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Geschichte „Israel“ – Ein Konstrukt westlicher Kolonialpolitik (Teil 2)

Obschon es sich lohnt, sich mit dem Zionismus zu befassen und die Urväter des Zionismus als assimilierte Europäer zu erkennen, ist „Israel“ vordergründig nicht das Kind des Zionismus, sondern des britischen Kolonialismus. Dass die Briten das Feld für die Zionisten räumten, war weder eine Selbstverständlichkeit noch eine Entscheidung, die zügig gefällt wurde.

Im November 1898 erreichte die Palästinareise von Kaiser Wilhelm II. ihren Höhepunkt, als er die Tore Jerusalems durchtrat. Der 39-jährige Kaiser wurde jubelnd empfangen und wollte sich als demütiger, christlicher Pilger inszenieren. Überschattet wurde die zur Schau gestellte Pietät durch einundzwanzig Kanonenschläge und sein neunzigköpfiges, pompös gekleidetes Gefolge, als er auf einem weißen Pferd reitend das schmale Jaffa-Tor durchschritt, wofür eigens für ihn und seine achtzig Kutschen ein Graben aufgefüllt werden musste. Mehr wehmütig denn demütig blickte der Kaiser auf die gescheiterte Inszenierung zurück.

Nur neunzehn Jahre später – im Dezember 1917 – wurde das Tor zur heiligen Stadt von einem weiteren europäischen, diesmal britischen, Feldherren entweiht. Nach der Kapitulation Jerusalems überreichten die Osmanen nach fünfhundertjähriger islamischer Herrschaft die Schlüssel der Stadt dem Bürgermeister Hussein Bey al-Husseini. Wohlwissend, dass die britischen Kolonialherren die Geschicke Palästinas leiten werden, blieb den Osmanen nur eine letzte Botschaft an al-Husseini: In der Hoffnung, dass Sie Jerusalem so beschützen werden, wie wir es für mehr als 500 Jahre getan haben. Sichtlich überfordert und eine weiße Fahne in den Händen haltend, soll al-Husseini die Schlüssel zur Stadt einem britischen Koch überreicht haben, den er für den Hochkommissar Edmund Allenby hielt. Unfreundlich gab der Koch zu verstehen, dass er nicht die militärischen Geschicke der britischen Armee leite, sondern nur Koch sei: Ich will deine Stadt nicht. Ich will Eier für meine Offiziere.

Als Allenby kurze Zeit später vor dem Jaffa-Tor eintraf, erwies er sich als wesentlich demütiger als zuvor Kaiser Wilhelm II. Weder Kanonenschläge noch britische Fahnen begleiteten seine Ankunft. Vor dem Tor stieg Allenby vom Pferd und durchlief dieses zu Fuß. Seine Botschaft: Er komme nicht als Kolonialist, sondern als Pilger. Noch an Ort und Stelle ließ Allenby verkünden: Jedes heilige Gebäude, Denkmal, jeder heilige Fleck, Schrein, jede traditionelle Stätte, Stiftung, jedes fromme Vermächtnis oder jeder angestammte Gebetsplatz gleich welcher Art der drei Religionen (soll) erhalten und geschützt werden.

Die Ankunft der britischen Kolonialisten in Palästina stieß jedoch auf erbitterten Widerstand der Muslime, der sich im Laufe der nächsten Jahrzehnte immer weiter zuspitzen sollte. Die zionistischen Siedler und ihre europäischen Verbündeten hingegen traten diesem Tag mit Freude und Euphorie entgegen. Herzl selbst sollte diesen Tag aber nie miterleben, starb er doch bereits im Jahre 1904. Und ob die Briten Herzls Wunsch nach einem Judenstaat in Palästina entsprechen würden, war für Jahrzehnte unklar. Schließlich waren die Briten nicht unbedingt eingeschworene Freunde der Juden. Obschon nicht in der Qualität und Quantität der mittel- und osteuropäischen Judenverfolgung, waren Juden auch in England politischen und gesellschaftlichen Repressalien ausgesetzt. Dass Großbritannien ein sicherer Zufluchtsort für die europäischen Juden hätte sein können, schien von Beginn an ausgeschlossen. Das wusste auch Herzl und machte der britischen Regierung folgenden Vorschlag: Wenn die Juden in Großbritannien nicht erwünscht sind, so sollen die Briten ihnen eine Heimat finden, welche als Judenstaat anerkannt ist.

Herzls Aussage war gewiss nicht zufällig gewählt, handelte es sich bei dem Adressaten doch um den Hegemon Großbritannien, der die konkrete Fähigkeit besaß, Palästina zu kolonialisieren. Nur diese historische Einordnung lässt verstehen, wie und weshalb das zionistische Konstrukt inmitten der arabisch-islamischen Welt entstehen konnte. Und nur auf diese Weise ist der „Judenstaat Israel“ auch zu verstehen: Nicht als das alleinige Produkt zionistischer Anstrengung, sondern als Kolonialprojekt der britischen Regierung. Kein Judenstaat ohne die Gnade und den politischen Willen der Kolonialmacht Großbritannien. Aus diesem Grunde sagte der Historiker Michael Brenner über den Zionisten und ersten Staatspräsidenten „Israels“: Weizmann sollte sich nicht davon abbringen lassen, dass nur über die guten Beziehungen zu England der jüdische Staat errichtet werden konnte. So war denn die zionistische Politik der zwanziger und dreißiger Jahre trotz aller Rückschläge von Weizmanns Bindung an die Mandatsmacht geprägt.

Der Umstand, dass die Errichtung des Zionistenstaates nur durch Kolonialisierung mitsamt genozidaler Vorgänge wie Vertreibung, Mord und Landraub möglich würde und dass es hierfür der Gnade des Kolonialimperiums Großbritannien bedurfte, war schon Theodor Herzl bewusst: Die Zeit wird kommen, in der England alles in seiner Macht stehende tun wird, um uns Palästina für die Gründung eines Judenstaates zu überlassen. Völlig ausgeschlossen war Herzls Vision nicht. Bereits früh äußerten sich britische Regierungsvertreter und ließen – obwohl inoffiziell, nicht rechtlich bindend und schon gar in konkreter Form ausgedrückt – verkünden, dass die zionistische Staatsgründung im Zuge der nahöstlichen Neuordnung eine durchaus denkbare Option sei. Während sich der Kolonialminister Joseph Chamberlain geografisch nicht binden wollte und über Herzl sagte, dass wenn er einen Fleck unter den britischen Kolonien zeige, der noch nicht von weißen Siedlern bewohnt sei, dann könne man verhandeln, wurde der Namensgeber des Sykes-Picot-Abkommens Sir Mark Sykes schon konkreter: Aus rein britischer Sicht könnte ein wohlhabendes Palästina, das seine Entstehung der britischen Politik verdankt, ein unschätzbarer Wert für die Verteidigung des Suezkanals und als Station für künftige Flugrouten sein.

Dass ein wohlhabendes Palästina durch die dort ansässigen Muslime entstehen könnte, schien der kolonialen und sozialdarwinistischen Gedankenwelt britischer Eliten entgegenzustehen. So bezeichnete der britische Arzt Thomas Chaplin den Zustands Jerusalems nach europäischen Maßstäben als beschämend und ganz widerlich schmutzig. Weiter führte er fort: Des Orientalen Vorstellung von einer Straße scheint zu sein, dass sie als Behälter für alles dient, was man nicht mehr braucht […]. Widerlicher als alles andere ist für den Europäer der schamlose Mangel an Anstand, mit dem die Durchgangsstraßen in Bedürfnisanstalten verwandelt werden. Sieben Monate im Jahr fällt kein Regen, und in dieser langen Trockenzeit füllt sich die Luft mit dem ekelhaften Staub und Gestank, die aus so viel Unreinlichkeit erwachsen. Ähnlich elegisch fasste auch der deutsche Reisende Ewald Banse seine Sicht zusammen: Wohin man auch kommt im Morgenland, überall tritt einem Verfall, Staub, Moder entgegen. Und, was das Schlimmste ist, stets herrscht die Empfindung: einst wars hier viel besser und schöner als heut. Nicht nur die Ruinen sind hier Trümmer, auch das Lebende, das Gegenwärtige ist nur Trumm des Untergegangenen.

Das Knowhow der zionistischen Europäer und ihr Wille, die technischen, agrarischen und infrastrukturellen Fertigkeiten zum Aufbau eines Staates nach europäischen Maßstäben einzubringen, lässt vermuten, dass die Entscheidung der britischen Kolonialmacht, den Zionisten in Palästina eine Heimstätte zu ermöglichen, nie zur Debatte stand und nur eine Frage der Zeit war. Doch die Dynamik der vormals ungewissen Zukunft des Osmanischen Reiches, der Verlauf des Ersten Weltkrieges und die nahöstliche Neuordnung im Allgemeinen waren zu komplex und zu unübersichtlich, sodass es den europäischen Mächten an einer klaren Vision mangelte, die Zukunft der islamischen Welt zu definieren und ihr eine greifbare Substanz zu verleihen.

Fest stand jedoch, dass die Briten – noch bevor das Ende des kranken Mannes am Bosporus unausweichlich schien – konkrete Interessen auf Osmanischen Boden verfolgten. Diese fasste die Historikerin Gudrun Krämer wie folgt zusammen: Im 19. Jahrhundert war das britische Interesse an Palästina vorwiegend strategischer Natur. Der britische Freihandelsimperialismus der Periode 1838–1878 ruhte auf zwei Säulen: maritimer Kontrolle und industrieller Überlegenheit. Weiter heißt es: Zentrales Anliegen britischer imperialer Politik war die Sicherung der See- und Landwege nach Indien, die zu einem großen Teil über osmanisches bzw. von den Osmanen kontrolliertes Territorium führten.

Daraus ergab sich auch die Osmanische Frage der Briten, die Krämer folgendermaßen umreißt: Wie konnte das Osmanische Reich mit seinen weitgespannten Territorien in das europäische Konzert der Mächte eingegliedert werden, ohne die Machtbalance innerhalb Europas zu stören und unkontrollierbare regionale Konflikte auszulösen? Die britische Strategie bedeutete zunächst die Aufrechterhaltung des Osmanisches Reiches als ordnungspolitischer Faktor im Nahen und Mittleren Osten bei gleichzeitiger Einflussnahme im Sinne britischer Interessen. Dies erklärt auch die militärische Intervention des British Empire im Jahre 1789, um den Feldzügen Napoleons – die als Ägyptische Expeditionen in die Geschichte eingingen – nach Ägypten und Syrien ein Ende zu bereiten. 1831 bis 1833 waren es vor diesem strategischen Hintergrund wieder die Briten gewesen, die mit ihrer militärischen Intervention in Ägypten gegen den Wali Muhammad Ali dem Osmanischen Reich zur Hilfe eilten.

Die Autonomiebestrebungen Muhammad Alis – und vieler weiterer osmanischer Gouverneure, Feldherren und Frühnationalisten – zwang die Hohe Pforte zu Reformen (Tanzimat). Während die osmanischen Reformen die Zentralisierung im Reich ermöglichen sollten, führten sie andererseits zu einer Erstarkung der Einflussmöglichkeiten europäischer Mächte. Dennoch war bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges die Aufrechterhaltung des Osmanisches Reiches im Interesse Großbritanniens – jedoch nur als formelle und gleichzeitig schwache Ordnungsmacht, in deren Gebiet die Briten ihren eigenen Einfluss sukzessive ausbauen konnten. Dies zeigte sich auch bei der französisch-britischen Intervention in dem von den christlichen Maroniten angezettelten Bürgerkrieg im Libanon, die sich gegen das Osmanische Reich auflehnten. Im Libanon griffen Frankreich und Großbritannien 1860 im Gefolge blutiger konfessioneller Unruhen in einer Art ‚humanitärer Intervention‘ zugunsten lokaler christlicher Gemeinschaften ein und erzwangen damit eine Neuordnung der örtlichen Machtverhältnisse unter eigener Aufsicht, ohne allerdings die Souveränität des Sultans über diese Provinz formal anzutasten., so Krämer.

Es war schließlich der Erste Weltkrieg, der einen strategischen Wendepunkt britischer Kolonialisierung im Osmanischen Reich und in Palästina markierte, in dessen Verlauf die Briten zur neuen Hegemonialmacht im Nahen Osten avancierten. Er markierte deshalb einen Wendepunkt, da sich mit dem Ende des Krieges auch das Ende des Osmanischen Reiches abzeichnete. Der Untergang der vormals dominanten Ordnungsmacht war nun kein Wunschdenken mehr, sondern wurde faktisch real. Wenngleich die europäischen Siegermächte mit der Neuordnung der islamischen Welt sichtlich überfordert waren, die nun eine Unmenge neuer Eventualitäten und Optionen darbot, ist der jüdische Historiker Ilan Pappe davon überzeugt, dass die britische Kolonialisierung Palästinas religiös motiviert war und sich als antiislamisches Heilsversprechen erwies: Aber die kritischere Sicht von heute sieht das zionistische Bestreben, sich in Palästina statt an anderen möglichen Orten niederzulassen, eng verwoben mit dem christlichen Chiliasmus und europäischen Kolonialismus des 19. Jahrhunderts. Die verschiedenen protestantischen Missionarswerke und die Regierungen des Europäischen Konzerts wetteiferten untereinander um die Zukunft eines ‚christlichen‘ Palästina, das sie dem Osmanischen Reich abluchsen wollten. […] Dieser religiöse Eifer trieb fromme Politiker wie Lloyd George, den britischen Premierminister im Ersten Weltkrieg, sich mit noch größerem Engagement für den Erfolg des zionistischen Projekts einzusetzen. Das hinderte ihn allerdings nicht daran, seiner Regierung gleichzeitig eine Fülle von ‚strategischen‘, statt messianischen Erwägungen darzulegen, weshalb man Palästina von der zionistischen Bewegung kolonisieren lassen solle, Erwägungen, die zumeist durchdrungen waren von seinem überwältigenden Misstrauen gegen und seiner Verachtung für ‚Araber‘ und ‚Mohammedaner‘, wie er die Palästinenser nannte.

George selbst schien bereits in frühen Jahren keinen Hehl aus seiner Sympathie zur Errichtung eines Zionistenstaates zu machen und verkündete entschlossen: Die zionistischen Führer gaben uns das feste Versprechen, ihr Bestes zu tun, um sich der Sache der Alliierten anzuschließen, wenn die Alliierten sich hierfür […] eine nationale Heimstätte für die Juden in Palästina einsetzen würden. Doch wurden nicht nur den Zionisten Zusagen und Versprechungen gemacht; auch den Muslimen – oder genauer, den Arabern – wurde eine glorreiche Zukunft in Aussicht gestellt, sollten sie sich im Kampf gegen die Osmanen auf die Seite der Briten stellen. Prominent war in den Jahren 1915 und 1916 die sogenannte Hussein-McMahon-Korrespondenz zwischen den Scherifen des Hedschas Hussein ibn Ali und dem Hochkommissar für Ägypten Sir Henry McMahon, in denen einige arabische Stämme zum Aufstand gegen das Osmanische Reich aufgestachelt wurden. Anders als bei den Zionisten, die sich über Jahrzehnte hinweg mit allgemein gefassten und wenig konkreten Zusagen seitens der Briten begnügen mussten, erhielten die arabischen Aufständischen handfeste Versprechungen von McMahon, wie die Neuerrichtung eines arabischen Kalifats – einem Verbund verschiedener neu entstehender arabischer Staaten, an deren Spitze sich die Haschemiten-Dynastie unter Hussein ibn Ali und seinem Sohn Faisal wiederfinden sollte. McMahon formulierte das Vorhaben entlang der klassischen Divide-et-impera-Strategie als eine Vertreibung der Türken aus arabischen Ländern und die Befreiung der arabischen Völker vom türkischen Joch, das so lange auf ihnen lastete.

Dass die arabischen Aufständischen als Schachfiguren benötigt wurden, war der Tatsache geschuldet, dass die britische Kolonialmacht zu Beginn des Ersten Weltkrieges den deutsch-osmanischen Schulterschluss unterschätzt hatten. Die Briten fürchteten indes um ihre strategische Stellung im Suezkanal, der, wie zuvor erwähnt, für die Verbindung zwischen dem Empire und Indien von größter Bedeutung war. Daher bedurfte es kurzzeitig der arabischen Aufständischen, um die Osmanen von innen heraus zu schwächen. Das britische Angebot, die arabischen Völker unter der Herrschaft der Haschemiten-Dynastie zu stellen, schien für Hussein und sein Sohn Faisal Ansporn genug zu sein, sich der britischen Kolonialmacht dienstbar zu machen.

Doch es sollte anders kommen. Kaum versprachen die Briten der Arabischen Bewegung das Blaue vom Himmel, einigten sich bereits Engländer und Franzosen auf einen anderen Plan. Von autonomen arabischen Staaten, geschweige denn von einem arabischen Kalifat war keine Rede mehr. Der zionistische Historiker Michael Wolfssohn resümiert die leeren Versprechungen der Briten an die Araber wie folgt: Die britische Regierung dachte nicht im Traum daran, das gegebene Versprechen auch zu halten. Und weiter: Wie betrügerisch und schamlos das den Arabern gegebene Versprechen der britischen Regierung war, können wir leicht beweisen. Fast gleichzeitig (1915/16) planten die Briten gemeinsam mit Russland, Frankreich, Italien und Griechenland eine ganz andere Aufteilung der erhofften osmanischen Beute. Diese geteilte Beute mündete schließlich im geheimen Sykes-Picot-Abkommen; von einer Herrschaft der Araber unter Führung der Haschemiten wollten England und Frankreich plötzlich nichts mehr wissen.

Doch selbst mit der klaren Absage an die Haschemiten-Familie, die sich im Übrigen trotzdem nicht zu schade waren, erneut Verrat an der Umma zu begehen, nachdem sie sich von den Briten mit Länderresten abspeisen ließen, fehlte es den europäischen Siegermächten immer noch an einer Vision für den Nahen Osten: Briten und Franzosen hatten keine ausgefeilten Pläne für ihr weiteres Vorgehen in der Schublade, keine konkreten Vorstellungen über die Umsetzung der widersprüchlichen Vereinbarungen, gibt Krämer die damalige Situation wieder. Auf arabischer Seite waren kaum Akteure mit fest umrissenen Konzeptionen zu finden. Einzig auf Seiten der zionistischen Bewegung gab es klarere Vorstellungen vom großen Ziel, doch waren auch diese nicht ohne weiteres, und vor allem nicht ohne Reibungen, durchzusetzen.

Im November 1917 – exakt zwanzig Jahre, nachdem in München der erste Zionistenkongress unter Herzl tagte und Palästina offiziell als künftige Heimstätte der Juden ins Visier genommen wurde – verlautbarte Arthur James Balfour in der Funktion des Außenministers unter Lloyd George die nach ihm benannte Belfour-Deklaration. Adressiert an den Zionisten Walther Rothschild war die Kernaussage der kurzen, jedoch verhängnisreichen Deklaration: Die Regierung Seiner Majestät betrachtet mit Wohlwollen die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina und wird ihr Bestes tun, die Erreichung dieses Ziels zu erleichtern, wobei, wohlverstanden, nichts getan werden soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte der bestehenden nichtjüdischen Gemeinschaften in Palästina, oder die Rechte und den politischen Status, derer sich die Juden in irgendeinem anderen Land erfreuen, in Frage stellen könnte.

Der jüdische Historiker Avi Shlaim bewertete das Schreiben Belfours als ein klassisches koloniales Dokument, das einer kleinen Minderheit das Recht auf nationale Selbstbestimmung [gewährte], während sie es der Mehrheit verweigerte. Die Analyse des deutschen Historikers Wolfgang Reinhard fiel indes ausführlicher aus: Der Schlusssatz war ein Zugeständnis an die assimilationsfreundlichen jüdischen Antizionisten. Vom politischen Status der palästinensischen Araber war hingegen nicht die Rede. Über sie wurde von den Briten unbedenklich verfügt, denn Selbstbestimmung war ihnen damals nicht versprochen worden und wurde ihnen 1918 nur aus Versehen verkündet. Die Erklärung war weniger Produkt britischen Philosemitismus’ als die geschickte Manipulation antisemitischer Ängste und Vorstellungen von der Macht der Juden durch den Zionisten Chaim Weizmann. Ihre Urheber im Hintergrund waren Sykes und Lloyd George; sie war außerdem mit dem amerikanischen Präsidenten Wilson abgesprochen. Ihr Zweck sollte erstens die Gewinnung der Zionisten sein; deutsche prozionistische Aktivitäten sollten ausgestochen, einflussreiche jüdische Kreise der USA zum Plädoyer für deren Kriegseintritt motiviert und die russischen Juden veranlasst werden, gegen ein Ausscheiden ihres Landes aus dem Krieg zu wirken. Zweitens sollte Großbritannien als Garant dieser Heimstätte Gelegenheit bekommen, sich in Palästina festzusetzen und so eine Landbrücke von Ägypten zum Irak zu schlagen.

Wenngleich der Erfolg der Zionisten in greifbarer Nähe war, sollten noch einunddreißig Jahre vergehen, bis der Judenstaat im Mai 1948 gegründet wurde. Für die Zionisten erwiesen sich diese drei Jahrzehnte als Damoklesschwert, da stets befürchtet und infrage gestellt wurde, ob und wie die Briten dieses Versprechen einlösen würden. Schließlich waren sich Zionisten, Araber und die Westmächte darüber im Klaren, dass die Belfour-Deklaration zwar ein Zugeständnis gegenüber den Zionisten war, doch eindeutig in ihrer Umsetzung war sie mitnichten. Die Erklärung war zu schwammig, zu allgemeingefasst und vor allem nicht rechtlich bindend, als dass die zionistischen Vertreter getrost ihre Hände in den Schoß legen konnten; zumal überhaupt nicht klar war, welche Rolle die ansässigen Muslime (und Christen) in solch einer jüdischen Heimstätte einnehmen sollten.

Verstärkt wurde die Sorge der Zionisten durch Winston Churchills Zurückrudern, der 1922 in einem Weißbuch zu verstehen gab, dass Großbritannien nicht beabsichtige Palästina so jüdisch werden zu lassen, wie England englisch sei. Weiter sagte Churchill: Wenn man fragt, was mit der Entwicklung der Jüdischen Nationalen Heimstätte in Palästina gemeint sei, so ist zu antworten, dass es nicht bedeutet, den Einwohnern ganz Palästinas jüdische Nationalität aufzuzwingen, sondern die bestehende jüdische Gemeinschaft mit der Hilfe von Juden in anderen Teilen der Welt weiterzuentwickeln, damit sie ein Zentrum werden möge, für das das jüdische Volk als Ganzes, aus religiösen und rassischen Gründen, Interesse und Stolz fühlen darf. Daher, so Michael Brenner, sollten die Zionisten um die Einlösung dieses Versprechens kämpfen – und dabei feststellen müssen, dass Lord Balfours Formulierung äußerst dehnbar war. Letztlich zeigte sich auch die Machtlosigkeit jüdischer Interessen gegenüber der britischen Regierung und markierte das Ende der Hoffnungen von Millionen durch den Nationalsozialismus bedrohter europäischer Juden.

All dies verdeutlicht, dass das Schicksal des Judenstaates nicht von den Anstrengungen der Zionisten bestimmt wurde, sondern von dem Willen der westlichen Kolonialmächte abhängig war. Während Großbritannien eine zunehmend ambivalente Haltung zu dem zionistischen Projekt entwickelte, sollte es die neue Hegemonialmacht USA sein, die das kolonialistische Konstrukt „Israel“ letztendlich durchsetzte.