Die Krisen, Konflikte und Kriege in Afrika sind ohne den kolonialen Hintergrund, das Wissen um die ressourcenreichen Gebiete und die Kenntnis der Interessen der Kolonialmächte und ihrer Einmischungen gar nicht zu verstehen. Die europäischen Kolonialmächte wetteiferten im 19. Jahrhundert um Afrika und wendeten allesamt eine menschenverachtende Kolonialpolitik an, um ihre Kolonien zu kontrollieren und um sie maximal auszubeuten. Ein wesentliches Instrument hierzu war die Konstruktion ethnischer Gruppen und ihre Spaltung. Die Spaltung erfolgte mithilfe des Prinzips des „Divide et impera“ (Teile und herrsche), um ein Bündnis der Kolonialisierten gegen die Kolonialmacht zu verhindern. Nach dem Teile-und-herrsche-Grundsatz wurden Unterschiede zwischen den Gruppen hervorgebracht, um sie zu Feinden zu machen und in gegenseitige Konflikte zu verwickeln.
„Divide et impera“ – das teuflische Prinzip
Was das „Divide et impera“ in der Praxis bedeutet, zeigt sich am Beispiel Ruandas, wo die deutsche Kolonialpolitik – und später die belgische – einen der schlimmsten Genozide auf dem afrikanischen Kontinent verursachte. In der Kongokonferenz, die vom 15. November 1884 bis zum 26. Februar 1885 stattfand, erhielt Deutschland das Gebiet, das heute Ruanda und Burundi umfasst. Es wurde Teil der Kolonie Deutsch-Ostafrika. Schon vor der Kolonialzeit gab es dort Hutu und Tutsi, aber sie bezeichneten keine ethnischen Gruppen. Vielmehr gab es das Volk der Banyarwanda, zu dem sowohl die Hutu als auch die Tutsi zählten. Hutu und Tutsi bezeichneten vor der Kolonialisierung keine ethnische Zugehörigkeit, sondern den sozialen Status innerhalb der Gesellschaft sowie den politischen Einfluss. Die Banyarwanda waren hierarchisch strukturiert. In dieser Hierarchie bildeten die Tutsi als Viehzüchter die Elite, während die Hutu nur Ackerbauern waren. Ein Hutu konnte zum Tutsi aufsteigen, wenn er Rinderbesitzer wurde, während ein Tutsi zum Hutu absteigen konnte, sobald er verarmte und keine Rinder mehr besaß. Beide gehörten demselben Volk an. Die Einteilung in Hutu und Tutsi hatte also nichts mit ethnischen Unterschieden zu tun. Woran hätte man diese auch festmachen sollen, da es keine kulturellen oder sprachlichen Unterschiede gab?
Vor dem Kolonialismus waren die Gesellschaften in Afrika gar nicht ethnisch organisiert. Es handelt sich um einen riesigen Kontinent, in dem es auch Königreiche gab. Doch dann kam der Kolonialist mit seinem Teile-und-herrsche-Prinzip und seiner Rassentheorie, mit der er rassische Unterschiede auf Hutu und Tutsi projizierte. Aufgrund der Tatsache, dass die Gruppe der Tutsi die Herrscherklasse darstellte, malte sich der europäische Kolonialist aus, dass die Tutsi „Europäer unter einer schwarzen Haut“ seien. Er bezeichnete sie auch als „schwarze Weiße“ und sah in ihnen in seinem beschränkten Rassendenken eine überlegene „Rasse“ gegenüber den Hutu. Die Hutu wurden hingegen als „echte Schwarze“ gesehen. Die Kolonialmächte wandten auf die Hutu und Tutsi ihre menschenverachtende Rassentheorie an und schrieben den einen andere Eigenschaften und Fähigkeiten zu als den anderen. Tutsi und Hutu waren aber keine unterschiedlichen Ethnien, sondern reiche Viehzüchter auf der einen Seite und arme Ackerbauern auf der anderen Seite, wobei die Viehzüchter, d. h. die Tutsi, im Königreich Ruanda herrschten. Eine solche Unterscheidung findet man auch anderswo in Afrika. In Kenia beispielsweise waren die Njemps die Viehzüchter und die Tugen die Ackerbauern, die der Kolonialist einfach zu zwei unterschiedlichen Ethnien erklärte. Bis heute herrscht im Westen die Vorstellung vor, Afrikaner würden in primitiven ethnischen Gruppen und Stämmen zusammenleben. In Wahrheit haben ihnen erst die Kolonialmächte eine ethnische Identität aufgezwungen, weil diese dadurch ihre Kolonien leichter verwalten und kontrollieren konnten. Sie ließen sogar ethnische Karten von Afrika erstellen und bildeten darin ihre bis heute existierende Vorstellung von ethnischer Zugehörigkeit von Afrikanern ab. Die Tutsi waren im Grunde die Aristokraten der Banyarwanda. Sie wurden von der deutschen Kolonialmacht gestützt und gegen die Hutu angestachelt.
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Ruanda zur belgischen Kolonie, was die von den Deutschen vorgenommene ethnische Trennung zwischen Hutu und Tutsi verstärkte. Denn die belgische Kolonialverwaltung stellte Ausweise aus, in denen vermerkt wurde, ob jemand Hutu oder Tutsi war. Ab da hing die Zugehörigkeit nicht mehr davon ab, ob jemand Viehbesitzer oder Ackerbauer war, sondern was in den Dokumenten stand. Niemand konnte mehr vom Hutu zum Tutsi werden und umgekehrt, weil die belgische Kolonialmacht offiziell ethnische Gruppen daraus machte. Es fand also die Zuweisung von Ethnien statt, die es in der Realität gar nicht gab. Die Kolonialmächte machten sich vorhandene Unterscheidungen von Gruppen zunutze und bildeten daraus Ethnien, auf die sie die Gruppen festlegten. Das heißt, die ethnischen Gruppen sind ein Konstrukt der Kolonialmächte, um eine Kluft zwischen den Menschen zu schaffen und sie zu entzweien, um sie auf diese Weise für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Diese konstruierten Ethnien hatten negative Folgen für einen Teil der Menschen und schafften eine Ungleichheit und Ungerechtigkeit. So konnte ein Hutu, der durch Viehbesitz zu Wohlstand kam, dennoch nicht aufsteigen und blieb ein unterprivilegierter Hutu, was den Unmut gegen die Tutsi weckte – „Divide et impera“.
Damit war der Grundstein für Konflikte und den späteren Völkermord der Hutu an den Tutsi im Jahr 1994 gelegt, bei dem die Hutu innerhalb von drei Monaten im Blutrausch zwischen 800.000 und 1.000.000 Menschen bestialisch töteten, während die Schuldigen im Westen tatenlos zusahen und den Genozid allenfalls dokumentierten. Die Kolonialmächte übernahmen keinerlei Verantwortung dafür, dass sie den Konflikt herbeigeführt hatten, als sie Hutu und Tutsi zu verschiedenen Ethnien erklärt, unüberwindliche rassische Zuordnungen vorgenommen und Ungerechtigkeit geschaffen hatten. Zudem übten sie nicht nur eine passive Rolle bei den Konflikten aus, sondern unterstützen, wie im Falle Frankreichs, über inoffizielle Kanäle Hutu-Milizen.
Das Teile-und-herrsche-Prinzip erwies sich für den Kolonialismus als sehr effizient, es wurde und wird von den Kolonialmächten überall in Afrika angewendet, was auf unterschiedliche Weise geschehen konnte, wie das Beispiel des Sudan zeigt. Großbritannien wollte in seiner Kolonie ein Ungleichgewicht zwischen dem Nord- und dem Südsudan herstellen, um beide voneinander zu trennen und jede Annäherung und Einheit zu verhindern. Der Norden wurde vom Süden getrennt, indem die britische Kolonialmacht die wirtschaftliche Entwicklung und die Infrastruktur des Nordens förderte und den Süden vernachlässigte und verarmen ließ. Um einen Zusammenschluss zu verhindern, wurde außerdem darauf geachtet, dass der Süden aus Christen bestand und der Norden aus Muslimen, damit es nicht zu einem Bündnis gegen die britische Kolonialmacht kommt. So durfte es im Norden keine christlichen Missionen geben, während im Süden Missionare für das Schulsystem verantwortlich waren und der Islam keinen Zugang haben sollte. Die Kolonialmacht Großbritannien schuf so tiefe Gräben zwischen dem Nord- und dem Südsudan, dass an einen gemeinsamen Widerstand gar nicht zu denken war. Als der Sudan 1956 formell unabhängig wurde, standen sich infolge der britischen Kolonialpolitik zwei Landesteile gegenüber, die sich wirtschaftlich und religiös völlig unterschiedlich entwickelt hatten. So hat die Kolonialpolitik dazu geführt, dass der Sudan ein dauerhaftes Konflikt- und Bürgerkriegsgebiet wurde. Und noch immer besteht dort der Kolonialismus weiter fort, wo mehrere Kolonialmächte rivalisieren.
Konflikte und Bürgerkriege in Afrika sind folglich ein Resultat westlicher Kolonialpolitik und haben nichts mit der Mentalität der Menschen oder mit irgendeiner Rückschrittlichkeit dort zu tun. Immer dann, wenn es in einem afrikanischen Land aufflammt, es zu Bürgerkriegen kommt, Regierungen gestürzt werden und ein Despot an die Stelle eines anderen tritt, kann man davon ausgehen, dass auf dem kolonialen Schachbrett Figuren verschoben wurden. Jeder Zug einer Kolonialmacht kann Blutvergießen bedeuten, denn der Zug der Konkurrenz lässt niemals lange auf sich warten. Der Wettlauf um Afrika, d. h. um politischen Einfluss, um Bodenschätze und Absatzmärkte in Afrika, ist noch in vollem Gange.