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Konzeptionen Teufel vs. Beelzebub

Die Stimmung in der Türkei könnte nicht besser sein. Erdogan hat den Putschversuch vom 15. Juli erfolgreich niedergeschlagen und geht nun dazu über den Volksverrätern den garauszumachen. 151 Generäle, 5226 Soldaten, 1684 Richter und 1019 Polizisten wurden innerhalb weniger Tage hinter Schloss und Riegel gebracht.

Die Stimmung in der Türkei könnte nicht besser sein. Erdogan hat den Putschversuch vom 15. Juli erfolgreich niedergeschlagen und geht nun dazu über den Volksverrätern den garauszumachen. 151 Generäle, 5226 Soldaten, 1684 Richter und 1019 Polizisten wurden innerhalb weniger Tage hinter Schloss und Riegel gebracht. Den Gülenisten wird kein Quadratmillimeter Raum, kein Kubikzentimeter Luft gelassen. Die Feinde des Islam sind vernichtet, das Jahr 2023 kann kommen. Schon bald wird der Kemalismus überwunden und das herbeigesehnte System der AKP implementiert – ein System des…ja was eigentlich?

Um diese Frage zu beantworten, lohnt sich zunächst die Lektüre des Huffington-Post Artikels „The Gulen Movement Is Not a Cult – It’s one of the Most Encouraging Faces of Islam Today“. Graham Fuller charakterisiert die Hizmet-Bewegung darin als eine ursprünglich konspirative Gruppierung, die sich seit dem Amtsantritt Tayyip Erdogans jedoch hin zu mehr Transparenz entwickelt hätte: „Er [Fethullah Gülen] ist eine konservative Figur, 75 Jahre alt, zurückgezogen und oft uninformiert über die täglichen Angelegenheiten seiner Organisation. Hizmet war keine transparente Organisation und wurde daher oft als geheimnisvoll wahrgenommen. In den vergangenen Jahrzehnten, als die Mitgliedschaft bei Hizmet strafrechtliche Konsequenzen nach sich zog, verhielten sich die Mitglieder möglichst unauffällig und verschleierten oft ihre Gruppenzugehörigkeit. Dies änderte sich, nachdem die Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP) Erdogans im Jahre 2002 die Regierungsgeschäfte übernahm. Vielen Mitgliedern von Hizmet wurde nun erlaubt Positionen im Staat zu übernehmen. Insbesondere im Polizei- und Justizapparat versuchten sie Fuß zu fassen, um sicherzustellen, dass sie (und die AKP) künftig nie wieder [strafrechtlich] verfolgt würden[…].“ Neben der exzellenten und langjährigen Zusammenarbeit zwischen Hizmet und AKP weist Fuller zusätzlich darauf hin, dass die Gülen-Bewegung keineswegs extremistisch oder radikal sei: „Wir sprechen hier über eine wichtige Sache: was für eine Art Bewegung wird den zukünftigen Islam repräsentieren? ISIS? Al-Qaida? Die Muslimbruderschaft? Was die islamischen Bewegungen anbelangt, so würde ich Hizmet auf der Liste der rationalen, moderaten, sozial-progressiven und aufgeschlossenen Gruppen ziemlich weit oben platzieren. Es [Hizmet] ist keine Sekte, sondern eine im Mainstream mittig platzierte Kraft, die den Islam modernisiert.“

Angesichts dieser Beschreibung könnte der westliche Beobachter dazu geneigt sein, den Kampf zwischen AKP und Hizmet als einen entbrannten Konflikt zweier ehemaliger Partner zu deuten, die zwar beide im Milieu des politischen Islam zu verorten seien, sich in ihrer Radikalität bzw. Weltoffenheit jedoch maßgeblich voneinander unterscheiden. Während Erdogan immer stärker als radikaler Islamist wahrgenommen wird, scheint der greise Prediger aus Pennsylvania nur der spirituelle Führer einer Gruppe toleranter Mystiker zu sein. Auch die AKP-Anhängerschaft zeichnet ein ähnliches Bild – wenn auch unter verkehrten Vorzeichen der moralischen Bewertung. So sei Erdogan ein strammer Muslim, der als konservativer Sunnit entgegen allen Widerständen an islamischen Prinzipien festhalte, um die künftige Türkei an die glorreichen Tage des Osmanischen Reiches anknüpfen zu lassen. Gülen hingegen sei ein abgeirrter Ketzer, der sich aufgrund pathologischer Machtgelüste den Amerikanern an den Hals geworfen hätte und nun im Auftrag Uncle Sams den authentischen Islam zu zersetzen versucht.

Dieser dualistischen Perzeption entgegenstehend, führt Fuller als ehemaliger stellvertretender Vorsitzender des National Intelligence Council jedoch weiter aus: „[…] wenn wir über islamische Führer in der Türkei reden, dann sprechen wir über eine andere Szene als in dem überwiegenden Rest der islamischen Welt. In der Türkei handelt es sich im Grunde um einen Kampf zwischen […] Moderaten. Weder Erdogan noch Gülen streben eine Art Islamischen Staat, Scharia oder Kalifat an. Beide bewegen sich recht komfortabel innerhalb der Grenzen des säkularen Staates, welcher vor einem Jahrhundert von dem säkularen, modernisierenden Gründervater, Mustafa Kemal Atatürk, errichtet wurde. Wir sprechen hier nicht wirklich über Islam oder Theologie, sondern über Macht und Einfluss. Das politische Geschäft in der Türkei war immer ein rauer Wettbewerb […] innerhalb der grundsätzlich demokratischen Ordnung.“

Fuller spricht damit eine insbesondere für AKP-Anhänger unangenehme Wahrheit aus: Bei dem Kampf gegen die Gülen-Bewegung handelt es sich nicht um einen Konflikt zwischen Islam und Kufr, sondern um einen internen Machtkampf zweier säkularer Machiavellisten! Wem bereits an dieser Stelle die Galle überzulaufen droht, dem sei geraten sich wenigstens für einen Moment von der morgenländischen Märchenwelt zu verabschieden und zur Abwechslung die allzu realen Aussagen des „geliebten Sultans“ zu Gemüte zu führen. So distanzierte sich Tayyip Erdogan am 26.04.2016 von der Forderung des türkischen Parlamentspräsidenten Ismail Kahraman, der die Aufhebung der Trennung von Staat und Religion verlangte. Hierbei handelte es sich – so Erdogan – nur um die „persönliche Meinung“ Kahramans, nicht jedoch um die tatsächliche Politik der türkischen Regierung. Letztere halte sehr wohl an einem Säkularismus fest, um gleichermaßen Distanz zu allen Religionen zu halten. Ähnlich äußerte sich der damalige Premierminister Ahmet Davutoglu in seiner Rede vor den Vorsitzenden der AKP-Kreisverbände. So werde das Prinzip der Trennung von Staat und Religion auch in der neuen Verfassung der türkischen Republik verankert, schließlich handle es sich nicht mehr um einen „autoritären“, sondern um einen „freiheitlichen Laizismus“. Und damit nicht nur das türkische Volk in den Genuss der Trennung von Staat und Religion kommt, eilte Erdogan im September 2011 bis an den Nil, um seinen ägyptischen Gesinnungsgenossen mit Rat und Tat beiseite zu stehen. Doch die Aussagen des (damaligen) Premierministers: „Zweifelt nicht am Säkularismus. Ich hoffe, dass in Ägypten ein säkularer Staat entsteht.“, ging selbst den moderatesten „Islamisten“ des Landes zu weit und so wies Mahmoud Ghuzlan in seiner Funktion als Pressesprecher der Muslimbruderschaft die Forderungen Erdogans entschieden zurück. Der gescheiterte Exportversuch eurozentrischen Gedankengutes tat dem missionarischen Eifer der AKP-Regierung jedoch keinen Abbruch und so schickt sich im Jahre 2016 die tagesaktuelle Marionette Erdogans – Außenminister Mevlüt Cavusoglu – an, der islamischen Revolution in Syrien den „richtigen Weg“ zu weisen: „Syrien benötigt eine inklusive, unkonfessionelle und laizistische Regierung.“

Selbstverständlich folgt nun die übliche Schutzbehauptung, der AKP gehe es doch insgeheim um die Gründung eines islamischen Staates, sie könne dies zum Gegenwärtigen Zeitpunkt nur noch nicht offen aussprechen, schließlich müsse sie sich durch einen demokratischen Tarnanzug vor dem westlichen Radar schützen. Ganz unabhängig von der fehlenden Evidenz und der dieser These inhärenten Voraussetzung grenzenloser amerikanisch-europäischer Dummheit, sind gradualistische Ansätze dieser Art ohnehin zum Scheitern verurteilt. Denn bewusst herbeigeführte gesellschaftliche Transformationsprozesse setzen ein dezidiertes Problem- und Zielbewusstsein voraus. So besteht das Problem in der islamischen Welt in erster Linie nicht in parlamentarischen Mehrheitsverhältnissen, institutionellem Politikversagen oder ökonomischen Schieflagen. Die Fehlkonstruktion des Nahen und Mittleren Ostens betrifft viel mehr das Fundament der Gesellschaft: ihr weltanschauliches Selbstbewusstsein. Denn es ist dieses Bewusstsein ihrer Selbst, auf dessen Basis sich das systemische Zusammenleben einer spezifischen Menschengruppe konstituiert und erst funktionalisiert werden kann. Das hierdurch entstehende Staatswesen entspricht in der Regel also den weltanschaulichen Kernideen der jeweiligen Menschengruppe und so entsteht eine harmonische Gesellschaft, ein organisches Ganzes. Während dies für die Vereinigten Staaten, Frankreich oder die Bundesrepublik zutreffen mag, existiert in der islamischen Welt eine oktroyierte Nachkriegsordnung, die in ihrer säkularen Verfasstheit dem Selbstverständnis der dort lebenden Völker diametral entgegensteht. Die gegenwärtigen Konflikte, die mittlerweile den gesamten Nahen und Mittleren Osten durchziehen, sind ein Ausdruck dieser fundamentalen Diskrepanz. Gradualistische Bewegungen wie die AKP, Nahda oder die FJP formulier(t)en ihre Standpunkte jedoch innerhalb feindlicher Systemgrenzen und verfehlen daher den Zweck ihrer Existenz, der darin bestehen müsste das vorhandene Spannungsverhältnis zielgerichtet aufzulösen. Innerhalb der weltanschaulichen Auseinandersetzung bewegen sich apologetische Bewegungen stets in einem peripheren Bereich und sind daher nicht in der Lage, ihre Angriffe auf den eurozentrischen Kern der bestehenden Gesellschaftsordnung zu lenken. Dieser Angriff ist jedoch die Grundvoraussetzung für einen metapolitischen Paradigmenwechsel, der eine realpolitische Transformation erst ermöglicht! Denn die westliche Hegemonie basiert im Grunde nicht auf ökonomischer, militärischer oder parlamentarischer Macht, sondern in epistemologischer Deutungshoheit, die in der Kernidee des Säkularismus wurzelt und sich in der westfälischen Logik des modernen Nationalstaates niederschlägt. So erklärt Bertrand Badie in seinem Buch „The Imported State – The Westernization of the Political Order“, dass sich Kolonisierung in einem zweistufigen Prozess vollzieht. Während zunächst die westliche Weltanschauung in das Kolonialgebiet „exportiert“ wird, erfolgt anschließend eine Reproduktion durch lokale Eliten. Das hierdurch etablierte Paradigma definiert einen geistigen Rahmen für den politischen Diskurs, welcher den Handlungsspielraum der politischen Akteure auf systemimmanente Positionen beschränkt. Durch die geistige Verabsolutierung der bestehenden Ordnung erfolgt eine Vergottung des feindlichen Systems, die durch die islamische Bewegung anhand kompromissloser Negation (La ilaha) und alternativer Affirmation (illa Allah) durchbrochen werden muss. Auf diesem Wege wird eine öffentliche Meinung generiert, die der gefühlsmäßigen Entfremdung der muslimischen Allgemeinheit Ausdruck verleiht und ihre Feindschaft auf den tatsächlichen Gegner lenkt. Sheikh Taqi ud-Deen an-Nabhani (rh) formuliert dies in seinem Werk „at-Takattul al-Hizbi“folgendermaßen: „In der Gesellschaft existieren unterschiedliche Geistesbildungen und in der Umma widersprüchliche Gedanken und Ideen, sie besitzt aber eine gemeinsame Empfindung. Die zahlreichen Geistesbildungen, die kolonialistischen im Besonderen, sind verdrehte Ausdrucksformen dieser Empfindung, während die Geistesbildung der Ideologie, sprich die islamische Geistesbildung, die einzig wahre Ausdrucksform der Empfindungen der Umma darstellt. Das öffentliche kulturelle Meinungsbild dagegen sowie die Bildungsprogramme in Schulen, Fakultäten und anderen geisteswissenschaftlichen Institutionen folgen dieser fremden Geistesbildung. Nicht anders präsentieren sich die meisten politischen und intellektuellen Bewegungen. Deswegen muss die Partei mit ihrer Geistesbildung in ein Stadium der Auseinandersetzung mit den anderen Geistesbildungen und Ideen eintreten, damit sich für die Umma die richtige Äußerung ihrer Empfindungen und Gefühle herauskristallisiert. […]Die Partei übernimmt durch die Umma und durch die Aufforderung zur Nusra die Herrschaft und führt die vollständige Praktizierung der Ideologie mit einem Male ein. Diese Vorgehensweise wird als revolutionäre Methode (Tariqa Inqilabiyya) bezeichnet. Sie erlaubt keine teilweise Beteiligung an der Herrschaft, sondern beansprucht die ganze Herrschaft für sich. Die Herrschaftsübernahme stellt für sie aber kein Ziel an sich dar, sondern lediglich die Methode zur Praktizierung der Ideologie. Sie führt die islamische Ideologie revolutionär ins Leben ein und akzeptiert keine schrittweise reformistische Umgestaltung, ganz abgesehen von den jeweiligen Verhältnissen.“

Durch diese Ausführungen wird deutlich, dass weder der „weinende Imam“, noch der cholerische „Sultan“ in der Lage sein werden, die Umma zum Sieg über die eurozentrische Weltanschauung zu führen. So schmerzlich es für die eingefleischten Anhänger Erdogans auch klingen mag, die gegenwärtigen Säuberungsaktionen gegen die Gülenisten sind nichts weiter als der sprichwörtliche Versuch, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Die türkischen Muslime sind daher aufgefordert, sich dem Beispiel des ehrwürdigen Gesandten Muhammad (sas) zuzuwenden, ihre politische Agenda an der islamischen Aqida auszurichten und den Kampf auf das ideologische Zentrum des säkularen Taghuts zu richten. Nur auf diese Weise lässt sich die geistige Hegemonie und die zersetzende Kolonisierung unserer Heimat aufheben, auf dass sich mit der Erlaubnis Allahs (t) die Frohbotschaft des Gesandten (sas): „[…] sodann folgt ein Kalifat gemäß dem Plan des Prophetentums“ zu unseren Lebzeiten materialisieren möge.