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Allgemein Überkompensation als Staatsräson

Wir schreiben den 31.08.2015. Wie jeden Montagmorgen ist in der Lennéstraße nicht sonderlich viel los, wenig Fußgänger, etwas Verkehrslärm, Vogelgezwitscher – ein ganz normaler Tag wie es scheint. Doch hinter der eleganten Luxusfassade des Bürogebäudes mit der Nummer Eins herrscht Ausnahmezustand!

Wir schreiben den 31.08.2015. Wie jeden Montagmorgen ist in der Lennéstraße nicht sonderlich viel los, wenig Fußgänger, etwas Verkehrslärm, Vogelgezwitscher – ein ganz normaler Tag wie es scheint. Doch hinter der eleganten Luxusfassade des Bürogebäudes mit der Nummer Eins herrscht Ausnahmezustand!

Dort befindet sich die deutschsprachige Propagandaabteilung des Kreml – auch unter der Bezeichnung RT bekannt –, in der die Mitarbeiter an diesem Morgen fieberhaft an ihren Rechnern sitzen und hechelnd durch die Gänge jagen! Die Devise lautet „Gas geben!“, denn die Öffentlichkeit muss umgehend über die neueste Machtdemonstration Wladimir Putins sowie dem erneuten Beweis russischer Souveränität und staatlicher Dominanz informiert werden! Nach stundenlangem Ringen um adäquate Wortwahl, Syntax und resultierender Dramaturgie steht die Schlagzeile endlich fest und ist bereit, samt Teaser das Licht der Welt zu erblicken: „Sotschi: Putin und Medwedew zum gemeinsamen Krafttraining im Fitnessstudio – Russlands Präsident Wladimir Putin und der russische Ministerpräsident Dmitri Medwedew haben sich am Sonntag in Sotschi zum gemeinsamen Fitnesstraining getroffen und im Anschluss zusammen gefrühstückt. Nach ein paar Aufwärmübungen begannen sie mit dem Krafttraining.“ Die einzig mögliche Erkenntnis, die aus diesem Akt russischer Selbstdarstellung gewonnen werden könne, formuliert indes der beeindruckte und zugleich begeisterte Teil der russophilen Leserschaft in nicht weniger als 142 Kommentaren: Putin ist stark, stärker, am stärksten!

Wer nun glaubt, es handle sich hierbei lediglich um einen redaktionellen Ausrutscher, der irrt, denn das Tagesgeschäft von RT besteht eben gerade in der Veröffentlichung eigenartiger, tatsachenverdrehender und verzerrender Artikel, die unaufhörlich von der russischen Unverwundbarkeit und der kurz bevorstehenden Implosion seiner westlichen Feinde fabulieren. In dasselbe Horn stoßen auch sämtliche Artikel, die sich mit dem für Russland traditionell eher unangenehmen Themengebiet der Ökonomie beschäftigen. Demnach hätten westliche Sanktionen weder die russische Wirtschaft lahmlegen, noch das Vertrauen der Investoren nachhaltig zerstören oder den Rubel-Kurs in den Keller stürzen lassen können. „Viele erwarteten, dass die Sanktionen und der niedrige Ölpreis zu einem Kollaps der russischen Wirtschaft, einer Rubel-Abwertung, zu sozialen Unruhen und Hyperinflation führen würden. Doch das ist nicht passiert.“, so der von RT zitierte Finanzminister Anton Siluanov. Verhindert hätten dies insbesondere die von dem genialen Putin angeordneten Finanzmaßnahmen, welche Anfang des Jahres in Kraft traten. Nachdem der Rubel im Laufe des Jahres 2014 über 50% seines Wertes verloren hatte, sei Russland nun auf dem besten Weg, alles wieder wett zu machen. So sei der Kurs in den ersten drei Monaten um phänomenale 30% gestiegen und die verschreckten Investoren auf den russischen Markt zurückgekehrt. Dies beweise, dass der Rubel „extrem stark“ und die „am besten performende Währung“ überhaupt sei. Selbst der niedrige Ölpreis könne der russischen Wirtschaft nichts mehr anhaben. Da die Regierung ganz genau wüsste, wie sie mit der derzeitigen Situation umzugehen habe, könne Russland „problemlos bei einem um die 50 Dollar Marke fluktuierenden Preis pro Barrel überleben“. Getoppt wird dieser schon surreal anmutende Optimismus lediglich durch den Meister selbst. Denn Putins scharfsinniger Analyse folgend, müsse Russland den Spieß einfach umdrehen, also die wirtschaftliche Not zur Tugend machen! Schließlich hätten die westlichen Sanktionen bereits jetzt dazu geführt, dass sich die stolze Nation stärker auf die einheimische Landwirtschaft und High-Tech-Industrie konzentriert und daher die agrarwirtschaftliche Import- und energiewirtschaftliche Exportabhängigkeit des Landes gemindert. Diese Konstellation könne genutzt werden, um völlig „neue Entwicklungsstufen zu erreichen“. Anstatt also ständig von der schwächelnden Wirtschaft Russlands zu reden, sollte sich die Öffentlichkeit doch lieber auf die US-Ökonomie konzentrieren, die durch ihren baldigen Totalzusammenbruch die ganze Welt mit in den Abgrund zu reißen droht! „Die Staatsschulden der USA sind mittlerweile größer als ihr Bruttoinlandsprodukt, […] das ist sehr besorgniserregend und ein Warnsignal nicht nur an die [Vereinigten] Staaten, sondern für die gesamte Wirtschaft. Wir wissen nicht genau wie sich die Situation entwickeln wird.“, so der geistreiche Vollblutökonom Wladimir Putin.

Dass all diese bizarren Erklärungsversuche nicht sonderlich viel mit der ökonomischen Realität Russlands zu tun haben, verrät ein einfacher Blick auf die Zahlen. Anstatt die Währungsentwicklung an intermediären Trends festzumachen, offenbart eine längerfristige Betrachtung die tatsächliche Stärke des Rubels. So hat die russische Währung in den letzten zwölf Monaten 34,12% an Wert eingebüßt und in den letzten fünf Jahren sage und schreibe 50,39% (Stand vom 19.10.15)! Der Rubel rollt also tatsächlich – die RT-Analysten haben sich nur ein wenig mit dem Vorzeichen vertan. Doch die Behauptung, Russland könne sehr gut mit einem Ölpreis von ca. 50 $/bbl leben, lässt befürchten, dass die Experten des Kreml vollends von allen guten (Haus)Geistern verlassen sind. Die enorme Diskrepanz zum russischen Break-Even von 105 $/bbl hat unlängst zu einer hektischen Vorverlegung der Moskauer Budgetdebatte geführt. Stratfor kommentierte die schwierige Finanzsituation am 22.06.2015 wie folgt: „Für das Jahr 2015 wird ein russisches Budgetdefizit von 40 Milliarden Dollar erwartet – dies entspricht drei Prozent des Bruttoinlandproduktes […] Das Budgetdefizit der russischen Regierung betrug laut den Angaben des Finanzministeriums allein in den Monaten Januar bis Mai 19,2 Milliarden. Zwar wird für die zweite Hälfte des Jahres mit einer Verlangsamung des wirtschaftlichen Niedergangs gerechnet […], doch dies wird nicht ausreichen, um die Lücke im Budget zu schließen.“ Entgegen finanzstarken Akteuren wie Saudi-Arabien oder Katar ist Russland daher gezwungen, empfindliche Kürzungen und finanzielle Umschichtungen in gesellschafts- und machtpolitisch wichtigen Feldern wie dem Rentensystem, den Rüstungsausgaben und Subventionsfonds vorzunehmen. Die zusätzliche Berücksichtigung des produktionskostenbezogenen Break-Evens führt die ungünstige Situation der „eurasischen Supermacht“ noch deutlicher vor Augen. Während die Saudis mit ihren Produktionskosten von weniger als 10$/bbl seelenruhig schlafen können, müssen russische Produzenten zwischen 40 $/bbl und 60 $/bbl investieren. Fluktuiert der Rohölpreis künftig weiterhin um die 50 $-Marke, könnte zumindest für einige Produzenten im rohstoffreichen Sibirien das Licht ausgehen. „Wenn der Ölpreis einmal diese Level erreicht, stehen einige Produzenten vor der schwierigen Entscheidung entweder weiter zu produzieren und dabei bei jedem Barrel Geld zu verlieren, oder die Produktion einzustellen und das Angebot zu reduzieren.“, so der Energie-Experte Robert Plummer. In diesem Kontext entpuppt sich die sogenannte Ölpreisbindung als zusätzliche Belastung für den weltweit größten Erdgasexporteur. Die auf die 1960er Jahre zurückgehende Regelung gestattet den Gasproduzenten, ihre Preise mit einer zeitlichen Differenz von bis zu sechs Monaten an den Ölpreis zu koppeln. Trotz der Liberalisierung europäischer Energiemärkte spielt diese Preisbindung insbesondere bei langfristigen Lieferverträgen im midstream-Bereich nach wie vor eine zentrale Rolle. Doch anstatt wie gewohnt stabilisierend auf den Gaspreis zu wirken, zieht die Ölpreiskopplung selbigen nun in den Keller. Mit einer Verzögerung von exakt fünf Monaten reagierte auch der international gehandelte Erdgaspreis auf die Ölkrise und brach in den darauffolgenden Monaten um 42,24% ein (Stand 18.10.15). Die von den Vereinigten Staaten und der EU verhängten Wirtschaftssanktionen verschärfen die prekäre Situation zusätzlich: „Russland, der Iran und Venezuela sind drei Exporteure, die sehr stark von den fallenden Ölpreisen getroffen worden sind. Im Falle Russlands und Irans, muss der fallende Ölpreis in Kombination mit den Sanktionen betrachtet werden, welche beiden Ländern den Zugang zu Kapitalmärkten erschweren und damit verhindern, dass sie sich einfach aus der derzeitigen Krise herausfinanzieren können.“, so Carlos Pascual – Senior Vice President der renommierten Denkfabrik IHS. Auch die Ökonomen des Internationalen Währungsfonds scheinen den Optimismus der eingefleischten Putinanhänger nicht zu teilen. Während für das Jahr 2015 mit einem Rückgang von 3,4% des BIP zu rechnen ist, könnte sich die Lage 2016 erneut stabilisieren – vorausgesetzt es kommt nicht zu externen Schocks durch eine weitere Verschlechterung der geopolitischen Lage.

Dem standardmäßig eingebrachten Einwand „Russland könne die Krise doch einfach aussitzen und sogar gestärkt aus ihr hervorgehen“ sei entgegnet, dass das sibirische Land in dem weder Milch noch Honig fließt, auch zukünftig immer wieder mit wirtschaftlichen Problemen dieser Art konfrontiert sein wird. Dies liegt vor allem an dem monostrukturellen Charakter der russischen Ökonomie und den daraus resultierenden Abhängigkeiten. Mit einem Exportanteil von über 60% und einem BIP-Anteil von 30% ist der Öl- und Gassektor die mit Abstand wichtigste Lebensader des Landes. „Eine für Russland schwierige Angelegenheit ist seine extreme Abhängigkeit von den Einnahmen aus den Erdölexporten […], 52% des russischen Budgets hängen direkt von Öl und Gas ab.“, so Pascual. Die durch fallende Preise erlittenen Verluste können aufgrund mangelnder Diversität nicht ausgeglichen werden. Während für die Vereinigten Staaten durch die Ölkrise sogar Wachstumseffekte erwartet werden, fehlt es der russischen Volkswirtschaft an produzierendem Gewerbe, welches aus den niedrigen Energiepreisen profitieren und auf diese Weise mehr produzieren könnte. Die energiewirtschaftliche Konzentration führt zu einem Ungleichgewicht mit weitrechenden Folgen. Laut Investopedia beeinflusst der Ölpreis in starkem Maße auch den russischen Import: „Da das Land ein Netto-Importeur von nahezu allen Gütern außer Erdöl und Wodka ist, führte der von der Rubelentwertung verursachte Anstieg der Einfuhrpreise zu einer starken Inflation, der die russische Regierung durch die Anhebung des Leitzins auf 17% entgegenzuwirken versuchte.“ Und selbst die russische Rüstungsindustrie bekommt die Folgen der Ölpreiskriese immer deutlicher zu spüren: „Russlands Rüstungsindustrie wird durch die fallenden Ölpreise und den schwachen Rubel negativ belastet […]. In Zentralrussland, in dem die meisten Rüstungsunternehmen angesiedelt sind, verzeichnete das Nizhny Novgorod Machine-Building Plant (NMZ) – Teil des Almaz-Antey Konzerns – in der ersten Hälfte des Jahres 2015 einen Nettoverlust von 1,2 Milliarden Rubel (18 Millionen USD) […].“, so die Militärexperten der britischen Denkfabrik IHS Jane’s 360. Das Problem der russischen Nation besteht daher nicht lediglich in einer vorübergehenden Wirtschaftskrise, sondern in der Monostruktur der eigenen Volkswirtschaft und den damit einhergehenden strategischen Nachteilen. Um dieser strukturellen Unzulänglichkeit nachhaltig entgegenzuwirken, bedarf es angesichts der schwach ausgeprägten zivilen Wirtschaft einer massiven Kraftanstrengung. Die vor dem Muskelprotz Putin liegende Herausforderung fasst IHS folgendermaßen zusammen: „Um zu [langfristigem] Wachstum zurückzukehren muss Russland seine Wirtschaft diversifizieren und sich von der einseitigen Energieabhängigkeit befreien. Hierfür werden jedoch massive Kapitalinvestitionen benötigt. Der technologische Fortschritt – von den Ökonomen totale Faktorproduktivität genannt – ist verglichen mit anderen westlichen Staaten von schwachen Wachstumsraten geprägt. Die überlastete und zugleich veraltete Infrastruktur sowie die rudimentären Produktionskapazitäten der anderen Sektoren begrenzen das Wachstumspotential der russischen Ökonomie.“

Angesichts der ebenso geopolitischen wie ökonomischen Unzulänglichkeiten Mütterchen Russlands, bietet die Individualpsychologie das wohl beste Erklärungsmodell für die skurrilen Auftritte Wladimir Putins. Getrieben von Minderwertigkeitskomplexen aller Art, lässt der ehemalige KGB-Agent keine Gelegenheit aus, durch Reitkünste, Judogriffe und Bizepsumfang die eigene Macht und Überlegenheit unter Beweis zu stellen. Die Berichterstattung RTs sowie das eigenartige Verhalten prorussischer Parteigänger legen jedoch den erschreckenden Befund nahe, dass die politische Kultur der ganzen Nation von einem pathologischen Drang der Überkompensation geprägt ist. Da es sich hierbei um eine soziopolitische Form der indirekten Kompensation zu handeln scheint, durch die weder den strukturellen noch den temporären Organminderwertigkeiten entgegnet werden kann, wäre der von ehemaligen Kollegen „Botox“ getaufte Staatschef gut damit beraten, die aberwitzige Utopie des „Neuen Großrusslands“ endlich zu begraben und die untergeordnete Rolle seines gedemütigten Heimatlandes stillschweigend hinzunehmen.