00fcssen immer noch recht un\u00fcbersichtlich ist. Es gibt mittlerweile jedoch gen\u00fcgend zuverl\u00e4ssige Informationen, nicht zuletzt durch Stellungnahmen der zivilen Opposition gegen die Besatzung, um viele der verbreiteten Mythen \u00fcber den Widerstand und seine gezielten Diffamierungen korrigieren zu k\u00f6nnen.Behauptung 1: Der Widerstand steht unter einheitlicher F\u00fchrungEin wichtiges Element der Propaganda ist es, den milit\u00e4rischen Widerstand als eine Bewegung darzustellen, die unter der einheitlichen F\u00fchrung von alten Vertrauten Saddam Husseins und islamischen Fanatikern \u0155 la Al-Sarkawi stehe und innerhalb der Bev\u00f6lkerung isoliert sei.Indem man allen Aktionen einen gemeinsamen Plan unterstellt, l\u00e4\u00dft sich der gesamte Widerstand recht einfach durch Verweis auf einzelne Terroranschl\u00e4ge diskreditieren. So wies beispielsweise Abdullah Muhsin, IKP-Mitglied und internationaler Vertreter der Iraqi Federation of Trade Unions (IFTU), vor kurzem in einem Interview schon das Wort \u00bbWiderstand\u00ab als Beleidigung der franz\u00f6sischen R\u00e9sistance und Vergleiche mit Vietnam als Verunglimpfung des Begriffs \u00bbNationale Befreiung\u00ab zur\u00fcck. Wie k\u00f6nne man Leute, die in Hilla durch einen Selbstmordanschlag auf einem Marktplatz 150 Menschen massakrieren, \u00bbWiderstand\u00ab nennen?Und indem man behauptet, der Widerstand ziele allein auf Chaos und Instabilit\u00e4t, um danach Saddams Diktatur zu restaurieren oder ein theokratisches Regime zu errichten, lassen sich auch die \u2013 aus Sicht einer Befreiungsbewegung \u2013 unsinnigsten Aktionen dem Widerstand zuschreiben.Wie wenig die von den Medien bereitwillig wiedergegebene Propaganda mit der Realit\u00e4t gemein hat, zeigen schon die regelm\u00e4\u00dfigen CIA-Berichte, nach denen Saddam-Anh\u00e4ngern und der Sarkawi-Fraktion keine gr\u00f6\u00dfere Rolle im Widerstand zukommt. Nach ihren Erkenntnissen, so die CIA, werde der Widerstand im wesentlichen von \u00bbneu radikalisierten sunnitischen Irakern\u00ab getragen, \u00bbvon Nationalisten, die sich durch Besatzungstruppen beleidigt und gedem\u00fctigt f\u00fchlen, und anderen, die durch den wirtschaftlichen Aufruhr und die Zerst\u00f6rung desillusioniert sind.\u00ab Die Zahl der ausl\u00e4ndischen K\u00e4mpfer bewege sich im Bereich von wenigen Prozent.Zu \u00e4hnlichen Erkenntnissen gelangten laut Berliner Zeitung auch andere westliche Dienste. Noch deutlicher zeigen dies die Studien des renommierten Milit\u00e4rexperten Anthony Cordesman vom Washingtoner Center for Strategic and International Studies und der NATO-nahen International Crisis Group.Nach der Festnahme Saddam Husseins wurde der Jordanier Abu Musab Al-Sarkawi von den USA als \u00bbMaster mind\u00ab des Widerstands und neue Inkarnation des B\u00f6sen aufgebaut. Mit seiner angeblichen Pr\u00e4senz wurde u. a. der verheerende zweite Angriff auf Falludscha gerechtfertigt. Viele Kritiker der USA bezweifeln hingegen nicht nur die f\u00fchrende Rolle Al-Sarkawis im Widerstand, sondern schlicht seine Existenz. Arabische Geheimdienste sind sich jedenfalls sicher, da\u00df seine Gruppe viel zu klein ist, um auch nur ansatzweise all die ihm zugeschriebenen Aktionen durchf\u00fchren zu k\u00f6nnen.Behauptung 2: Der Widerstand ist isoliertIn deutlicher Diskrepanz zur offiziellen Darstellung stehen auch die Angaben, die General Muhammed Shahwani, der Chef des neuen irakischen Geheimdienstes, \u00fcber die Zusammensetzung des Widerstands machte. Nach seinen Erkenntnissen stehen den Besatzungstruppen mehr als 40 000 \u00bbHardcore-K\u00e4mpfer\u00ab gegen\u00fcber, unterst\u00fctzt von 150 000 Irakerinnen und Irakern, die als \u00bbTeilzeitguerillak\u00e4mpfer\u00ab, Kundschafter und logistisches Personal arbeiten.Shahwani war schon unter Saddam Hussein Geheimdienstchef in Bagdad gewesen, bevor er das Land verlie\u00df und sich Ijad Allawis National Accord anschloss. Im Gespr\u00e4ch gab er auch zu, da\u00df der Widerstand in vielen Gouvernaten breite Unterst\u00fctzung unter der Bev\u00f6lkerung genie\u00dfe. \u00bbDie Leute haben einfach die Nase voll, nach zwei Jahren ohne jegliche Verbesserung. Die Leute haben das Gef\u00fchl, etwas tun zu m\u00fcssen. Die Armee hatte eine St\u00e4rke von mehreren Hunderttausend Mann. Es war zu erwarten, da\u00df sich viele Veteranen dem Kampf anschlie\u00dfen w\u00fcrden. \u2013 Und jeder von ihnen hat noch S\u00f6hne und Br\u00fcder.\u00ab Die Rebellen haben viele Stadtteile und kleinere St\u00e4dte im mittleren Teil des Iraks in faktische \u00bbNo-go Zonen\u00ab f\u00fcr die Besatzungstruppen verwandelt, so Shahwani, trotz der Anstrengungen der US-Truppen, Enklaven wie Samarra and Falludscha zur\u00fcckzuerobern.Behauptung 3: Der Widerstand greift gezielt zivile Ziele anDiverse Meinungsumfragen und die Erkenntnisse der CIA best\u00e4tigen, da\u00df Angriffe auf Besatzungstruppen bei einem gro\u00dfen Teil der Bev\u00f6lkerung auf Zustimmung sto\u00dfen. Anschl\u00e4ge auf in- und ausl\u00e4ndische Zivilisten, Entf\u00fchrungen usw. werden hingegen einhellig abgelehnt. Auch die wesentlichen Widerstandsorganisationen haben sich stets eindeutig davon distanziert, wie u. a. die Referenten auf der Irak-Konferenz in Berlin \u00fcbereinstimmend berichteten (siehe www.irakkonferenz.de). So betonte Hadi Al-Khalessi von der \u00bbIrakischen Nationalen Gr\u00fcndungskonferenz\u00ab (INFC), einer Dachorganisation des zivilen Widerstands, die auch von vielen Guerillagruppen als politisches Sprachrohr anerkannt wird: \u00bbAlle Aktionen, die sich nicht eindeutig gegen die Besatzer richten, n\u00fctzen letztlich diesen. Alles, was sich gegen die Zivilbev\u00f6lkerung richtet, ist Terrorismus und hat mit dem Widerstand nichts zu tun.\u00ab (jW, 19.3.05)\u00c4hnlich sieht dies u. a. auch die \u00bbIslamische Front des irakischen Widerstands\u00ab (Jama\u2019), ein Zusammenschlu\u00df von Widerstandsgruppen aus den Provinzen n\u00f6rdlich und \u00f6stlich von Bagdad. Ihre Richtlinien verbieten explizit Angriffe auf zivile Ziele und verurteilen das \u00bbAbschlachten von Geiseln\u00ab und das \u00bbVergie\u00dfen irakischen Blutes, unabh\u00e4ngig unter welchem Vorwand und unabh\u00e4ngig davon, ob es sich um Zivilisten oder Angeh\u00f6rige der Polizei oder Nationalgarde handelt.\u00ab Die Richtlinien der Front verbieten zudem jegliche Kooperation mit Gruppierungen, die in solche Anschl\u00e4ge involviert sind. Um das Leben von Zivilisten nicht zu gef\u00e4hrden, sollen zudem Angriffe auf Besatzer innerhalb von St\u00e4dten vermieden werden.Diese \u00c4u\u00dferungen stehen in scharfem Kontrast zu den h\u00e4ufigen Anschl\u00e4gen auf Zivilisten, die das Bild in den t\u00e4glichen Nachrichten bestimmen. Sieht man sich das gesamte Spektrum an bewaffneten Aktionen an, so stellt man fest, da\u00df diese \u2013 wer immer dahinter stecken mag \u2013 nur einen recht kleinen Teil ausmachen und keine Zusammenh\u00e4nge mit dem Hauptteil der klassischen milit\u00e4rischen Widerstandsaktivit\u00e4ten erkennen lassen.Anthony Cordesman hat die Zahl der \u00f6ffentlich bekannt gewordenen Angriffe und Opfer von September 2003 bis Oktober 2004 nach Art des Zieles aufgeschl\u00fcsselt. Seine Untersuchung macht deutlich, da\u00df die Zahl der Angriffe auf Besatzungstruppen klar \u00fcberwiegen (\u00fcber 75 Prozent) und Angriffe auf zivile Ziele nur einen sehr kleinen Teil ausmachen (4,1 Prozent). Die Anschl\u00e4ge auf ungesch\u00fctzte Menschen sind daf\u00fcr um so verheerender, wodurch die Zahl der zivilen Opfer dennoch viel h\u00f6her ist, als die der milit\u00e4rischen.Das gleiche Verh\u00e4ltnis ergibt sich aus einer Statistik, die die New York Times auf Basis der Zahlen der CIA f\u00fcr die Zeit von Juni 2003 bis M\u00e4rz 2005 erstellt hat. Sie zeigt zus\u00e4tzlich den zeitlichen Verlauf. Demnach lag die Zahl der Angriffe seit April 2004 durchg\u00e4ngig bei \u00fcber 1 500 im Monat. Im August und November 2004 sowie im Januar 2005 waren es sogar \u00fcber 70 pro Tag. Sie werden unterteilt nach Angriffen auf Besatzungstruppen, irakische Hilfstruppen, Zivilisten und Sonstige. Auch diese \u00dcbersicht belegt, da\u00df die Angriffe zu \u00fcber 75 Prozent den Besatzungstruppen gelten und Anschl\u00e4ge auf Zivilisten konstant nur einen kleinen Teil ausmachen.Letztere m\u00fc\u00dften noch weiter differenziert werden. Da \u00bbzivil\u00ab nicht gleichbedeutend mit \u00bbunbeteiligt\u00ab ist, k\u00f6nnen in diese Kategorie auch Geheimdienstleute, S\u00f6ldner, Spitzel oder sonstige Personen fallen, die die Besatzungstruppen in ihrem Krieg unterst\u00fctzten.Es ist zudem nicht korrekt, Anschl\u00e4ge auf Zivilisten pauschal Besatzungsgegnern zuschreiben. Zum einen bleiben die Hintergr\u00fcnde von Anschl\u00e4gen mit zivilen Opfern meist v\u00f6llig im dunkeln. Sie wurden nie von unabh\u00e4ngigen Stellen untersucht. Zum anderen sind die Opfer gezielter Attentate oft ausgewiesene Gegner der Besatzung. Verantwortlich werden hierf\u00fcr u. a. die Badr-Brigaden des SCIRI und andere Milizen proamerikanischer Organisationen gemacht. Es verdichten sich zudem die Hinweise auf das Agieren von Todesschwadronen im Rahmen der als \u00bbSalvador Option\u00ab bekanntgewordenen US-Pl\u00e4ne eines verdeckten, schmutzigen Krieges gegen den Widerstand und seine Sympathisanten (vgl. jW vom 19.5.2005).Viele der Greueltaten, zu denen sich angeblich ein Al-Sarkawi oder neu aufgetauchte Gruppierungen bekannten, geschahen zudem zu einem f\u00fcr die Besatzer so g\u00fcnstigen Zeitpunkt, da\u00df es schwerf\u00e4llt zu glauben, hier seien nur fanatische Feinde der USA am Werk.Nur zirka 15 Prozent der Angriffe gelten irakischen Hilfstruppen. Da hierzu auch kurdische Peshmergas und andere Einheiten gez\u00e4hlt werden, die unmittelbar in den Angriffen gegen den Widerstand eingesetzt wurden, ist zu vermuten, da\u00df die Aufrufe der wichtigen Widerstandsgruppen, keine irakischen Polizisten oder Soldaten anzugreifen, solange sie nicht gegen den Widerstand vorgehen, weitgehend respektiert werden.Angesichts solcher Zahlen ist es kaum einsichtig, warum die selben K\u00e4mpfer und K\u00e4mpferinnen, die Woche f\u00fcr Woche eine gr\u00f6\u00dfere Zahl sorgf\u00e4ltig geplanter und gut koordinierter Angriffe gegen einen milit\u00e4risch \u00fcberlegenen Gegner ausf\u00fchren, sich an anderen Tagen in einer Menschenmenge in die Luft jagen sollen.Es liegt wesentlich n\u00e4her anzunehmen, da\u00df hier v\u00f6llig verschiedene Kr\u00e4fte, mit v\u00f6llig verschiedener Motivation und Zielsetzung, am Werk sind. In einem von der Federation of American Scientists (FAS) \u00fcbersetzten \u00dcberblick \u00fcber irakische Widerstandsgruppen aus der irakischen Wochenzeitung Al Zawra wird das Spektrum der bewaffnet agierenden Kr\u00e4fte daher konsequenter Weise unterteilt in \u00bbGruppen, die Widerstand gegen die Besatzung leisten\u00ab und \u00bbandere bewaffnete Gruppen\u00ab, die zu \u00bbEntf\u00fchrungen und Ermordung von Ausl\u00e4ndern als Methode\u00ab greifen.Namentlich erw\u00e4hnt werden neun Gruppen, die alle radikalislamische Ideologien verfolgen, darunter die Gruppe des Jordaniers Abu Musab Al-Sarkawi. Obwohl sie von den meisten Irakern nicht dazugez\u00e4hlt werden, bestimmen sie das Bild des Widerstands in den westlichen Medien. Diese st\u00fctzen sich dabei neben den \u00bbErkenntnissen\u00ab der Geheimdienste vor allem auf Internetseiten, auf denen sich die Gruppierungen angeblich \u00fcber ihre Ziele und Aktivit\u00e4ten auslassen. Solche Seiten sind leicht manipulierbar und von \u00e4u\u00dfert fragw\u00fcrdiger Authentizit\u00e4t, st\u00fctzen aber vorz\u00fcglich die g\u00e4ngige Charakterisierung des Widerstands.Die Erkl\u00e4rungen und Berichte der Widerstandsgruppen zirkulieren vorwiegend als Flugbl\u00e4tter. Einige irakische Zeitungen, wie z.B. Mufakkirat Al-Islam, ver\u00f6ffentlichen diese auszugsweise und bringen Berichte von ihren eigenen Journalisten, die oft als einzige vor Ort sind. Zusammenfassungen daraus werden wiederum regelm\u00e4\u00dfig ins Englische \u00fcbersetzt und ins Internet gestellt. Von den westlichen Medien werden sie nicht zur Kenntnis genommen. Sicherlich gibt es auch hier sehr viel Propaganda \u2013 allerdings wohl kaum mehr als bei den Berichten der Besatzungstruppen. Und wenn auch die Erfolgsmeldungen der Guerillagruppen in der Regel \u00fcbertreiben d\u00fcrften, so zeigen sie doch, da\u00df die Aktivit\u00e4ten \u00fcberwiegend in Angriffen auf Besatzungstruppen bestehen und in weit geringerem Ma\u00dfe aus Anschl\u00e4gen auf irakische Polizei- und Armee-Einheiten oder andere Personen, die mit den Besatzern zusammenarbeiten.Obwohl die Widerstandsbewegung offensichtlich keine gezielten Angriffe auf die Zivilbev\u00f6lkerung durchf\u00fchrt, werden Zivilisten h\u00e4ufig von r\u00fccksichtslosen Angriffen der Guerilla auf Besatzungstruppen, bzw. deren oft blindw\u00fctiger Reaktion, in Mitleidenschaft gezogen. L\u00e4ngst nicht alle K\u00e4mpfer unterwerfen sich der Disziplin von Richtlinien, wie die oben erw\u00e4hnte von Jama\u2019. Viele Iraker sehen daher auch solche Angriffe als willk\u00fcrlich an und f\u00fchlen sich selbst durch den Widerstand bedroht.Behauptung 4: Der Widerstand wird von \u00bbSaddam-Anh\u00e4ngern\u00ab getragenAuch entschiedene Gegner des alten Regimes, wie der Londoner Hochschullehrer Sami Ramadani von den Iraqi Democrats against Occupation (IDAO), weisen die Behauptung zur\u00fcck, der Widerstand werde von \u00bbSaddam-Anh\u00e4ngern\u00ab angef\u00fchrt. Zwar sind viele, die im Widerstand aktiv sind, ehemalige Mitglieder der Baathpartei; Widerstandsgruppen, die loyal zum alten Regime sind, stellen jedoch nur eine kleine Minderheit dar. Mitgliedschaft in der Baath war nicht gleichbedeutend mit Unterst\u00fctzung f\u00fcr Saddam Hussein. Viele einstige Mitglieder machen diesen auch mitverantwortlich daf\u00fcr, da\u00df der Irak zur leichten Beute der USA werden konnte.Jawad Al-Khalisi, der Generalsekret\u00e4r der INFC, veranschlagt den Anteil von \u00bbSaddam-Anh\u00e4ngern\u00ab und \u00bbislamistischen Hardlinern\u00ab im Widerstand zusammen auf h\u00f6chstens f\u00fcnf bis zehn Prozent. (Die Besatzungsbeh\u00f6rde hat mit ihrem \u00bbDe-Baathisierung\u00ab-Programm propagandistisch geschickt an die \u00bbEntnazifierung\u00ab im Nachkriegsdeutschland angekn\u00fcpft. Allein schon ihre Mitgliedschaft soll die Baath-Mitglieder und den Widerstand, in dem sie aktiv sind, diskreditieren. Die Ideologie der Baath war aber nie v\u00f6lkisch oder rassistisch, sondern auf nationale Unabh\u00e4ngigkeit und einen sogenannten \u00bbarabischen\u00ab Sozialismus orientiert. Saddam Husseins Herrschaft st\u00fctzte sich auch nicht auf die Partei, sondern auf eine Clique, die verwandtschaftlich mit ihm verbunden war, sowie auf Stammesf\u00fchrer und Clanchefs, die er durch diverse Zugest\u00e4ndnisse auf seine Seite ziehen konnte.)Behauptung 5: Der Widerstand ist radikalislamischAu\u00dfer der oft willk\u00fcrlich erscheinenden Gewalt ist es vor allem der angebliche radikalislamische Charakter des Widerstands, der viele Linke abst\u00f6\u00dft.Auch Sarkawis und \u00e4hnliche andere dubiose Gruppen beiseite gelassen, spielen islamische Gruppen und Pers\u00f6nlichkeiten unbestreitbar eine gro\u00dfe Rolle im Widerstand. Die Bedeutung der Religion wird in der Regel aber ziemlich \u00fcbersch\u00e4tzt. F\u00fcr Europ\u00e4er ist der Zusammenhang zwischen Islam und Politik, die in islamischen L\u00e4ndern traditionell kaum voneinander zu trennen sind, generell recht schwer zu verstehen. \u00bbDie Forderung nach vollst\u00e4ndiger Trennung von Religion und Staat ist daher mehr als nur s\u00e4kular: sie ist offen antiislamisch\u00ab, schreibt der franz\u00f6sische Wissenschaftler Gilbert Achcar. Aus diesem Grund sind auch linke und s\u00e4kulare Organisationen nie ganz frei von Bez\u00fcgen zum Islam.Sieht man sich die Plattformen von Widerstandsgruppen an, so stehen streng religi\u00f6se Motive nicht im Vordergrund. Es geht vielmehr darum, \u00bbdie arabisch-islamische nationale Identit\u00e4t zu bekr\u00e4ftigen\u00ab, wie es z.B. in einer Erkl\u00e4rung hei\u00dft, die im Februar 2005 auf dem bis dahin gr\u00f6\u00dften Treffen \u00bbpatriotischer Kr\u00e4fte gegen die Besatzung\u00ab, unter Beteiligung eines breiten Spektrums von linken wie islamischen Organisationen, verabschiedet wurde. Oder wie es ein islamischer Widerstandsk\u00e4mpfer, Anf\u00fchrer einer Guerillaeinheit, gegen\u00fcber dem kanadischen Journalisten Patrick Graham ausdr\u00fcckte: Man ertr\u00e4gt es nicht, arrogante, selbstherrliche GIs durch die Stra\u00dfen patrouillieren zu sehen, die mit jeder Geste deutlich machen, da\u00df Iraker nichts z\u00e4hlen, und die achtlos alles zertrampeln und beleidigen, was den Irakern wichtig und heilig ist.Graham, ein freier Journalist, der f\u00fcr den Londoner Observer und andere Zeitungen aus dem Irak berichtet, hatte ein Jahr lang engen Kontakt zu Angeh\u00f6rigen bewaffneter Widerstandsgruppen und hat seine Erfahrungen in einem 15seitigen Bericht zusammengefa\u00dft, der einen sehr guten Einblick \u00fcber Zusammensetzung und Motive dieser Gruppen gibt. Seine Darstellung macht deutlich, da\u00df der Islam einfach Teil der Kultur des Landes ist und da\u00df den Irakern, in Abwesenheit politischer Organisationen, zun\u00e4chst nur die Stammeszugeh\u00f6rigkeit und die Moschee als organisatorischer R\u00fcckhalt blieben. Doch Religion und nationales Bewu\u00dftsein gehen bei den von Graham beobachteten K\u00e4mpfern Hand in Hand mit sozial fortschrittlichem, antiimperialistischem Gedankengut, das ihn teilweise an die 68er Generation und Che Guevara erinnerte.Hadi Al Khalissi vom INFC charakterisierte auf der Berliner Konferenz die vorherrschende Ideologie des Widerstands als einen moderaten und volkst\u00fcmlichen Islamismus, der bem\u00fcht ist, die eigene Kultur zu verteidigen, aber tolerant ist gegen\u00fcber anderen Kulturen, Konfessionen und Religionen. \u00bbViele Guerillas sind auf die gleiche Art vom Islam beeinflu\u00dft wie die US-amerikanischen Soldaten von der Religion, die ebenfalls dazu neigen, im Krieg mehr zu beten\u00ab, meint auch Cordesman.Selbst bei radikaleren islamischen Bewegungen wie der Muktadar Al-Sadrs stehen politische und soziale Anliegen im Vordergrund. Weder Al-Sadr noch andere gr\u00f6\u00dfere Widerstandsorganisationen streben eine Herrschaft der Ayatollahs an.Die Widerstandsbewegung ist auch nicht gegen Wahlen. Viele fordern diese seit Beginn der Besatzung, allerdings Wahlen, die tats\u00e4chlich fair und frei sind und nicht, wie die Wahlen im Januar, unter der vollen Kontrolle der Besatzungsmacht stehen.Den Anh\u00e4ngern Al-Sadrs wird h\u00e4ufig vorgeworfen, gewaltsam gegen \u00bbUnislamisches\u00ab wie Alkoholausschank, Kinos oder leger gekleidete Frauen vorzugehen. Es gibt in der Tat sehr viele derartige \u00dcbergriffe und Drohungen, es ist aber sehr fraglich, ob dahinter tats\u00e4chlich Al-Sadrs Bewegung steckt, da keine von deren Verlautbarungen darauf hindeutet, dass solche Aktionen zur Politik Al-Sadrs geh\u00f6ren.Vor allem der Vorwurf systematischer \u00dcbergriffe auf Frauen geh\u00f6rt heute zum Standardrepertoire der Propaganda der politischen Gegner des (nicht nur) islamischen Widerstands. Diese Vorw\u00fcrfe gipfelten vor dem Sturm der US-Truppen auf Falludscha in Greuelgeschichten, die von der Organisation for Women Freedom in Iraq (OWFI) verbreitet wurden. Der dortige Widerstand habe sich bem\u00fcht, in der belagerten Stadt \u00bbseine mittelalterlichen Gesetze durch Furcht und Horror durchzusetzen.\u00ab Der Schura-Rat von Falludscha, der Rat der islamischen Gemeinschaften der Stadt, habe, so die Frauenorganisation der Arbeiterkommunistischen Partei Iraks, in einer Fatwa die Mudschaheddins aufgerufen, alle M\u00e4dchen ab zehn zu vergewaltigen, bevor es die Amerikaner t\u00e4ten.Bei aller Distanz zu islamischen Gruppen weisen fortschrittliche Irakerinnen, wie Tahrir Swift, die Direktorin von Arab Media Watch und IDAO-Mitglied, oder Nada Al-Rubaiee von der Irakischen Patriotischen Allianz, diese und andere Vorw\u00fcrfe als Diffamierungen zur\u00fcck. Gewi\u00df gebe es Verbrechen an Frauen und Ungerechtigkeiten, doch machen sie daf\u00fcr die allgemeine Kriminalit\u00e4t, die Besatzer und ihre Verb\u00fcndeten verantwortlich. Sie weisen angesichts solcher Kampagnen zudem darauf hin, da\u00df die USA den Aufbau widerstandsfeindlicher Frauenorganisationen mit Millionen Dollar gef\u00f6rdert haben. Sie warnen vor einer Islamophobie, die den irakischen Widerstand im Namen der Frauenrechte bek\u00e4mpft und Islam mit Terrorismus assoziiert.Es sei durchaus m\u00f6glich, behauptet Sami Ramadani, dass der starke Einfluss islamischer Gruppen und Pers\u00f6nlichkeiten Frauenrechte gef\u00e4hrden k\u00f6nnte. Selbstverst\u00e4ndlich w\u00fcrde er sich einen rein linken, s\u00e4kularen Widerstand w\u00fcnschen. Doch verletze die Besatzung die Rechte der Frauen auf alle F\u00e4lle weit st\u00e4rker. Die verheerenden Lebensumst\u00e4nde verbannten sie ins Haus und hinderten sie an der Aus\u00fcbung ihrer Berufe. Zigtausende Frauen wurden von Besatzungstruppen get\u00f6tet, verwundet oder verschleppt.Mit SCIRI und DAWA geh\u00f6ren zudem zwei der reaktion\u00e4rsten schiitischen Parteien, mit engen Verbindungen zum iranischen Regime, zu den wichtigsten Verb\u00fcndeten der USA. Sie sind die st\u00e4rksten Kr\u00e4fte in der Interimsregierung und dr\u00e4ngen sehr stark auf die Einbeziehung islamischen Rechts in die Verfassung.Wenn religi\u00f6se Organisationen mittlerweile ein \u00dcbergewicht im Irak haben, so liegt dies nicht zuletzt an der Schw\u00e4che der Linken. Hierzu hat auch die irakische KP einen guten Teil beigetragen. Ihr \u00dcbertritt ins proamerikanische B\u00fcndnis hat viele alte Sympathisanten verunsichert und ein gro\u00dfes Loch auf der Seite der Linken gerissen.Von Joachim Guilliard<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der folgende Artikel basiert auf einem Vortrag, den der Autor auf der am 23.\/24. 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