{"id":9755,"date":"2011-10-12T00:00:00","date_gmt":"2011-10-11T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=9755"},"modified":"2011-10-12T00:00:00","modified_gmt":"2011-10-11T22:00:00","slug":"der-us-kapitalismus-auf-dem-absteigenden-ast","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=9755","title":{"rendered":"Der US-Kapitalismus auf dem absteigenden Ast"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Studie tr\u00e4gt den Titel \u201eDie Zunahme von Arbeitspl\u00e4tzen und Einkommen unter Spitzenverdienern und die Ursachen der wachsenden Einkommens-Ungleichheit&#8220;. Sie stammt von den beiden Wirtschaftswissenschaftlern, Jon Bakija vom Williams College und Bradley Heim von der Universit\u00e4t von Indiana, in Zusammenarbeit mit Adam Cole vom Amt f\u00fcr Steueranalysen im US-Finanzministerium. Die Studie ist sehr technisch und in wirtschaftlichem Fachjargon gehalten, aber die Tatsachen, die sie enth\u00fcllt, bergen sozialen und politischen Sprengstoff.<br>Die Forscher haben die Einkommenssteuerdaten des obersten Zehntels vom obersten Prozent aller US-Einkommenssteuerpflichtigen unter die Lupe genommen. Dabei handelt es sich um etwa 140.000 Personen, deren j\u00e4hrliches Durchschnittseinkommen bei 1,7 Millionen US-Dollar lag. Die Studie untersucht die Entwicklung des Einkommensanteils dieser privilegiertesten Schicht der Bev\u00f6lkerung in den vergangen 35 Jahren.<br>Was die Forscher feststellten, widerspricht aller Medienberichterstattung, die sich stets auf eine Handvoll Prominenter aus der Unterhaltungsbranche und Topsportler mit sieben- und achtstelligem Einkommensbetr\u00e4gen konzentriert. In Wirklichkeit sind mehr als sechzig Prozent der Spitzenverdiener Angestellte, Manager und Controller von Finanzfirmen und Konzernen. Weitere elf Prozent sind Anw\u00e4lte und Immobilienhaie. Die Prominenten machen nur drei Prozent aus.<br>Die Studie belegt im Detail die gewaltige Ver\u00e4nderung der sozio-\u00f6konomischen Struktur der amerikanischen Gesellschaft in den vergangen 35 Jahren. W\u00e4hrend dieser Zeit vervierfachte sich der Anteil des Zehntel- Prozents an der Spitze. Er stieg von 2,5 Prozent des Nationaleinkommens im Jahr 1975 auf 10,4 Prozent im Jahr 2008.<br>Der Einkommensanteil der obersten 0,01 Prozent Spitzenverdiener verf\u00fcnffachte sich sogar und erh\u00f6hte sich in derselben Zeit von 0,85 Prozent auf 5,03 Prozent des Nationaleinkommens. Grob gesch\u00e4tzt bedeutet das, dass die Reichsten der Reichen, etwa 15.000 Menschen, ein j\u00e4hrliches Durchschnittseinkommen von je 27 Millionen US- Dollar einstreichen.<br>Die st\u00e4ndig wachsenden Verg\u00fctungen der Konzernchefs sind weit davon entfernt, einen \u201eExzess&#8220;, \u00e4hnlich einer Warze im Gesicht, darzustellen. Vielmehr sind sie die wichtigste Triebkraft, die hinter dieser zunehmenden wirtschaftlichen Ungleichheit steckt.<br>Die Verg\u00fctungen der Konzernchefs haben sich in den vergangen 35 Jahren vervierfacht und haben mit dem Einkommensanstieg der 0,1 Prozent an der Spitze Schritt gehalten. Auf die Angestellten und Manager, die etwa sechzig Prozent dieser 140.000 Spitzensteuerzahler ausmachen, entfallen siebzig Prozent des Einkommenszuwachses der Vergangenen 35 Jahre.<br>In der Zusammenfassung der Washington Post hei\u00dft es bezeichnenderweise: \u201e Dies sind nicht nur Angestellte von Wall-Street-Firmen. Sie kommen aus Unternehmen in relativ allt\u00e4glichen Branchen, wie zum Beispiel aus dem Milchgesch\u00e4ft.&#8220; Anders ausgedr\u00fcckt: es handelt sich nicht nur um eine Folge der atemberaubenden Profite an den Finanzm\u00e4rkten, sondern um ein Ph\u00e4nomen, das das gesamte amerikanische Gesch\u00e4ftsleben infiziert hat. Um den Wandel zu veranschaulichen, skizzierte die Washington Post das Profil zweier Konzernchefs: des gegenw\u00e4rtigen Chefs von Dean Foods und seines Vorg\u00e4ngers vor vierzig Jahren.<br>Der heutige Chef, Gregg L. Eagles, verdient zehnmal so viel wie sein Vorg\u00e4nger Kenneth J. Douglas (der in heutigen Dollars eine Million pro Jahr verdiente), bewohnt ein sechs Millionen Dollar teures Haus in einem Vorort von Dallas, besitzt eine Ferienresidenz in der N\u00e4he von Vail in Colorado, ist Mitglied in vier Golfklubs und reist in einem zehn Millionen Dollar teuren Firmenjet.<br>W\u00e4hrend der Chef dieses Unternehmens, das zu den 500 von der Zeitschrift Fortune aufgelisteten Topfirmen z\u00e4hlt, heute eine zehnmal so hohe Verg\u00fctung kassiert, ist laut Washington Post \u201eder Stundenlohn der Leute, die die Milch in den Molkereien der Firma verarbeiten, pasteurisieren und verpacken, real um neun Prozent gesunken&#8220;.<br>Dies verdeutlicht den allgemeinen Trend in der Wirtschaft: W\u00e4hrend die Einkommen der Superreichen dem Geldsegen f\u00fcr die Chefs folgten und sich vervierfacht haben, ist der Lebensstandard der arbeitenden Menschen entweder stagniert oder gar gesunken.<br>Die Ungleichheit in den Vereinigten Staaten \u00fcbertrifft die aller anderen fortgeschrittenen Industriel\u00e4nder Europas und Asiens, ihrer Hauptrivalen auf dem Weltmarkt.<br>Was Ungleichheit betrifft, rangieren die USA mit einigen der \u00e4rmsten unterentwickelten L\u00e4nder auf gleicher H\u00f6he. Sie sind nur wenig ungleicher als Kamerun und die Elfenbeink\u00fcste und weniger ungleich als Uganda.<br>Die Zahlen, die Bakija, Heim und Cole anf\u00fchren, basieren auf Steuerdaten, die bis 2008 gesammelt wurden. Sie spiegeln daher nicht den Einfluss des Wall-Street-Crashes vom September 2008 wider und auch nicht den darauf folgenden Fast-Zusammenbruch des US- und Weltfinanzmarktes samt dem \u00dcbergang in die gr\u00f6\u00dfte Rezession seit der Gro\u00dfen Depression.<br>Die wirtschaftliche Ungleichheit ist durch die anschlie\u00dfende Rallye am Aktienmarkt, die fast alle seine Verluste wettgemacht hat, genauso verst\u00e4rkt worden wie durch das Rekordniveau von Unternehmensgewinnen und Chefgeh\u00e4ltern, den gegenw\u00e4rtigen Lohnabbau und die Schaffung einer permanenten Armee von f\u00fcnfzehn Millionen Arbeitslosen.<br>Es gibt viele politische Erkenntnisse, die man aus diesen Zahlen folgern kann. Man k\u00f6nnte fast endlose Gegens\u00e4tze anf\u00fchren zwischen der obsz\u00f6nen Selbstbereicherung der herrschenden Elite in den USA und der wachsenden Zahl verlorener Arbeitspl\u00e4tze, der Armut, den Zwangsversteigerungen, der Obdachlosigkeit, des Hungers und unbehandelter Krankheiten.<br>Erst im Juli dieses Jahres berichtete eine Studie der Universit\u00e4t von Washington \u00fcber den weit verbreiteten R\u00fcckgang der Lebenserwartung, insbesondere bei Frauen, und dem Abrutschen der USA vom 20. Auf den 37. Platz der internationalen Statistik f\u00fcr die vergangenen zehn Jahre.<br>Eine Schlussfolgerung sollte jedoch als erste gezogen werden: Was in den USA als \u00f6ffentliches Leben gilt \u2013 das politische Gerangel zwischen Demokraten und Republikanern \u2013 ist die Politik des Spitzenzehntels eines Prozents der Bev\u00f6lkerung. Daher konzentriert man sich ausschlie\u00dflich auf die Verringerung von Haushaltsdefiziten, eine Forderung, die ja vor allem die Wallstreet- Geldmanager aufstellen, w\u00e4hrend gleichzeitig Millionen Menschen eher gutbezahlte Jobs und angemessene soziale Dienstleistungen, z.B. im Erziehungs- und Gesundheitswesen, brauchen w\u00fcrden.<br>Die zwei offiziell anerkannten Parteien repr\u00e4sentieren nur jene, deren Anteil am Nationaleinkommen in den vergangenen drei Jahrzehnten st\u00e4ndig gestiegen ist. Beide Parteien verteidigen das kapitalistische Profitsystem, und ihre Politik ist darauf ausgerichtet, das Krebsgeschw\u00fcr sozialer Ungleichheit zu f\u00fcttern, das mittlerweile alle Bereiche der amerikanischen Gesellschaft durchdringt. Was sich in den USA abspielt ist nur charakteristisch f\u00fcr das kapitalistische Wirtschaftssystem, in dem die Umverteilung des Wohlstands keine Rolle spielt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Vereinigten Staaten von Amerika haben ihren Zenit l\u00e4ngst \u00fcberschritten und werden zusehends zur ungleichsten Gesellschaft unseres Planeten. Eine vor Kurzem erschienene umfangreiche Wirtschaftsanalyse in der Washington Post belegt diesen Trend deutlich. Sie lotet den wachsenden Graben zwischen den Wohlhabenden und dem Rest der Gesellschaft aus.<\/p>\n","protected":false},"author":20,"featured_media":2974,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[23],"tags":[1434,1931],"class_list":["post-9755","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-westliche-konzeptionen","tag-kapitalismus","tag-niedergang"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9755","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/20"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9755"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9755\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2974"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9755"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9755"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9755"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}