{"id":9734,"date":"2014-06-22T00:00:00","date_gmt":"2014-06-21T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=9734"},"modified":"2014-06-22T00:00:00","modified_gmt":"2014-06-21T22:00:00","slug":"die-wm-als-kolonialistisches-grossereignis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=9734","title":{"rendered":"Die WM als kolonialistisches Gro\u00dfereignis"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach der Fu\u00dfball-WM steht nicht nur Deutschland als Weltmeister fest, sondern auch die Erkenntnis, dass die Wertigkeit der Menschen weit auseinanderklafft und die Welt sich noch immer unterteilt in Herrenmenschen auf der einen Seite und V\u00f6lker, an denen die Klischees haften, die der Kolonialismus ihnen zugewiesen hat, auf der anderen Seite.<br>Die WM hat diese Einteilung keineswegs hervorgerufen, sondern lediglich das sichtbar gemacht, was ohnehin Realit\u00e4t ist. Es existiert im europ\u00e4ischen Bewusstsein nur ein hochwertiges Europa und ein minderwertiges Nicht-Europa, ein Weltbild, das aus einem \u00dcberlegenheitsgef\u00fchl hervorgegangen ist und die Einstellung von Kolonialherren widerspiegelt.<br>Wer meint, dass der Kolonialismus l\u00e4ngst \u00fcberwunden sei, wurde w\u00e4hrend der WM schnell eines Besseren belehrt. Da wurden beispielsweise die algerischen Nationalspieler nur noch als Afrikaner wahrgenommen, die es trotz ihrer afrikanischen Herkunft tats\u00e4chlich ins WM-Achtelfinale geschafft hatten. So konnte man auf FOCUS Online nach dem Spiel Algerien gegen Russland in der klein gedruckten \u00dcberschrift lesen: &#8222;Deutschland trifft auf Afrikaner&#8220; Dass Afrika kein Land, sondern ein ganzer Kontinent ist und aus mehr als 50 L\u00e4ndern besteht, schien in diesem Zusammenhang nicht wichtig zu sein. Im Liveticker von FOCUS Online hie\u00df es au\u00dferdem in der 3. Minute: &#8222;Der Ball l\u00e4uft gut durch die Reihen der Afrikaner&#8220;. Und in der 43. Minute verpatzte Algerien einen Eckball, der wie folgt kommentiert wurde: &#8222;Das war die zweite gute Chance f\u00fcr die Afrikaner.&#8220; Immer wieder wurde darauf aufmerksam gemacht, dass es sich bei den Algeriern um Afrikaner handelt \u2013 sicherlich nicht, um den geographischen Horizont der Fu\u00dfballfans zu erweitern \u2013, so etwa in der 51. Minute: &#8222;Vor dem russischen Strafraum agieren die Afrikaner zu nerv\u00f6s, leisten sich ungenaue P\u00e4sse und Fehler bei der Ballannahme.&#8220; Klischees \u00fcber die Afrikaner durften nat\u00fcrlich auch nicht fehlen, etwa dass es w\u00e4hrend des Spiels auf der Trib\u00fcne &#8222;afrikanisch feurig&#8220; zuging, wie in den &#8222;Elf Fakten \u00fcber Deutschlands Achtelfinalgegner&#8220; auf FOCUS Online festgehalten wurde. Schlie\u00dflich wei\u00df jeder Europ\u00e4er, dass der Afrikaner nur so vor Temperament spr\u00fcht.<br>BILD.de bot im Gegensatz zu FOCUS Online gleich &#8222;23 Fakten \u00fcber unseren Gegner Algerien&#8220;. Eingeleitet wurde der Artikel mit dem Bild eines vermummten Tuareg, der Algerien mit W\u00fcste und Nomadentum assoziieren sollte, weitab von Fortschritt und professionellem Fu\u00dfball. Zu den Fakten, die aufgez\u00e4hlt wurden, geh\u00f6rten unter anderem fu\u00dfballrelevante Informationen wie &#8222;Jeder Vierte kann weder lesen noch schreiben&#8220; oder &#8222;Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 24,8 Prozent&#8220;. Nicht fehlen durfte auch die Erw\u00e4hnung der Tatsache, dass Algerien eine franz\u00f6sische Kolonie war.<br>Es f\u00e4llt dem Europ\u00e4er scheinbar schwer zuzugeben, dass eine afrikanische Mannschaft erfolgreich sein und mit den europ\u00e4ischen Mannschaften durchaus mithalten kann. Deshalb titelte FOCUS Online nach dem Unentschieden zwischen Algerien und Russland: &#8222;Algerien jubelt dank Russlands Pannen-Keeper&#8220;. Demnach f\u00fchrte nicht das K\u00f6nnen der algerischen Spieler zum Unentschieden und damit zum Einzug ins Achtelfinale, sondern lediglich der Fehler des russischen Torwarts. In den &#8222;Elf Fakten \u00fcber Deutschlands Achtelfinalgegner&#8220; kam dann auch die europ\u00e4ische Erkl\u00e4rung daf\u00fcr, weshalb es die algerische Nationalmannschaft bis ins Achtelfinale geschafft hatte. Nat\u00fcrlich verdankt sie ihren Erfolg ausschlie\u00dflich den europ\u00e4ischen Einfl\u00fcssen. Betont wurde, dass die wichtigen Spieler &#8222;bei europ\u00e4ischen Topclubs unter Vertrag&#8220; stehen. Au\u00dferdem seien 16 Spieler in Frankreich geboren. Dar\u00fcber hinaus spiele neben der Amtssprache Arabisch auch das Franz\u00f6sische noch eine gro\u00dfe Rolle in Algerien. Die mangelnde Logik an der Verkn\u00fcpfung zwischen Sprache und Fu\u00dfball ist irrelevant, denn die Hauptsache ist, dass man die algerische Mannschaft mit etwas Europ\u00e4ischem verbinden kann, weil sie gut Fu\u00dfball spielt und dies scheinbar ein europ\u00e4isches Privileg ist. Au\u00dferdem wurde in dem Artikel erw\u00e4hnt, dass die algerische Nationalmannschaft im Jahr 2006 ganze 4 Monate einen deutschen Nationaltrainer hatte. Es zeugt schon von gro\u00dfer Arroganz, damit den Erfolg der algerischen Nationalmannschaft w\u00e4hrend der WM 2014 erkl\u00e4ren zu wollen.<br>Besonders deutlich brach das kolonialistische Denken beim Spiel Deutschland gegen Ghana an die Oberfl\u00e4che. Bereits im Vorfeld f\u00fchrte der Deutsche dem Ghanaer vor Augen, dass er ihm weit \u00fcberlegen sei. Dies kam in einer geschmacklosen Werbung des Autovermieters Sixt zum Ausdruck, die nur das wiedergab, was viele denken. Ein sauberer Mercedes wurde einem verschmutzten und mit Menschen \u00fcberladenen Truck gegen\u00fcbergestellt, und zwar mit dem Slogan: &#8222;Ghana \u2013 das k\u00f6nnte eng werden&#8220;. Darin spiegelt sich wider, dass der Europ\u00e4er noch immer voller Verachtung auf die offiziell abgeschafften Kolonien blickt.<br>Als Ghana dann ein Fu\u00dfballspiel auf h\u00f6chstem Niveau bot und die deutsche Nationalmannschaft, anders als zun\u00e4chst erwartet, nur mit gro\u00dfer Anstrengung ein Unentschieden erreichte, war die Wut der deutschen Fu\u00dfballfans gro\u00df, wie ein so r\u00fcckschrittliches Land wie Ghana die Deutschen so in Bedr\u00e4ngnis bringen konnte. Was dann kam, war den deutschen Medien dann doch sichtlich unangenehm, da der Rassismus am Ende zu offensichtlich war und nicht mehr als Party-Patriotismus verharmlost werden konnte. So griffen sie Twitter-Beitr\u00e4ge wie &#8222;Hoffentlich sterben paar Schwarze mitten auf dem Spielfeld an Aids&#8220; oder &#8222;Alter, gegen eine Mannschaft verlieren, die sich nicht mal einen Ball leisten kann&#8220; auf und kritisierten diese, wenn auch eher zaghaft. Denn man wollte die WM-Atmosph\u00e4re nicht allzu sehr mit einem ernsthaften Thema wie dem Rassismus tr\u00fcben. Die WM sollte ein sportliches Gro\u00dfereignis mit wehender Fahne, bemaltem Gesicht und aufgesetzter Per\u00fccke bleiben.<br>Auch die s\u00fcdamerikanischen Mannschaften blieben keineswegs verschont. So titelte STERN.de nach der argentinischen Niederlage &#8222;Wenn die Gauchos Trauer tragen&#8220;. Die Bezeichnung Gaucho mussten sich die S\u00fcdamerikaner w\u00e4hrend der WM \u00f6fter gefallen lassen. Gauchos sind in S\u00fcdamerika Viehhirten in der Pampas. F\u00fcr die argentinische Nationalmannschaft ist es demnach nicht sehr schmeichelhaft, als Gauchos bezeichnet zu werden.<br>Von einem harmlosen Party-Patriotismus w\u00e4hrend der WM zu sprechen, geht also an der Realit\u00e4t vorbei. Es ist geradezu unm\u00f6glich, die nationale Identit\u00e4t auszublenden, wenn die Fu\u00dfball-WM auf einer nationalen Einteilung der Mannschaften basiert, Spieler extra eingeb\u00fcrgert werden, damit sie \u00fcberhaupt in einer Nationalmannschaft spielen k\u00f6nnen, und die Nationalhymnen der Mannschaften vor jedem Spiel ert\u00f6nen, um Spieler und Zuschauer in nationale Kampfesstimmung zu versetzen. Die WM lie\u00df die V\u00f6lker also nicht zusammenr\u00fccken, sondern indoktrinierte sie auf spielerische Weise, dass die Welt in Nationen eingeteilt ist, die gegeneinander um den ersten Platz ringen, und das nicht nur auf dem Fu\u00dfballfeld.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach der Fu\u00dfball-WM steht nicht nur Deutschland als Weltmeister fest, sondern auch die Erkenntnis, dass die Wertigkeit der Menschen weit auseinanderklafft und die Welt sich noch immer unterteilt in Herrenmenschen auf der einen Seite und V\u00f6lker, an denen die Klischees haften, die der Kolonialismus ihnen zugewiesen hat, auf der anderen Seite.<\/p>\n","protected":false},"author":20,"featured_media":1058,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[956,1112,1504,2844,2900],"class_list":["post-9734","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","tag-fussball-wm","tag-grossereignis","tag-kolonialistisch","tag-weltmeister","tag-wm"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9734","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/20"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9734"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9734\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1058"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9734"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9734"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9734"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}