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Konzeptionen Wird die Umma aufgrund ihrer Sünden derzeit bestraft?

Dieser Artikel soll einen Blick auf die Vorstellung werfen, dass die Umma derzeit aufgrund ihrer begangenen Sünden leidet. Der Sieg und die Autorität seien ihr wegen ihrer Sünden verweigert worden, so die Annahme. Diese Vorstellung haben wir bei Predigten, in Vorlesungen oder in Konferenzen zu hören bekommen. Zu viele Male, um sie alle aufzulisten.

Dieser Artikel soll einen Blick auf die Vorstellung werfen, dass die Umma derzeit aufgrund ihrer begangenen Sünden leidet. Der Sieg und die Autorität seien ihr wegen ihrer Sünden verweigert worden, so die Annahme. Diese Vorstellung haben wir bei Predigten, in Vorlesungen oder in Konferenzen zu hören bekommen. Zu viele Male, um sie alle aufzulisten. Wir hörten dies auch, als in Afghanistan eingedrungen wurde, ebenso als der Irak besetzt wurde, als die Katastrophen Burma, Pakistan, Ägypten und Syrien trafen … jetzt hören wir sie für Aleppo.

Aber wieviel Wahrheit steckt in diesem Narrativ? Nicht viel, nach einer Untersuchung.

Das Problem mit dem Argument, dass Schicksalsschläge wie sie beispielsweise Aleppo trafen, Strafen für unsere Sünden sind, liegt nicht in der Prämisse, dass Sünden nachteilige Konsequenzen haben. Vielmehr ist das Problem in zwei Bereiche geteilt: Erstens, es ist eine oberflächliche Beurteilung, die kein festes Fundament für solch ein Urteil besitzt; Und zweitens, die ganze mehrdimensionale und äußerst komplexe Problematik wird lediglich den Sünden, die auf persönlicher Ebene geschehen, zugewiesen. Die umfangreiche Problematik wird nur auf einen bzw. diesen Aspekt reduziert, während viele weitere Aspekte des Problems und die Gesetze (Ahkam) der Lebensordnung (Din) ignoriert werden.

Ja, die Sünden haben negative Konsequenzen für Einzelpersonen und Gemeinschaften und können zu Leid und Katastrophen führen. Daran sollte es keinen Zweifel geben. Aber nicht jeder Schicksalsschlag oder jedes Unglück ist eine Strafe für eine begangene Sünde. Es gibt viele andere Gründe, die für ein Unheil von Relevanz sind.

Es kann ein Mittel sein, durch das Allah (t) die Menschen testet, um zu sehen, wie sie reagieren werden (2:155, 21:35), um zu sehen, wer durchhalten und kämpfen wird und wer zögern wird (47:4, 47:31), und um die Standhaftigkeit (Sabr) und Gottesfurcht (Taqwa) der Gläubigen zu prüfen (3:186), um den Zustand unseres Herzens zu untersuchen (3:154), um das Gute vom Bösen zu unterscheiden (3:179, 8:37), um die Gläubigen von den Heuchlern zu unterscheiden (33:11) oder um Menschen für den hohen Rang eines Märtyrers (Shahid) auszuwählen (3:139). Der gemeinsame Aspekt von all diesen Gründen ist Allah (t), der die Menschen durch einen Prozess oder durch ein Leiden schickt, nicht, weil sie das Falsche tun, sondern weil dies ein Teil des weltlichen Lebens ist.

Es kann sogar sein, dass du geprüft wirst, gerade weil du das Richtige tust. Schließlich wissen wir, dass die Propheten und die Sahaba die Menschen waren, die am meisten geprüft worden sind, gemäß dem Hadith:

„Eine Person wird nach seiner Einhaltung der Lebensordnung (Din) getestet. Wenn er standhaft ist, wird er stärker getestet (…) “ [Ibn Majah]

In der Tat, viele Schicksalsschläge trafen den Propheten (s), die Sahaba und die frommen Altvorderen (Salaf). Erhielten sie diese „Strafen“, weil sie Sünder waren? Wurden die Gefährten in Mekka verfolgt, weil sie Sünder waren? Fanden die Schlachten in Medina statt, weil sie Sünder waren? Entstand die Fitna nach der Zeit des Propheten (s) unter den Gefährten, weil sie Sünder waren? Definitiv nicht!

Somit ist es eine oberflächliche Beurteilung, wenn jedes Unglück als Strafe interpretiert wird, ohne weitere Faktoren zu berücksichtigen. In der Tat würde man eher argumentieren, dass die Schicksalsschläge Prüfungen sind. Bedenkt zum Beispiel, dass sich die Umma als Ganzes dem Islam nähert. Sie ist in einer relativ besseren Position als vor 20, 30 oder 40 Jahren.

Wer kann leugnen, dass mehr Muslime, besonders in den jüngeren Generationen, dem Islam näher gekommen sind? Es gibt mehr junge Männer und Frauen, die den Islam praktizieren, als es in den letzten 80 Jahren der Fall war. Es gibt mehr Leute in den Moscheen. Jede Freitagspredigt ist gut besucht und meist sind die Moscheen voll ausgelastet. Immer mehr Muslime lernen Arabisch und versuchen ihr Wissen zu erweitern. Muslime spenden großzügig für Projekte, die von den Moscheen und anderen Zentren aus koordiniert werden. Mehr Muslime sind an Da’wah-Aktionen beteiligt. Die Forderungen nach der Umsetzung der islamischen Lebensordnung wachsen weltweit tagtäglich. Und so weiter und so fort.

Zurzeit sind wir an einem Punkt angelangt, wo die Dinge nicht perfekt sind … nein, sie sind noch weit davon entfernt. Es ist noch ein langer Weg – aber die Richtung, in die es sich entwickelt, ist unbestreitbar die Richtige. Und sie wirft die Frage auf: Wenn sich die Umma (wenn auch langsam) Allah (t) zuwendet, würde Seine Antwort sein, sie zu bestrafen? Oder würde Er die Zuwendung zur Wahrhaftigkeit erleichtern? Sicherlich letzteres! Bei Allah, ersteres ist nicht im Sinne des Schöpfers. Es ist nicht der Allah (t), den wir kennen. Der Allah (t), den wir kennen, ist Er, der, wenn der Sklave den kleinsten Schritt zu Ihm macht, in größerem Maße erwidert:

„Und wenn er auf Mich zukommt, dann komme Ich eilend zu ihm“ [Sahih Muslim Nr. 4832]

Das anfangs erwähnte Narrativ ist auch deswegen oberflächlich, weil es die Bedeutung des Arguments nicht berücksichtigt. Wenn die Umma für ihre Sünden bestraft wird, würden wir erwarten, dass die schlimmsten Sünder am meisten bestraft werden. In der Tat würde man dann erwarten, dass die im Westen lebenden Muslime, die unter den Ungläubigen (Kuffar) leben, welche eine entartete Lebensweise im Diesseits (Dunya) vertreten, zuerst bestraft werden! Aber nein. Anscheinend, wenn einige verwöhnte Muslime im Westen das Morgengebet verpassen und hinter den Rücken ihrer anderen verdorbenen muslimischen Freunde reden und die Lebensweise der westlichen Wertevorstellung vertreten, dann werden als Konsequenz die Muslime in Syrien durch Fassbomben vernichtet. Ernsthaft?!

Dem zustimmend, wäre diese Oberflächlichkeit das geringere Problem des Arguments. Das größere Problem ist, dass komplizierte und multidimensionale Problematiken, die eine Vielzahl von politischen und militärischen Variablen aufweisen – auf „es ist wegen deiner Sünden“ reduziert werden. Es besteht anscheinend keine Notwendigkeit, sich auf eine tiefgreifende Analyse zu stützen. Nämlich: Was ist die derzeitige Situation (in Hinblick auf alle vorhandenen Konflikte)? Wer sind die Akteure? Welche Interessen verfolgen sie? Und wie versuchen sie diese zu realisieren? Wen benutzen sie und wie genau tun sie das? Und was ist, angesichts all dessen, die islamische Position diesbezüglich und wie sollten wir im Speziellen damit umgehen? Es besteht anscheinend keine Notwendigkeit für irgendein Entgegenwirken des Problems selbst. Das Gute wird nicht geboten und das Schlechte wird nicht angeprangert. Die Schlechtigkeit wird nicht mit der Zunge verändert. Es erfolgt keine Bilanz über die Tyrannei, da all diese Aspekte auf „Es ist wegen deiner Sünden, so arbeite zunächst an dir selbst“ reduziert werden.

Und das ist der Punkt, an dem diese Sichtweise sehr problematisch wird. Es ist, als ob die eigentliche Problematik (Aleppo als bestes Beispiel) nur ein Platzhalter ist und als Schein-Begründung benutzt wird. Diese Begründung existierte nämlich schon vor der Problematik und würde auch existieren, wenn die Problematik nicht eingetroffen wäre. Das eigentliche Problem spielt in dieser Begründung keine Rolle, weil man dem Problem keine wirkliche Beachtung schenkt. Du bist also mit dir selbst beschäftigt (was du auch definitiv sein solltest, immer und überall), sowie mit Handlungen wie dem Bittgebet (Du’a) und Wohltätigkeiten, die zwar äußerst wichtig sind, aber nur ergänzende Handlungen darstellen sollten. Anstatt mit direkten Aktionen dem Problem entgegenzuwirken, bittet uns Allah (t) nichts zu tun?

Es ist so, als ob die ganzen Bereiche des Islam belanglos wären oder nicht existieren würden. Und das ist die große Problematik dieser verzerrten Sichtweise, dieses Narratives und dieser Herangehensweise.