Dass Begriffe wie Scharia oder Kalifat die deutsche Gesellschaft in Angst und Schrecken versetzen, ist der politisch-medialen Hetze der letzten Jahrzehnte geschuldet. Doch gerade am Beispiel des Kalifats ist zu beobachten, dass islamfeindliche Narrative durch verschiedene Akteure unterschiedlich aufgezogen werden können.
Seitdem das Thema Kalifat in den öffentlichen Diskurs Einzug gehalten hat, führen Politik und Medien einen semantischen Kampf um diesen Begriff. Ziel ist es, die Deutungshoheit an sich zu reißen und es nicht der muslimischen Gemeinschaft zu überlassen, den Begriff mit islamischen Inhalten zu füllen. Inwieweit sie mit dieser Strategie Erfolg haben werden, hängt nicht zuletzt davon ab, wie sich die muslimischen Akteure positionieren und ob sie dies als Zeichen verstehen, sich dieser politischen Auseinandersetzung zu stellen oder in der Defensive zu verharren.
Denn die Gefahr besteht nicht nur darin, dass das Kalifat in das Vokabular extremistischer Begriffe aufgenommen und die Muslime erneut aus dem Diskurs ausgeschlossen werden. Vielmehr zielt die derzeitige politisch-mediale Hetzkampagne darauf ab, Muslime aufgrund ihrer politischen Vorstellungen zu kriminalisieren. Sie sollen eine Gefahr für die öffentliche Ordnung allein deswegen schon sein, weil sie eine dem Grundgesetz widersprechende Auffassung von Staat und Gesellschaft haben. Ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte diese Hetzkampagne nach den sogenannten Kalifat-Demos in Hamburg, als führende Politiker Repressionsmaßnahmen forderten, die von Vereinsverboten und Haftstrafen bis hin zu Abschiebungen reichten. Zeitgleich traten die üblichen Experten auf den Plan, die in diversen Beiträgen und Diskussionen das Kalifat als ordnungspolitisches Konzept zu diskreditieren versuchten und es kurzerhand mit Diktaturen gleichsetzten. Wiederholt rekurrieren sie dabei auf die IS-Herrschaft, um der Öffentlichkeit vor Augen zu führen, was den Menschen im Nahen Osten blüht, wenn der Islam erneut in staatliche Strukturen überführt werden sollte. Aber auch mit Blick auf die islamische Geschichte habe das Kalifat dieser Lesart zufolge nichts weiter als eine einzige Blutspur hinterlassen. Interne Konflikte – insbesondere jene zur Anfangszeit – werden hervorgehoben und sollen belegen, dass der Islam in sich bereits über ein Konfliktpotenzial verfüge, das seine zerstörerische Wirkung schließlich durch seine gesellschaftspolitische Anwendung entfalten würde. Aus diesem Grund stehen allen voran die politischen Akteure unter den Muslimen in der Pflicht, sich diesem Diskurs nicht länger zu verweigern. Es kommt jetzt darauf an, die Staatsform des Kalifats anhand der islamischen Quelltexte darzulegen und es auf diese Weise wieder ins richtige Licht zu rücken – also mit einem Gegennarrativ aufzuwarten. Dabei muss sich vor allem unter den hierlebenden Muslimen die Erkenntnis durchsetzen, dass das Kalifat als Gegenentwurf zur kolonialen Ordnung die einzige politische Alternative für den Nahen Osten ist, die dieser Region tatsächlichen Frieden und Stabilität bringen kann.
Neben dieser rein negativen bzw. konfliktorientierten Darstellung lässt sich auch ein weiteres Narrativ beobachten, das vielen auf den ersten Blick eher als eine nüchtern-kritische Analyse erscheint, unter dem Strich jedoch auf das gleiche Ergebnis hinausläuft. Dabei wird zunächst in Frage gestellt, ob sich aus den islamischen Offenbarungstexten überhaupt ein für alle Zeiten geltendes und verbindliches politisches System in Form des Kalifats ableiten lässt. Die Staatsgründung in Medina durch den Propheten (sas) wird zwar nicht verneint. Dennoch habe dies mit den politischen Organisationsprinzipien moderner Staatlichkeit nichts gemein. Was in Medina stattgefunden habe, sei eher die Gründung einer losen Konföderation, in der dem Propheten (sas) die Rolle eines Schiedsrichters zuteilwurde. Auch in den darauffolgenden Epochen habe sich kein genuin islamisches Staatsmodell entwickelt. Vielmehr behielten die Muslime die tribale Ordnung bei und nahmen schrittweise äußere Elemente auf. Mit anderen Worten habe sich in der islamischen Geschichte eine Art politisches Amalgam herausgebildet; gewissermaßen ein Ordnungsprinzip, das sich nicht ausschließlich auf die islamischen Quellen zurückführen lässt, sondern politisch, kulturell und rechtlich von äußeren Einflüssen geprägt wurde. Zwar ist diese Kritik nicht neu und hält einer islamrechtlichen als auch historischen Betrachtung nach wie vor nicht Stand. Dennoch ist sie durchaus imstande unter jenen Muslimen für Verwirrung zu sorgen, denen es an islamischen als auch geschichtlichen Kenntnissen hinsichtlich des Kalifats fehlt. So versucht beispielsweise der Religionswissenschaftler Ilyas Ibn Karim in einem kürzlich erschienen Beitrag in dem linken Magazin Jacobin genau diese These belegen zu wollen. Darin vertritt er die Auffassung, dass die bisherige Politik das Problem des Islamismus in Deutschland nicht in den Griff bekommt und nach einem anderen Lösungsansatz suchen müsse. Gerade das Konzept der Leitkultur sei im Kontext der Integrationspolitik fehlgeschlagen, da es den Islamisten im Grunde genommen in die Hände spielt und sie in ihrer Erzählung bestätigt, die deutsche Politik bekämpfe den Islam: Der aktuelle Diskurs in Deutschland verhindert nicht Islamismus, er schwächt ihn nicht, er gibt ihm recht. Jedes Mal, wenn man von Leitkultur redet, gibt man ihm recht. Immer dann, wenn man einen deutschen, französischen oder sonst wie europäischen Islam fordert, stimmt man ihm zu. Immer, wenn man von Aufklärung und Reformation spricht, stärkt man ihn.
Effektiv eindämmen lässt sich der Islamismus aus seiner Sicht nur, wenn sein Narrativ dekonstruiert wird – die politische Vision einer Gesellschaft, die in allen Bereichen von islamischen Normen bestimmt wird, und einen Staat, der das durchsetzen kann. Hierbei versucht Ilyas Ibn Karim darzulegen, dass islamistische Organisationen mit ihrer Vorstellung eines Kalifats im Grunde einer Illusion hinterherlaufen, die wenig mit der islamischen Geschichte zu tun hätte. Ein Kalifat, in welchem die Scharia vollumfänglich zur Anwendung kam, habe es ihm zufolge so nie gegeben. Vielmehr gab es Alkoholkonsum und homoerotische Poesie […] in der Hauptstadt des Kalifats reichlich. Es war auch keine Utopie, in der nur islamische Identität zählte. Sozialer Stand und ethnische Zugehörigkeit waren damals mindestens genauso wichtig wie heute. Nicht einmal das erste Kalifat der vier rechtgeleiteten Kalifen – den Gefährten Muhammads – war eine solche Gesellschaft. Islamisten wollen über das Kalifat den Islam einen, dabei waren es die Konflikte des ersten Kalifats, die den Islam überhaupt spalteten.
Gleichzeitig knüpft Ilyas Ibn Karim bei der Entstehungsgeschichte des Islamismus an die im Westen üblichen Erklärungen unter Historikern und Islamwissenschaftlern an. Danach sei der Islamismus als Reaktion auf die europäische Kolonialisierung der islamischen Welt entstanden, deren politischer Aktivismus als ein modernes Phänomen innerhalb des Islams verstanden wird. Nach dem Untergang des Osmanischen Kalifats wurde seine Widererrichtung dabei zu einer zentralen politischen Idee vieler islamistischer Gruppierungen. Als wichtige Vordenker, die maßgeblich zur Entstehung des Islamismus beitrugen, verweisen Historiker und Islamwissenschaftler in der Regel auf drei Personen: Dschmal ad-Din al-Afghani (1838–1897), Muhammad Abduh (1849–1905) und Rashid Rida (1865–1935). Ilyas Ibn Karim betont, dass ihre Antwort auf den europäischen Kolonialismus und dem Niedergang des Kalifats der Pan-Islamismus gewesen sei, wobei gerade Al-Afghani und Abduh nicht unserem heutigen Bild von Islamisten entsprechen. Beide gelten als Vorreiter progressiver und moderner Lesearten des Islams. Al-Afghani plädierte nicht für eine totalitäre, islamische Ordnung. Stattdessen war er der festen Überzeugung, dass Religion und Wissenschaft voneinander getrennt gehören, so der Religionswissenschaftler.
Ilyas Ibn Karim versucht das argumentativ kaum überzeugende Narrativ am Leben zu erhalten, dass das Kalifat als ein autarkes ordnungspolitisches System nicht ein Produkt des Islams, sondern des Islamismus sei – also einer modernistischen Strömung. Mit anderen Worten soll der Eindruck entstehen, dass die gesellschaftspolitische Dimension des Islams eine Erfindung der Islamisten sei, um auf die Kolonialisierung der islamischen Welt und der damit einhergehenden Dominanz des Westens angemessen zu reagieren. Auch manifestiere sich im Anspruch, die Umma politisch einen zu wollen, das islamistische Denken. Die islamische Geschichte sei dagegen ein Beweis dafür, dass ein derartiges Verständnis sowohl vom Kalifat als auch der Einheit der Umma in dieser Form, wie es sich die islamistischen Bewegungen vorstellen, nicht existierte.
Die Absurdität dieser Thesen zeigt sich unter anderem darin, dass Wissenschaftler wie Ilyas Ibn Karim in ihrer historischen Betrachtung keine Differenzierung vornehmen, zwischen dem normativen Anspruch des Islams sowie dessen grundsätzlicher Anwendung auf der einen und historischen Abweichungen auf der anderen Seite. Dass es in der langen islamischen Geschichte zu etwaigen Verwerfungen oder teilweise zur falschen Umsetzung der Scharia kam, ist zwar Fakt. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Scharia damit überhaupt keine gesellschaftspolitische Rolle gespielt und die Muslime Staat und Gesellschaft nach anderen Prinzipien organisiert hätten. Selbst das in diesem Kontext immer wieder vorgebrachte Beispiel von Bagdad als Hauptstadt des abbasidischen Kalifats belegt im Grunde nichts anderes, als die Nachlässigkeit der Muslime in der Umsetzung des Islams in einer spezifischen Region und Epoche. Keineswegs kann hier die Rede von einer Gesellschaft der Ambiguitäten sein, in der alles möglich gewesen wäre. Der Rahmen für das öffentliche Leben wurde zu jeder Epoche des Kalifats grundsätzlich durch die Scharia definiert. Somit gehörten Alkoholkonsum und homoerotische Poesie – ganz abgesehen von der Frage, in welchem Ausmaß dies tatsächlich öffentlich praktiziert wurde – zur absoluten Ausnahme und entsprach nicht der Norm. Zumal Gelehrte zu jeder Zeit derartige Missstände auch öffentlich kritisierten und die politisch Verantwortlichen auf ihre islamrechtliche Pflicht hinwiesen, den munkar zu beseitigen, um den normativen Anspruch zu erfüllen. Auch wurde die Institution des Kalifats nie in Frage gestellt, was nicht zuletzt daran zu erkennen ist, dass die Herrscher in der islamischen Geschichte Wert darauf legten, den Titel des Kalifen zu übernehmen.
Die Idee eines islamischen Regierungssystems ist folglich keine Erfindung der Moderne bzw. der Islamisten, sondern fest verankert in der islamischen Normenlehre. Ein einfacher Blick in die Werke der klassischen Gelehrten gibt Aufschluss darüber, dass sie bereits in der Frühzeit des Islams den obligatorischen Charakter des Kalifats hervorgehoben und die wesentlichen politischen Strukturen eines Staates aus den islamischen Quelltexten abgeleitet haben. Exemplarisch kann hier das Werk al-Ahkam al-Sultaniyya des auch im Westen bekannten Gelehrten Abu l-Hasan al-Mawardi aus dem 10. Jahrhundert herangezogen werden. Darin gibt er einen theoretischen Abriss zur Frage der Herrschaft und beleuchtet dieses Thema unter islamrechtlichen Gesichtspunkten. Und al-Mawardi stellt dabei mitnichten eine Ausnahme dar. Denn die Normativität des Kalifats wurde von Gelehrten in sämtlichen Rechtsschulen und Strömungen explizit dargelegt, so z.B. durch ibn Khaldun, al-Juwayni, al-Ghazali, an-Nasafi, al-Amidi, al-Qurtubi, an-Nawawi, ibn Hazm, ibn Taymiyya, al-Haskafi und ibn Abidin – um nur einige zu nennen. Ebenso bestätigen die zahlreichen juristischen Werke, dass die Gelehrten und Richter bei der Rechtsfindung ausschließlich die islamischen Quelltexte herangezogen haben. Und selbst die von ihm zitierten Urväter des Islamismus waren mit Blick auf das Kalifat keine Ausnahme – zumindest nicht so wie in dem Artikel insinuiert.
Zum einen existierte zu jener Zeit ja noch das Kalifat als einheitliches Ordnungssystem im Nahen Osten. Zum anderen waren sogenannte Traditionalisten, wie der vorletzte Sheikh ul-Islam des Osmanischen Reichs, Mustafa Sabri, unmissverständlich in ihrer Haltung zum Kalifat und betonten dessen normativen Charakter. Letzterer war darüber hinaus ein radikaler Kritiker der Tajdid-Bewegung und ihrer Vertreter wie Abduh und al-Afghani, was die Erzählung von der Erfindung des Kalifats durch modernistische Strömungen vollends ad absurdum führt. Und selbst die von westlichen Historikern und Islamwissenschaftlern transportierten Freigeister der islamischen Geschichte haben die Normativität der Scharia nie angezweifelt. So war Averroes bzw. ibn Rushd nicht nur Philosoph, sondern auch Jurist und Richter. Er verfasste bedeutende Werke zu den Grundlagen der islamischen Normenlehre und des Rechts, darunter das Werk ad-Daruri fi Usul al-Fiqh und das rechtsvergleichende Werk Bidayat al-Mujtahid wa Nihayat al-Muqtasid.
Vor diesem Hintergrund sind die Ausführungen von Ilyas Ibn Karim vor allem deshalb kaum ernst zu nehmen, weil er durch eine Verdrehung der historischen Faktenlage, Ausnahmeerscheinungen zur Norm erklären möchte. So als ob der öffentliche Verstoß gegen die göttlichen Gebote die gesamte islamische Geschichte hindurch an der Tagesordnung gewesen wäre. Gerade die Tatsache, dass nach dem Niedergang des Kalifats unter Gelehrten als auch unter Muslimen im Allgemeinen zahlreiche Diskussionen darüber entbrannten, wie denn mit den neuen soziopolitischen Verhältnissen umgegangen werden müsse, beweist mehr als deutlich, dass die Muslime zuvor doch in einer Gesellschaft lebten, in der ihre Angelegenheiten durch die islamischen Normen geregelt wurden und es nun zu einem historischen Bruch gekommen war.
Ungeachtet dessen ist dieser von Ilyas Ibn Karim betriebene Geschichtsrevisionismus für die muslimische Community dennoch gefährlich, weil er eben nicht zu den offensichtlich feindlichen Narrativen gehört und stadtessen differenziert und akademisch daherkommt. Gerade deswegen kann er in der aktuellen Debatte um das Kalifat seine zersetzende Wirkung unter Muslimen entfalten. Denn warum sollten wir für den Nahen Osten eine Staatsform fordern, die es in der Geschichte vermeintlich nie wirklich gab?