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Ausland Der Einfluss hybrider Kriegsführung auf moderne Konflikte

In den letzten Jahren hört man immer wieder von Hybrider Kriegsführung und auch im aktuellen Konflikt im Nahen Osten spielt diese Art der Kriegsführung eine Rolle. Doch wie groß ist ihre Bedeutung in einem ansonsten konventionellen Krieg?

Die Ereignisse im Nahen Osten überschlagen sich und die Konfliktdynamik nimmt beinahe täglich zu. Dabei verlagert sich der Schwerpunkt der Kämpfe vom Gaza-Streifen zunehmend auf die sogenannte Nordfront – also der Grenze zwischen dem zionistischen Konstrukt und Libanon. Seit dem 8. Oktober letzten Jahres gibt es dort wechselseitigen Beschuss, der schnell zu einer Art Normalzustand wurde, in dessen Zuge 200.000 Israelis flüchteten, von denen bis heute noch über 90.000 nicht in „ihre“ Häuser zurückkehren können. Insbesondere die Ereignisse der letzten Wochen haben jedoch zu einer massiven Zuspitzung der Situation geführt, wodurch auch auf libanesischer Seite etwa eine Millionen Menschen aus dem Süden des Landes fliehen mussten. Auf eine Eskalation folgte die Nächste. Doch wie konnte sich die Hisbollah nach monatelanger Konfliktroutine auf einmal so leicht überrumpeln lassen?

Am 2. Januar 2024 fand ein Treffen zwischen Hamas-Vertretern und der libanesischen al-Dschama‘a al-Islamiya in einem Vorort von Beirut statt, als ein israelischer Luftangriff das Gebäude vollständig zerstörte. Dabei kamen sieben Menschen ums Leben, darunter Saleh al-Aruri, der Gründer der Qassam-Brigaden, dem militärischen Arm der Hamas. Dies war das erste gezielte Attentat auf einen hochrangigen Hamas-Anführer außerhalb der Palästinensergebiete seit dem Ausbruch des Konflikts am 7. Oktober 2023.

Am 1. April 2024 flog die israelische Luftwaffe einen Angriff auf das iranische Konsulat in Damaskus. Unter den Opfern befand sich Mohammed Reza Zahedi, ein hochrangiges Mitglied der iranischen Revolutionsgarden, der eine Schlüsselrolle bei der militärischen Unterstützung der Hisbollah innehatte. Dies veranlasste den Iran dazu, erstmals selbst einen Angriff auf das zionistische Besatzungsregime vorzunehmen. Es kamen dabei mehr als 300 Drohnen, Marschflugkörper und ballistische Raketen zum Einsatz, allerdings erst, nachdem der Iran mehr als 24 Stunden vorher über verschiedene diplomatische Kanäle eine Warnung übermittelt und Israel und den USA dadurch die Möglichkeit gegeben hatte, sich entsprechend vorzubereiten. So konnten die meisten Flugkörper abgefangen werden, jedoch nur durch massive Unterstützung der USA, Großbritannien, Frankreich, Jordan und Saudi-Arabien. Insgesamt überwanden gerade einmal neun Raketen die Luftabwehr, ohne größere Schäden zu verursachen. Getroffen wurde dabei aber Nevatim, also jener Militärflugplatz, von dem aus den israelischen Kampfjets gestartet sein sollen, die den Angriff auf das iranische Konsulat in Damaskus ausgeführt haben. Die Botschaft war also symbolischer Natur und darauf ausgerichtet, das iranische Abschreckungspotenzial wiederherzustellen.  

Am 30. Juli 2024 wurde jedoch Fuad Schukr, ein enger militärischer Berater von Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah, durch einen weiteren israelischen Luftangriff in einem Vorort von Beirut getötet. Nur wenige Stunden später, am 31. Juli 2024, wurde Ismail Haniya, der Leiter des politischen Büros der Hamas, bei einer Explosion in einem Gästehaus der Revolutionsgarden in Teheran getötet. Bis heute ist unklar, ob die Detonation durch einen Luftangriff, eine ferngesteuerte Rakete oder einen zuvor platzierten Sprengsatz verursacht wurde. Dies stellte eine massive Eskalation dar, da ein hoher Staatsgast direkt in der iranischen Hauptstadt getötet wurde.

Am 20. September folgte die nächste Eskalation der Zionisten, als Ibrahim Aqil, der Anführer der Radwan-Eliteeinheit und am 27. September schließlich Nasrallah selbst bei einem Luftangriff getötet wurden. Die iranische Reaktion folgte am 01. Oktober 2024 – drei Monate nach dem Anschlag auf Ismail Haniya. Dabei feuerte der Iran ca. 200 ballistische Raketen auf das Besatzungsregime ab, von denen mindestens 80 die Luftabwehr durchbrachen und u.a. auf den Militärflugplätzen Nevatim und Tel Nof sowie in der Nähe des Mossad-Hauptquartiers in Tel-Aviv einschlugen. Erneut sollen dabei jedoch keine größeren Schäden entstanden sein, was abermals auf die Absicht des Iran hinweist, seine Fähigkeiten zu demonstrieren, anstatt einen schwerwiegenden Angriff durchzuführen. Seitens der Hisbollah wurde am 19. Oktober zudem ein Drohnenangriff auf die Privatresidenz des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu durchgeführt, bei dem niemand zu Schaden kam.       

Wie dieser Schlagabtausch demonstriert, sind bei konventionellen Kriegen nach wie vor auch konventionelle Waffensysteme – wie z.B. Raketen, Marschflugkörper, Kampfjets und Drohnen – von größter Bedeutung. Doch der wachsende Einfluss von hybrider Kriegsführung ist auch hier deutlich zu erkennen. Denn die aktuelle Eskalationsdynamik an der Nordfront begann vor allem am 17. September 2024 Fahrt aufzunehmen, als es zu den sogenannten Pager-Explosionen im gesamten Libanon kam. Dabei wurde in den Batterien tausender von der Hisbollah genutzten Pager kleine aber hochexplosive Menge Sprengstoff aus Plastik versteckt, die nicht von herkömmlichen Sprengstoffdetektoren erkannt wird, die beispielsweise an Flughäfen genutzt werden. Im Vorfeld machten sich bei der Hisbollah vor allem Sicherheitsbedenken bezüglich der Abhörsicherheit von Smartphones und Mobiltelefonen breit, da bereits einige ihrer Mitglieder Attentaten zum Opfer fielen, bei denen die Ortung über Mobilfunkgeräte eine entscheidende Rolle gespielt hat. Also entschieden sie sich zur Kommunikation auf Pager umzusteigen. Eine entsprechende Gegenmaßnahme – die Pager-Attacke – wurde vom Mossad lange und akribisch geplant. Dazu hat der zionistische Geheimdienst eine Scheinfirma in Bulgarien gegründet, die eine Kooperation mit der renommierten taiwanesischen Firma Gold Apollo eingegangen ist, um die präparierten Pager unter dem bekannten Markennamen von Gold Apollo verkaufen zu können. Dazu wurden eigens ein Onlineshop, Foren mit Diskussionen und Bewertungen zu den Produkten und sogar YouTube-Videos mit Reviews zu den Pagern und Batterien aufgesetzt. Außerdem wurden die Pager zu einem sehr günstigen Preis angeboten. Die renommierte Marke, die vermeintliche Bekanntheit unter Fachkreisen in entsprechenden Foren und die fehlende Nähe von Taiwan (oder Bulgarien) zu den Zionisten räumten alle Zweifel bei der Hisbollah, welche die Pager sogar noch zu einem Sonderpreis erhielt, als sie für eine Großbestellung anfragten. Am 18. September – also einen Tag nach der Pager-Attacke – explodierten auch noch hunderte Walkie-Talkies, die vor allem im Gefechtsfeld zum Einsatz kommen. Diese trugen den Markennamen der japanischen Firma Icom, die diese jedoch seit 10 Jahren nicht mehr produziert und bereits in der Vergangenheit davor warnte, dass viele Fälschungen im Umlauf seien. Sämtliche Funkübertragungsgeräte werden in Japan hergestellt und entsprechen den internationalen Sicherheitsvorschriften für die Branche, so das Unternehmen. Außerdem würden keine Bauteile anderer Hersteller in ihren Produkten verwendet werden.

Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen der Hisbollah konnte der Mossad auf diese Weise einen sensiblen Schlag landen, bei dem 37 Menschen getötet und ca. 3000 weitere verletzt worden sind – darunter sogar Modschtaba Amani, der iranische Botschafter im Libanon. Zwar sind es nach wie vor die konventionellen Angriffe gewesen, die die gesamte Führungsriege und auch Hassan Nasrallah selbst getötet haben. Nichtsdestotrotz haben die Pager-Explosionen über den militärischen Schaden hinaus einen massiven psychologischen Effekt erzielt. So waren z.B. Panikausbrüche die Folge, bei denen Menschen im Libanon sich allen technischen Geräten wie Smartphones, Fernsehern und sogar Kühlschränken entledigen wollten. Verunsichert war jedoch vor allem die Hisbollah, die sich zwangsläufig fragen musste, wie stark der israelische Geheimdienst in die eigenen Strukturen eingedrungen ist und über welche Informationen er noch verfügt. Nachdem die Erzählung von der „stärksten Armee des Nahen Ostens“ durch den 7. Oktober eigentlich schon begraben wurde, erschienen das zionistische Konstrukt und sein Nachrichtendienst nun wieder omnipräsent und schier unbesiegbar.

Die Pager-Attacke lässt sich unterdessen eindeutig unter der Kategorie hybride Kriegsführung subsumieren. So beschreibt Oberst a. D. Ralph Thiele, Vorsitzender der Politisch-Militärischen Gesellschaft (PMG), die hybride Kriegsführung als kreativen Akt der Gewalt, der ein breites Spektrum militärischer und nicht-militärischer Instrumente und Machtvektoren auf einem ausgedehnten, mehrere Bereiche umfassenden Schlachtfeld kombiniert. […] Von Terrorismus, Terror, Sabotage und Subversion bis hin zum Guerillakrieg, zur konventionellen Kriegsführung und sogar zum nuklearen Bereich können alle möglichen Ebenen der vertikalen Eskalation einbezogen oder sogar kombiniert werden. Das Vorgehen des Mossad war ohne Zweifel ein kreativer Akt der Gewalt, Sabotage und – der Einschätzung des ehemaligen CIA-Chefs Leon Panetta zufolge – eine Form von Terrorismus. Auch handelte es sich nicht um eine isolierte Aktion, sondern um einen Auftakt für jene konventionellen Angriffe, die eine umfassende Militäroffensive gegen die Hisbollah einleiteten – die gezielten Tötungen von Ibrahim Aqil und Hassan Nasrallah sowie den Beginn der begrenzte Bodenoffensive im Südlibanon. Unter Berücksichtigung dieser Zusammenhänge entspricht die Pager-Attacke exakt der Definition der RAND Corporation, der zu folge hybride Kriegsführung in der Koordination und Kombination unterschiedlicher Kampfformen wie konventionelle Operationen und irreguläre Taktiken bestehe, die darauf abzielen, einen Gegner zu verwirren, zu schwächen und zu destabilisieren, bevor es zu einer offenen militärischen Konfrontation kommt.   

Die Vulnerabilität der Hisbollah liegt unterdessen darin begründet, dass es sich um eine Miliz mit begrenzten Ressourcen bzw. einen vom Iran abhängigen Proxy handelt. Im Gegensatz dazu würde sich das Kalifat bei militärischer und auch sonst sicherheitsrelevanter Ausrüstung niemals auf fremde Staaten verlassen, sondern die Produktion selbst in die Hand nehmen – seien es konventionelle Waffen, Raketen, Drohnen, Fahrzeuge, Kommunikationsmittel oder moderne Infrastrukturen und Technologien. Um selbst ein handlungsfähiger und potenter Akteur zu sein, bildet dies die absolute Grundvoraussetzung. Eine mangelnde Autarkie in diesen Bereichen bedeutet immer ein mögliches Einfallstor für den Feind. Notwendig ist auch nicht ein begrenzter Einfluss, den beispielsweise der Iran oder die Türkei auf Milizen in gescheiterten Staaten haben, sondern überregionale Macht in wirtschaftlichen, politischen, militärischen und auch technologischen Dimensionen. Um diese Macht aufbauen zu können, muss erst die eigene Unabhängigkeit gefestigt sein. Und dies beginnt mit der Befreiung aus dem beschränkten Denken und Handeln, das sich aus der nationalstaatlichen Ordnung und den kolonialen Machtstrukturen im Nahen Osten ergibt. Erst wenn man von feindlichem Einfluss befreit ist, kann man die nötigen Kapazitäten aufbauen, um ausreichende Resilienzen und selbst Möglichkeiten der Einflussnahme zu schaffen. Über konventionelle Mittel hinaus, kämen dann auch Möglichkeiten der hybriden Kriegsführung in Frage. Erst durch die technischen Möglichkeiten, die ein politisch handlungsfähiger Industriestaat bietet, wird es überhaupt möglich, solche Operationen durchzuführen. Schließlich müssen entsprechende Technologien erst selbst entwickelt werden, um sie effektiv für solche Zwecke nutzen und entlang eigener Interessen einsetzen zu können. Ist eine Miliz oder ein Staat jedoch nicht einmal in der Lage, eigene Pager zu produzieren, ist das undenkbar.

All dies verdeutlicht, dass die Hisbollah nur bedingt handlungsfähig ist und selbst die beschränkten Möglichkeiten, über die sie verfügt, erhält sie größtenteils durch den Iran. Das Regime in Teheran nutzt die Hisbollah – gemäß ihrer strukturellen Staat-Proxy-Beziehung – jedoch nur für seine eigenen Interessen und geht einer größeren Konfrontation mit dem zionistischen Konstrukt gezielt aus dem Weg. In letzter Konsequenz ist der Iran als territorial verfasster Nationalstaat selbst Teil der kolonialen Ordnung, die sich nur so lange hält, bis das Kalifat zurückkehrt und die unnatürlichen Staatskonstrukte im Nahen Osten abschafft – inklusive des zionistischen Besatzungsregimes.