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Allgemein Islamistische Dolchstoßlegende

Was hat die westliche Außenpolitik im Nahen Osten eigentlich mit „islamistisch“ motivierten Gewalttaten zu tun? Eine Frage, die hierzulande vor allem seit den Ereignissen vom 11. September immer wieder aufgeworfen und kontrovers diskutiert wird. Vielen erscheint jedoch der Erklärungsansatz, wonach derartige Gewaltaktionen durch die interventionistische Politik des Westens befördert werden, inzwischen als wenig plausibel.

Was hat die westliche Außenpolitik im Nahen Osten eigentlich mit „islamistisch“ motivierten Gewalttaten zu tun? Eine Frage, die hierzulande vor allem seit den Ereignissen vom 11. September immer wieder aufgeworfen und kontrovers diskutiert wird. Vielen erscheint jedoch der Erklärungsansatz, wonach derartige Gewaltaktionen durch die interventionistische Politik des Westens befördert werden, inzwischen als wenig plausibel. Die besagte Region sei vielmehr selber schuld an ihrem gegenwärtigen Zustand, der sich aus der Unfähigkeit speise, moderne rechtliche, politische und wirtschaftliche Strukturen zu entwickeln. Zudem sei die Kolonialzeit längst überwunden und die einst besetzten Länder sind von ihren „Herren“ längst in die Unabhängigkeit entlassen worden. Somit sei die These von der Schuld des Westens unter dem Strich nichts weiter als ein „islamistisches Hirngespinst“.

Wie populär diese Ansicht im öffentlichen Diskurs derzeit ist, demonstrierte der Welt-Autor Torsten Kraul, der anlässlich der Pariser Anschläge im November 2015 sogar von einer „Dolchstoßlegende der Islamisten“ sprach. Das Weltbild der „Terroristen“ beschreibt er dabei als ein „Sud aus Selbstmitleid, Verdrängung, Größenwahn und bis zur Unkenntlichkeit verdrehter historischer Zusammenhänge“. Daraus schöpfe sich die „islamistische Dolchstoßlegende mitsamt der Ausrede einer westlichen Verschwörung“, die „genauso eine Mär [ist] wie damals die durchaus vergleichbare Extremistensaga vom ewig bedrohten deutschen Volk“, so Kraul. Vereinfacht ausgedrückt, dürfte die islamische Welt die militärischen Feldzüge der USA in Afghanistan und im Irak, und damit die Zerstörung einer ganzen Region, nicht so eng sehen. Die Existenz diverser Foltergefängnisse samt der dort verübten Verbrechen sei bestenfalls der Einbildungskraft der „Islamisten“ geschuldet. Und die bewusste Unterstützung und Kooperation der despotischen Regime sowie die enge Zusammenarbeit mit den dortigen Geheimdiensten hätten der Kraul’schen Lesart zufolge weder den Unmut der Bevölkerung hervorgerufen noch irgendwelche Widerstände in ihr geweckt. Doch um den Wahnsinn dieser Aussagen zu erkennen, bedarf es keiner „islamistischen Legenden“. So bezeichnete der kürzlich verstorbene Geostratege und einflussreiche US-Politberater Zbigniew Brzezinski die gegenwärtigen Umbrüche im Nahen Osten als „politisches Erwachen der Muslime“. Dieses sei aus seiner Sicht eine „zum Teil verspätete Reaktion auf ihre mitunter brutale Unterdrückung vorwiegend durch europäische Mächte“. Es ist ein „tiefes Gefühl erlittenen Unrechts und eine religiöse Motivation, die eine große Zahl von Muslimen gegen die nicht-muslimische Welt vereint“. Für Brzezinski prägte gerade die koloniale Vergangenheit das Bewusstsein der Menschen in dieser Region, in der „durch eine lange zurückhaltende Wut und Frustration eine mächtige Kraft entstand, die jetzt zutage tritt und Vergeltung fordert“. Ob die einstige „Graue Eminenz“ des Weißen Hauses in ihrer Einschätzung der „islamistischen Dolchstoßlegende“ anheimgefallen war, kann Kraul anhand seiner küchenpsychologischen Ansätze gerne selbst beurteilen.

Etwas weniger reißerisch versucht der Islamwissenschaftler Guido Steinberg in einem Beitrag für die Internationale Politik das Vorgehen des Westens im Nahen Osten zu skizzieren. Ausgehend zunächst von seiner Feststellung, dass Terrorismus sehr wohl etwas mit dem Islam zu tun hätte, setzt er die religiöse Ideologie der verschiedenen militanten Gruppen und ihre Berufung auf die Offenbarungstexte in den Vordergrund und sieht darin das zentrale Motiv dafür, Anschläge im Westen zu verüben. Daher sei der Vorwurf, dass der „islamistische Terror“ lediglich eine Reaktion auf die Politik westlicher Staaten ist, „falsch – oder zumindest sehr ungenau“. Zwar gibt Steinberg zu, dass die militärischen Interventionen der USA oder Europas durchaus „dazu beigetragen haben, junge Männer in vielen Ländern davon zu überzeugen, dass der Westen […] einen Krieg gegen den Islam“ führt. Dennoch sei „die Entstehung großer und beinahe weltumspannender terroristischer Netzwerke ohne die parallele Entwicklung einer aus sich heraus attraktiven Ideologie nicht möglich gewesen. […] Die Kriege des Westens und die dschihadistische Ideologie stehen in einer Wechselwirkung; die Ideologie ist aber der weitaus wichtigere Faktor“. Um seine These (post)faktisch zu belegen, zieht Steinberg den Aufstieg des IS als Beispiel heran. So schlossen sich die meisten ausländischen Kämpfer dieser Organisation an, nachdem sie im Frühjahr 2013 unter dem Namen „Islamsicher Staat im Irak und Syrien“ zu agieren begann. Der wesentliche Grund dafür sei Steinberg zufolge auf den „unter Salafisten verbreiteten Wunsch [zurückzuführen], in einem islamischen Staat zu leben und zu kämpfen“, den vor allem der IS zu jener Zeit bediente. Dies wurde spätestens ab Juni 2014 mit der Ausrufung eines „Kalifats“ deutlich, infolgedessen sich zahlreiche Muslime aus den unterschiedlichsten Ländern auf den Weg in das Gebiet des IS machten. Ginge es seinen Anhängern in erster Linie darum, dass Assad-Regime zu stürzen, wären die ausländischen Kämpfer auch den anderen bewaffneten Gruppen beigetreten, so Steinberg. Es wäre somit ein Fehlschluss zu behaupten, dass die Intervention der US-geführten Koalition im Irak und Syrien seit 2014, die durch ihre kaltblütigen Luftangriffe die ohnehin zerstörte Region nochmals in Schutt und Asche legte, den IS provoziert und zu Anschlägen in Europa animiert hätte. Steinberg betont an dieser Stelle, dass der IS bereits „ab Frühjahr 2014 damit [begann], europäische Kämpfer nach Frankreich, Großbritannien und Deutschland zu schicken, damit sie dort Strukturen aufbauen und Anschläge verüben“; zu einer Zeit also, in der die USA und Russland noch nicht in den Konflikt eingegriffen hätten. Daraus ergibt sich für Steinberg einerseits, dass die jüngsten Anschläge in Europa „gänzlich unabhängig von amerikanischer und europäischer Politik“ verübt wurden und vielmehr ideologisch begründete Entscheidungen seien. Andererseits würde eine Änderung westlicher Politik den IS keineswegs dazu bewegen, seine Angriffe gegen den Westen zu beenden. Aus dieser Perspektive heraus plädiert der renommierte Politberater und Vertreter transatlantischer Interessen dafür, neben politischen Schritten nach wie vor die militärische Karte zu spielen und hält eine „übergroße Vorsicht bei repressiven Maßnahmen“ für unangemessen. Denn diese würden entgegen der landläufigen Meinung nicht automatisch zur Radikalisierung und damit zur Entstehung neuer militanter Gruppierungen unter Muslimen führen.

Im Grunde genommen spiegeln Steinbergs Ausführungen den immer stärker werdenden Drang innerhalb der westlichen Welt wider, ihre rücksichtslose Außenpolitik der vergangenen Jahrzehnte im Nahen Osten zu amnestieren. Auf diese Weise würde jeglicher Zusammenhang zu den Gewaltaktionen militanter islamischer Gruppen im Westen aufgelöst und lediglich als Resultat ihrer „Ideologie“ verklärt werden. Doch Steinbergs „Analyse“ weist bei genauerer Betrachtung erhebliche substanzielle Defizite auf. So seien aus seiner Sicht die jüngsten IS-Anschläge vor allem deshalb keine Reaktion auf die westlichen Luftangriffe, da der IS zu derartigen Taten aufrief, bevor ihn die USA und ihre Verbündeten im Rahmen einer Militärkoalition attackierten. Dabei blendet er die Entstehungsgeschichte des IS und somit die Zusammenhänge mit der Irak-Invasion 2003 geflissentlich aus. Denn gerade der US-Einmarsch in den Irak und das gesamte Vorgehen der Vereinigten Staaten haben nicht nur die Voraussetzungen für die Entstehung dieser Gruppierung ermöglicht, sondern bieten ebenso eine Erklärung für das zum Teil aggressive Auftreten des IS. An dieser Stelle tritt ein immer wiederkehrendes Argumentationsmuster zutage. Das Zeitfenster, in dem vor allem das Phänomen militanter Gruppen untersucht werden soll, wird im aktuellen Diskurs zunehmend eingegrenzt. Auf diese Weise werden auch die Entstehungsmotive derartiger Gruppen nur unzureichend in den Kontext der post-kolonialen Ordnung wie auch der gegenwärtigen Regionalpolitik eingebettet. Doch um dieses Phänomen tatsächlich begreifen zu können, bleibt eine genaue historische Betrachtung – insbesondere die Frage, wie die westlichen Staaten den Nahen Osten unter ihrer Einflusssphäre zu bringen wussten – unverzichtbar. Der französische Politologe und Experte für Internationale Beziehungen Bertrand Badie spricht dabei in seinem Buch „The Imported State – The Westernization of the Political Order“ von einem zweistufigen Prozess. Nachdem zunächst die Kolonialmächte die westlichen Ideen in jene Länder „exportierten“, wurden auf der zweiten Stufe die nötigen Herrschaftsstrukturen herangezüchtet, die das westliche Gedankengut nicht zuletzt über das Bildungssystem festigten und folglich bis heute reproduzieren. Die anschließend auf Grundlage des Laizismus entstandenen Nationalstaaten fanden jedoch im religiösen Teil der Bevölkerung nicht den erwarteten Rückhalt. Die immer engere Zusammenarbeit mit dem Westen, begleitet von einem zunehmend repressiven Staatsapparat ließen mit der Zeit die ersten Widerstände in der Bevölkerung entstehen. Und diese Widerstände, die sich sukzessiv in einer Verachtung gegenüber den eigenen Regierungen und dem Westen niederschlugen, traten zunächst politisch in Erscheinung. Doch die äußerst brutale Unterdrückung insbesondere der islamischen Opposition bereitete schließlich den Nährboden, auf dem die ersten militanten Bewegungen in Form der Dschama’a Islamiyya und des Islamischen Dschihads aufkeimten. Beispielhaft für einen solchen methodischen Übergang ist auch der Algerische Bürgerkrieg und die Rolle der Islamischen Heilsfront (FIS). Nachdem sich bei den algerischen Parlamentswahlen 1991 ein Sieg der FIS abzeichnete, annullierte das Militär die Wahlen, löste das Parlament auf und setzte die Verfassung außer Kraft. Die darauffolgende Verhaftungswelle, durch die tausende FIS-Mitglieder in algerischen und marokkanischen Gefängnissen landeten, führte im Jahre 1992 nicht nur zum Verbot der Partei. Vielmehr bewirkte dieses Vorgehen die Entstehung eines militanten Flügels, der infolgedessen den bewaffneten Kampf gegen das algerische Militär aufnahm. Ebenso zu erkennen ist, dass sich mit der Ausweitung westlicher Militäreinsätze die Militanz des islamischen Widerstandes zusätzlich verschärft. Daher trifft auch Steinbergs „Feststellung“ keineswegs zu, dass die „religiöse Ideologie“ die zentrale Motivation der militanten Gruppen sei und weniger die westliche Interventionspolitik. Denn dies würde suggerieren, dass sämtliche islamische Bewegungen, die den Islam als ideologisches Fundament verinnerlicht haben, ihre Ziele auf militantem Wege zu realisieren versuchen. Dass dies in einem eklatanten Widerspruch zu den realen Verhältnissen steht, sollte gerade Steinberg als ausgewiesener Nahost-Experte wissen. Ein einfacher Blick in die islamische Welt führt deutlich vor Augen, dass die geographischen Hotspots bewaffneter Gruppen stets in jenen Ländern vorzufinden sind, in denen der Westen oder einer ihrer regionalen Partner militärisch wütet. Und da derzeit im Irak und Syrien die heftigsten Kämpfe stattfinden, sollte es nicht überraschen, dass dort die militante Ausdrucksform des islamischen Widerstands dominiert. Im Gegensatz dazu lässt sich am Beispiel Zentralasiens beobachten, dass zwar eine starke islamische Opposition existiert, doch da es bislang weder zu einem ausgewachsenen militärischen Konflikt noch zu einer ausländischen Intervention gekommen ist, hält sich die Militanz der Muslime in dieser Region nach wie vor in Grenzen.

Dass Steinberg diese Zusammenhänge sehr wohl bekannt sind, lässt sich vor allem anhand seiner bislang veröffentlichten Literatur erkennen. So schrieb er noch im Jahre 2014 in seinem Buch „Al-Qaidas deutsche Kämpfer“, hinsichtlich der Motivation militanter Gruppen auch Deutschland verstärkt ins Visier zu nehmen, folgendes: „Das Beispiel Deutschlands zeigt, welche Folgen die Intervention des Westens in muslimischen Ländern hat, denn Deutschland wurde hauptsächlich wegen seiner in Afghanistan stationierten Truppen zum Ziel von Terrorplanungen. Einerseits veranlasste die deutsche Präsenz dschihadistische Organisationen zu Anschlägen mit dem Ziel einen Rückzug deutscher Truppen zu erzwingen. Andererseits […] war die Anwesenheit deutscher und anderer westlicher Truppen am Hindukusch ein Faktor, der eine massive Radikalisierung zukünftiger Dschihadisten aus Deutschland in Gang setzte. Viele erklärten, das Leid, das westliche Streifkräfte den afghanischen Muslimen zugefügt haben, sei ein Hauptmotiv gewesen, sich den Dschihadisten anzuschließen“.

Vor dem Hintergrund dieses recht konkreten Zitats ist eher davon auszugehen, dass Steinberg im Gewand eines Akademikers versucht, seine transatlantische Agenda zu kommunizieren. Daher seien folgende Fragen an Herrn Steinberg gerichtet: Glauben Sie angesichts der genannten Faktenlage, die Sie selbst in Ihren Büchern beschreiben, dass der Rückzug der westlichen Staaten aus dem Nahen Osten die Gefahr von Anschlägen hierzulande keineswegs reduzieren würde? Denken sie wirklich, dass repressive Maßnahmen gegenüber Muslimen zu keiner Radikalisierung bzw. Entstehung militanter Gruppen führen würde? Sind die Bespiele Ägyptens und Algeriens, denen Sie in Ihrem Buch „Der nahe und der ferne Feind“ jeweils ein eigenes Kapitel widmeten, nicht ausreichend, um einen zumindest semi-kausalen Zusammenhang zu erkennen? Wenn Sie – Herr Dr. Steinberg – ihre wissenschaftliche Integrität bewahren wollen, sind Sie aufgefordert diese offenkundigen Widersprüche in ihrer „Argumentation“ aufzuheben und zu einer differenzierten Betrachtung der Gemengelage im Nahen und Mittleren Osten zurückzukehren. Wir für unseren Teil freuen uns auf Ihre erhellende Stellungnahme, mit der Sie unsere unerhörte Vermutung sicherlich in das Reich der „islamistischen Dolchstoßlegende“ verbannen werden.