Trotz aller eskalatorischen Erklärungen und öffentlichen Bekundungen stehen beide Länder in jedem denkbaren Kriegsszenario vor großen Herausforderungen.
Die ganze Welt wartet darauf, wie Israel auf den iranischen Raketenbeschuss am 1. Oktober reagieren wird. Berichten zufolge erwägt Israel eine Reihe von Optionen, darunter Angriffe auf das iranische Atomprogramm, die Ölinfrastruktur und andere militärische und zivile Infrastrukturen. Dies hat entsprechend ernste Bedenken bei den Amerikanern ausgelöst, die sich wiederum in der deutlichen Unstimmigkeit zwischen den USA und Israel bemerkbar machen. Die USA sind nicht an einer Eskalation in der Region interessiert, insbesondere nicht an einer, die zu einer Unterbrechung der Ölversorgung führen könnte, oder bei der sie von Israel in einen Krieg hineingezogen werden könnten. Der Iran hat schließlich klar zum Ausdruck gebracht, dass jede Unterstützung Israels durch regionale Akteure die Ölinfrastruktur des jeweiligen Landes zu einem legitimen Ziel iranischer Vergeltungsmaßnahmen machen würde. Der Iran und Israel führen schon seit Jahrzehnten einen Schattenkrieg, wobei dies das erste Mal ist, dass ihre Feindseligkeit in einen offenen Krieg übergehen zu droht. Ungeachtet der Drohrhetorik würden beide Länder – egal in welchem Kriegsszenario – ohnehin vor großen konventionellen Problemen stehen.
Sowohl in Hinblick auf die staatliche Militärpolitik als auch in Bezug auf den militärischen Fortschritt und die Kapazitäten könnten beide Akteure nicht unterschiedlicher sein. Gerade die israelische Militärdoktrin beschäftigt sich mit der künstlichen Entstehung und Entwicklung des Landes und seiner durchaus ungünstigen geographischen Lage, um mit dieser gekonnt umgehen zu können.
Strategische Schwachstellen
Als kleines Land ohne strategische Tiefe ist Israel nur begrenzt im Stande, eine große Zahl von militärischen oder zivilen Opfern zu ertragen. Zumal es zahlreichen wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen gegenüberstehen müsste – die es ohnehin schon hat. Ein langwieriger Krieg liegt daher nicht im Interesse Israels, weswegen die rasche Beendigung größerer Eskalationen für sie von immenser Bedeutung ist.
Diese Realität bestimmt auch Israels militärische Vorgehensweise, welche darauf abzielt, den Kampf auf das gegnerische Territorium zu verlagern, mittels Präventivschläge schnelle Siege zu erringen und die Offensive auf eine einzige Front zu konzentrieren, um zeitgleich andere Fronten verteidigen zu können. Im Grunde zielt Israels offensiver Ansatz darauf ab, ihre Fähigkeit, die Hauptanstrengungen schnell von einer Front auf andere zu verlagern, weiter auszubauen. Dies ist auch der Grund für die umfangreichen Investitionen in die israelische Luftwaffe (IAF), die ihr wichtigstes Instrument in der offensiven Kriegsführung bildet.
Obgleich Israel durch die USA militärische und wirtschaftliche Unterstützung erfährt, sieht es sich trotz alledem einer prekären Situation gegenüberstehen, die selbst mit einer hohen Anzahl an Waffen und Munitionen nicht ausgeglichen werden kann. Die strategische Unzulänglichkeit Israels basiert auf der zahlenmäßigen Unterlegenheit und auf der Tatsache, dass sie geografisch eingekesselt sind. Für Israel kommt die konventionelle Kriegsführung nicht in Frage, weswegen sie einen Krieg mit hoher Intensität länger als einige Wochen nicht zu führen vermögen. Während Israel gegenüber asymmetrischen Auseinandersetzungen bestens gewappnet ist, ist es bei jeder konventionellen Bedrohung auf das Eingreifen der USA angewiesen. Selbst im Kampf gegen die Hisbollah und die Hamas war Israel von den ständigen Nachschublieferungen aus den USA abhängig. Die aggressive Haltung Israels ist daher als eine Abschreckung zu verstehen, die die umliegenden Nationen davon abhalten soll, eine Invasion in Erwägung zu ziehen – was bei den Machthabern in der islamischen Welt zu funktionieren scheint. Israel ist strategisch zu sehr begrenzt, als dass es einen langwierigen Kampf gewinnen könnte, und besitzt, abgesehen von seiner Luftwaffe, absolut keine Fähigkeit zur Machtprojektion. Wenn Ägypten aufrüsten und Israel bedrohen würde, wäre das zionistische Gebilde zum Scheitern verurteilt.
Asymmetrische Kriegsführung
Die iranische Doktrin unter dem Schah (Herrscher) bestand aus einer großen Landstreitkraft mit moderner Ausrüstung. Die iranischen Streitkräfte waren sehr gut bewaffnet und durch umfangreiche Importe ausländischer Ausrüstung und Systeme ausgebildet. Als 1979 die Revolution stattfand, lag die Desertionsquote der iranischen Armee bei 60 Prozent. Die neue Revolutionsregierung war bestrebt, ihre innenpolitische Lage zu verbessern, indem sie hochrangige Angehörige des Militärs, die eng mit der Pahlavi-Dynastie verbunden waren, aus dem Verkehr zogen. Als dann der Irak 1980 einmarschierte, wies der Iran gegenüber den Streitkräften Saddam Husseins einen schweren qualitativen Nachteil auf. Die Kampferfahrung aus dem Krieg mit dem Irak hat das iranische Regime zu der Einsicht gebracht, dass es in einem konventionellen Konflikt mit keinem seiner Gegner mithalten kann und können wird. Die Auswirkungen des ersten Golfkriegs, insbesondere durch den Gebrauch von Präzisionsmunition, untermauerten diese Erkenntnis. Die Taktiken der asymmetrischen Kriegsführung, die sich das iranische Regime durch den Irak-Krieg zu eigen machte, wurden fortan zur Richtschnur für die gesamte iranische Militärpolitik. Die asymmetrische Kriegsführung bildet daher eine zentrale Rolle in der militärischen und strategischen Doktrin Irans, die unter anderem den Korps der Islamischen Revolutionsgarde (IRGC) hervorbrachte. Die iranischen Streitkräfte konzentrieren sich auf die Entwicklung von Nischenfähigkeiten, bei denen die Stärken des Irans zum Tragen kommen – Mannstärke, strategische Tiefe und Opferbereitschaft. Gleichzeitig werden die Schwächen der Gegner ausgenutzt, die als risikoscheu, verlustempfindlich und in hohem Maße von technologischen Mitteln und regionalen Stützpunkten abhängig sind.
Die Kronjuwelen des iranischen Militärarsenals sind seine ballistischen Raketen und Marschflugkörper. Da der Iran aufgrund von Sanktionen und Überalterung nicht in der Lage war, seine Luftwaffe zu modernisieren, investierte er in seine strategischen Raketensysteme, um den weitaus fortschrittlicheren Luftstreitkräften seiner Nachbarn kostenwirksam entgegenzuwirken. Heute ist das iranische Raketenarsenal vielleicht das größte und vielfältigste der Region: Es verfügt über mehrere tausend mobile ballistische Kurz- und Mittelstreckenraketen, darunter die Shahab 3 mit einer Reichweite von bis zu 1700 Kilometer, die das strategische Standbein der iranischen Machtprojektion darstellt. Während Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate Milliarden für westliche Rüstungsgüter ausgeben, investiert Teheran weiter in sein eigenes Raketenprogramm als Abschreckungsmittel. Seit die Kriege in Afghanistan und im Irak die USA bis an die iranische Grenze gebracht haben, hat der Iran seine Forschungs- und Entwicklungsanstrengungen auf die Verbesserung der Treffsicherheit seiner Raketen konzentriert.
Die iranische Militärstrategie beruht auf der Annahme, dass das Land nicht in einen Konflikt mit einem konventionellen Feind verwickelt werden kann. Infolgedessen ist der Iran auf seine Raketen und irregulären Truppen angewiesen, um das Land gegen jede ausländische Bedrohung verteidigen zu können.
Geografie
Die größte Herausforderung für die israelische und die iranische Armee stellt im Falle eines Krieges die Distanz zueinander dar. Beide Länder liegen ca. 1126 Kilometer voneinander entfernt. Die israelische Sicherheitspolitik, auf der Benjamin Netanyahu seine Karriere aufbaute, wird aktuell scharf kritisiert. Auf ebendiese Kritik muss der israelische Premierminister nun reagieren, um die Glaubwürdigkeit der israelischen Sicherheit wiederherzustellen. Israel hat Informationen über mögliche Angriffsziele durchsickern lassen; diese betreffen iranische Stützpunkte, militärische Ziele, das iranische Atomprogramm und möglicherweise die Energieinfrastruktur des Landes. Die Herausforderung für Israel besteht allerdings darin, ihr Vorhaben über solch eine große Distanz auch umsetzen zu können. Ein weiterer Aspekt ist, dass Israel das Überraschungsmoment verloren hat, da der Iran nun entsprechende Vorkehrungen treffen kann.

Ein israelischer Luftangriff auf den Iran wäre ein kompliziertes und operativ anspruchsvolles Unterfangen, da ein Angriffspaket aus Jagdbombern und dazugehörigen Unterstützungsflugzeugen erforderlich wäre, um den Großteil des Angriffs auszuführen. Israel bräuchte ausreichende Feuerkraft, um ins iranische Gebiet vorzudringen. Ein erfolgreicher israelischer Angriff würde bis zu 1000 Einsätze erfordern, wofür wiederum über 100 Militärflugzeuge vonnöten wären. Diese hohe Zahl übersteigt die Kapazitäten der israelischen Luftwaffe. Der Iran liegt über 1126 Kilometer von Israel entfernt; Die Gesamtdistanz, die jeder Jet für den Hin- und Rückflug zurücklegen müsste, beträgt also über 2400 Kilometer. Allein deshalb schon kommt der Einsatz von F35 nicht in Frage. Diese Entfernung setzt somit eine bestimmte Anzahl und einen bestimmten Typ von Flugzeugen voraus. In jedem Fall würden die israelischen Jets auf dem Heimweg Luftbetankung benötigen. Der Treibstoffverbrauch hängt auch von der Flughöhe, der Geschwindigkeit und der Nutzlast ab, um den Iran effektiv anzugreifen. Da Israel schnell an die Grenzen seiner Fähigkeiten stoßen würde, wäre es auf die nachrichtendienstliche und logistische Hilfe und Versorgung der USA angewiesen.
Israel könnte zu Raketenangriffen übergehen. Es verfügt über mehrere Marschflugkörpersysteme sowie über Kurzstreckenraketen (150-799 km) und Mittelstreckenraketen (800-2399 km). Den Berichten zufolge sollen sie auch Mittelstreckenraketen größerer Reichweite (2400-5499 km). besitzen. Wenn Israel die Infrastruktur oder das iranische Atomprogramm angreifen und nicht nur symbolische Schläge ausführen will, um das Gesicht zu wahren, müsste es eine große Anzahl von Raketen einsetzen, um die große Fläche des Iran abzudecken, was die israelischen Kapazitäten sicherlich überschreiten würde.
Israel hat außerdem noch andere Möglichkeiten, um auf die iranischen Raketenangriffe zu reagieren. Es könnte eine Attentatskampagne auf iranische Ziele, Beamte und Mitarbeiter auf der ganzen Welt ausführen, wie es Israel bereits in der Vergangenheit getan hat. Israel könnte auch sein Spionagenetz innerhalb des Irans nutzen, um Attentate zu verüben, wie bereits bei der Ermordung iranischer Wissenschaftler geschehen. Israel könnte aber auch einen Cyberangriff durchführen, wie es dies in der Vergangenheit mit dem Stuxnet-Virus getan hat, der die iranischen Atomkraftwerke lahmlegte. Jedoch könnten diese Optionen von der israelischen Öffentlichkeit als nicht verhältnismäßig angesehen werden. Unabhängig davon, für welche Option sich Israel entscheidet, wird es die Beteiligung der umliegenden arabischen Herrscher benötigen, da es selbst keine gemeinsame Grenze mit dem Iran aufweist. Jedenfalls hätte dies eine Vielzahl unbeabsichtigter Folgen für diese Herrscher, da der Iran mit Vergeltungsschlägen gedroht hat, falls sie Israel die Nutzung ihres Luftraums gestatten würden.
Obwohl der Konflikt zwischen Iran und Israel oft als bilaterale Angelegenheit dargestellt wird, schwelt er in Wirklichkeit unter dem wachsamen Auge der USA, deren Interessen vorrangig der Region gilt. Abgesehen von Bluff, Prahlerei und Größenwahn ist es nur der Einfluss der USA, der die iranische Reaktion dämpft. Israel ist viel verwundbarer, als es sich eingestehen möchte.
Der Iran verfügt über russische und leistungsfähige inländische Luftabwehrsysteme, die zwar nicht offiziell gegen hochentwickelte Gegner getestet wurden, aber in Syrien bereits zum Einsatz kamen. Dort haben die Iraner beträchtliche Erfahrungen mit israelischen Systemen und Taktiken gesammelt, die jeden israelischen Angriff erschweren.
Der Iran verfügt über eine große Anzahl von Stellvertretern im Nahen Osten. Wenn er eine eigene Attentatskampagne gegen zionistische Ziele starten würde, die der der Israelis gleicht, wäre kein Israeli mehr sicher, außer in Israel, was die Bewegungsfreiheit der Israelis stark einschränken würde.
Im Nahen Osten gleichen die Stellvertreter Irans die Distanz zwischen den beiden Ländern aus. Während Israel für einen Angriff auf den Iran über 1126 Kilometer zurücklegen muss, hat sich der Iran an der israelischen Grenze verschanzt und kann ohne Vorwarnung zuschlagen.
Ein israelischer Angriff auf den Iran wird aller Wahrscheinlichkeit nach dazu führen, dass die muslimische Welt Druck auf ihre Führer ausübt, um eine Reaktion zu erzielen oder zumindest ihre Neutralität zu wahren. Da Israel an Ägypten und Jordanien grenzt, müsste Israel an diesen Grenzen Truppen stationieren, um für den Fall gewappnet zu sein, dass die Muslime beschließen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.
Dies ist das Grundproblem der geografischen Position Israels: Jeder Krieg ist ein existentieller Kampf und könnte zum Ende Israels führen, während für den Iran durch große Auseinandersetzungen keine existentielle Bedrohung ausgeht. Während sowohl der Iran als auch Israel Erklärungen abgeben und wilde Behauptungen über ihre Fähigkeiten aufstellen, muss lediglich die Geografie überwunden werden. Die Steppen Eurasiens haben bereits die Armeen Napoleons und Hitlers verschlungen und um die USA anzugreifen, mussten riesige Ozeane überwunden werden. Die Geografie zwischen Iran und Israel begrenzt den Schaden, den Israel hierbei anrichten kann.
Quelle: thegeopolity.com