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Allgemein Die Elite der Toten

Anfang des Jahres hieß es noch „Je suis Charlie“, heute heißt es „Je suis Paris“ und morgen vielleicht „Je suis France“. Der Eifelturm verschmolz über Nacht mit dem Friedenssymbol, als hätte eine Werbeagentur sich schon Tage zuvor Gedanken gemacht, und trauernd lag sich die westliche Welt, gehüllt in den Farben Blau, Weiß und Rot, nach den Pariser Anschlägen vom 13. November in den Armen und suggerierte eine Einheit, die dem Terrorismus geschlossen den Kampf ansagte.

Anfang des Jahres hieß es noch „Je suis Charlie“, heute heißt es „Je suis Paris“ und morgen vielleicht „Je suis France“. Der Eifelturm verschmolz über Nacht mit dem Friedenssymbol, als hätte eine Werbeagentur sich schon Tage zuvor Gedanken gemacht, und trauernd lag sich die westliche Welt, gehüllt in den Farben Blau, Weiß und Rot, nach den Pariser Anschlägen vom 13. November in den Armen und suggerierte eine Einheit, die dem Terrorismus geschlossen den Kampf ansagte. Nach den Anschlägen durften natürlich auch nicht das Niederlegen von Blumen, das Anzünden von Kerzen und die obligatorische Schweigeminute fehlen, um der Opfer zu gedenken.

Der Westen weiß seine Opfer und Toten in Szene zu setzen und politischen Nutzen daraus zu ziehen. Würde er den Menschen, die nicht Teil der westlichen Welt sind und ständig Terroranschlägen zum Opfer fallen, den gleichen Wert beimessen, müsste die Welt vor lauter Schweigeminuten völlig verstummen. Obwohl es nur einen Tag vor den Anschlägen in Paris einen Doppelanschlag in Beirut gab und Menschen zu Tode kamen, hörte man nirgendwo „Je suis Beirut“. Auch zu diesen Anschlägen bekannte sich der IS, jedoch lagen danach keine Kondolenzbücher aus, um sich darin einzutragen. Keine Solidaritätsbekundungen waren zu hören. Für die Toten in der islamischen Welt legt man keine Schweigeminute ein. Das Schweigen, das sich einstellt, ist vielmehr Ausdruck von Desinteresse an dem Schicksal dieser Menschen.

Der Höhepunkt dieser Doppelmoral gegenüber dem Wert von Menschenleben kommt darin zum Ausdruck, dass der Westen nach den Pariser Anschlägen von einem neuen Weltkrieg spricht und damit die Grenze zum bisher bekannten Kampf gegen den Terrorismus durchbrochen wurde. Es ist die Ankündigung, dass die ganze Welt in einen geschlossenen Krieg gegen die Muslime hineingezogen werden soll. Jedoch soll dieser Krieg nicht in Europa oder den USA ausgetragen werden, sondern in der islamischen Welt, wo es dann auch die Toten zu Tausenden geben wird. Denn der konstruierte Feind IS hat, anders als es der Westen suggeriert, keinen Staat und keine Regierung, die Truppen, Panzer und Kampfflugzeuge nach Europa schicken könnte. Weltkrieg bedeutet demnach ein einseitiger Tod auf Seiten der Muslime.

Für die Muslime heißt das, dass sie zum Abschuss freigegeben sind. Das erkennt man bereits daran, dass unter den vermeintlichen Terroristen keine Gefangenen gemacht werden. Trifft man auf sie, werden sie sofort erschossen. Schlimmer aber wird es für die Muslime in der islamischen Welt im Allgemeinen und in Syrien im Besonderen, wo Frankreich mit seinen Luftangriffen schon seit Langem mehr Menschen getötet hat als bei den Pariser Anschlägen zu Tode kamen. Die Zahl der Opfer unter den Muslimen wird nicht veröffentlicht, weil es für den Westen keine Rolle spielt, ob es „nur“ ein toter Muslim ist oder tausend. Die Öffentlichkeit gibt sich zufrieden mit der Aussage, dass IS-Stellungen bei den Luftangriffen getroffen wurden, ohne zu reflektieren, dass jede abgeworfene Bombe den Tod von Zivilisten mit sich bringt.

Der 13. November 2015 wird der Welt noch lange im Gedächtnis bleiben, jedoch nicht, weil die Menschen sich von selbst daran erinnern werden, sondern weil ihnen das Ereignis von staatlicher Seite immer wieder ins Bewusstsein gerufen wird wie im Falle des 11. September. Im Westen gehört man sozusagen zur Elite der Toten, wenn man als Europäer oder US-Amerikaner Opfer eines vermeintlichen Terroranschlags geworden ist. Dann kann man sicher sein, dass der Name irgendwo auf einer Gedenktafel auftaucht. Hingegen ist man ein ziemlich unbedeutender Toter, wenn man z. B. als Flüchtling im Meer ertrinkt, außer man wird vielleicht als Dreijähriger tot an einen Strand gespült.

Dass tatsächlich eine Unterscheidung zwischen den Toten gemacht wird, ist keineswegs nur ein Hirngespinst. Eine Gleichstellung der Opfer der Anschläge in Paris mit anderen Toten ist geradezu tabu. Dies zeigte sich, als FIA-Chef Jean Todt eine im Rahmen des Großen Preises der Formel 1 in Brasilien geplante Gedenkminute für Opfer im Straßenverkehr nicht mit einer Schweigeminute für die Opfer von Paris kombinieren oder durch diese ersetzen wollte. Man machte ihm dies zum Vorwurf. In diesem Zusammenhang sagte er: „Jeden Tag sterben 3.500 Menschen auf den Straßen. Das sind dreißig Mal so viele Tote wie gestern in Paris. Wir haben diese Schweigeminute beschlossen, natürlich können wir nicht ignorieren, was in Paris passiert ist.“ Dieser Vergleich zwischen Straßenverkehrstoten und den Toten von Paris wurde ihm äußerst übel genommen und als Skandal aufgebauscht.

Jedoch möchte niemand persönlich im Westen zu der Elite der Toten gehören. Die Angst davor wird geschürt, indem die Politik eine Atmosphäre der akuten und permanenten Gefahr, für die es keinen Anlass gibt, schafft, was z. B. das abgesagte Fußballspiel zwischen Deutschland und den Niederlanden in Hannover belegt. Die Menschen werden in einen Dauerzustand der Angst versetzt, um sie gegen den Tod jener Menschen unempfindlich zu machen, die nicht Teil der westlichen Welt sind und auf die gerade ein internationaler Bombenregen prasselt.