{"id":9822,"date":"2013-11-24T00:00:00","date_gmt":"2013-11-24T00:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=9822"},"modified":"2013-11-24T00:00:00","modified_gmt":"2013-11-24T00:00:00","slug":"tendenzioese-schreckensgeschichten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=9822","title":{"rendered":"Tendenzi\u00f6se Schreckensgeschichten"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach beinahe drei Jahren Aufstand ist es nun amtlich: Nachdem zu Anfang des Syrienkonflikts das Assad-Regime in den Augen der internationalen Gemeinschaft als nicht mehr tragbare Diktatur und die Opposition als Hoffnungstr\u00e4ger galt, hat sich diese Einteilung mittlerweile in das Gegenteil verkehrt.<br>Selbst vermeintliche Unterst\u00fctzer der Revolution distanzieren sich zunehmend von den k\u00e4mpfenden Oppositionellen und be\u00e4ugen argw\u00f6hnisch die unerwartete Schlagkraft islamischer Brigaden sowie ihre Entschlossenheit, die gewonnene politische Autarkie nicht zu Gunsten westlicher Planspiele preisgeben zu wollen. Der Hoffnung, via der T\u00fcrkei, Katar und Saudi-Arabien die F\u00fchrungszirkel der Mujahedin zu korrumpieren und ihre Aktivit\u00e4ten entsprechend eigener Ziele zu kanalisieren, ist der ern\u00fcchternden Erkenntnis gewichen, dass der ideologisch aufgeladene Konflikt resistent gegen westliche Einflussnahme ist.<br>Vor diesem Hintergrund war es nur eine Frage der Zeit bis sich die T\u00fcrkei offiziell gegen den bewaffneten Aufstand stellt und laut nach einem politischen Kompromiss verlangt, um der zunehmenden Destabilisierung an seinen Grenzen entgegenzuwirken. So betonte der t\u00fcrkische Staatspr\u00e4sident Abdullah G\u00fcl in einem Interview mit dem Guardian vom 03.11.2013, dass die einzige L\u00f6sung in diplomatischen Initiativen zu suchen sei. Er lobte das j\u00fcngste Treffen der Freunde Syriens in London und brachte seine Hoffnung zum Ausdruck, den endg\u00fcltigen Durchbruch durch die zweite Friedenskonferenz in Genf zu erzielen. Gleichzeitig warnte er vor der zunehmenden Radikalisierung k\u00e4mpfender Gruppen, denn letztlich w\u00fcrden \u201eunter solchen Umst\u00e4nden auch normale Menschen immer extremer und dies ist nicht nur eine Gefahr f\u00fcr die T\u00fcrkei, sondern f\u00fcr alle.&#8220; Weiter k\u00f6nne in der Region nicht \u201eso etwas wie Afghanistan&#8220; akzeptiert werden und so sei eine solide Positionierung der internationalen Gemeinschaft in der Syrienfrage umso wichtiger. Mit dieser ver\u00e4chtlichen \u00c4u\u00dferung stie\u00df Abdullah G\u00fcl in dasselbe Horn wie zahlreiche Experten, Politiker und Medienvertreter: Ein Sieg der Extremisten m\u00fcnde wie in Somalia und Afghanistan unweigerlich in einem gescheiterten Staat, in dem Warlords und kriminelle Banden dominieren w\u00fcrden. Dar\u00fcber hinaus w\u00fcrde sich das Gebiet durch die Implementierung der Shari&#8217;a in eine Brutst\u00e4tte des internationalen Terrorismus verwandeln.<br>Abgesehen von diesem undifferenzierten Vergleich v\u00f6llig verschiedener Regionen und Entwicklungen, ist er ein Indikator f\u00fcr den eigentlichen Standpunkt in diesem Konflikt. Schlie\u00dflich zielen G\u00fcls Aussagen sowie die Darstellung internationaler Medien darauf ab, \u00c4ngste zu sch\u00fcren und die k\u00e4mpfende Opposition in die Isolation zu treiben. So werden die Mujahedin als zusammengew\u00fcrfelter Haufen verschiedenster Str\u00f6mungen dargestellt, welche sich auf keine politische Agenda einigen k\u00f6nnten und daher auch nicht im Stande seien, die eroberten Gebiete zu verwalten. Anstatt Ordnung herzustellen, seien sie nicht einmal in der Lage, die Grundversorgung zu gew\u00e4hrleisten. Die Bilder friedlicher Demonstranten, die vor dem Beschuss der Assad-Truppen Deckung suchen, sind Bildern verwahrloster Stra\u00dfenkinder, an denen die Pick-Ups bis an die Z\u00e4hne bewaffneter und finster dreinblickender K\u00e4mpfer vorbeifahren, gewichen. St\u00e4ndig erscheinen Berichte, die beschreiben, wie bewaffnete Aufst\u00e4ndische alle Nahrungsmittel und medizinischen Ressourcen f\u00fcr sich beanspruchen und auf dem R\u00fccken der leidenden Zivilbev\u00f6lkerung einen Krieg austragen w\u00fcrden, in dem es keinen Sieger gebe. Der Hauptangriffspunkt gilt dem angeblichen Zerw\u00fcrfnis der K\u00e4mpfer, welches sich immer h\u00e4ufiger in blutigen Auseinandersetzungen \u00e4u\u00dfere. Auf ebendiese Darstellung hat sich seit geraumer Zeit neben zahlreichen weiteren Printmedien und Onlineplattformen auch die Spiegel Redaktion eingeschossen. In einem Artikel vom 20.09.2013 hei\u00dft es dazu: \u201eDie Aufst\u00e4ndischen in Syrien, die seit zweieinhalb Jahren gegen das Assad-Regime k\u00e4mpfen, haben sich in unz\u00e4hlige Gruppen aufgesplittert. Sie sind vereint im Hass auf den Diktator, doch von der Zukunft ihres Landes haben sie v\u00f6llig unterschiedliche Vorstellungen. Immer \u00f6fter wird die Rivalit\u00e4t zwischen den Fraktionen mit Waffengewalt ausgetragen. Ausgerechnet nahe der Grenze zum Nato-Land T\u00fcrkei sind die K\u00e4mpfe in dieser Woche eskaliert. K\u00e4mpfer der Gruppe Islamischer Staat im Irak und Syrien, kurz Isis, hatten die Stadt Asas tagelang beschossen und am Donnerstag eingenommen.&#8220; In dem Artikel \u201eDead Man Walking&#8220;, welcher am 14. August auf Kalifat.com erschien, wurde bereits konstatiert, dass Schie\u00dfereien zwischen Rebellengruppen von westlichen Beobachtern wiederholt als Sargnagel der Rebellion interpretiert wurden.<br>Diese Berichte \u00fcber Zerfallserscheinungen und interne Machtk\u00e4mpfe waren 2011 noch exemplarisch f\u00fcr die Beschreibung der syrischen Streitkr\u00e4fte, Geheimdienste und Regierungsanstalten. Meldungen \u00fcber die Solidarisierung ganzer Armeeeinheiten mit dem Volk sowie die Fahnenflucht ranghoher Offizieller dominierten die Schlagzeilen jener Tage und wurden durchweg positiv kommentiert. Medien und Politiker sahen das Regime bereits in seinen letzten Atemz\u00fcgen und diskutierten offen \u00fcber ein m\u00f6gliches Exil f\u00fcr Bashar al-Assad im Iran oder Russland. Nachdem sich jedoch immer deutlicher der islamische Charakter der Revolution abzeichnete, warf der Westen den politischen Defibrillator an und versucht seither, dem totgeweihten Assad-Regime neues Leben einzuhauchen. Dies \u00e4u\u00dfert sich deutlich in der aktuellen Berichterstattung, die von Erfolgsmeldungen und einer erstaunlichen Renaissance der Schlagkraft und Stabilit\u00e4t des Regimes gepr\u00e4gt ist. Eine L\u00f6sung des Konflikts sei daher nur unter Einbindung der damaszener Regierung m\u00f6glich, sei sie doch der einzig homogene Ansprechpartner im Land, so die Behauptung westlicher Kommentatoren.<br>Durch die Zerfallserscheinungen, mit denen das Regime besonders im Jahre 2011 konfrontiert war, sahen sich die syrischen Milit\u00e4rs tats\u00e4chlich gezwungen, durch eine radikale Umstrukturierung die Streitkr\u00e4fte vor dem totalen Kollaps zu bewahren. Der Einsatz regul\u00e4rer Truppen an den Frontlinien barg die Gefahr weiterer Desertierungen in sich und so entschieden sich die Gener\u00e4le, sie entweder in den Kasernen zu belassen, oder in entfernte Gebiete zu verlegen, in denen es keinerlei Kampfhandlungen gab. Die Hauptlast wird seitdem von einem Konglomerat syrischer Nationalgardisten und paramilit\u00e4rischer S\u00f6ldnergruppen getragen. Auch desinformierte Freiwillige aus dem Iran, Irak, Afghanistan und dem Libanon, welche sich im Kampf gegen den Zionismus w\u00e4hnen, werden zunehmend von dem syrischen Regime in blutigen H\u00e4userk\u00e4mpfen verheizt. Bereits an dieser Vielschichtigkeit l\u00e4sst sich ablesen, dass von Homogenit\u00e4t und Eintracht keine Rede sein kann. Die Aufteilung der Streitkr\u00e4fte in privilegierte Spezialeinheiten und Kanonenfutter hat in der j\u00fcngsten Vergangenheit zu handfesten Auseinandersetzungen gef\u00fchrt. W\u00e4hrend syrische Nationalgardisten mit schwerer Artillerie aus sicherer Distanz feuern, haben K\u00e4mpfer der Hisbollah vornehmlich die Aufgabe, sich an gef\u00e4hrdeten Stellungen einzugraben und diese zu verteidigen. Die undankbarste aller Aufgaben \u00fcbernehmen heimische Milizen sowie ausl\u00e4ndische S\u00f6ldnertruppen, welche sich Hals \u00fcber Kopf in die Gefechte st\u00fcrzen m\u00fcssen. In diesem Kontext h\u00e4ufen sich Berichte \u00fcber den r\u00fccksichtslosen Artillerieeinsatz syrischer Truppen, bei dem die aufgehetzten Legion\u00e4re durch sogenanntes friendly fire get\u00f6tet werden. Zus\u00e4tzlich scheinen sich auch unter den regimetreuen Milizen zunehmend Fronten aufzutun, die mit bewaffneten Auseinandersetzungen einhergehen. In einer aktuellen Analyse berichtet die Denkfabrik Stratfor von einer Schie\u00dferei in der N\u00e4he von Damaskus zwischen der libanesischen Hisbollah und der irakischen Abu l-Faddl al-Abbas Miliz, bei der es mehrere Tote gab. Dem vorausgegangen tobte ein heftiger Streit, bei dem die Hisbollah ihren F\u00fchrungsanspruch \u00fcber die von ihnen als primitiv bezeichneten Iraker geltend machen wollte. Stratfor sieht darin gar einen m\u00f6glichen Auftakt von Kompetenzk\u00e4mpfen und prognostiziert weitere Aufteilungen in Hoheitsgebiete unter der Vorherrschaft der unterschiedlichen Kampfverb\u00e4nde.<br>Im Norden des Landes wird der syrische Ableger der PKK (YPG) ebenfalls zu einem Vork\u00e4mpfer gegen den politischen Islam und das damit vermeintlich einhergehende Chaos hochstilisiert. W\u00e4hrend jeder von ihr eingenommene Zentimeter als Meilenstein \u201eim Kampf gegen al-Qaida&#8220; gefeiert wird, scheinen Medien und Politik hierzulande zunehmend demente Z\u00fcge anzunehmen. Noch vor wenigen Jahren wurde die PKK in Deutschland verboten und genau wie der milit\u00e4rische Fl\u00fcgel der Hisbollah als Terrororganisation gebrandmarkt. Oft hei\u00dft es dazu von westlicher Seite, dass die PKK jedoch den Volkswillen der Kurden repr\u00e4sentiere und daher trotz ihrer \u00c4chtung ein legitimer Ansprech- und Kooperationspartner in der Syrienfrage sei. Doch auch diese Darstellung wird von der Realit\u00e4t brutal entstellt, denn entgegen diesem Narrativ existieren selbstverst\u00e4ndlich auch unter den Kurden divergente politische Str\u00f6mungen. Eine Bruchlinie verl\u00e4uft dabei zwischen den Barzani-Anh\u00e4ngern und der PKK. Beide Fraktionen rivalisieren in Syrien, vertreten durch den Kurdish National Council (KNC) auf der einen und dem PKK-Ableger Democratic Union Party (PYD) auf der anderen Seite. Letzterer warf in der Vergangenheit den Barzani-Anh\u00e4ngern aufgrund ihrer Zur\u00fcckhaltung im Kampf gegen die Islamisten regelm\u00e4\u00dfig Verrat vor. Eine selten erw\u00e4hnte, gleichwohl aber gravierende Bruchlinie verl\u00e4uft zudem zwischen diesen beiden s\u00e4kularen Str\u00f6mungen und kurdisch-islamischen Gruppen wie der Salah al-Din Brigade, welche Seite an Seite mit ihren Br\u00fcdern von Jabhah al-Nussrah gegen kurdische Nationalisten k\u00e4mpft. Dar\u00fcber hinaus sind viele Kurden selbst Teil der islamischen Revolution und unterst\u00fctzen aktiv den Widerstand gegen alle s\u00e4kularen Kr\u00e4fte.<br>Der evolution\u00e4re Prozess der Berichterstattung der letzten Jahre im Syrienkonflikt, welcher durch wechselnde Positionierung gekennzeichnet war, offenbart wie zweckgebunden die Medien die Realit\u00e4t darstellen. W\u00e4hrend das Konfliktpotential innerhalb der Assad-Koalition bewusst verschwiegen wird, bl\u00e4hen sie kleinste Differenzen der islamischen Brigaden k\u00fcnstlich auf und attestieren ihnen politischen Dilettantismus. Hierdurch zielen sie auf die Ur\u00e4ngste der Menschen ab und suggerieren ihnen, dass ihre Bed\u00fcrfnisse nach Sicherheit, Versorgung und vor allem Einheit in diesem Krieg keinesfalls von den Rebellen, sondern nur von Assad erf\u00fcllt werden k\u00f6nnten. Eine Darstellung, die von Heuchelei und Widerspr\u00fcchlichkeit kaum zu \u00fcberbieten ist, warnen sie doch immer wieder vor dem Bestreben der islamischen Brigaden, ein panislamisches Kalifat errichten zu wollen und nennen hierdurch die angeblich nichtexistente politische Agenda der Aufst\u00e4ndischen selbst beim Namen. Die Medien trachten also danach, durch die Verbreitung tendenzi\u00f6ser Schreckensgeschichten \u00fcber Hunger und Tod die Motivation der Muslime zu zerst\u00f6ren. Doch sie haben die Rechnung ohne die Gottesfurcht der Gl\u00e4ubigen gemacht, die den Hungertod jedem reichgedeckten Tisch vorziehen w\u00fcrden, an dem Bashar al-Assad der Gastgeber w\u00e4re. All jenen, die sich dennoch an seinen Tisch bitten und sich das Mahl von seinen blutverschmierten H\u00e4nden servieren lassen, sei gesagt, dass sie schon bald mit ihm die gemeinsame Henkersmahlzeit genie\u00dfen werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach beinahe drei Jahren Aufstand ist es nun amtlich: Nachdem zu Anfang des Syrienkonflikts das Assad-Regime in den Augen der internationalen Gemeinschaft als nicht mehr tragbare Diktatur und die Opposition als Hoffnungstr\u00e4ger galt, hat sich diese Einteilung mittlerweile in das Gegenteil verkehrt.<\/p>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":3591,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[250,287,676,2237,2523,2565],"class_list":["post-9822","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","tag-assad","tag-aufstand","tag-diktatur","tag-revolution","tag-syrienkonflikt","tag-tendenzioese-schreckensgeschichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9822","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9822"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9822\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/3591"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9822"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9822"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9822"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}