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Konzeptionen I am legend

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan ist zu einer lebenden Legende geworden. Aus der islamischen Welt ist man es nämlich nicht gewohnt, dass die Menschen aus tiefster Überzeugung für ihren Regenten die Straßen stürmen, sich rollenden Panzern in den Weg legen und in Massendemonstrationen für ihn abhalten, wie es bei Erdoğan der Fall ist.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan ist zu einer lebenden Legende geworden. Aus der islamischen Welt ist man es nämlich nicht gewohnt, dass die Menschen aus tiefster Überzeugung für ihren Regenten die Straßen stürmen, sich rollenden Panzern in den Weg legen und in Massendemonstrationen für ihn abhalten, wie es bei Erdoğan der Fall ist. Normalerweise gehen die Menschen nur aus Angst vor ihren Diktatoren auf die Straße, wenn diese dazu aufrufen, schwenken Flaggen, die man ihnen aufzwingt und halten das Bild ihres Regenten hoch um dem Geheimdienst, der sich in der Regel unter das Volk mischt, zu zeigen, dass sie ihren Regenten „lieben“, während er den Menschen in Wirklichkeit völlig zuwider ist. Im Falle Erdoğans aber ist es wahre Hingabe, die die Menschen auf die Straßen treibt. Nicht nur, dass er einen großen Rückhalt unter türkischen Muslimen genießt, sondern seit dem Putschversuch vom 15. Juli auch unter vielen nicht türkischen Muslimen an Popularität gewonnen hat. 

Ist Erdoğan vielleicht der richtige Mann, um die Umma zu führen und die ersehnte Antwort auf ihre Schicksalsfrage? Hat Erdoğan nicht das Potenzial zum nächsten Kalifen der Umma, dem sie huldigt und der sie aus ihrer Unterdrückung und ihrem Leid herausführt? Dürfen die Syrer Hoffnung schöpfen, dass er sie vor den Bombardierungen der westlichen Allianz schützt und er der Schreckensherrschaft Bashar al-Assads ein Ende setzt? Können die Palästinenser damit rechnen, dass er sie von ihren Unterdrückern befreit oder zumindest die Gaza-Blockade beendet? Was hat die Umma von Erdoğan zu erwarten? 

Die ernüchternde Wahrheit ist, dass Erdoğan gar kein Kalif sein will, und er will auch nicht mit islamischen Gesetzen regieren oder die Umma beschützen. Alle Hoffnungen, die viele Muslime diesbezüglich in Erdoğan setzen, sind reines Wunschdenken, an dem sie so hartnäckig festhalten, dass sie die politische Realität ignorieren oder derart uminterpretieren, dass sie in ihr Erdoğan-Bild passt. 

Die Fakten sprechen eine ganz andere Sprache als die Zunge Erdoğans, auch wenn es viele türkische Muslime nicht wahrhaben wollen. Schon der geringste Ansatz von Kritik an Erdogan wird als Verrat aufgefasst, gerade vor dem Hintergrund des kürzlich gescheiterten Putschversuches. Erdoğans einziger Trumpf ist die Tatsache, dass die Menschen ihn nicht an absoluten Maßstäben messen, sondern nur an seinen Vorgängern. Gemessen an diesen kommt Erdoğan zwar gut davon, aber wenn man nur mit Schlechtem verglichen wird, ist man noch lange nicht gut, sondern lediglich das kleinere Übel. Selbst wenn man froh darüber sein kann, dass der Putschversuch gescheitert ist, kann man letztlich nur sagen, dass das kleinere Übel an der Macht geblieben ist. Um ein guter Regent zu sein, reicht es bei Weitem nicht, nur auf nationaler Ebene die Infrastruktur auszubauen und die Wirtschaft zu stärken. Folglich nützt das Argument, Erdoğan habe viel für die Türkei getan, dem Rest der Umma nur wenig. 

Es liegt auch nicht in der Natur der türkischen Muslime, sich von der Umma abzukapseln. Vielmehr schlagen ihre Herzen für den Islam und die Umma, und sie nehmen Anteil an dem Leid der Muslime – ob in Syrien, Palästina oder anderswo. Während die türkischen Muslime sich engagieren, das Leid ihrer Geschwister zu lindern, tut Erdoğan genau das Gegenteil. Sein politisches Handeln hat nichts mit dem zu tun, was er zu tun vorgibt. Bestes Beispiel sind seine andeuernden verbalen Attacken gegen Israel, die ihn auch unter nichttürkischen Muslimen als Helden erscheinen lassen, während er gleichzeitig Abkommen mit Israel schließt und die Beziehungen intensiviert, die einen Verrat nicht nur an den palästinensischen Muslimen darstellen, sondern an der gesamten Umma. 

Wie heldenhaft hatte sich Erdoğan beispielsweise gegeben, als er im Januar 2009 auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos eine Podiumsdiskussion mit dem damaligen israelischen Präsidenten Schimon Peres vor laufenden Kameras verließ? Es ging um den Nahost-Konflikt, und Erdoğan bekam nicht genug Redezeit. Er wollte sich zum Gaza-Krieg äußern, den Israel 2008 / 2009 unter dem Namen „Operation Gegossenes Blei“ führte, den er öffentlich verurteilte. Das beeindruckte die Muslime, die ihm applaudierten – nicht ahnend, dass auch an Erdoğans Händen das Blut palästinensischer Kinder klebt, deren Tötung er Peres damals vorwarf. Denn es war ein Luftwaffenstützpunkt in Konya, von dem aus das israelische Militär Angriffe gegen die zusammengepferchten Menschen im Gazastreifen flog. Erdogan gewährte somit den Juden, Gaza von türkischem Boden aus zu bombardieren. Vertraglicher Hintergrund dieser Schandtaten sind zwischen Israel und der Türkei vereinbarte Militärabkommen, die Erdoğan – dem bereits 2004 das American Jewish Comitee die Auszeichnung „Profiles of Courage“ verlieh – aufrechterhält. Erdoğans Antiisrael-Rhetorik darf nicht über die engen militärischen und wirtschaftlichen Beziehungen mit Israel hinwegtäuschen. Faktisch gesehen ist und bleibt er nunmal Israels wichtigster Verbündeter in der Region. 

Erst kürzlich hat Erdoğan bewiesen, dass seine großen Worte nur heiße Luft sind. Dies fällt den meisten oftmals nicht auf, weil manchmal Jahre zwischen seinen heroischen Worten und seinem dazu widersprüchlichen politischen Handeln liegen. So verhält es sich im Falle der „Mavi Marmara“, die als eines von sechs Schiffen am internationalen Ship-to-Gaza-Konvoi beteiligt war und im Mai 2010 Hilfsgüter nach Gaza bringen sollte. Hierzu musste die israelische Seeblockade durchbrochen werden. Die israelische Armee enterte in Internationalen Gewässern die „Mavi Marmara“ und richtete neun Menschen aus nächster Nähe hin, unter ihnen acht Türken und ein türkischstämmiger US-Bürger. Erdoğan, damals noch Ministerpräsident, nutzte die Gunst der Stunde und verurteilte die Erstürmung der „Mavi Marmara“ als israelischen Staatsterrorismus. Er verlangte eine Entschuldigung, eine Entschädigung und die Aufhebung der Gaza-Blockade. In der islamischen Welt machte ihn das zum Helden. Obwohl die „Mavi Marmara“ unter komorischer Flagge in See stach und nicht von der türkischen Regierung, sondern von der türkischen Organisation IHH entsandt wurde, vereinnahmte Erdoğan die Aktion für sich und gab vor, Israel die Stirn zu bieten. Noch vor zwei Jahren behauptete er sogar, die Abfahrt persönlich genehmigt zu haben. 

Inzwischen distanziert sich Erdoğan von alledem. Auf die Kritik der IHH bezüglich der aktuellen Einigung mit Israel, die Beziehungen zwischen der Türkei und Israel zu normalisieren, sagte er: „Hattet ihr mich etwa gefragt, bevor ihr euch mit Hilfsgütern auf den Weg gemacht habt? Wir haben sowieso immer alle erforderliche Hilfe dorthin geschickt“, womit sich Erdoğan selbst Lügen straft. Hatte er nun die Abfahrt genehmigt oder hatte er keine Kenntnis von der Aktion? Eine seiner Aussagen kann nicht der Wahrheit entsprechen. 

Was hat Erdoğan überhaupt mit einer Aussöhnung mit Israel erreicht? Die geforderte Entschuldigung hat er schon vor drei Jahren telefonisch von Benjamin Netanyahu erhalten. Die Entschädigung, auf die man sich geeinigt hat, ist geradezu lächerlich und beschränkt sich auf eine Zahlung von 20 Millionen Dollar, die noch nicht einmal den Angehörigen der Opfer zukommen, sondern an eine humanitäre Stiftung gehen. Joseph Chiechenover, der israelische Verhandlungsführer, äußerte sich diesbezüglich wie folgt: „Wir sind mit astronomischen Zahlen gestartet und dann bei 20 Millionen Dollar angekommen. Die Früchte dieses Abkommens werden Gewinne für Israel schaffen, die diese 20 Millionen bei Weitem überschreiten.“ Und was die wesentliche Forderung angeht, nämlich die Aufhebung der Gaza-Blockade, so hat sich Israel natürlich nicht darauf eingelassen, und Erdoğan hat sich gefügt und sich Israel untergeordnet. 

Als Muslim ist man es der Umma schuldig, Erdoğans Politik auf der Basis von Fakten zu beurteilen ohne sich von seinem falschen Heroismus blenden zu lassen. Zu diesen Fakten zählt beispielsweise auch der Flüchtlingspakt mit Europa. Anstatt das syrische Volk von seinem Despoten zu befreien, leistet er Hilfestellung, das Leid der Syrer zu vergrößern, indem er darüber wacht, dass die Syrer in ihrer Hölle gefangen bleiben. 

Die Liste des Verrats an der Umma ist noch lang, aber dieser Verrat geht auf das Konto Erdoğans und nicht der türkischen Muslime. Allerdings müssen sie von der Vorstellung abrücken, Erdoğan sei über jede Kritik erhaben und mache alles richtig. Beurteilt man ihn nämlich anhand islamischer Maßstäbe, bleibt am Ende nicht viel von der lebenden Legende Erdoğan übrig. Seine Heroisierung stellt eine ernste Gefahr dar, weil sie bei den Muslimen zu einer blinden Hörigkeit führt. Gerade die Rechenschaftsforderung von Regenten ist eine existentielle Notwendigkeit und wird vom Islam gefordert. Die Umma darf nicht zu dem Unrecht schweigen, das die Regenten begehen. Davon ist Erdoğan keineswegs ausgenommen, auch wenn es ihm nicht passt und er jede Kritik rabiat zu unterdrücken versucht. Es ist ein Recht und eine Pflicht der Muslime, den Regenten zur Rechenschaft zu ziehen, wenn er Fehler begeht und die Gesetze Allahs nicht zur Anwendung bringt.