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Geschichte Konflikte und Bürgerkriege in Afrika als Resultat europäischer Kolonialpolitik – Teil 2

Im 19. Jahrhundert waren Frankreich und Großbritannien die führenden Kolonialmächte. Der sogenannte „Wettlauf um Afrika“ fand vor allem zwischen diesen beiden Kolonialstaaten statt. So kam es 1898 zwischen beiden Großmächten zur Faschoda-Krise, als ihre Kolonialisierungspläne offen miteinander kollidierten.

Der Wettlauf um Afrika – „Mein Stück vom Kuchen!“

Sowohl Frankreich als auch Großbritannien hatten zur Durchsetzung ihrer Kolonialpläne in Afrika eine große Eisenbahnverbindung geplant. Großbritannien wollte mit einer Kap-Kairo-Linie eine Eisenbahnverbindung von Süden nach Norden schaffen. Es sollte eine durchgehende Eisenbahnstrecke zwischen Kapstadt und Kairo sein, die die britischen Kolonien miteinander verbinden und den Kolonialismus erleichtern sollte. Frankreich hatte jedoch ähnliche Pläne und wollte mit dem Kongo-Nil-Projekt eine Eisenbahnstrecke zwischen Dakar im Westen und Dschibuti im Osten bauen, um seine Kolonien in Westafrika mit denen an der Somaliküste zu verbinden. Der Eisenbahnbau war ein wesentlicher Bestandteil der Erschließung und Kolonialisierung Afrikas. Wer den Wettlauf um Afrika gewinnen wollte, musste den imperialen Eisenbahnbau vorantreiben. Der Plan einer durchgehenden britischen Bahnverbindung von Süden nach Norden und einer französischen Bahnstrecke von Westen nach Osten bedeutete, dass sich die Verbindungen irgendwo kreuzen mussten. Für beide Projekte war der Südsudan aufgrund seiner zentralen Lage von Bedeutung. Beide Staaten entsandten eine bewaffnete Expedition und trafen in Faschoda im Südsudan aufeinander. Die französischen Truppen erreichten Faschoda, ein verlassenes Fort, im Juni 1898 und besetzten es. Die Briten wollten das nicht akzeptieren und die Franzosen von dort vertreiben. Sie trafen im September desselben Jahres auf die französischen Truppen in Faschoda. Es drohte ein Krieg zwischen beiden Kolonialmächten auszubrechen. Doch schließlich zwang Großbritannien im Sudanvertrag von 1899 Frankreich zum Rückzug, das zuvor schon seinen Einfluss in Ägypten verloren hatte und das Feld dem britischen Rivalen überlassen musste.

Aber es mischten auch andere Länder wie Deutschland, Spanien, Italien, Portugal oder Belgien mit. Jeder wollte dem anderen zuvorkommen und den größtmöglichen Kolonialbesitz ergattern und seinen Stand in der Weltpolitik festigen. Es war ein erbitterter Wettstreit um die Kolonialisierung Afrikas, den auch die Kongokonferenz von 1884 bis 1885 nicht beenden konnte, die in Berlin unter der Leitung des deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck stattfand und in der man versuchte, Afrika unter „geregelten Verhältnissen“ unter sich aufzuteilen. Dass dies misslang, belegt die Faschoda-Krise. Der Name der Konferenz suggeriert zwar, dass es um das Kongogebiet ging, auf das alle scharf waren und Anspruch erhoben. Doch in Wahrheit ging es um die Aufteilung des ganzen afrikanischen Kontinents und darum, die Ansprüche, die man in Afrika erhob, von den anderen europäischen Mächten anerkennen zu lassen. Hierbei verhielten sich die europäischen Kolonialmächte wie hungrige Raubtiere, die ein großes saftiges Stück Fleisch vor sich sahen, das jeder allein verschlingen wollte. Jeder war versessen auf eine afrikanische Kolonie. Beispielsweise schrieb Leopold II., dass er sich „sein Stück am afrikanischen Kuchen“ sichern wolle. Die Kolonialmächte hielten Afrika für ein offenes Buffet, an dem sie sich uneingeschränkt bedienen konnten. Jeder wollte sich die besten Stücke auf den Teller schaufeln. Der Hunger der europäischen Staaten auf Afrika war unstillbar.

Die Kolonialmächte zogen ihre Grenzen ohne Rücksicht auf die ethnische Zugehörigkeit der Menschen. Frankreich und Großbritannien rissen Afrika regelrecht in Fetzen mit den Grenzen, die sie um ihre ergatterten Kolonien zogen und deren Folgen bis heute zu spüren sind. Eine Gruppe von Afrikanern, die die Kolonialherren als ethnische Gruppe zu identifizieren meinten, konnte sich über ein Gebiet erstrecken, das den kolonialen Grenzvorstellungen nicht entsprach, was die Kolonialmächte jedoch nicht daran hinderte, eine trennende Aufteilung vorzunehmen. Ein besonders anschauliches Beispiel für die willkürliche Grenzziehung ist der Senegal, der als französische Kolonie durch die britische Kolonie Gambia in zwei Teile geteilt wurde. Gambia befindet sich eigentlich mitten im Senegal und wird von diesem fast vollständig umschlossen. Auf der Karte sieht es aus, als hätte sich Großbritannien mit seiner Kolonie Gambia wie ein Wurm in die französische Kolonie Senegal hineingefressen. Die Existenz Gambias und des Senegal als eigenständige Staaten vermittelt den Eindruck, dass es sich um zwei unterschiedliche Völker handelt, die in diesen beiden Staaten leben. In Wahrheit sind es Menschen derselben Ethnie mit derselben Geschichte, Sprache und sogar derselben Religion, die der Kolonialismus entzweite.

Mit der Aufteilung Afrikas wurden die Menschen gespalten, wobei der Keil zwischen ihnen nicht nur durch koloniale Grenzziehung zustande kam. Denn die Kolonialmächte spalteten die Menschen innerhalb ein und derselben Kolonie in ethnische Gruppen. Hierbei wendeten sie das Prinzip des „Divide et impera“ an, d. h. des Teilens und Herrschens. Dieser Grundsatz besagt, dass eine Macht ein zu beherrschendes Volk in Gruppen mit gegensätzlichen Interessen spalten soll, um diese in gegenseitige Konflikte zu verwickeln und davon abzuhalten, sich gegen den gemeinsamen Feind zu verbünden. Es geht darum, Gruppen gegeneinander auszuspielen und Feindschaft und Rivalitäten zu schüren, um einen vereinten Widerstand gegen die Kolonialmacht zu verhindern. Die Kolonialmächte haben dieses menschenverachtende Prinzip perfektioniert. Sie rissen mithilfe von Grenzen Völker auseinander oder spalteten existierende ethnische Gruppen, indem sie Hierarchien schufen und die eine ethnische Gruppe über die andere herrschen ließen. Hierzu konstruierten sie sogar ethnische Gruppen, wenn in einer Kolonie nur eine Ethnie vorhanden war. Der einen Gruppe gaben sie Privilegien, während die andere bewusst benachteiligt wurde, um eine Kluft und ein Ungleichgewicht zu schaffen. Denn die Kolonialmächte, insbesondere Großbritannien, wendeten die indirekte Herrschaft in ihren Kolonien in Afrika an und setzten afrikanische Herrscher, sogenannte Chiefs, ein, die der Kolonialverwaltung verpflichtet waren. Das heißt, die eine Gruppe durfte herrschen, während die andere beherrscht wurde. Neben anderen Vorteilen der indirekten Herrschaft erleichterte das die Arbeit der Kolonialherren, weil sie sich so nicht um die alltäglichen Streitigkeiten der Einheimischen kümmern mussten. Die lokalen Herrscher waren Despoten, die die Unterdrückung und Ausbeutung ihrer eigenen Leute im Namen der Kolonialmächte übernahmen. Denn die Kolonialmächte bauten korrupte Herrscherklassen auf. Sie brachten die afrikanischen Herrscher auf ihre Seite, indem sie in Machtkämpfe eingriffen, was noch heute praktiziert wird und wie damals funktioniert. Auf diese Weise wurden Interessenkonflikte zwischen ethnischen Gruppen künstlich hervorgebracht. Das heißt, die Kolonialmächte führten eine Politik der Unterscheidung und Diskriminierung, um anschließend die Unterschiede politisch instrumentalisieren zu können.

Das Resultat dieser Kolonialpolitik sind bestialische Konflikte und Bürgerkriege und sogar Völkermorde, die bis heute andauern. Was man im Westen einfach nur als ethnische Konflikte „rückschrittlicher“ Afrikaner abtut, sind in Wahrheit Bürgerkriege, auf die es die Kolonialmächte mit ihrer Kolonialpolitik angelegt hatten, um ihre Interessen in Afrika durchzusetzen, indem sie die eine oder die andere Seite im Hintergrund unterstützen. Je mehr die Kolonialmächte um eine Region in Afrika konkurrieren, desto grausamer ist der Konflikt bzw. der Stellvertreterkrieg, der in Afrika ausgetragen wird. Es ist keineswegs nur eine Mitverantwortung, die sie aufgrund vergangener Kolonialpolitik tragen, sondern eine direkte Beteiligung und Einmischung, die man ihnen vorwerfen muss. Das Problem ist nämlich nicht nur die koloniale Vorgeschichte Afrikas, sondern die koloniale Gegenwart und die noch vorherrschenden Strukturen, die der Kolonialismus geschaffen hat. Die Kolonialmächte wollten ihren Einfluss in Afrika auch nach der formellen Unabhängigkeit ihrer Kolonien aufrechterhalten und wandelten beispielsweise ihre Kolonialministerien in Entwicklungshilfeministerien um. Der Kolonialismus bekam mit der Bezeichnung Entwicklungshilfe bzw. Entwicklungszusammenarbeit einfach einen neuen Namen. Schon früher deklarierten die Kolonialmächte ihren Kolonialismus in Afrika als Entwicklungspolitik. So hielten sie in der General-Akte der Kongokonferenz fest, dass sie „auf Mittel zur Hebung der sittlichen und materiellen Wohlfahrt der eingeborenen Völkerschaften bedacht“ seien. Mit ihrer Kolonialpolitik hatten die Kolonialmächte vorgesorgt, um ihren Einfluss zu behalten. Sie spalteten Afrika zu ihren Gunsten in ethnische Gruppen, um den Kontinent leichter kolonialisieren zu können. Diese Unterteilung in Ethnien kam im Laufe der Zeit in der Gründung von oftmals ethnisch orientierten Bewegungen und Parteien zum Ausdruck, die nach Erlangen der Unabhängigkeit der Kolonien die Konflikte austrugen. Denn die Kolonialmächte hatten privilegierte Ethnien mit einem Anspruch auf Herrschaft geschaffen, auf die andere ethnische Gruppen, die von Herrschaft, Macht und Ämtern ausgeschlossen waren, nach der Unabhängigkeit ebenfalls Anspruch erhoben. Auch das kommt den Kolonialmächten zugute, die hinter den Kulissen durch Unterstützung von Bewegungen und Parteien die Machtverhältnisse zu ihren Gunsten zu beeinflussen versuchen, um ihre Interessen in Afrika zu wahren. Darin bietet sich einer Kolonialmacht die Möglichkeit, sich gegen die Konkurrenz anderer Kolonialmächte durchzusetzen. Das Resultat sind verheerende Stellvertreterkriege um politischen Einfluss und Bodenschätze, die als Bürgerkriege getarnt sind.