{"id":9744,"date":"2013-05-21T00:00:00","date_gmt":"2013-05-21T00:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=9744"},"modified":"2013-05-21T00:00:00","modified_gmt":"2013-05-21T00:00:00","slug":"jedem-das-seine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=9744","title":{"rendered":"Jedem das Seine"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das weltber\u00fchmte Zitat des preu\u00dfischen K\u00f6nigs Friedrich II. \u201eIn meinem Staate kann jeder nach seiner Fasson selig werden&#8220; gilt gemeinhin als wegweisend f\u00fcr die religi\u00f6se und weltanschauliche Toleranz in Europa. Auf theologischer Ebene wurden den Bewohnern des damaligen Preu\u00dfens nahezu alle Freiheiten einger\u00e4umt, ganz gleich welcher Konfession oder Religion sie angeh\u00f6rten. So war es zum Beispiel den Juden gestattet, Synagogen zu errichten, ihre Kleidervorschriften einzuhalten, koschere Lebensmittel zu konsumieren, sie zu verkaufen und die Regeln des Sabbats einzuhalten. Auch den Muslimen wurde in Aussicht gestellt, ihre Rituale und Traditionen in der preu\u00dfischen Diaspora praktizieren zu k\u00f6nnen. Der Anfrage ob ein Katholik B\u00fcrger des protestantisch dominierten Staates werden d\u00fcrfte, entgegnete der Alte Fritz, dass \u201e[a]lle Religionen [&#8230;] gleich und gut[seien], wenn nur die Leute, die sie aus\u00fcben, ehrliche Leute sind; und wenn T\u00fcrken und Heiden k\u00e4men und wollten das Land bev\u00f6lkern, wo wollen wir Moscheen und Kirchen bauen&#8220; und unterstrich damit seine Bereitschaft, auch Moscheen f\u00fcr die muslimischen Einwohner bauen zu wollen.<br>Die verfassungsm\u00e4\u00dfig garantierte Religionsfreiheit wird heutzutage insbesondere von den westlichen Staaten als hervorragendes Qualit\u00e4tssiegel einer weltoffenen und fortschrittlichen Gesellschaft gepriesen. Schlie\u00dflich durchbrach jene Freiheit den Absolutheitsanspruch der christlichen Kirche und ebnete den Weg zu einer neuen, profanen Gesellschaftsform. So gilt die Religionsfreiheit als wesentlicher Bestandteil der menschenrechtlichen Verb\u00fcrgungen im V\u00f6lkerrecht. In Artikel 18 der Allgemeinen Erkl\u00e4rung der Menschenrechte hei\u00dft es: \u201eJeder Mensch hat Anspruch auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht umfasst die Freiheit, seine Religion oder seine \u00dcberzeugung zu wechseln, sowie die Freiheit, seine Religion oder seine \u00dcberzeugung allein oder in Gemeinschaft mit anderen in der \u00d6ffentlichkeit oder privat durch Lehre, Aus\u00fcbung, Gottesdienst und Vollziehung eines Ritus zu bekunden.&#8220;<br>Dieser Grundpfeiler der westlichen Gesellschaft scheint durch aktuelle Entwicklungen jedoch auf eine harte Probe gestellt zu werden. Denn durch die Zuwanderung aus der islamischen Welt sieht sich der Europ\u00e4er mit einer fremden Wertegemeinschaft konfrontiert. Im Grunde genommen stellt gerade diese Situation die eigentliche Feuertaufe f\u00fcr die vielzitierte europ\u00e4ische Toleranz dar. So war in der Vergangenheit die Freiheit der Andersdenkenden in praxi immer nur auf die marginalen konfessionellen Unterschiede des Christentums und eurozentrischer Weltanschauungen zugeschnitten. Mit anderen Worten war und ist die Religionsfreiheit nur eine relative; nicht mehr als eine Friedenspfeife, angesteckt um das Kriegsbeil der europ\u00e4ischen V\u00f6lker zu begraben und eine neue Gesellschaftsordnung zu konstituieren. Dass es sich hierbei nur um eine Mogelpackung handelt, welche lediglich die eigene kulturelle Vielfalt ber\u00fccksichtigt, belegt ein aktuelles Urteil des Schweizer Bundesgerichts vom 09.05.2013. Das Gericht entschied, dass \u201e[e]in 14-j\u00e4hriges M\u00e4dchen aus einer streng gl\u00e4ubigen muslimischen Familie im Aargau [&#8230;]keinen Dispens vom geschlechter-getrennten Schwimmunterricht in der Schule&#8220; erhalten d\u00fcrfe. Die Eltern der Sch\u00fclerin beantragten die Befreiung ihrer Tochter vom schulischen Schwimmunterricht und beriefen sich dabei auf die islamischen Gebote der Geschlechtertrennung und Kleidervorschriften. Da \u201eder Unterricht von einem Mann geleitet wird und dass das Schwimmbad von aussen einsehbar ist, weshalb auch fremde M\u00e4nner den Schwimmunterricht beobachten k\u00f6nnten&#8220;, ist er nicht mit den islamischen Vorschriften vereinbar. Die Kl\u00e4ger sahen sich offensichtlich gen\u00f6tigt, den Rechtsweg einzuschlagen, da dem Schamgef\u00fchl des jungen M\u00e4dchens von schulischer Seite keine Rechnung getragen wurde. Auch das Gericht scheint die Meinung zu vertreten, dass eben diesem Schamgef\u00fchl, welches selbst nach eigener Einsch\u00e4tzung \u201eauch als Ausdruck des pers\u00f6nlichen Entwicklungsstandes unabh\u00e4ngig von der Religionszugeh\u00f6rigkeit auftreten&#8220; k\u00f6nne, kein gro\u00dfer Wert beizumessen sei. Da sich die Kl\u00e4ger jedoch nicht mit dem nudistischen Diktat der vermeintlich zivilisierten Welt abfinden wollten, beriefen sie sich auf die verfassungsm\u00e4\u00dfig garantierte und seitens des Westens exhibitionistisch pr\u00e4sentierte Religionsfreiheit. Nun sah sich das eidgen\u00f6ssische Bundesgericht mit einem Dilemma konfrontiert, stand es doch vor der undankbaren Aufgabe, den gordischen Knoten zu l\u00f6sen, welcher aus den Widerspr\u00fcchen zwischen den Freiheiten und der aggressiven Integrationspolitik geschn\u00fcrt wurde. Ganz der archaischen Tradition Europas folgend, wurde der sagenumwobene Knoten weder mit Weisheit, noch mit Geschick gel\u00f6st. Stattdessen griff das Gericht, wie schon Alexander der Gro\u00dfe, zum Schwert und bewies damit auf martialische Art und Weise seine politische Entschlossenheit, die fremden Werte ihrer unliebsamen Einwanderer notfalls zu amputieren. Dementsprechend hat das Bundesgericht unmissverst\u00e4ndlich \u201eklargemacht, dass muslimische M\u00e4dchen, die bereits die Geschlechtsreife erlangt haben, am obligatorischen Schwimmunterricht teilnehmen m\u00fcssen&#8220;; so hei\u00dft es im Grechner Tagblatt. In der Urteilsbegr\u00fcndung verwies das Gericht nicht nur auf die Wahrung der Chancengleichheit, sondern auch auf die \u201ewichtige sozialisierende Funktion&#8220; des Schwimmunterrichts. In concreto will das Alpenland der Welt damit weismachen, dass Nichtschwimmer potentielle Soziopathen und ein potentiell destruktiver Faktor f\u00fcr eine funktionierende Gesellschaft seien. Um das geliebte Heimatland angesichts dieser Gefahren \u00fcber Wasser zu halten, sah sich das Gericht gen\u00f6tigt, die Religionsfreiheit und damit eines seiner goldenen K\u00e4lber zu opfern, denn in diesem Fall sei \u201edie Integration wichtiger als die Religionsfreiheit&#8220;. Doch halb so wild, so das Gericht! Schlie\u00dflich sei festzustellen, \u201edass die Schule den religi\u00f6sen Anliegen der muslimischen Familie weit entgegen gekommen ist, indem sie den Schwimmunterricht nach Geschlechtern getrennt durchf\u00fchrt, Einzelkabinen zum Duschen und Umziehen anbietet und selbst das Tragen eines Burkini erlaubt ist. Der Eingriff in die Religionsfreiheit sei deshalb geringf\u00fcgig. Der Familie sei ohne Weiteres zuzumuten, von ihren Idealvorstellungen hinsichtlich der Ausgestaltung des Schwimmunterrichts abzur\u00fccken und die hiesigen sozialen und gesellschaftlichen Gegebenheiten zu akzeptieren.&#8220;<br>Die Tatsache, dass sich Schweizer Gerichte in ihrer Urteilsfindung mittlerweile von der islamfeindlichen Stimmung leiten lassen, anstatt sich auf geltendes Recht zu st\u00fctzen, wird durch die widersinnige Urteilsbegr\u00fcndung deutlich. Die sprichw\u00f6rtliche docta ignorantia[1] des Richters \u00e4u\u00dfert sich vor allem durch den Verweis auf das vermeintliche Entgegenkommen. Mit derselben Logik k\u00f6nnte ein Bankr\u00e4uber bei seinem \u00dcberfall auf die H\u00e4lfte der Beute verzichten, um damit seine Kompromissbereitschaft zu signalisieren. Ein Verbot in seine Einzelteile zu zerlegen und diese unterschiedlich zu gewichten ist v\u00f6llig absurd. Solche Argumentationsmuster belegen nur den Offenbarungseid europ\u00e4ischer Gerichte. Dass das Gericht zus\u00e4tzlich seine eigenen Vorstellungen zum Ma\u00dfstab f\u00fcr die islamischen Gebote erhebt, zeugt wieder einmal von einer eingebildeten kulturellen \u00dcberlegenheit.<br>Es war eben diese Denkweise, die bereits in Nazideutschland dazu f\u00fchrte, die Religionsfreiheit nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Letztendlich zierte selbst das geschichtlich bekannte, vor Toleranz nur so strotzende Zitat Friedrichs des Gro\u00dfen \u201eJedem das Seine&#8220; das Eingangstor des Konzentrationslagers Buchenwald. So erh\u00e4rtet sich der Verdacht, dass es sich bei der Religionsfreiheit \u2013 wenn es um wirklich Andersdenkende geht \u2013 lediglich um ein Angebot handelt, aufgestellt in der Hoffnung, dass es niemals in Anspruch genommen wird.<br>[1] Belehrte Unwissenheit<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das weltber\u00fchmte Zitat des preu\u00dfischen K\u00f6nigs Friedrich II. \u201eIn meinem Staate kann jeder nach seiner Fasson selig werden&#8220; gilt gemeinhin als wegweisend f\u00fcr die religi\u00f6se und weltanschauliche Toleranz in Europa.<\/p>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":3498,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[1041,1385,1845,2228],"class_list":["post-9744","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","tag-gesellschaft","tag-jedem-das-seine","tag-muslime","tag-religionsfreiheit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9744","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9744"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9744\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/3498"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9744"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9744"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9744"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}